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8. Mai 2010: Der Sprung ins Ungewisse.

In meinem Leben bin ich nur ein einziges Mal real von einem Zehn-Meter-Brett ins kalte Wasser gesprungen. Vielleicht war es auch nur das Drei- oder Fünf-Meter-Brett. Es war jedenfalls sehr hoch aus der Perspektive einer 11-Jährigen. Ich stand dort oben am hintersten Ende des Brettes (hinter mir drängten bereits die anderen Kinder auf der Leiter) und wusste absolut nicht, was ich tun sollte. Sich zurück durch die drängenden Kinder quetschen und wieder die Leiter hinuntergehen, was nur Rückwärts möglich war und ziemlich albern aussah? Aufgeben? Panik machte sich breit, denn ich hielt alle auf. Ich weiß nicht mehr, was ich damals dachte, wusste aber, ich muss es tun. Das war so eine innerliche Gewissheit. Egal wie: Mach es einfach! Also tat ich es. Ich lief einfach los, vergaß mir die Nase mit dem Zeigefinder und Daumen zuzuhalten, den Mund zu schließen, die Arme eng an den Körper zu schmiegen, um so kerzengerade wie möglich ins Wasser zu springen. Ich hatte alle Anweisungen meines Lehrers komplett vergessen. So sprang ich im vollen Galopp ziemlich ungelenk mit weit aufgerissenen Augen und offenen Mund einfach hinunter ins kalte Wasser. Ich spüre heute noch den harten Aufprall darauf, was echt weh tat, sodass ich völlig geschockt erst einmal wie ein Stein unterging. Mein Kopf füllte sich durch Nase und Mund mit brennendem Chlorwasser. Ich schluckte alles herunter, bis ich damit vollkommen voll war. Krebsrot am gesamten Körper durch den Aufprall und mit dem viel zu viel verschluckten Chlorwasser in meinem Magen, tauchte ich nach gefühlten Stunden prustend und um mich schlagend wieder auf. Meine Klassenkameraden sowie die anderen Schwimmbadbesucher fanden meine Vorstellung extrem lustig. Mein Lehrer weniger. Er half mir mit einer Stange an den Beckenrand, zog mich aus dem Wasser und schimpfe lautstark mit mir rum. Nein! Für mich war das kein Spaß. Keine Heldentat. Es war einfach nur der reinste Horror.

Gerne hätte ich mich panisch heulend an die Brust des Lehrers geschmissen und Trost eingefordert, aber er ergoss nur sein Geschimpfe und sein Entsetzen über mich. Damals habe ich gelernt, verlass Dich auf niemanden.

Im übertragenen Sinne stand ich in den letzten 10 Jahren oft am Ende eines Zehn-Meter-Sprungbretts, allerdings mit dem Unterschied, dass sich hinter mir ein geschlossenes Gitter befand, welches den Weg für die Treppe nach unten versperrte. Im Becken befand sich kein Wasser. Ein ziemlich harter und vielleicht tödlicher Aufprall war mehr als gewiss. Es gab keinen Ausweg, sondern nur die Entscheidung: Spring! Niemand hätte anstelle von mir springen können. Niemand hätte es für mich tun wollen.

Bis zum 8. Mai 2010 verharrte ich schon einige Zeit da oben auf dem Brett, absolut nicht bereit für den Absprung. Hoffte insgeheim darauf, dass sich alle meine Probleme in Luft auflösen. Oder ich mich einfach in Luft auflöse. An diesem Samstag lehnte ich in Düsseldorf mit dem Rücken an einer Hauswand und wartete auf den Fahrer, der mich in Hamburg abgeholt und mich mit nach Düsseldorf genommen hatte. Die Sonne schien mir ins Gesicht und ich kann mich heute noch an das Plakat erinnern, auf dem die Nacht der Museen für den 8. Mai angekündigt wurde. Ich dachte: Heute ist Nacht der Museen. Nächstes Jahr gehst Du hin! Was ich in diesem kleinen unbeobachteten Moment tat: Ich sprang! Es gab kein Aha-Erlebnis, sondern nur eine leise wissende Stimme in mir, die sagte: Ich bleibe hier! Was auch kommen mag, Hamburg ist vorbei. In diesem Moment wusste ich es einfach, obwohl ich dazu überhaupt keinen Bock hatte. Oder gar eine Perspektive, geschweige einen Job oder eine Wohnung. Mein Leben war in Hamburg. Kurt, mein unentdeckter Hirntumor am Stammhirn noch an seinem Platz und teilte sich fröhlich und unaufhaltsam heiter weiter in meinem Kopf. Ich blieb! Ich ging kurz darauf nur noch zurück nach Hamburg, um dort mein Leben aufzulösen.

Genau ein Jahr später, am 8. Mai 2011 wurde ich auf der Intensivstation in der Düsseldorfer Uniklinik wiederbelebt. Ich hatte am 04. Mai die 18-stündige OP nicht wirklich überlebt. Die OP musste abgebrochen werden. Der halbe Tumor blieb dort, wo er war. Mein Hirn schwoll an. Es gab Blutungen und einen Hirnschlag. Mein Herz setze für einige Zeit aus. Wie und ob es mit mir weitergehen sollte, wusste niemand. Abwarten! Obwohl ich überhaupt keinen Bock auf eine Zukunft als Behinderte hatte oder als Mitbewohnerin in einer Beatmungsgerät-WG enden wollte, auf einen Tod auf dem OP-Tisch gesetzt hatte, entschied diesmal mein Körper für mich. Er sprang, weil mir der Mut und die Zuversicht dafür fehlten. Er entschied sich für das Leben. Mein Herz fing wieder an zu schlagen. Die Ärzte gewährten mir eine Verschnaufpause und versetzten mich ins künstliche Koma, bevor der Horror meines zukünftigen Lebens der nächsten 9 Jahre beginnen konnte.

