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best off …

In meiner Kindheit begann ich bereits damit. Ich tat alles, was ich liebte und mit dem ich etwas Besonderes verband in einen kleinen roten Koffer. Damit jeder in meiner Familie wusste, dass es meiner war, klebte ich eine Minnie Mouse, ausgeschnitten aus einem Comic meiner Schwester, darauf. Darin befand sich (so meine Erinnerung bis heute), mein Hase Fritz mit losem Kopf, da ich unbedingt mal sehen wollte, wie Fritz innen aussah. Eine leere Plastikhülle von meinem geliebten Balla-Eis. Der Kaugummi klebte noch ganz unten, denn ihn wollte ich mir für schlechtere Zeiten aufheben. Weiter befand sich darin ein Freundschaftsring aus dem Kaugummiautomaten, den mir meine allerbeste Freundin schenkte. Und viele kleine Zettelchen, aber da weiß ich nicht mehr, was darauf war. Und natürlich ganz viel vom schönen bunt glänzenden Bonbon-Papier, meiner geizigen nicht geliebten Oma. Wenn ich mit meiner Mutter in Streit geriet und das geschah sehr oft, schnappte ich mir diesen Koffer und schrie ihr wütend entgegen: Ich wandere aus! Du siehst mich nie nie wieder!  Mehr als diesen Koffer brauchte ich damals schon nicht. Real lief ich damit um die Ecke zu meiner wirklichen Oma.

Aus diesem kleinen Koffer ist mittlerweile eine gut gefüllte Lebenskiste geworden, die alle meine Umzüge überlebte. Vor der zweiten Hirn-OP sagte ich zu meiner Freundin, wenn ich jetzt dabei draufgehe, muss die Asche dieser Kiste unbedingt mit in die Urne, damit mein ganzes Leben bei mir bleibt und ich, wo auch immer, mich an diese Momente erinnern kann.

Als ich am 03. Mai 2011, am Abend vor meiner ersten Hirn-OP auf dem Balkon saß, wusste ich, dass dieser Abschnitt des Lebens unwiderruflich vorbei war. Dieses Leben – diese Petra war jetzt Geschichte und die endete am 03. Mai 2011 nach 47 Jahren auf dem Krankenhausbalkon. Nach der OP gab es nur noch ein VOR dem Gehirntumor und ein NACH dem Gehirntumor. Was ich dabei damals allerdings nicht in Betracht zog, war das Höllenszenario DAZWISCHEN! Ich saß da auf diesem Balkon, völlig im Reinen mit mir und dachte, was habe ich verpasst, wenn es morgen auf dem OP Tisch endet? Afrika! Ich wollte immer nach Afrika. Gleichzeitig dachte ich: Ach scheiß drauf. Ich habe über Jahre afrikanischen Tanz bei Adja getanzt. Und gefühlte 100 Mal Jenseits von Afrika geschaut. Mehr Afrika geht sowieso nicht. Bis heute war ich nicht in Afrika 🙂

Meine Schätze sind keine materiellen. Es sind Schätze des Herzens und Lebens. Uns kann im Leben alles genommen werden – mir ist in den letzten Jahren alles genommen worden. Über Jahre hatte ich nichts, außer einen starren Blick auf einen fixen Punkt an der Wand, damit der Drehschwindel mich nicht um den Verstand brachte. Aber diese kostbaren Momente konnte mir niemand nehmen. Jede einzelne Zelle im Körpers hatte sie in sich gespeichert. Und sie halfen mir in diesen Zeiten beim Überleben! Manchmal liegt viel Schutt darauf und sie verlieren an Leuchtkraft. Fürs Freischaufeln ist dann meine Kiste da, denn wenn ich diese meine autobiografische Petra-Lebens-best-off-Kiste öffne, wird es mir sofort warm ums Herz und ich weiß, ich wurde und werde vom Leben geliebt.

Jeder sollte so eine „best off“ Lebenskiste haben!

Es ist auch nicht so, dass man für solche Momente, was ich Leben nenne, keinen Preis zahlt, verantwortungslos und auf Kosten der anderen durchs Leben rennt. Sich nimmt was einem guttut oder wie man heute so gerne sagt, einem zusteht und dann weitermarschiert oder wegschaut, wenn es unangenehm wird. Diese Momente sind durch und durch freiwilliger Natur,  verbunden mit einer großen Portion Verantwortung, Wertschätzung, Respekt und Achtsamkeit dem andern oder der Welt gegenüber, damit die Kostbarkeit des Moments nicht beschädigt wird. Ohne den Preis der Unsicherheit und der Angst vorm scheitern, bedingungsloses Vertrauen ins Leben und Mut gehts nicht. Ich habe viel gezahlt, gerne gezahlt und draufgezahlt, aber egal wie hoch der Preis auch war, ich würde es immer und immer wieder tun: Mich auf diese Momente einlassen.

Letzte Woche war Zahltag. Oft verschoben, aber diesmal konnte ich mich nicht weiter selbst belügen und davor drücken. So begann ich damit, meinen längst überfälligen Preis endlich zu zahlen. Ein Teil der Begleichung davon befand sich in meiner Lebenskiste. Während der Suchaktion in dem chaotisch angehäuften Sammelsurium bin ich auf so viele schöne Briefe, Fotos und Erinnerungen gestoßen, sodass ich völlig die Zeit und den Grund für das Hervorholen der Kiste vergaß. Ich schüttete die Kiste komplett auf meinem Bett aus. Setzte mich mit zwei Tafeln Schokolade dazu und betrachtete mein Leben. Ich begriff, dass ich viel viel mehr als nur die letzten 9 Jahre war. In mir wohnt ein wunderbar wildes, freies und aufregendes Leben. Das Horror-Dazwischen steuert dem Ende entgegen und es wird ein danach geben.

Auf dem Weg aus meinem emotionalen Loch nach oben Richtung Licht erinnerte ich mich an eine Mitstreiterin aus meiner Chemozeit. Als ich am 01. Juli letzten Jahres meine letzte Antikörperspritze bekam und auf dem Nachhauseweg auf sie traf, saß sie fröhlich mit den Händen gestikulierend und ausgelassen lachend mit ihrer Freundin auf einer Bank neben dem Ausgang in der Sonne. Sie rief mir zu, umarmte und drückte mich fest an sich, freute sich mit offenen strahlenden Augen für mich, dass ich es geschafft hatte, und meinte zum Abschied: Petra, lauf für mich, für uns alle hier! Für die, die es nicht schaffen. Ich werde dann nicht mehr da sein. Aber so bin ich dann doch mit dabei!

Ja, ich werde laufen. Oder besser ausgedrückt: Ja, ich werde wieder laufen. Denn in den letzten Monaten ging gar nichts und ich habe mit dem Gedanken gespielt, dieses ganze Vorhaben einfach stumm und leise einzustampfen, weil völlig albern, blöd und schaffe ich sowieso nicht!

Ich tue es für uns! Und dafür, dass wir immer wieder daran erinnert werden, wie schnell das Leben radikal und ohne Vorwarnung die Richtung ändern kann.

Mein DANACH wird ein völlig anderes sein, als das DAVOR und das DAZWISCHEN. Aber ich bleibe ja immer noch ich! Und das macht mich aus. Das Leben will gelebt werden. Und ich werde es endlich angehen: Dieses neue und bestimmt völlig andere Leben. Schritt für Schritt.

Ich bin gespannt und es gibt Momente, da freue ich mich sogar darauf!

 

 

 

By By Happy Pills :-)

Nach meiner zweiten und erfolgreichen Hirn-OP im Oktober 2011 wurde mir beim Entlassungsgespräch in einem Ton aus Strenge und Milde mitgeteilt: Sie müssen mit dem Drehschwindel, mit der ständigen Übelkeit, mit den neuropathischen Schmerzen in der gesamten linken Körperhälfte, mit den Gleichgewichtsstörungen und der Gefühlslosigkeit in den meisten Extremitäten leben lernen. Der letzte Satz beinhaltete: … bis ans Lebensende. Ab sofort sollte ich mit einer prall gefüllten  7-Tage-Tablettenbox, mit einem Pflegedienst und Rollator mein Leben bestreiten und das als Frau, die Spontanität, Unabhängigkeit und Bewegung über alles liebt.

Das war jetzt Realität, diese – meine körperliche Ausgangssituation für das Leben danach. Die Schulmedizin hatte für mich alles getan, was sie konnte. Sie rettete mir mehrfach das Leben. Deren Medikamentenauswahl und angebotenen Hilfsmittel sollten mir mein weiteres Leben etwas erträglicher machen. Ich hatte keinen Plan B!

Zu Hause angekommen, saß ich völlig losgelöst von Raum und Zeit auf meinem Sofa und starrte die gesammelten 100 Benzodiazepine der letzten 6 Monate auf meiner Kommode an. Jede noch so kleine Bewegung löste Drehschwindel aus. Ich weigerte mich eine Behinderte zu sein. Daher blieb ich einfach ganz still sitzen. Wie die drei Affen: bloß nichts hören, nichts sehen, nichts fühlen!

Ich war einfach nicht in der Lage, die Vorschläge meiner Ärzte anzunehmen. Das geschah nicht aus dummer Arroganz der Schulmedizin gegenüber, oder weil ich es besser wusste. Tat ich nicht! Meine panische Angst war der Motor dieser Entscheidung. Ich fühlte, wenn ich mich darauf einlasse, werde ich bis ans Ende meines Lebens in diesem Behinderten-Gefängnis festsitzen. War ich bereit diesen Preis zu zahlen? Mein Verstand und meine Seele wussten sich und mir nicht zu helfen. An einem Tag brach dann alles in sich zusammen. Also stellte ich mich vor die Wahl: 100 oder eine.

„So begann meine 9-jährige Happy Pill Karriere!“

Als Filmheldin eines Hollywoodstreifens konnte ich in den kommenden Jahren nun wirklich nicht punkten. Was folgte waren demütigende, wütende und ohnmächtige Zeiten. Denn ich war in allem, was ich tat, extrem langsam. Der Schwindel wurde zum täglichen Begleiter. Meine Kopf- und Nervenschmerzen brachten mich an die Grenzen. Mehr als die Hälfte meines Körpers war völlig gefühllos. Meine Füße traten ins Leere. Da ich ständig stolperte, hin- und umfiel, zog ich mir täglich unzählige blaue Flecken und Wunden am ganzen Körper zu. In diesem Zustand behinderte ich die Umwelt da draußen auf deren Gehweg, beim Überqueren der Straße oder beim Einkaufen. Für die anderen gab ich das Bild einer Volltrunkenen ab, grün und blau am ganzen Körper, die ausladend hin und her schwankte. Sie waren gnadenlos in ihrem Urteil und beschimpften den Störenfried oft lautstark und beleidigend: Mich! Wenn ich von Ärzten oder Freunden auf meinen selbst gewählten Lebensstil angesprochen wurde und sie meinten, ich sollte doch endlich die nötige Hilfe für mein Leben annehmen, die Behinderung akzeptieren und damit leben lernen, schrie ich sie an:

„Eher springe ich von der Brücke!“

Bis ins Frühjahr 2018 war mein Leben eine Endlosschleife andauernder Katastrophen. War ein Brandherd gelöscht, tat sich mit Sicherheit ein Neuer auf.  Zu der Welt da draußen gehörte ich schon lange nicht mehr. Auch sie verhielten sich mir gegenüber wie die drei Affen: bloß nicht hinhören, nicht hinsehen, nicht fragen, kann ich helfen.

Trotz allem erhöhte ich nie meine Dosis der Benzodiazepine, nahm nur herkömmliche Schmerzmittel, wenn es gar nicht mehr ging. Diesmal war meine Angst nicht der Motor der Entscheidung, sondern das Bremspedal Vernunft. Ich wollte kein unkontrollierter Tabletten-Junkie werden.

Die Diagnose Brustkrebs rettete mir meinen Arsch. Besser kann ich es echt nicht ausdrücken. Vom ersten Verdachtsmoment  am 02. März 2018 bis zur letzten Antikörperspritze am 1. Juli 2019 spürte ich seit über 7 Jahren wieder Lebendigkeit. Aus heiterem Himmel war da wirkliches und echtes Leben! Im Brustzentrum und in der Onkologie begegnete man mir mit Empathie und Menschlichkeit, was mich ständig in Tränen ausbrechen lies. Jetzt, da ich es endlich beenden könnte: Mein Leben! Einfach den Krebs lassen und tschüss! Und dann das! Bis heute mobilisieren sich schöne, helle und lebensfreudige, mir wohlgesonnen Zellen, die wollen das ich lebe. Woher meine Zellen die Kraft und Zuversicht hernehmen: Keine Ahnung aber schön!

Im Naturheilzentrum der Kliniken Esse Mitte lernte ich durch Vorträge, Ernährung, Sport und Yoga, wie ich meinen Körper neben der Schulmedizin wieder auf die Beine helfen kann. Grob umfasst ging es darum, die eigene Gesundheit mit natürlichen Mitteln bestmöglich zu mobilisieren.

So fand ich zum Yoga. Jeder, der mich kennt, weiß, Yoga entspricht absolut nicht meinem Naturell. Und trotzdem! Ich liebe es. Einfach aus der Tatsache heraus, dass mein Körper Yoga annimmt und ihm guttut. Er kann mittlerweile so viele Sachen, die ich überhaupt nicht mehr für möglich gehalten hätte. Z.B. meinen Kopf vorne rüberbeugen. Ich kann mich auch wieder flach auf den Rücken legen und in den Himmel schauen. Vor zwei Jahren: UNMÖGLICH!

Ich möchte aber auch endlich von meiner Tablettenabhängigkeit wegkommen. Traute mich bisher jedoch noch nicht daran. Schon mehrfach  hatte ich von CBD gehört. Meine Yogalehrerin hatte mir davon erzählt, aber auch die Schmerz- und Krebspatient*innen helfen sich damit über die Runden und das nicht mal schlecht.

Laut meiner Informationen sollte CBD nicht nur meine Symptome, wie die Nerven- aber auch normalen Schmerzen lindern, die Ängste flach halten, mir die Spannungen nehmen, sondern zudem die Leistung mein Abwehrsystem steigern. Die Nebenwirkungen bewegen sich in einem überschaubaren Rahmen.

Als ich mich endlich durch die vielen CBD Angebote vom Drogeriemarkt über Venlo und im Netz durchgearbeitet hatte, entschied ich mich für ein Bio zertifiziertes CBD Öl.

Und dann ging ich es an. Radikal, wie so oft in den letzten Jahren. Und absolut nicht nachahmungswert. Es gibt sicherere Wege zum Ziel. Ich hatte kein  Ausschleichen der Tabletten vorgesehen, sondern nahm einen beherzten Kopfsprung ins eiskalte Wasser. Das CBD Öl sollte mir dabei helfen, die Tabletten abzusetzen und die Entzugserscheinungen abzufangen, ohne, dass ich in die nächste Abhängigkeit reinschlitter.

Den körperlichen Entzug habe ich überstanden.  Zu Beginn war das mit dem CBD Öl eine ziemliche Herumprobiererei, bis ich meine Dosis gefunden hatte. Weil ich die fehlende Wirkung der Benzodiazepine ausgleichen wollte, war ich zunächst mit 3 x 3 Tropfen am Tag /Abend zu hoch dosiert. Mittlerweile habe ich meine Dosis gefunden. Aktuell nehme ich ein Mal pro Abend 2-3 Tropfen 12,0 % Öl. Manchmal vergesse ich es auch einfach.

Ich mache mir nichts vor. Jetzt erst fängt der eigentliche Weg aus der Sucht an. Nun gilt es, Strategien und Möglichkeiten finden, wenn Körper, Geist und Seele hochkochen. CBD kann die eigentlichen Problem nicht  lösen, mir nicht meine Flashbacks oder Panikattacken nehmen. Die innerliche Unruhe, meine Ängste und Tiefs werden ein Teil von mir bleiben. Die Seite der Medaille gehört genauso zu mir, wie meine Kraft, mein Humor und Zuversicht. CBD hilft mir jedoch dabei, dass sich meine Psyche und mein Körper besser entspannen können, was wiederum meine Schmerzen lindert und die Panik sich nicht ganz so breitmachen kann.

Der Anfang ist gemacht. Auf zu neuen Ufern.

Informationen

https://cbd-manufaktur.eu

 

 

 

Das Leben leben, so wie es ist.

Nicht auf die Sonne warten, sondern tanze im Regen, das ist einer meiner Lieblings-Postkartensprüche. Denn Regentage können so wunderschön sein. Über 10 Jahre bestimmten andere, Schicksal, Krankheit und Tod mein Leben. Kaum war ich aus dem einen Minenfeld heraus, trat ich bereits ins Nächste. Dieses Jahr sollte alles anders werden. Ich wollte endlich nach vorne schauen, machte Pläne und dann kam 2020.