2010 – 2020: TOP 10  

  1. Meningeom am Stammhirn
  2. Stempel Psycho
  3. Drehschwindel
  4. Heimat- und wohnungslos / vollkommen pleite
  5. Sie werden nie wieder laufen können
  6. Hartz 4
  7. Sie haben beidseitigen Brustkrebs
  8. Wir empfehlen Ihnen eine adjuvante Chemotherapie
  9. Panikattacken und Flashbacks
  10. Düsseldorf

  1. Sonnenaufgänge, die ich vom Bett aus sehen kann
  2. Schlampentage
  3. Lanzarote
  4. Fantastic Five
  5. Eiscafé am Dreieck
  6. Mein erster Lachanfall über meine bescheuerte Frisur
  7.  Piaggio Ape
  8.  Dr. Chhadeh
  9. Körbchengröße 75 b
  10. Düsseldorf

 

Benefizlauf Leipzig 2020

In diesem Jahr ist der Leipziger Marathon ausgefallen. Daher hat die Deutsche Hirntumorhilfe am 26.04.2020 ab 10:00 Uhr zu einem virtuellen Spendenlauf aufgerufen.

„Der virtuelle Startschuss erfolgt um 10:00 Uhr (wer kurz vorher oder nachher oder an einem anderen Tag teilnehmen will, kann dies selbstverständlich tun).

Idealerweise schickt Ihr uns dann Eure Daten bis spätestens 30.04.2020 an e.s.dunkel[at]online[dot]de: Vorname, Name, Datum, Ort, Art der Teilnahme, erreichte cm/m/km, Bilder, Statements, … . Veröffentlicht werden die einzelnen Aktionen in den digitalen Medien der Deutschen Hirntumorhilfe. Eine namentlich anonymisierte Veröffentlichung ist selbstverständlich möglich.*Bitte unterstützen Sie die Mitmachaktion mit Ihrer Beitrag auf das Spendenkonto der Deutschen Hirntumorhilfe. Kennwort nicht vergessen. Es lautet: „LM 2020″

Online-Spende (Spendenkonto Deutschen Hirntumorhilfe: Sparkasse Muldental / IBAN: DE38 8605 02001010 0369 00 / Kennwort: LM 2020“)

 

Jeder Schritt zählt. Meine Freundinnen und ich haben bei traumhaften Wetter daran teilgenommen:

Adina: 7,0 km
Carla:  8,3 km
Gabi:   7,1 km
Petra:  7,1 km 

Es hat uns allen viel Spaß gemacht.

#40 MAKE IT YOUR PATH – Ein Interview mit Gina Friedrich

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Als Gina Friedrich mit einer Interview-Anfrage auf mich zukam, war sie mir auf Anhieb sympathisch und ich sagte spontan zu, ihr meine Geschichte zu erzählen.

#40 >>  Interview 

 

Gina Friedrich ist Career & Life Coach für Menschen, die ihre Zukunft bewusst gestalten wollen. Jeden Donnerstag bringt sie Dir Interviews mit inspirierenden, erfolgreichen und auch bekannten Persönlichkeiten aus der nationalen und internationalen Business-, NGO- und Sportwelt.

Gemüse ist gesund, das sagte uns die Mama schon!

Ich bin eine leidliche Esserin. Meine Eltern scheiterten schon während meiner Kindheit an meinem Essverhalten. Ich sortierte das Essen auf dem Teller hin und her, von der einen Seite auf die andere. Früher gab es auch noch sonderbare Strafmaßnahmen: Was man beim Mittagessen stehen ließ, bekam man am Abend noch einmal vorgesetzt. Mich kriegten meine Eltern damit nicht. Ich ging dann halt ohne Essen ins Bett. Ich mache mir bis heute nicht viel bis gar nichts aus Essen. Es muss praktisch sein und zu Hause wenig Arbeit machen. Fleisch war nie wirklich meins, nicht wegen des Geschmacks, sondern weil mich schon als Kind die Seelen der toten Tiere anschauten. Liegt vielleicht auch am Esszimmer meiner Großmutter. An den Wänden hingen riesengroße Ölschinken mit von Jägern erlegten toten Tieren darauf, die mich unentwegt strafend und tot anstarrten. Dazu gesellten sich ausgestopfte heimische Tiere, wie Hasen, Füchse oder Rebhühner, sowie viele verschiedene Hirschgeweihe. Ein Ort des kindlichen Grauens.

Ich mag Gemüse und Salat. Nicht alles gleichermaßen, aber immerhin. Obst vertrage ich nur bedingt. Ich denke, das habe ich von meiner Mutter geerbt. Aber Bananen und Beeren gehen. Käse liebe ich und ein ordentliches Rührei lockt mich eher hinter dem Ofen hervor als ein saftiges Steak oder ein durchwachsener Burger. Mein Vater meinte immer: Du mit Deinen Käsebrötchen. Iss mal was Anständiges?

Wenn ich mich mal krank fühlte oder schwächelte, gab es eben zum Käsebrötchen eine Vitaminkur aus der Apotheke.

Ich bin eine eigenwillige Esserin geblieben. Immer noch gehe ich nicht gerne ins Restaurant, da ich mir die Hygiene-Bedingungen vorstelle oder denke, der Koch hustet übers Essen. Kontraproduktiv, ich weiß.