COVID 19 kommt mir allerdings auf manchen Ebenen sehr entgegen. Das Virus macht es mir möglich, dass ich nun kollektiv in den Tag hinein leben und schlechte Laune haben kann. Ich muss nicht unbedingt wissen, wie es weitergeht. Denn das wissen wir gerade alle nicht so genau. Aktuell stehen wir gemeinsam in einem Minenfeld herum. Niemand weiß so recht, wann, wo und ob eine hochgehen wird. Diesmal ist es nicht meine alleinige Krise, sondern unsere Krise. Wenn ich wegen COVID 19 voll gejammert werde, antworte ich gerne: herzlich willkommen in meiner Welt!

Trotz allem gebe ich mich dem nicht mehr so oft hin und bin irgendwie immer wieder aufs Neue auf der Suche „Was mache ich denn jetzt?“  und „Wer bin ich heute?“ Auf alte Verhaltensweisen ist kaum noch Verlaß und obendrauf will ich die meisten auch gar nicht mehr. Das neue Leben verunsichert mich. Daher betrete ich es, als wären um mich herum nur rohe Eier. Nichts ist verlässlich. Alles neu und trotzdem noch so vertraut. Vieles ist kostbar, aber auch so furchtbar leicht zerbrechlich. Bei meinem letzten Aufräumen ist mir die Autobiografie  „Ich habe alles gelebt“ von Peggy Guggenheim und das Kochbuch „Mexikanische Feste – die Fiestas der Frida Kahlo“ in die Hände gefallen und ich las beide Bücher einfach noch einmal.

Was für zwei Leben! Was für Frauen! Für mich Vorbilder, wie man das Anderssein in allen möglichen Facetten leben kann. Beide pfiffen völlig auf gesellschaftliche Konventionen. Es interessierte sie nicht, was andere über sie dachten. Sie machten nur das, was für sie richtig war und das mit voller Leidenschaft. So wurden sie, jede in ihrer Art einzigartig, die Ikonen der Kunstszene des 20. Jahrhunderts.

Peggy Guggenheim, eine egozentrische Kunst-Mäzenin, die in ihrem Leben nur aus dem Vollen schöpfen konnte und es ohne Hindernisse bis zu ihrem Tod mit 81 in vollen Zügen genoss. Bereits in den 20er Jahren ging sie als junge Frau mit ihrem geerbten Geld nach Paris, um sich dort der Bohème hinzugeben. Sie war auf der Suche nach Intensität, nach Grenzüberschreitung und nach Schönheit. Seit den 40ern sammelte sie eher Männer, deren Kunst sie ausstellte und kaufte. So wurde sie zur umstrittenen und nicht immer ernst genommenen Kunstmäzenin des 20. Jahrhunderts. Selbst bezeichnete sie sich in einem Interview als eine befreite Frau. Ich kann nicht einmal sagen, dass ich diese Frau beim Lesen ihrer Autobiografie sympathisch fand. Okay, ihr Lebensstil war schon extrem cool, sowie die Zeitspanne und die Orte, wie Paris, London oder New York, an denen ihr Leben stattfand, sind für mich nach wie vor fantastisch. Es gab schon sehr sehr viele Lese-Momente, da hätte ich sofort mein Leben gegen ihres eingetauscht. Sie besaß zudem eine gute Gesundheit, ausreichend Geld und vielleicht auch eine große Portion Oberflächlichkeit. Alles Zutaten, womit sie ihr Leben in vollen Zügen auskosten konnte.

Und dann ist da noch Frida Kahlo. Eine Künstlerin, die ihr Leben aus ihrem Innen heraus geschaffen hat. Die ihrem Leben so viel abtrotzte, wie es für sie möglich war. Sie war schön, intellektuell, leidenschaftlich und kraftvoll. Daher liebe ich ihre Fotografien so sehr, worauf sie uns bis heute würdevoll, aufrecht und stolz mit den ungesagten Worten „ICH BIN DA! GENAU IM HIER UND JETZT!“ anschaut. Leider wird sie seit einigen Jahren von der Merchandising-Industrie extrem verheizt. Aber auch auf den verunstalteten Kissen, T’Shirts, Kleidern  oder Tassen verliert ihr Blick und ihre Haltung nicht an Kraft. Heute noch, wird sie von so vielen Menschen verehrt. Wir alle wollen ein wenig Frida Kahlo sein. Ich selbst habe ein Bild von ihr in meiner Küche hängen. Ich sitze gegenüber am Tisch und arbeite dort. So habe ich sie ständig im Blick.

 

Gerade während meiner pechschwarzen Zeiten ist Frida Kahlo eine Heilige für mich.

 

Im Gegensatz zu Peggy Guggenheim musste Frida Kahlo in ihrem Leben ständig übergroße Felsbrocken überwinden. Sie kam nicht aus reichem Hause und wurde in Mexiko geboren. Sowohl für die Kunst als auch als Frau, die sich ein unabhängiges und eigenständiges Leben wünscht, keine guten Voraussetzungen. Mit 6 Jahren erkrankte sie bereits an Kinderlähmung. Durch das Busunglück mit 18 Jahren wurde ihre Vita zu einer einzigen Krankengeschichte. Anschließend durchlebte sie in den darauffolgenden 29 Jahren mehr als 30 Operationen. Alkohol- und Drogensucht, Depressionen und das Leben mit den dauerhaften Schmerzen, schließlich Amputation des rechten Beins, ein eingeleitetes Lebensende mit 47 Jahren im Rollstuhl waren die weiteren Stationen ihres physischen und psychischen Martyriums. Mit dem Malen begann sie bereits früh, zunächst als Zeitvertreib während des Liegens alleine in ihrem Krankenzimmer. Sie bemalte ihren Gips, soweit ihre Arme und Hände reichten.

Frida Kahlo, die ursprünglich Ärztin werden wollte, verarbeitete ihre Leben auf ihre Weise über die Malerei. Viele ihrer bedeutenden Arbeiten sind erschütternde Gemälde voller Marter, Schönheit und Poesie. Mittlerweile ist ihre Malerei in der Kunstszene angekommen und daraus auch nicht mehr wegzudenken. Darüber hinaus ist sie in der ganzen Welt zur Ikone geworden.

Es wäre anmaßend, wenn ich mich mit Frida Kahlo vergleichen würde. Sie ist einfach nur eins: EINZIGARTIG!

Indem Peggy Guggenheim nur aus dem Vollen schöpfen konnte, hat Frida Kahlo dem Leben alles abgerungen, was es ihr zu bieten gab. Ich denke, wir wollen alle wie Frida Kahlo sein aber das Leben von Peggy Guggenheim haben. So gehts mir. Ich wäre gerne als Frida Kahlo durch das Leben von Peggy Guggenheim spaziert. Aber geht das? Wäre Frida Kahlo ohne das Busunglück nicht ein ganz anderer Mensch geworden? Vielleicht eine Ärztin, von der zumindest die Kunst-Welt nie etwas gehört und gesehen hätte.

Ich spiele immer wieder gerne das Spiel, was wäre wenn? Auch Paul Auster tat es in seinem letzten Roman 4321. Eine DNA, vier verschiedene Ausgangssituationen und vier daraus resultierende unterschiedliche Leben. Ich musste oft beim Lesen aufpassen, damit sich diese vier Leben nicht miteinander vermischten. Zudem fragte ich mich ständig, war der eine Lebensverlauf wirklich besser als der andere? Trotzdem spiele ich dieses Spiel noch: Was wäre gewesen, wenn ich keinen Hirntumor gehabt hätte? Wenn mir die letzten 10 Jahre nicht vom Leben genommen worden wären? Im Prinzip dreht sich alles nur um eine einzige Frage: Hätte ich heute ohne all das Leid ein besseres Leben? Fakt ist, heute bin ich eine andere als damals. Aber ich kann nicht beurteilen, ob dies besser oder schlechter ist. Der Weg der letzten Jahre hat mich zu mir selbst geführt. Im Yoga sagt man, nichts geht ohne Leid.

Was ich mit Frida Kahlo gemeinsam habe, ist das Leben selbst. Ich bin mir  sicher, egal was Peggy Guggenheim in ihrem Leben auch anstellte, um ein Mal diesen einen einzigartigen Moment zu erleben, bei dem man das Leben hautnah spürt, diesen Moment nie erleben durfte. Wir konsumieren das Leben nicht! Wir leben es! Hautnah und mit jeder noch so kleinen Faser. Das gilt sowohl für die dunklen Seiten, aber auch genauso für die hellen und schönen Momente. Es entsteht keine Intensität ohne Spannung. Kein Licht ohne Schatten. Keine Liebe ohne Schmerz. Wie soll ich die Sonne wertschätzen, wenn ich Dunkelheit, Sturm, Regen und Kälte nicht kenne? Fehlt der Schatten und somit die Spannung, fühlt sich irgendwann alles wie Pippi an. Schönes oder Menschen, die wir mal geliebt haben, werden für uns selbstverständlich. Wie Frida Kahlo habe ich gelernt den Regen zu lieben und darin zu tanzen. Und wenn tatsächlich die Sonne aufgeht, dann ist es unbeschreiblich! Kommt man in unserer Situation nicht irgendwann dahinter im JETZT zu sein, kann sogar ein leichter schöner Sommerregen einen erschlagen. Menschen die viel Leid, wie Frida Kahlo durchlebten oder noch durchleben, haben das den anderen voraus: Sie durchleben zwar mehr dunklen Zeiten als andere, bekommen aber dafür die Chance, im Regen zu tanzen und die Sonne hautnah zu spüren. Es ist völlig egal, was der andere alles hat. Der grüne Rasen von nebenan ist nicht schöner, als unsere bunte Kornblumenwiese.

 Wir leben für die einzigartigen Momente, weil wir wissen, dass wir nichts festhalten oder kontrollieren können.

Vielleicht haben wir kein langes, gesundes, geradliniges, gewohntes und etwas gelangweiltes Leben, welches mit Aktionen und Attraktionen gefüllt werden muss. Wir haben nur diese kraftvollen und intensiven Momente, wofür es sich jeden einzelnen Tag lohnt aufzustehen, auch wenn wir oftmals nicht wissen, wie das gehen soll. Aber genau das ist es, warum wir alle Frida Kahlo so lieben. Sie stand immer und immer wieder auf. Zeigte uns, wie schön das Leben ist. Sie versteckte ihre schlechten Zeiten nicht, lebte auch sie auf ihre einzigartige, würde- und kraftvolle Weise.

Ja, Frida Kahlo ist eine Heilige für mich!

Sie zeigt mir, dass wir nur dieses eine Leben haben. Mir wurden nicht die besten Voraussetzungen und Zutaten dafür bereitgestellt. Lebensvoraussetzungen hat niemand in der Hand. Wir werden mit einer DNA einfach in ein Leben hineingeboren und man verlangt von uns, damit zurechtzukommen. Und sicher! Das Leben kann so ungerecht sein. Aber trotzdem habe ich es in der Hand, was ich daraus mache.

(2.) Gespräch mit Iris Edinger und Jazek Poralla über das Projekt FUCK IT – I’M ALIVE!

Editorial 

Das Projekt FUCK IT – I’M ALIVE! hat durch die Konstellation der drei Projektbeteiligten verschiedene Aspekte. Zum einen ist dort Marjorieth (mit der Diagnose Brustkrebs im Jahr 2018), deren Anliegen es ist, in die Welt zu schreien: Gebt nicht auf! Geht zur Vorsorge! Auch ihr Männer! Nutzt Euer Leben!“ Diesen Teil des Projekts kann man als „(Aufklärungs-)Kampagne“ sehen und das halten wir alle für richtig und wichtig. Auch die Aussage, sich nicht zu verstecken, sich nicht zu schämen, weniger Wert zu fühlen, mit seiner / ihrer Umgebung zu kommunizieren und dem Umfeld auch ein stückweit die Scheu zu nehmen. Marjorieth ist Creative Director und ihre Erfahrung, Wissen und Leidenschaft fließen natürlich in diesen Teil des Projekts. Ich bin Fotografin und mein Anliegen ist die Dokumentation und die Verschmelzung meiner Sicht mit der Wirklichkeit. Wenn ich für dieses Projekt fotografiere, dann weniger mit einer konkreten Vorgabe, sondern mit einer Wahrnehmung, einer Emotion, die in der Verbindung mit meinem Gegenüber ein Bild erschafft. Die Fotografien entstehen natürlich zunächst in meinem Kopf, sind aber keine geplante Pose oder konstruierte Aussage, sondern vielmehr die Kombination der Persönlichkeit und des visuellen Charakters meines Gegenübers mit dem, was ich „sehe“; das eben mehr ist, als ein einfacher visueller Eindruck. Insofern sind die Fotos kein Ergebnis einer geplanten Kampagne, in der man im Vorfeld Posen plant und bildlich umsetzt. Auch, wenn Stärke und Würde sicherlich emotionale Kernelemente sind. Jazek ist Designer und gibt dem Projekt sein „Gesicht“. Auch er ist tief berührt von den Geschichten und es ist ihm ein Anliegen, die Geschichten und Gesichter in die Welt zu tragen. Seine Herausforderung ist dies in eine Form zu gießen, die einen Wiedererkennungswert hat und in dem Projektcharakter und Ziele klar erkennbar werden. Er erstellt das Ausstellungskonzept, die Flächenaufteilungen und mit mir zusammen die Hängung. Wir hoffen, nach der erfolgreichen Ausstellung auch ein Buch gestalten und füllen zu können.  (Iris Edinger)

Eurer Projekt (beginnend mit der Fotoausstellung Anfang Juli), welches Brustkrebs-Patientinnen und Patienten in unserer Leistungsgesellschaft eine Stimme geben möchte, finde ich klasse. Was es für mich besonders macht, ist, dass Ihr mit dem Thema völlig unbefangen, offen, frei und ein wenig großspurig an die Öffentlichkeit geht. Dadurch sind die meist großformatigen Fotografien für den Betrachter leicht verdaulich. Man schaut wirklich gerne hin und verweilt etwas länger als erwartet.

Ich freue mich, dass Ihr beide mit mir mein 2. Gespräch für meinen Blog führt. 

 

Eine Betroffene, eine Fotografin und ein Grafiker stellen sich dem Thema Brustkrebs. Es gibt Schöneres, womit man sich beschäftigen kann. Was war der entscheidende Auslöser dieses Projekt zu starten? 

Iris:
„Meine Freundin Marjorieth ist 2018 an Brustkrebs erkrankt. Sie ist sehr offensiv mit dem Thema umgegangen und hat ihren Weg und ihr Veränderung nicht versteckt. Ich war beeindruckt von ihrem Lebensmut und ihrem Kampfgeist, der ungebrochen war. Nach der Chemo war die Veränderung des Äußeren naturgemäß am Größten. Da ich kein Mensch der großen Worte bin, aber das Bedürfnis hatte, ihr etwas zu schenken, bot ich ihr an, Fotos zu machen. Ich fand es wichtig, diesen Abschnitt in ihrem Leben für sie selbst und ihre Kinder zu dokumentieren. Vor allem für ihre Tochter, denn zum Zeitpunkt der Diagnose war sie mit ihr hochschwanger. Wir haben im Studio zusammen mit Jazek fotografiert. Jazek ist Designer, assistiert mir aber auch gerne zwischendurch. Von den Fotos, die gemeinsam entstanden sind, waren wir begeistert. Auch wenn Marjorieth nicht das erste Mal vor der Kamera stand, waren diese Motive für sie anders. Im Shooting konnte sie sich auf eine neue Art und und Weise mit ihrem Krebs auseinandersetzen. Wir beschlossen noch am selben Abend, dass wir dies gerne anderen Menschen ebenfalls ermöglichen möchten. Der Titel dieser Serie war schnell gefunden: FUCK IT – I’M ALIVE! Marjorieths Haltung gegenüber ihrem Krebs.“ 

Jazek:
„Das Shooting mit Marjorieth war für mich das erste Shooting, bei dem ich assistieren durfte (ein paar Probe-Shootings mit Iris ausgenommen). Zuzusehen, wie die Fotos in ihrer Intensität und Aussage wuchsen, beeindruckte mich – besonders die Fotos mit entblößter Brust, ohne Scham, dafür mit Stärke, Mut, Zuversicht. Auf diese Bilder schauend, kam uns schnell die Idee, ein Fotobuch zu machen. Oder eine Ausstellung, eine eigene Initiative. Ein Projekt mit so einer starken Aussage – und beeindruckenden Fotos! – als Designer mit zu prägen und zu begleiten, mit diesem Material zu arbeiten und dem Projekt generell ein Gesicht zu geben, motivierte mich schnell.“

 

Die Protagonist(en)*innen in Eurem Projekt sind starke Persönlichkeiten. Sie alle strahlen Mut, Würde und Willenskraft aus. Nach vorne schauen, sich vom Krebs nicht bestimmen lassen. Jede einzelne Fotografie eine Hommage an das Leben. 