Was ich allerdings immer kann, sind Törtchen: italienische Törtchen mit einem guten Cappuccino. Beides zusammen versetzt mich sofort in eine schöne und leichte italienische Sommerstimmung. Als ich einmal meinen Exmann nach Italien begleitet hatte und er ständig unterwegs war, fand ich mich fast täglich in der Bar La Perla wieder. Ich aß mit den Italienerinnen und Italienern Panini und Törtchen und dazu gab es zahlreiche Cappuccinos. Stundenlang diskutierten wir mit Händen und Füßen, Papier und Stift. Als mein Mann und ich  wieder nach Hause mussten und mit dem Auto vor der Bar standen, da er noch Proviant für die Rückfahrt besorgen wollte, klopfte einer seiner Bildhauerkollegen ans Autofenster und überreichte mir eine große Tüte mit vielen tollen Törtchen darin. Mein Mann fragte ihn, was das sollte und der Bildhauer lachte: Du weißt überhaupt nicht, wo Deine Frau all die Tage tagsüber war? Was sie gemacht hat – oder? Die Törtchen waren super. Die Stimmung während der Rückfahrt eher nicht.

Seitdem mich der Krebs erwischt hat (Ich möchte ja mein Bestes geben, damit er da bleibt, wo er hingehört: weit weg!), geht das alles nicht mehr, das mit meiner unüberlegten Ernährung. Ich machte bisher nicht alles falsch, aber als ich nach dem Ernährungsvortrag für Krebspatienten über meine Ernährung nachgedacht hatte, da bekam ich schon ein sehr schlechtes Gewissen. Es ist nicht einmal was ich esse, sondern wie und mit wie viel wenig Beachtung: im Stehen, nebenbei, so zwischendurch, genervt, weil ich schon wieder etwas kochen muss oder raus was holen. Wenn nichts passen wollte oder der Kühlschrank leer war, ging ich problemlos ohne Essen vor die Tür oder ins Bett.

Meine ersten Fragen nach dem Vortrag an mich waren: Kann mein Körper mir all das verzeihen, was ich ihm über all die vielen Jahre angetan habe? Wie viel Schaden habe ich angerichtet und kann ich ihn beheben?

Ich war schon immer ein Fan von Ayurveda, vertrete aber deren Philosophie nicht so militant, wie die wirklich Wissenden. Es passt einfach vieles für mich. Ich bin der Vata Typ. Ayurveda zeigt mir, was ich eher essen sollte (und dann auch vertrage) und was weniger gut für mich ist und lehrt, wie man sowohl körperlich als auch seelisch wieder ins Gleichgewicht kommen kann. Es ist zu meinem Leitfaden geworden. Dadurch hat der Optimierungsstress abgenommen, alles richtig machen zu müssen. Ich lerne auf mich zu hören und nicht auf die anderen, die wissen was gut für mich ist.

Körper, Geist und Seele bilden bei mir noch keine Einheit. Zu oft übernimmt die Angst das Kommando und rüttelt mich mit ihrer Panikmache immer wieder durch. Aber ich habe mich auf den Weg gemacht und durch meine bessere Ernährung, dadurch, dass ich achtsamer mit mir umgehe und durch das Laufen und den Yogaübungen bin schon viel sicherer und manchmal auch mutiger im Umgang mit meiner neuen Situation geworden.

Was kostet die Welt?

Meine Kindheit verbrachte ich in den 60/70er Jahren in einer spießigen Reihenhaus-Siedlung, die auf katholischen Grund und Boden für Familien gebaut wurde. Um uns herum gab es damals viele Wiesen und Felder. Und da ich alles andere als eine Stubenhockerin war, fand mein Leben auf der Straße, in unseren Gärten sowie auf den Wiesen und Feldern statt. Uns Kindern gehörte diese Welt. Sie war unser alleiniges Reich, welches wir untereinander mit eigenen Regeln aufteilten. Dabei flogen auch schon Mal die Fäuste auf die Nasen der anderen.

Ich hatte eine großartige Kindheit. Gegenüber den anderen wohlerzogenen Kindern hatte ich alle Freiheiten der Welt: zu Hause interessierte sich niemand dafür, was ich da draußen tat. Meine Eltern hatten wenig bis gar keine Zeit für mich und meine Geschwister waren viel zu alt (damals zumindest). Meine Erziehung fand vor der Tür statt.

Für andere sah mein Leben immer sehr leicht und völlig unbeschwert aus. Ich tat einfach nur das, was ich für richtig hielt. Was nicht unbedingt falsch beobachtet war. Meine älteste Schwester meinte einmal sehr böse: Du hast ja eh immer gemacht, was Du wolltest, und ich musste den Regeln unserer Eltern folgen. (Selbst Schuld, dachte ich) Ja, meinte ich. Das habe ich. Aber ich habe dafür auch alle Preise gezahlt, die es zu zahlen gab. Nichts gibt es umsonst im Leben.

Auf der einen Seite bin ich wirklich ein echtes Königskind. Das hat meine Schwester schon richtig gesehen. Aber es lag nicht daran, dass meine Eltern anders zu mir waren, als zu meinen Geschwistern. Es lag daran, weil ich anders war. Völlig aus der Art geschlagen hat mein Opa immer gesagt. Oft hörte ich auch: Von wem ist dieses Kind? Wo habt ihr das her? Den meisten Unfug hat man mir auch einfach nicht übel genommen und sehr schnell verziehen. Einfach so, war wieder alles gut. Allerdings, das waren die einzigen beiden wirklichen unausgesprochenen Elternregeln, wenn ich Mist baute, musste ich dafür gerade stehen und die Konsequenzen  tragen. Und Aufstehen, das musste ich wieder alleine. Mit deren Hilfe konnte ich nicht rechnen.