Die Tatsache, dass die Diagnose Brustkrebs für einige den sicheren Tod und für jede/n Betroffene/n körperliches und seelisches Leid bedeuten, wird von Außenstehenden verdrängt.  Die Angst davor holt uns Betroffene jedoch  immer wieder gerne ein. Ich sage mir in solchen Momenten oft: „Scheiß drauf! Lebe! In Hundert Jahren sind wir sowieso alle tot.“ Wie geht Ihr mit dem Thema Tod um? Wollt ihr dem Tod auch Raum geben?

Jazek:
Der Tod gehört dazu, zum Krebs. Ja, wir haben Charaktere, die dem Tod von der Schippe gesprungen sind. Aber wir haben mit Ebru eine Protagonistin, die immer noch gegen ihre sehr aggressive Krebsart kämpft. Ich habe ihre Geschichte häufig während der Ausstellung erzählt. Gerade diese Geschichte von Ebru, die noch immer kämpft und nicht aufgeben will – und dem Tod vielleicht näher ist als unsere anderen Protagonisten – ist ein starkes Vorbild für andere.

Iris:
„Der Tod schwingt bei einem solchen Thema immer mit. Man kann ihn nicht verdrängen. Aber man muss ihn nicht in den Vordergrund stellen. Der Tod kann uns jeden Moment erreichen: Herzinfarkt, Autounfall, ein unbedachter Schritt. Wir können uns ihm nicht verstellen. Er muss aber keine permanente Präsenz in unserem Leben haben, die uns Angst macht. Der Endlichkeit hingegen sollten wir uns aus meiner Sicht allerdings schon bewusst sein. Sie hilft uns das zu wertschätzen, was wir haben. Ja, in 100 Jahren und früher sind wir alle tot. Das ist sehr sicher. Der Gedanke sollte uns jedoch nicht lähmen und unsere Lebenslust nehmen. Nicht das Ende, der Tod ist der Sinn im Leben, sondern der Weg den man beschreitet und wie man ihn beschreitet. Der Gedanke an den Tod und die Endlichkeit kann befreiend sein und erkennen lassen, was wirklich wichtig ist. Die Diagnose Krebs ist sicher einer der tiefsten Einschnitte im Leben, der einen erreichen kann. Wir wollen Mut machen, diesen Weg nicht mit gesenktem Haupt zu beschreiten. Mich erreichen viele Nachrichten von Menschen, die sagen: Danke, ihr habt mir gezeigt, dass es nicht nur um Tod geht, sondern dass es ein Leben damit und danach gibt. Wenn wir alleine einem Menschen Mut geben können, nicht aufzugeben, dann ist das schon ein großer Erfolg.“

 

Vom 03. bis 05.07.2020 war die erste Ausstellung. Eurer Projekt bekam schon im Vorfeld in den herkömmlichen Medien (Print und TV), sowie in den sozialen Netzwerken einen großen Zuspruch. Wohin soll Eure Reise nach diesem sehr gelungenen Start gehen? 

Jazek:
„Zu allererst werden wir weiter fotografieren. Durch die Berichterstattung in den (sozialen) Medien und besonders nach nach der Ausstellung haben sich einige Frauen bei uns gemeldet, die großes Interesse haben, mitzumachen. Das freut uns riesig! Und wir sind gespannt auf die Ergebnisse. Darüber hinaus gibt es erste Pläne, die Ausstellung – vielleicht dann auch schon mit neuen Motiven – an anderen Orten, nicht nur in Düsseldorf zu zeigen. Speziell zum Weltbrustkrebstag dieses und nächstes Jahr gibt es Pläne.“

Iris:
„Die Ausstellung im FOU ZOO in Düsseldorf war hoffentlich die Erste von einer Reihe weiteren. Wir würden die Bilder und Geschichten gerne in die Welt tragen – aber im ersten Schritt natürlich erst einmal in Deutschland. Wir haben eine Anfrage für nächstes Jahr Oktober und suchen aktuell noch weitere Ausstellungsmöglichkeiten in geeigneten Räumlichkeiten für Herbst dieses Jahres. Viele Menschen schreiben uns, dass wir doch in ihre Nähe kommen mögen, damit sie die Möglichkeit haben, die Bilder zu sehen. Schön wäre, wenn wir 3 bis 4 Ausstellungen im Jahr in unterschiedlichen Gegenden realisieren könnten. Darüber hinaus planen wir in den nächsten 2 bis 3 Monaten weitere ProtagonistInnen zu fotografieren. Aufgrund der Berichterstattung in den Medien sind einige Menschen auf uns zu gekommen, die gerne teilnehmen möchten. Ganz unterschiedliche Persönlichkeiten – introvertiert, extrovertiert, jung oder „Best Ager“ – auf die wir uns schon sehr freuen. So hoffen wir, dass das Projekt natürlich weiter wächst und wir viele neue Gesichter und Geschichten zeigen und erzählen können in 2021. Aber dazu müssen wir noch die Hürde der Wirtschaftlichkeit meistern. Das Projekt finanziert sich über Spenden, Verkauf von sogenanntem Merchandise (Hoodies & Co), Kooperationen und Sponsoren. Wir würden gerne jeden/r unserer ProtagonistInnen auch gedruckt und gerahmt in der Ausstellung sehen, aber noch haben wir nicht genügend Partner an Bord. Wir freuen uns sehr über die Unterstützung von Grieger Internation Fineart, Dr. Krewani Bilderrahmen, Conzen, Foto Leistenschneider und zuletzt auch Schwarzkopf, benötigen aber darüber hinaus noch Sponsoren und Erlöse über Bildverkäufe um weiter voranschreiten zu können. Eine weitere große Frage ist: Wo stellen wir aus? Wer stellt uns aus? Aufgrund der heterogenen Eigenschaft des Projekts ist dies in der Tat ein Diskussionspunkt – auch wenn es vielleicht überraschen mag. Eine begeisterte Brustkrebskämpferin schrieb uns: Kommt doch ins Kunstmuseum nach Stuttgart! Ja, würden wir gerne! Aber: sind wir Kunst? Sind wir Kampagne? Manche, die die Bilder gesehen haben, beantworten die erste Fragen mit einem eindeutigen „Ja“. Du hast bei unserem ersten Gespräch selbst von einer „Kampagne“ gesprochen. Willkommen im Dilemma der Klassifizierung. Für mich gibt es diese nicht. Ich halte nichts von Schubladen, Etiketten und Tabus. Wir arbeiten mit Zitaten in der Ausstellung. Damit geben wir ein stückweit eine Bilderklärung und sind nicht mehr im interpretationsfreien Raum. Wir haben ein Logo. Wir sind, was wir sind, ein Hybrid inmitten von Standards, die wir versuchen auszuhebeln. Warum sollte man eine amputierte Brust nicht zeigen? Warum sollte kein Zitat unter einem Bild im Museum hängen? Wohin die Reise in diesem Hinblick also geht, wird die Zeit uns zeigen.“

Das Interview wurde nach der ersten Ausstellung im FOU ZOO vom 03. bis 05.07.2020 in Düsseldorf geführt. Damit das Projekt FUCK IT – I’M ALIVE! in die Welt hinaus getragen werden kann, braucht es viele Unterstützer. 

Informationen

Um diese Vision realisieren zu können hat das Team eine Crowdfunding Kampagne gestartet:  https://www.gofundme.com/f/fiiaa

Website:
https://www.fi-ia.com

Social Media:
https://www.facebook.com/fiiamalive
https://www.instagram.com/fuckitiamalive

Kontakt

Fotografin
Iris Edinger | Photography 0160 5347268 kontakt@iris-edinger.de
PR
Marjorieth Sanmartin 0151 24119537 marjorieth@me.com
Grafik
Jazek Poralla 0152 56614628 info@jazekporalla.de

Copyright:
Foto und Text: Marjorieth Sanmartin, Iris Edinger, Jazek Poralla

Kintsugi – 金継ぎ

Ich liebe Mosaike. Mehr noch die einzelnen zerbrochenen Fliesenteile, anstelle der ganzen Bilder, die man daraus machen kann, so wie es Gaudi in Barcelona tat. Aus Italien habe ich Hunderte kleine bunte Mosaikfliesen, die ich am Strand gefunden habe (die Italiener werfen abgeschlagene und alte Fliesen einfach ins Meer und diese werden irgendwann wieder an Land gespült). Immer wieder habe ich mir vorgenommen, dass ich irgendwann etwas Schönes daraus mache. Sie zu was auch immer neu zusammensetzen werde.

Aber ich finde jedes einzelne Fliesenstück mit der jeweiligen Eigenart so schön, dass ich bis heute nichts daraus gemacht habe.

Denn jedes einzelne Fliesenstück erzählt eine eigene Geschichte. Vielleicht war es Teil eines Bades oder einer Küche? Oder Teil eines Fußbodens in einem Geschäft oder in einer Privatwohnung. Die einen Fliesenstücke wurden geliebt und gepflegt, die anderen nicht gemocht – gar gehasst, weil sie so hässlich waren. Was alle gemeinsam haben, sie waren einmal ein Teil von etwas Ganzem. Sie gehörten dazu! Machten das Gesamtbild komplett.

Ich gehörte auch einmal dazu. Wozu auch immer.  Rückblickend verändert sich die Wahrnehmung. Und so weiß ich heute nicht mehr, wovon ich Teil des Ganzen war. Zudem wurde über Jahre mein Leben immer wieder in verschiedene Einzelteile zerlegt. Der ständige Versuch daraus wieder ein einigermaßen ansehnliches neues, meinetwegen auch anderes Mosaik zu basteln, erweist sich bis heute als eher schwierig. Irgendwo bricht wieder eine Ecke ab oder es entsteht ein Riss. Es hakt hier und da. Nichts will so richtig zusammenpassen. Schief und krumm stehe ich da und kann mit mir nicht wirklich etwas anfangen. Stehe vor dem Spiegel und frage die Person darin: Wer bist Du? So alt, schief und krumm, wie Du dastehst.

Als ich mal wieder ins Tal der Jammerei und Schwarzmalerei abdriftete, meinte eine Künstlerfreundin, bei der ich mich ausheulte, zu mir:

Ach Petra, wenn eine Schüssel viele Risse hat und Du bist für mich eine angeschlagene und gebrauchte Schüssel mit viel Patina, dann kommt da auch sehr viel Licht hindurch. Du strahlst von innen durch diese Risse nach draußen. Aber auch das Licht von außen kommt in die Schüssel hinein, also zu Dir. So bist Du umgeben von Licht und Luft.

Wenn ich an ihre Worte denke und über das Beispiel mit der ollen Schüssel hinwegsehe, dann wird mir immer ganz warm ums Herz und ich strahle durch meine Risse hindurch. Zumal die gleiche Person vor über 20 Jahren zu mir wütend sagte: Dein innerer Diamant ist mit so viel Müll zugeschüttet, den musst Du erst einmal wieder freischaufeln. Wie soll er mit so viel Müll um sich herum leuchten?

In der letzten Woche hatte ich echtes Glück. Auseinandergefallen in alle möglichen Einzelteile, wie ich wieder einmal war und Mitten auf meinem selbst verursachten Schlachtfeld schlechter Gefühle, stieß ich auf das wunderbare japanische Handwerk Kintsugi (金継ぎ: mit Gold und Silber reparieren).

Kintsugi ist eine sehr alte handwerkliche Tradition aus dem 16. Jahrhundert,  welche zerbrochene Keramik mit Gold oder Silber repariert. Während der  Zeit der japanischen Wabi-Sabi-Ästhetik der Schönen und Reichen, die ihren Reichtum durch eine besondere Ästhetik darstellen wollte, entwickelte sich durch den Zen Buddhismus die Einfachheit und die Wertschätzung der Fehlerhaftigkeit:

Kintsugi – die Goldverbindung, die den Makel hervorhebt.

Das Besondere daran ist, dass die offensichtlichen Makel der Reparatur nicht verborgen bleiben, sondern die Bruchstellen oder Risse durch die Verwendung von Gold- oder Silberpigmenten in den Vordergrund gestellt werden. Somit entsteht eine neue Schönheit und Wertschätzung des ursprünglichen Objekts.

In den eher wenig guten Momenten meiner schlechten Phasen sage ich mir: Ja, ich bin eine olle geflickte Kintsugi Schüssel. Und es waren sehr viele Gold- und Silber-Reparaturen nötig. Ein paar Rissen sind auch wirklich nicht mehr reparabel. Aber durch diese scheine ich von innen nach außen. Wenn’s ganz schlecht läuft, hat wenigstens das Licht die Möglichkeit, mich zu finden.

8. Mai 2010: Der Sprung ins Ungewisse.

In meinem Leben bin ich nur ein einziges Mal real von einem Zehn-Meter-Brett ins kalte Wasser gesprungen. Vielleicht war es auch nur das Drei- oder Fünf-Meter-Brett. Es war jedenfalls sehr hoch aus der Perspektive einer 11-Jährigen. Ich stand dort oben am hintersten Ende des Brettes (hinter mir drängten bereits die anderen Kinder auf der Leiter) und wusste absolut nicht, was ich tun sollte. Sich zurück durch die drängenden Kinder quetschen und wieder die Leiter hinuntergehen, was nur Rückwärts möglich war und ziemlich albern aussah? Aufgeben? Panik machte sich breit, denn ich hielt alle auf. Ich weiß nicht mehr, was ich damals dachte, wusste aber, ich muss es tun. Das war so eine innerliche Gewissheit. Egal wie: Mach es einfach! Also tat ich es. Ich lief einfach los, vergaß mir die Nase mit dem Zeigefinder und Daumen zuzuhalten, den Mund zu schließen, die Arme eng an den Körper zu schmiegen, um so kerzengerade wie möglich ins Wasser zu springen. Ich hatte alle Anweisungen meines Lehrers komplett vergessen. So sprang ich im vollen Galopp ziemlich ungelenk mit weit aufgerissenen Augen und offenen Mund einfach hinunter ins kalte Wasser. Ich spüre heute noch den harten Aufprall darauf, was echt weh tat, sodass ich völlig geschockt erst einmal wie ein Stein unterging. Mein Kopf füllte sich durch Nase und Mund mit brennendem Chlorwasser. Ich schluckte alles herunter, bis ich damit vollkommen voll war. Krebsrot am gesamten Körper durch den Aufprall und mit dem viel zu viel verschluckten Chlorwasser in meinem Magen, tauchte ich nach gefühlten Stunden prustend und um mich schlagend wieder auf. Meine Klassenkameraden sowie die anderen Schwimmbadbesucher fanden meine Vorstellung extrem lustig. Mein Lehrer weniger. Er half mir mit einer Stange an den Beckenrand, zog mich aus dem Wasser und schimpfe lautstark mit mir rum. Nein! Für mich war das kein Spaß. Keine Heldentat. Es war einfach nur der reinste Horror.

Gerne hätte ich mich panisch heulend an die Brust des Lehrers geschmissen und Trost eingefordert, aber er ergoss nur sein Geschimpfe und sein Entsetzen über mich. Damals habe ich gelernt, verlass Dich auf niemanden.

Im übertragenen Sinne stand ich in den letzten 10 Jahren oft am Ende eines Zehn-Meter-Sprungbretts, allerdings mit dem Unterschied, dass sich hinter mir ein geschlossenes Gitter befand, welches den Weg für die Treppe nach unten versperrte. Im Becken befand sich kein Wasser. Ein ziemlich harter und vielleicht tödlicher Aufprall war mehr als gewiss. Es gab keinen Ausweg, sondern nur die Entscheidung: Spring! Niemand hätte anstelle von mir springen können. Niemand hätte es für mich tun wollen.