Als ich älter wurde, hatte sich an meiner Lebensphilosophie so gar nichts geändert. Ich entschied mich dafür, Abitur zu machen, als ich in der 10. Klasse sitzen geblieben war und kein ehrliches Interesse für den Schulunterricht aufbringen konnte. Stillsitzen und Autoritäten aushalten, sind bis heute nicht meine Stärken. Aber ich machte mein Abitur. Nicht gerade mit einem glamourösen Abschluss. Es reichte jedoch für mein Vorhaben, eine komplett neue Welt für mich zu entdecken. Jeden Morgen fuhr ich mit der Straßenbahn an der Kunstakademie vorbei. Sie befindet sich hinter der Brücke auf der rechten Seite. Oder andersherum vor der Brücke auf der linken Seite. Heute noch eins der imposantesten Gebäude meiner Stadt für mich. Und obwohl ich damals von der bildenden Kunst absolut  keine Ahnung hatte, sagte ich mir jedes Mal, als ich auf meinem Schulweg an der Akademie vorbeifuhr: Dort werde ich einmal studieren! Woher ich diesen ureigenen Glauben an etwas hatte, was ich gar nicht kannte, weiß ich bis heute nicht. Jedoch landete ich mit zahlreichen Umwegen, zwar nicht sehr lange, da ich mich während des Orientierungsjahrs für Kulturmanagement entschieden hatte, als Studentin an der Kunstakademie Düsseldorf: ICH!

Bis heute lebt dieses fröhliche, abenteuerlustige, mutige und kämpferische Mädchen in mir. Es hat mich durch alle Katastrophen der letzten Jahre gebracht: Auf den Boden liegen bleiben, gilt nicht. Heulen sowieso nicht! Eine kindliche Weisheit, der ich in den letzten Jahren nicht immer nachkommen konnte. Oft blieb ich einfach nur am Boden liegen und gab auf. Heulte rum.

Trotz allem, was in den letzten Jahren passiert ist, habe ich meine kindliche Freiheit nicht ganz verloren. Irgendwo gibt es sie noch, die große, farbenfrohe und verheißungsvolle Welt, die voller tolle Abenteuer steckt und nur eins möchte: entdeckt und erobert werden.

In vier Jahren werde ich 60, sollte ich sie erreichen. Und in 14 Jahren bin ich 70. Es ist eine andere Herausforderung, der ich mich jetzt stellen muss: Wie geht man mit Alter um? Wie damit, dass man nicht mehr alle Schlachten schlagen kann und auch gar nicht mehr bereit dazu ist.

Ich kann jedes Projekt planen. Wenn ich beruflich eine Stärke habe, dann das Organisieren von den unmöglichsten Dingen. Nur in meinem Leben Struktur bringen, das habe ich bis heute nicht geschafft. Sobald es an eine Zukunftsplanung geht, bekomme ich Panik und fühle mich sofort eingesperrt. Eine Freundin meinte dazu: Mach Dir nicht so einen Kopf. Du bist eine Jägerin und ich eine Sammlerin und Bewahrerin.

Als ich Anfang der 90er Jahre zum ersten Mal einen meiner Lieblingsfilme, die grünen Tomaten schaute, nahm ich mir vor im Alter wie Ninny aus dem Film zu werden. Ja, heute noch! Ich möchte so werden, wie sie. Vielleicht sollte ich mir solche Ziele setzen, wie ich sein möchte und nicht was ich alles noch haben und erleben möchte. Das hat eh nie bei mir funktioniert.

Und wenn ich mir manchmal den Druck nehmen kann und das Grübeln aufgebe: Was wird sein? Wie lange hast Du noch? Wie viel Leid noch? Wenn ich an solchen Tagen morgens in den Spiegel schaue, sehe ich hinter meinem nicht so schönen und müden Spiegelbild manchmal immer noch das kleine mutige und lebensfrohe Mädchen, welches sich die Wiesen und Straßen erobert.

Eier im Gepäck.

Dieses Jahr bin ich zum dritten Mal über Weihnachten auf Lanzarote. Da endlich Mal keine Therapien oder Untersuchungen anstehen, bleibe ich auch über Silvester. Gegen Mittag gehe ich meistens in ein kleines Café und lege eine Pause ein. Dort gibt es die besten Törtchen und direkt hinter der Törtchen-, Kuchen-, Getränke- und Kaffee-Theke befindet sich ein kleiner Supermarkt. Es ist wie  in meiner Kindheit bei Tante Emma. Es fehlen nur der vertraute Geruch und das Glöckchen, welches klingelt, sobald die Tür aufgeht. Hier gibt es alles auf kleinsten Raum, sogar Lanzarote Salz abgepackt in winzigen Plastiktüten für 50 Cent. Und natürlich in allen Variationen  (Cremes, Seifen, Duschgels, Getränke, Tabletten und vieles mehr) und Ausführungen: Aloe Vera. Das Wundermittel schlechthin! Aloe Vera wird z. B. sowohl bei Durchfall als auch bei Verstopfung erfolgversprechend eingesetzt. Solche Hinweise verwirren mich immer. Denn bei mir geht entweder das eine oder das andere.
Was ich hier auf Lanzarote liebe und in jedem Supermarkt zu finden ist, sind Oliven und spanischen Käse: beides spottbillig im Vergleich zu Deutschland. In Italien haben sich die Preise durch den Euro mittlerweile angepasst. Hier immer noch nicht. Jedes Mal bilde ich mir ein, dass die Oliven und der Käse hier anders und viel besser schmecken.