Bis zum 8. Mai 2010 verharrte ich schon einige Zeit da oben auf dem Brett, absolut nicht bereit für den Absprung. Hoffte insgeheim darauf, dass sich alle meine Probleme in Luft auflösen. Oder ich mich einfach in Luft auflöse. An diesem Samstag lehnte ich in Düsseldorf mit dem Rücken an einer Hauswand und wartete auf den Fahrer, der mich in Hamburg abgeholt und mich mit nach Düsseldorf genommen hatte. Die Sonne schien mir ins Gesicht und ich kann mich heute noch an das Plakat erinnern, auf dem die Nacht der Museen für den 8. Mai angekündigt wurde. Ich dachte: Heute ist Nacht der Museen. Nächstes Jahr gehst Du hin! Was ich in diesem kleinen unbeobachteten Moment tat: Ich sprang! Es gab kein Aha-Erlebnis, sondern nur eine leise wissende Stimme in mir, die sagte: Ich bleibe hier! Was auch kommen mag, Hamburg ist vorbei. In diesem Moment wusste ich es einfach, obwohl ich dazu überhaupt keinen Bock hatte. Oder gar eine Perspektive, geschweige einen Job oder eine Wohnung. Mein Leben war in Hamburg. Kurt, mein unentdeckter Hirntumor am Stammhirn noch an seinem Platz und teilte sich fröhlich und unaufhaltsam heiter weiter in meinem Kopf. Ich blieb! Ich ging kurz darauf nur noch zurück nach Hamburg, um dort mein Leben aufzulösen.

Genau ein Jahr später, am 8. Mai 2011 wurde ich auf der Intensivstation in der Düsseldorfer Uniklinik wiederbelebt. Ich hatte am 04. Mai die 18-stündige OP nicht wirklich überlebt. Die OP musste abgebrochen werden. Der halbe Tumor blieb dort, wo er war. Mein Hirn schwoll an. Es gab Blutungen und einen Hirnschlag. Mein Herz setze für einige Zeit aus. Wie und ob es mit mir weitergehen sollte, wusste niemand. Abwarten! Obwohl ich überhaupt keinen Bock auf eine Zukunft als Behinderte hatte oder als Mitbewohnerin in einer Beatmungsgerät-WG enden wollte, auf einen Tod auf dem OP-Tisch gesetzt hatte, entschied diesmal mein Körper für mich. Er sprang, weil mir der Mut und die Zuversicht dafür fehlten. Er entschied sich für das Leben. Mein Herz fing wieder an zu schlagen. Die Ärzte gewährten mir eine Verschnaufpause und versetzten mich ins künstliche Koma, bevor der Horror meines zukünftigen Lebens der nächsten 9 Jahre beginnen konnte.

2010 – 2020: TOP 10  

  1. Meningeom am Stammhirn
  2. Stempel Psycho
  3. Drehschwindel
  4. Heimat- und wohnungslos / vollkommen pleite
  5. Sie werden nie wieder laufen können
  6. Hartz 4
  7. Sie haben beidseitigen Brustkrebs
  8. Wir empfehlen Ihnen eine adjuvante Chemotherapie
  9. Panikattacken und Flashbacks
  10. Düsseldorf

  1. Sonnenaufgänge, die ich vom Bett aus sehen kann
  2. Schlampentage
  3. Lanzarote
  4. Fantastic Five
  5. Eiscafé am Dreieck
  6. Mein erster Lachanfall über meine bescheuerte Frisur
  7.  Piaggio Ape
  8.  Dr. Chhadeh
  9. Körbchengröße 75 b
  10. Düsseldorf

 

Benefizlauf Leipzig 2020

In diesem Jahr ist der Leipziger Marathon ausgefallen. Daher hat die Deutsche Hirntumorhilfe am 26.04.2020 ab 10:00 Uhr zu einem virtuellen Spendenlauf aufgerufen.

„Der virtuelle Startschuss erfolgt um 10:00 Uhr (wer kurz vorher oder nachher oder an einem anderen Tag teilnehmen will, kann dies selbstverständlich tun).

Idealerweise schickt Ihr uns dann Eure Daten bis spätestens 30.04.2020 an e.s.dunkel[at]online[dot]de: Vorname, Name, Datum, Ort, Art der Teilnahme, erreichte cm/m/km, Bilder, Statements, … . Veröffentlicht werden die einzelnen Aktionen in den digitalen Medien der Deutschen Hirntumorhilfe. Eine namentlich anonymisierte Veröffentlichung ist selbstverständlich möglich.*Bitte unterstützen Sie die Mitmachaktion mit Ihrer Beitrag auf das Spendenkonto der Deutschen Hirntumorhilfe. Kennwort nicht vergessen. Es lautet: „LM 2020″

Online-Spende (Spendenkonto Deutschen Hirntumorhilfe: Sparkasse Muldental / IBAN: DE38 8605 02001010 0369 00 / Kennwort: LM 2020“)

 

Jeder Schritt zählt. Meine Freundinnen und ich haben bei traumhaften Wetter daran teilgenommen:

Adina: 7,0 km
Carla:  8,3 km
Gabi:   7,1 km
Petra:  7,1 km 

#40 MAKE IT YOUR PATH – Ein Interview mit Gina Friedrich

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Als Gina Friedrich mit einer Interview-Anfrage auf mich zukam, war sie mir auf Anhieb sympathisch und ich sagte spontan zu, ihr meine Geschichte zu erzählen.

#40 >>  Interview 

 

Gina Friedrich ist Career & Life Coach für Menschen, die ihre Zukunft bewusst gestalten wollen. Jeden Donnerstag bringt sie Dir Interviews mit inspirierenden, erfolgreichen und auch bekannten Persönlichkeiten aus der nationalen und internationalen Business-, NGO- und Sportwelt.

Gemüse ist gesund.

Ich bin eine leidliche Esserin. Meine Eltern scheiterten schon während meiner Kindheit an meinem Essverhalten. Ich sortierte das Essen auf dem Teller hin und her, von der einen Seite auf die andere. Früher gab es auch noch sonderbare Strafmaßnahmen: Was man beim Mittagessen stehen ließ, bekam man am Abend noch einmal vorgesetzt. Mich kriegten meine Eltern damit nicht. Ich ging dann halt ohne Essen ins Bett. Ich mache mir bis heute nicht viel bis gar nichts aus Essen. Es muss praktisch sein und zu Hause wenig Arbeit machen. Fleisch war nie wirklich meins, nicht wegen des Geschmacks, sondern weil mich schon als Kind die Seelen der toten Tiere anschauten. Liegt vielleicht auch am Esszimmer meiner Großmutter. An den Wänden hingen riesengroße Ölschinken mit von Jägern erlegten toten Tieren darauf, die mich unentwegt strafend und tot anstarrten. Dazu gesellten sich ausgestopfte heimische Tiere, wie Hasen, Füchse oder Rebhühner, sowie viele verschiedene Hirschgeweihe. Ein Ort des kindlichen Grauens.

Ich mag Gemüse und Salat. Nicht alles gleichermaßen, aber immerhin. Obst vertrage ich nur bedingt. Ich denke, das habe ich von meiner Mutter geerbt. Aber Bananen und Beeren gehen. Käse liebe ich und ein ordentliches Rührei lockt mich eher hinter dem Ofen hervor als ein saftiges Steak oder ein durchwachsener Burger. Mein Vater meinte immer: Du mit Deinen Käsebrötchen. Iss mal was Anständiges?

Wenn ich mich mal krank fühlte oder schwächelte, gab es eben zum Käsebrötchen eine Vitaminkur aus der Apotheke.

Ich bin eine eigenwillige Esserin geblieben. Immer noch gehe ich nicht gerne ins Restaurant, da ich mir die Hygiene-Bedingungen vorstelle oder denke, der Koch hustet übers Essen. Kontraproduktiv, ich weiß.

Was ich allerdings immer kann, sind Törtchen: italienische Törtchen mit einem guten Cappuccino. Beides zusammen versetzt mich sofort in eine schöne und leichte italienische Sommerstimmung. Als ich einmal meinen Exmann nach Italien begleitet hatte und er ständig unterwegs war, fand ich mich fast täglich in der Bar La Perla wieder. Ich aß mit den Italienerinnen und Italienern Panini und Törtchen und dazu gab es zahlreiche Cappuccinos. Stundenlang diskutierten wir mit Händen und Füßen, Papier und Stift. Als mein Mann und ich  wieder nach Hause mussten und mit dem Auto vor der Bar standen, da er noch Proviant für die Rückfahrt besorgen wollte, klopfte einer seiner Bildhauerkollegen ans Autofenster und überreichte mir eine große Tüte mit vielen tollen Törtchen darin. Mein Mann fragte ihn, was das sollte und der Bildhauer lachte: Du weißt überhaupt nicht, wo Deine Frau all die Tage tagsüber war? Was sie gemacht hat – oder? Die Törtchen waren super. Die Stimmung während der Rückfahrt eher nicht.

Seitdem mich der Krebs erwischt hat (Ich möchte ja mein Bestes geben, damit er da bleibt, wo er hingehört: weit weg!), geht das alles nicht mehr, das mit meiner unüberlegten Ernährung. Ich machte bisher nicht alles falsch, aber als ich nach dem Ernährungsvortrag für Krebspatienten über meine Ernährung nachgedacht hatte, da bekam ich schon ein sehr schlechtes Gewissen. Es ist nicht einmal was ich esse, sondern wie und mit wie viel wenig Beachtung: im Stehen, nebenbei, so zwischendurch, genervt, weil ich schon wieder etwas kochen muss oder raus was holen. Wenn nichts passen wollte oder der Kühlschrank leer war, ging ich problemlos ohne Essen vor die Tür oder ins Bett.

Meine ersten Fragen nach dem Vortrag an mich waren: Kann mein Körper mir all das verzeihen, was ich ihm über all die vielen Jahre angetan habe? Wie viel Schaden habe ich angerichtet und kann ich ihn beheben?

Ich war schon immer ein Fan von Ayurveda, vertrete aber deren Philosophie nicht so militant, wie die wirklich Wissenden. Es passt einfach vieles für mich. Ich bin der Vata Typ. Ayurveda zeigt mir, was ich eher essen sollte (und dann auch vertrage) und was weniger gut für mich ist und lehrt, wie man sowohl körperlich als auch seelisch wieder ins Gleichgewicht kommen kann. Es ist zu meinem Leitfaden geworden. Dadurch hat der Optimierungsstress abgenommen, alles richtig machen zu müssen. Ich lerne auf mich zu hören und nicht auf die anderen, die wissen was gut für mich ist.

Körper, Geist und Seele bilden bei mir noch keine Einheit. Zu oft übernimmt die Angst das Kommando und rüttelt mich mit ihrer Panikmache immer wieder durch. Aber ich habe mich auf den Weg gemacht und durch meine bessere Ernährung, dadurch, dass ich achtsamer mit mir umgehe und durch das Laufen und den Yogaübungen bin schon viel sicherer und manchmal auch mutiger im Umgang mit meiner neuen Situation geworden.

Was kostet die Welt?

Meine Kindheit verbrachte ich in den 60/70er Jahren in einer spießigen Reihenhaus-Siedlung, die auf katholischen Grund und Boden für Familien gebaut wurde. Um uns herum gab es damals viele Wiesen und Felder. Und da ich alles andere als eine Stubenhockerin war, fand mein Leben auf der Straße, in unseren Gärten sowie auf den Wiesen und Feldern statt. Uns Kindern gehörte diese Welt. Sie war unser alleiniges Reich, welches wir untereinander mit eigenen Regeln aufteilten. Dabei flogen auch schon Mal die Fäuste auf die Nasen der anderen.

Ich hatte eine großartige Kindheit. Gegenüber den anderen wohlerzogenen Kindern hatte ich alle Freiheiten der Welt: zu Hause interessierte sich niemand dafür, was ich da draußen tat. Meine Eltern hatten wenig bis gar keine Zeit für mich und meine Geschwister waren viel zu alt (damals zumindest). Meine Erziehung fand vor der Tür statt.

Für andere sah mein Leben immer sehr leicht und völlig unbeschwert aus. Ich tat einfach nur das, was ich für richtig hielt. Was nicht unbedingt falsch beobachtet war. Meine älteste Schwester meinte einmal sehr böse: Du hast ja eh immer gemacht, was Du wolltest, und ich musste den Regeln unserer Eltern folgen. (Selbst Schuld, dachte ich) Ja, meinte ich. Das habe ich. Aber ich habe dafür auch alle Preise gezahlt, die es zu zahlen gab. Nichts gibt es umsonst im Leben.

Auf der einen Seite bin ich wirklich ein echtes Königskind. Das hat meine Schwester schon richtig gesehen. Aber es lag nicht daran, dass meine Eltern anders zu mir waren, als zu meinen Geschwistern. Es lag daran, weil ich anders war. Völlig aus der Art geschlagen hat mein Opa immer gesagt. Oft hörte ich auch: Von wem ist dieses Kind? Wo habt ihr das her? Den meisten Unfug hat man mir auch einfach nicht übel genommen und sehr schnell verziehen. Einfach so, war wieder alles gut. Allerdings, das waren die einzigen beiden wirklichen unausgesprochenen Elternregeln, wenn ich Mist baute, musste ich dafür gerade stehen und die Konsequenzen  tragen. Und Aufstehen, das musste ich wieder alleine. Mit deren Hilfe konnte ich nicht rechnen.

Als ich älter wurde, hatte sich an meiner Lebensphilosophie so gar nichts geändert. Ich entschied mich dafür, Abitur zu machen, als ich in der 10. Klasse sitzen geblieben war und kein ehrliches Interesse für den Schulunterricht aufbringen konnte. Stillsitzen und Autoritäten aushalten, sind bis heute nicht meine Stärken. Aber ich machte mein Abitur. Nicht gerade mit einem glamourösen Abschluss. Es reichte jedoch für mein Vorhaben, eine komplett neue Welt für mich zu entdecken. Jeden Morgen fuhr ich mit der Straßenbahn an der Kunstakademie vorbei. Sie befindet sich hinter der Brücke auf der rechten Seite. Oder andersherum vor der Brücke auf der linken Seite. Heute noch eins der imposantesten Gebäude meiner Stadt für mich. Und obwohl ich damals von der bildenden Kunst absolut  keine Ahnung hatte, sagte ich mir jedes Mal, als ich auf meinem Schulweg an der Akademie vorbeifuhr: Dort werde ich einmal studieren! Woher ich diesen ureigenen Glauben an etwas hatte, was ich gar nicht kannte, weiß ich bis heute nicht. Jedoch landete ich mit zahlreichen Umwegen, zwar nicht sehr lange, da ich mich während des Orientierungsjahrs für Kulturmanagement entschieden hatte, als Studentin an der Kunstakademie Düsseldorf: ICH!

Bis heute lebt dieses fröhliche, abenteuerlustige, mutige und kämpferische Mädchen in mir. Es hat mich durch alle Katastrophen der letzten Jahre gebracht: Auf den Boden liegen bleiben, gilt nicht. Heulen sowieso nicht! Eine kindliche Weisheit, der ich in den letzten Jahren nicht immer nachkommen konnte. Oft blieb ich einfach nur am Boden liegen und gab auf. Heulte rum.

Trotz allem, was in den letzten Jahren passiert ist, habe ich meine kindliche Freiheit nicht ganz verloren. Irgendwo gibt es sie noch, die große, farbenfrohe und verheißungsvolle Welt, die voller tolle Abenteuer steckt und nur eins möchte: entdeckt und erobert werden.

In vier Jahren werde ich 60, sollte ich sie erreichen. Und in 14 Jahren bin ich 70. Es ist eine andere Herausforderung, der ich mich jetzt stellen muss: Wie geht man mit Alter um? Wie damit, dass man nicht mehr alle Schlachten schlagen kann und auch gar nicht mehr bereit dazu ist.

Ich kann jedes Projekt planen. Wenn ich beruflich eine Stärke habe, dann das Organisieren von den unmöglichsten Dingen. Nur in meinem Leben Struktur bringen, das habe ich bis heute nicht geschafft. Sobald es an eine Zukunftsplanung geht, bekomme ich Panik und fühle mich sofort eingesperrt. Eine Freundin meinte dazu: Mach Dir nicht so einen Kopf. Du bist eine Jägerin und ich eine Sammlerin und Bewahrerin.

Als ich Anfang der 90er Jahre zum ersten Mal einen meiner Lieblingsfilme, die grünen Tomaten schaute, nahm ich mir vor im Alter wie Ninny aus dem Film zu werden. Ja, heute noch! Ich möchte so werden, wie sie. Vielleicht sollte ich mir solche Ziele setzen, wie ich sein möchte und nicht was ich alles noch haben und erleben möchte. Das hat eh nie bei mir funktioniert.

Und wenn ich mir manchmal den Druck nehmen kann und das Grübeln aufgebe: Was wird sein? Wie lange hast Du noch? Wie viel Leid noch? Wenn ich an solchen Tagen morgens in den Spiegel schaue, sehe ich hinter meinem nicht so schönen und müden Spiegelbild manchmal immer noch das kleine mutige und lebensfrohe Mädchen, welches sich die Wiesen und Straßen erobert.