In der Regel gehe ich erst einmal in den kleinen Supermarkt. Dabei schaue ich  immer wieder zur Terrasse, damit ich schnell dorthin sprinten kann, sobald dort einer der begehrten Plätze frei wird. Der Hauptgewinn ist ein Sonnenplatz ganz vorne. Gehört man zu den Glücklichen und hat einen Sitzplatz ergattert, verlässt man diesen nicht mehr so schnell. Denn er verspricht guten Kaffee, leckere Törtchen, kuriose Unterhaltung, viel zu sehen, da die Verkaufsstraße direkt daran vorbeigeht, sowie einen wunderbaren direkten Blick auf das Meer. Wegen der begrenzten Kapazitäten der Sitzplätze und Tische komme ich immer wieder sehr schnell und oftmals völlig unfreiwillig ins Gespräch. Irgendwann rückt man einfach zusammen: Die Neuankömmlinge wollen auch einen Platz und die Glücklichen nicht aufstehen. An diesem Ort habe ich schon Berufe kennengelernt, worüber ich mir zuvor keinerlei Gedanken gemacht habe. Auch lernte ich Menschen und Orte kennen, mit denen ich in meinem Alltag niemals in Berührung komme. Letztes Jahr habe ich mich mit einer Frau über eine halbe Stunden auf ziemlich schlechten Englisch unterhalten, bis wir beide herausgefunden haben, dass sie aus einem kleinen Ort aus Hessen kommt und ich aus Düsseldorf.

Einen Tag vor Weihnachten saß über eine Stunde lang Doro beim mir. Fragte nicht, ob der Stuhl noch frei sei, sondern setzte sich mit großem Gestöhne einfach hin. Sie musste einen Tag später genau an Heiligabend nach Hause. Zu spät gebucht. Und jetzt ist eben alles ausgebucht. Sie ist so eine Person mit einer Ausstrahlung, der man nicht widerspricht. Sie erzählte mir direkt, dass sie aus Hamburg sei. Als sie ihre Bestellung perfekt auf Spanisch aufgab, teilte sie mir unaufgefordert mit, dass sie in ihrem langjährigen Berufsleben Simultan-Dolmetscherin war. Ihre Kurzbiografie sprudelte vorbehaltlos aus ihr heraus. Ziemlich blöde meinte sie weiter, dass sie zu Hause nichts im Kühlschrank hat und nun von Lanzarote Essen mit nach Hause nehmen muss. Zudem hat man sie gerade in ihrem Hotel darauf hingewiesen, sie soll es unterlassen, Essen mit aufs Zimmer zu nehmen, was sie unglaublich wütend macht. Als, wenn sie Essen klauen würde.
Neben ihrem Stuhl stand eine prall gefüllte Plastiktüte. Sie zeigte mir ihre Ausbeute. Darin hortete sie ihre Schätze und jetzt hatte sie Angst, dass wenn man die Tüte (mit den geklauten Sachen darin :-)) auf ihrem Zimmer findet, wieder abnehmen würde. In der Tüte befanden sich viele  Päckchen Butter und Marmelade, sowie  mindestens 10 Brötchen, mehrere Scheiben Käse und Wurst in Servietten gewickelt. Die Krönung von alledem waren 12 frische Eier in einem Eierkarton, die ihr der Koch aus dem Restaurant besorgt hatte. Die Tüte hatte etwas von einem Feldzug nach St. Martin oder Halloween. Ich fragte, wie willst Du all das transportieren? Völlig selbstverständlich antwortete sie: Kommt alles ins Hauptgepäck. Das gebe ich ja auf. Wenn ich die Sachen mit ins Handgepäck nehme, nimmt man mir die Lebensmittel ab. Ja, so ist das mit der Logik und der Eigen- und der Fremdwahrnehmung, dachte ich grinsend. Zudem wäre ich so gerne dabei, wenn sie den Koffer zu Hause öffnet oder der Zoll am Flughafen ihren Koffer unter die Lupe nimmt.

Das Tollste an diesem Mittag im Café war: Es haben wieder kuriose und leichte Geschichten Platz in meinem Leben! Verlorengegangene Leichtigkeit hat wieder Einzug genommen. Die Geschichten sind nicht mehr bedrohlich, sondern einfach nur Geschichten, die so oder so ausgehen, aber niemand wirklich Schaden nimmt. Vielleicht die Klamotten neben den Eiern :-).

Ausgerechnet Zoé

In  dem Kinofilm „Ausgerechnet Zoé“, der in den 90ern in den Kinos lief, geht es um die 22 Jahre alte Zoé, die sich bei einem One-Night-Stand mit ihrem Exfreund mit HIV angesteckt hatte. Den gesamten Film bekomme ich nach all den Jahren nicht mehr zusammen. Jedoch ist mir bis heute die Freundin Pat der Hauptfigur Zoé in Erinnerung geblieben, da sie ungemein anstrengend war. Stellvertretend für Zoé jammert sie ständig rum: Warum ausgerechnet Zoé? Noch so jung und gesund und überhaupt. Pat ging mir furchtbar auf die Nerven, denn Zoé hatte nach dieser Diagnose ihr Schicksal extrem gut und vor allen Dingen sehr ehrlich gemeistert. Was jammerte Pat da überhaupt so blöd rum? Ihr Leben war völlig in Ordnung. Sie hatte doch noch ihre Zukunft vor sich.

Ich mag diese Pseudobetroffenheit nicht. Damit stellen sich diese Menschen über den anderen. Und was nutzt es dem Betroffenen? Das Verhalten ist überhaupt nicht zu gebrauchen. Es macht nur noch mehr Drama zudem, was man selbst schon zu bewältigen hat. In meiner Vergangenheit habe ich mich bei diesen Menschen immer gefragt: Um wen gehts hier eigentlich? Um mich bestimmt nicht! Denn: Hallo! Dir gehts super! Ich halte die Arschkarte in der Hand!

Also Pat jammert in dem Film bis fast zum Schluss weiter rum und geht dann ein letztes Mal unachtsam über die Straße. Völlig unaufgeregt wird sie von einem Auto überfahren. So banal kann das Leben sein: Pat ist tot und Zoé geht auf ihre Beerdigung anstelle umgekehrt.

Der Film fiel mir letzte Woche wieder ein und hängt mir bis heute nach. Was wollte der Film uns Zuschauern eigentlich sagen?  Was sagt uns das Leben?

Es gab noch eine übrig gebliebene Freundin aus der Hamburger Zeit. Wir telefonierten alle paar Wochen miteinander. Sie hatte alles, was ich in meinem Leben bis heute nicht erreichen konnte: Sie war rundum zufrieden bis fast glücklich damit. Einfach nur über Gott und die Welt quatschen ging allerdings seit meiner Gehirntumor-Diagnose mit ihr nicht mehr. Der Spaß war leider vorbei! Sie bekam so etwas Nerviges von dieser Pat und war seitdem nicht nur sehr betroffen, wenn wir telefonierten, sondern gab mir ständig unaufgefordert Tipps. Sie wusste alles: Wie ich mich ernähren musste. Was der richtige Schlafrhythmus ist. Welchen Sport ich machen sollte und warum Vitamin D so unglaublich schlecht für mich sei! Mit der Schulmedizin stand sie auch immer wieder auf Kriegsfuß, was ständig zur Diskussion stand. Ihre Eltern waren beide Heilpraktiker und hielten überhaupt nichts von der Schul-/Gerätemedizin, die nur symptomatisch behandelt und nicht ganzheitlich! Ich mochte sie wirklich von Herzen gerne, aber in dieser Situation war sie wenig hilfreich. Der Grund, warum ich während meiner Katastrophenjahre die Telefonate reduzierte. Als dann im Frühjahr 2018 die Diagnose Brustkrebs kam und im Sommer die Chemo folgte, unterbrach ich den Kontakt für die gesamte Zeit. Ich wollte mir eine Diskussion über die Chemo einfach ersparen. Deshalb dachte ich mir überhaupt nichts dabei, dass ich lange nichts mehr von ihr hörte.

Letzte Woche rief ich sie an. Ihr Mann ging ans Telefon. Er teilte mir in wenigen Worten mit, sie sei nach kurzer heftiger Krankheit am 11.11.2019 verstorben.

Diese Information hat mich völlig fertig gemacht. Nicht sie: eine Person, die ein gutes und gesundes Leben hatte. Eine kostbare Seltenheit heute. Ihr Leben war in meinen Augen mehr als perfekt: Es war schön! Wie konnte so etwas passieren? Sie gehörte für mich zu den Hoffnungsträgerinnen, wohin ich schaute, wenn ich mal wieder so richtig an die eigenen Grenzen kam: So kann es auch sein, das Leben!

Unser Schicksal ist machmal völlig verdreht. Es gibt Menschen, die wirklich heftige Diagnosen zu bewältigen haben und jeden Tag, jede Stunde und Minute für ein wenig mehr Zeit auf dieser Erde kämpfen. Und dann gibt es die Menschen, bei denen man denkt, die haben die Zeit, das Leben, die Liebe, das Glück und die Gesundheit für sich gepachtet und die sind dann plötzlich nicht mehr da! Einfach gestorben!

Aus meinem Blickwinkel heraus hatte sie noch wesentlich mehr Zeit auf dieser Erde vor sich als ich. Das Leben hatte jedoch etwas anderes mit uns vor.

 

Italienisch lernen für Lanzarote.

Mit einem Piaggio APE 50 durch die Toskana, das war der Plan, der mich durch meine Krebsdiagnose und die vielen Therapien brachte. Ich brauchte in meinem italienischen Café oder auf meinem kleinen Hinterhofbalkon nur die Augen zu schließen und hörte das knatternde Geräusch, die Fehlzündungen und dann das Pöttern, wenn das Gerät fuhr. Und schon war ich in Italien. Wenn mich die Sehnsucht schmerzhaft packte, schaute ich mir auf der Internetseite Piaggio Commercial die verschiedenen Modelle an.

Obwohl die Idee Toskana über Monate mein Anker war, habe ich diese Reise in die Toskana bisher nicht gemacht. Ob ich sie nur verschoben habe? Ich weiß es nicht! Als alles vorbei war, kam erst einmal das ganz große Nichts. Ich war so damit beschäftigt, die Therapien zu überstehen und damit, mein Leben auszumisten, dass – als es endlich vorbei war – nichts passierte. Die Erde drehte sich einfach weiter. Alle um mich herum lebten ihr Leben wie gewohnt. Und ich steckte über Jahre in einem Leerlauf fest und hatte den Anschluß verpasst.
Bis heute finde ich meinen Platz in dieser Welt nicht. Ich fühle mich, wie damals als ich 1995 zum ersten Mal in New York war und mich ein Magen Darm Infekt erwischt hatte. Ich schleppte mich wie Marco Stanley Fogg aus dem Paul Auster Roman Mond über Manhattan gegen den Strom auf der Fifth Avenue zum Central Park und wollte dort eine Bank finden und mich ausruhen. Einen ruhigen Moment im Grünen sitzen: Sonne sehen! Himmel und Wolken! Als ich da mit meinen Bauchkrämpfen saß und den Menschen zuschaute, frage ich mich: Wo wollen die alle so schnell hin? Gab es einen Bombenalarm? Sind Kriminelle hinter denen her? New Yorkerinnen und New Yorker gehen nicht, sie walken und joggen. Sie essen nicht einfach ein Sandwich oder trinken gemütlich einen Kaffee, sie optimierten mit der Ernährung ihren Körper. Sie fahren nicht einfach Roller Skate oder Rad, sie stellten Rekorde auf. Sie kaufen nicht ein, sie shoppen. Und mittendrin die Touristen in den Pferdekutschen. Mit aufgeladenen Akkus ist das super. Dann reißt New York einen mit, als gäbe es kein morgen. Schwäche hingegen gilt nicht!

An so einem Tiefpunkt, wie 1995 auf der Parkbank im New Yorker Central Park, wurde ich im Juli nach meinen Therapien wieder ins Leben gespuckt. Als mir meine Onkologin sagte, heute ist ihr letzter Tag, wie schön! Ich konnte nicht anders und heulte los, fragte sie: Was mache ich denn jetzt da draußen?
Wenn ich mit offenen Augen durch die Stadt gehe, frage ich mich wie damals: Hallo, wo wollt ihr denn alle hin? In 100 Jahren leben nicht einmal mehr unsere Enkel auf dieser Erde. Die Worte Stress, Spaß und Optimierung kann ich nicht mehr hören. In unserer europäischen Welt ist New York längst angekommen: Wer normal oder sogar noch krank ist, der ist raus. Der darf nicht mehr mitspielen.

Auf meiner Straße traf ich vor ein paar Tagen eine alte Freundin. Sie war, wie alle, im Stress. Was sonst? Wir haben mittlerweile 12 Monate im Jahr stressige vorweihnachtliche Ausverkauf-Stimmung. Die Eltern, der Freund, ihr Laden, die fiese Erkältung und damit ins Bett, geht ja gar nicht und überhaupt. Ich stand ihr nicht gerade aufmunternd gegenüber und meinte: Wie wäre es mit ein wenig Ruhe? In solch einem Moment werde ich immer mit großen Augen fassungslos und wortlos angestarrt: Wie bist Du denn drauf!!! Der Small Talk wird  an diesem Punkt in der Regel abrupt beendet, weil ein stressiger Termin ansteht. Mir wurde nach diesem Treffen schlagartig klar, wie privilegiert ich bin und habe mich in Gedanken gefragt: Will ich so was überhaupt noch: Ein Leben auf der ständigen Überholspur. Immer am Anschlag. Und meinen, dass wäre auch noch cool? Möchte ich wirklich wieder dazu gehören? Will ich ständig und überall abgelenkt von mir selbst sein? Ich bin frei. Völlig frei! Alle Altlasten sind entsorgt. Mein Leben ist  geregelt. Wer kann das schon von sich behaupten?

Aber auch Freiheit muss man können! Ich weiß nicht wie lange ich jetzt noch um die Frage kreise: Ziehe ich einfach nach Lanzarote oder lerne ich doch Italienisch, um endlich meinen Toskana-Trip mit einem Piaggio APE Kastenwagen zu machen?  Aber genauso wie ich 1995 mit meinen Bauchkrämpfen von der Bank aufgestanden bin und mich wieder über die Fifth Avenue zurück zum Hotel wagte, werde ich irgendwann auch wieder ein Leben wagen. Auch New Yorker werden in ihrem Leben mal einen Magen Darm Infekt haben! So perfekt wie die Welt mir scheint, ist sie vielleicht doch nicht! Und irgendwo wird es einen kleinen Platz Un-Perfekt schon für mich geben!

Beide Füße fliegen hoch!

Als ich mir im Frühjahr dieses Jahres ernsthaft vorgenommen hatte am 07.11.2021 am NY Marathon mit 10 Kilometer teilzunehmen, ging ich mein Projekt frohen Mutes und mit einer übereifrigen Rocky Mentalität an. 10 KM schaffte ich bereits locker zu Fuß, was soll da groß auf mich zukommen? Ein überschaubarer Plan. Dachte ich. Also warum mir einen Kopf machen. Olle Jogging-Klamotten an und ab auf die Piste. Einfach nur los und laufen, laufen, laufen, so wie Rocky, mein großes Vorbild in dieser Sache! 😉 Tja, das ist gründlich in die Hose gegangen.  Daher suchte ich mir einen Trainer. Und da ich zu diesem Zeitpunkt immer noch den Rocky-Motivator in mir trug, ging ich beschwingt zur ersten Trainingsstunde und erhielt dementsprechend einen sportlichen Trainingsplan: Hey, ich war motiviert. Ich war cool. Ich war bereit, alles zu geben!

Die KW 24 hatte ich komplett durchgezogen. Als ich am letzten Tag der ersten sportlichen Woche, nach wirklichen fast 12 km mit allen Laufeinheiten an den beiden Tagen davor zu Hause ankam, ging gar nichts mehr. Ich legte mich kurz aufs Bett (nur einmal ganz kurz ausruhen) und kam für geschlagene 3 Tage nicht mehr hoch. Mein Physiotherapeut hatte in den darauffolgenden zwei Wochen so einiges zu richten bei mir.

Der restliche Trainingsplan landete komplett in der Tonne. Ab der 27. KW wurde es ziemlich unkoordiniert. Im Prinzip puzzelte ich mehr oder weniger vor mich hin. Ich war frustriert. Die 10 KM waren mittlerweile ein größenwahnsinniges nicht zu schaffendes Projekt für mich. New York war nur noch Utopie! Mein größtes Problem war, dass ich mir ständig die Füße verknotete, stolperte und hinfiel. Ich musste immer hoch konzentriert laufen und gab innerlich den Ton an: Eins. Zwei. Drei. – Eins. Zwei. Drei. Eins. … Wurde ich kurz abgelenkt, fiel ich auf die Nase. In dieser Phase hatte ich so gar nichts mehr mit Rocky gemeinsam.

Der Sardinien-Urlaub gab mir neuen Mut. Ich stellte mir etwas Eigenes zusammen. Morgens laufen, mittags Yoga und am Nachmittag schwimmen. Und das alles in einem maßvollen Rahmen. Es klappte auch wunderbar bis zur Mitte der Urlaubszeit. Ich war echt stolz auf mich. Aber dann kamen die Viren meiner Sitznachbarin am Abendbrot-Tisch auf mich zu und legten mich bis Ende des Urlaubs mehr oder weniger lahm.

Ich brauchte schon wieder einen neuen Plan. Daher ging ich auf die Suche. In Düsseldorf bot eine Laufschule einen Technik-Einsteigerkurs an. Und den buchte ich einfach. Was Besseres hätte ich gar nicht machen können. An dem ersten Tag habe ich so viel über das Laufen gelernt und auch wieder gemerkt, dass völlige Selbstverständlichkeiten, wie z.B. der Unterschied zwischen Gehen und Laufen dieser kleine Moment in der Luft ist. Und das war genau mein Problem! Das bekam ich nicht hin. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich gar nicht darüber nachgedacht (mal ehrlich: Jeder weiß es, jeder kann es, niemand muss auch nur ansatzweise darüber nachdenken. Bei mir wurde aber vor 8 1/2 Jahren alles ausgelöscht. Manches war einfach noch nicht wieder da.), sondern immer nur geflucht, warum klappte es einfach nicht. Mein Kopf konnte es nicht umsetzen und leitete falsche Signale an Beine und Füße weiter.

Von dem Moment an, als ich die völlig Selbstverständlichkeit des Joggens kapiert hatte und es in meinem Stammhirn (ich bin bis heute immer noch über das Wunderwerk Gehirn erstaunt, wenn es bei mir erst einmal etwas verstanden hat, dann geht es auch plötzlich. Nicht alles, denn Fahrrad fahren werde ich nie mehr können, aber anderes kann ich dann eben doch) angekommen war, freue ich mich über jeden kleinen Moment, den ich mit meinen Füßen in der Luft bin, auch wenn der Abstand zum Boden noch so klein ist. Für mich ist es wie fliegen und noch so vieles mehr: Kopf, Füße und Beine sind wieder eine Einheit. Die Kommunikation ist wieder hergestellt. Mittlerweile kann ich bei meinem Intervalltraining 4 x 3 Minuten Joggen mühelos einbauen.

New York ist wieder ein Plan. Ein Vorhaben. Ein reales Ziel!

#Brustkrebs / Prinzessin uffm Bersch

Was tun, wenn die Diagnose Krebs ausgesprochen wurde – Krebs eine eigene Realität ist? Wir gehen zur Vorsorge, sind nervös, denken aber irgendwie: Der Kelch geht diesmal an uns vorüber. Gehen erleichtert nach Hause, wenn der Arzt sagt, bei Ihnen ist alles okay. Und dann BÄHHMMM, steht ein Verdacht im Raum, der sich nach einem Untersuchungsmarathon bestätigt. KREBS! ICH! EINE TATSACHE!

Nicole gibt auf ihrem Blog prinzessin-uffm-bersch.de, neben ihrer Geschichte anderen Frauen und Männern Raum für ihre Geschichten. So fühlt man sich auf der einen Seite nicht so alleine mit der Diagnose und auf der anderen Seite muss das auch einfach mal raus, man möchte zeigen: Ich bin noch da! Ich bin ganz hier bei mir.
Im November 2019 durfte ich meine Geschichte erzählen.

Wir brauchen Menschen wie Nicole, weil wir an manchen Kreuzungen unserer Erkrankung Vorbilder und Wegbegleiter brauchen, die uns Mut und Kraft mit auf dem Weg geben. Sie geht mit dem Thema Krebs an die Öffentlichkeit, da es ihr ein persönliches Anliegen ist, „den Tabuthemen Krebs und Behinderung mehr Akzeptanz in unserer Gesellschaft zukommen zu lassen.“

Ich möchte zeigen, dass das Leben mit einem behinderten Kind und nach Krebs, schön und wertvoll sein kann – auch für dich! Wenn du von Krebs betroffen sein solltest: ,,Hab Mut bei allem was du für dich angehen musst und wage es zu träumen und Wünsche zu äußern! Wenn dir deine alten Wege zu beschwerlich wurden – such dir neue. Meistens liegen sie bereits ungeahnt in dir. Da glaube ich ganz fest dran! Such dir gleichgesinnte Frauen mit denen du dich austauschen möchtest. Lerne den Krebs in dir zu verstehen. Bedenke bei allem – es geht alleine um dich und dein Leben!“

Nicole ist eine Privatperson, die keinerlei Nutzen aus ihrem Tun zieht. Auf ihrem Blog teilt sie offen, jedoch ohne Schockfotos oder in irgendeiner Art übergriffig zu sein, mit uns ihre Geschichte. Zudem teilt sie mit uns ihren großen Erfahrungsschatz über das Thema Brustkrebs, den sie sich über viele Jahre erarbeitet hat. Daraus resultieren viele nützliche Tipps unter der Rubrik Erste Hilfe. Genauso wie mein Arzt, vertritt Nicole die Meinung, dass nur eine aufgeklärte und mündige Patientin, eine für sich richtige Entscheidung treffen kann, so schwer sie auch sein mag. 

Ich bin nicht nur von Nicols Biografie und ihrem Leben beeindruckt, sondern auch von ihrer Lebenserfahrung, sowie von ihrer Unermüdlichkeit in der Auseinandersetzung mit dem Thema. Der Blog von Nicole ist sehr umfangreich. Jeder kann und darf für sich entscheiden, was nützlich für ihn ist. Ich jedenfalls danke Nicole für ihre Arbeit und freue mich, dass ich sie kennengelernt habe. 

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