Alle Artikel von Petra

Gemüse ist gesund.

Ich bin eine leidliche Esserin. Meine Eltern scheiterten schon während meiner Kindheit an meinem Essverhalten. Ich sortierte das Essen auf dem Teller hin und her, von der einen Seite auf die andere. Früher gab es auch noch sonderbare Strafmaßnahmen: Was man beim Mittagessen stehen ließ, bekam man am Abend noch einmal vorgesetzt. Mich kriegten meine Eltern damit nicht. Ich ging dann halt ohne Essen ins Bett. Ich mache mir bis heute nicht viel bis gar nichts aus Essen. Es muss praktisch sein und zu Hause wenig Arbeit machen. Fleisch war nie wirklich meins, nicht wegen des Geschmacks, sondern weil mich schon als Kind die Seelen der toten Tiere anschauten. Liegt vielleicht auch am Esszimmer meiner Großmutter. An den Wänden hingen riesengroße Ölschinken mit von Jägern erlegten toten Tieren darauf, die mich unentwegt strafend und tot anstarrten. Dazu gesellten sich ausgestopfte heimische Tiere, wie Hasen, Füchse oder Rebhühner, sowie viele verschiedene Hirschgeweihe. Ein Ort des kindlichen Grauens.

Ich mag Gemüse und Salat. Nicht alles gleichermaßen, aber immerhin. Obst vertrage ich nur bedingt. Ich denke, das habe ich von meiner Mutter geerbt. Aber Bananen und Beeren gehen. Käse liebe ich und ein ordentliches Rührei lockt mich eher hinter dem Ofen hervor als ein saftiges Steak oder ein durchwachsener Burger. Mein Vater meinte immer: Du mit Deinen Käsebrötchen. Iss mal was Anständiges?

Wenn ich mich mal krank fühlte oder schwächelte, gab es eben zum Käsebrötchen eine Vitaminkur aus der Apotheke.

Ich bin eine eigenwillige Esserin geblieben. Immer noch gehe ich nicht gerne ins Restaurant, da ich mir die Hygiene-Bedingungen vorstelle oder denke, der Koch hustet übers Essen. Kontraproduktiv, ich weiß.

Was ich allerdings immer kann, sind Törtchen: italienische Törtchen mit einem guten Cappuccino. Beides zusammen versetzt mich sofort in eine schöne und leichte italienische Sommerstimmung. Als ich einmal meinen Exmann nach Italien begleitet hatte und er ständig unterwegs war, fand ich mich fast täglich in der Bar La Perla wieder. Ich aß mit den Italienerinnen und Italienern Panini und Törtchen und dazu gab es zahlreiche Cappuccinos. Stundenlang diskutierten wir mit Händen und Füßen, Papier und Stift. Als mein Mann und ich  wieder nach Hause mussten und mit dem Auto vor der Bar standen, da er noch Proviant für die Rückfahrt besorgen wollte, klopfte einer seiner Bildhauerkollegen ans Autofenster und überreichte mir eine große Tüte mit vielen tollen Törtchen darin. Mein Mann fragte ihn, was das sollte und der Bildhauer lachte: Du weißt überhaupt nicht, wo Deine Frau all die Tage tagsüber war? Was sie gemacht hat – oder? Die Törtchen waren super. Die Stimmung während der Rückfahrt eher nicht.

Seitdem mich der Krebs erwischt hat (Ich möchte ja mein Bestes geben, damit er da bleibt, wo er hingehört: weit weg!), geht das alles nicht mehr, das mit meiner unüberlegten Ernährung. Ich machte bisher nicht alles falsch, aber als ich nach dem Ernährungsvortrag für Krebspatienten über meine Ernährung nachgedacht hatte, da bekam ich schon ein sehr schlechtes Gewissen. Es ist nicht einmal was ich esse, sondern wie und mit wie viel wenig Beachtung: im Stehen, nebenbei, so zwischendurch, genervt, weil ich schon wieder etwas kochen muss oder raus was holen. Wenn nichts passen wollte oder der Kühlschrank leer war, ging ich problemlos ohne Essen vor die Tür oder ins Bett.

Meine ersten Fragen nach dem Vortrag an mich waren: Kann mein Körper mir all das verzeihen, was ich ihm über all die vielen Jahre angetan habe? Wie viel Schaden habe ich angerichtet und kann ich ihn beheben?

Ich war schon immer ein Fan von Ayurveda, vertrete aber deren Philosophie nicht so militant, wie die wirklich Wissenden. Es passt einfach vieles für mich. Ich bin der Vata Typ. Ayurveda zeigt mir, was ich eher essen sollte (und dann auch vertrage) und was weniger gut für mich ist und lehrt, wie man sowohl körperlich als auch seelisch wieder ins Gleichgewicht kommen kann. Es ist zu meinem Leitfaden geworden. Dadurch hat der Optimierungsstress abgenommen, alles richtig machen zu müssen. Ich lerne auf mich zu hören und nicht auf die anderen, die wissen was gut für mich ist.

Körper, Geist und Seele bilden bei mir noch keine Einheit. Zu oft übernimmt die Angst das Kommando und rüttelt mich mit ihrer Panikmache immer wieder durch. Aber ich habe mich auf den Weg gemacht und durch meine bessere Ernährung, dadurch, dass ich achtsamer mit mir umgehe und durch das Laufen und den Yogaübungen bin schon viel sicherer und manchmal auch mutiger im Umgang mit meiner neuen Situation geworden.

Was kostet die Welt?

Meine Kindheit verbrachte ich in den 60/70er Jahren in einer spießigen Reihenhaus-Siedlung, die auf katholischen Grund und Boden für Familien gebaut wurde. Um uns herum gab es damals viele Wiesen und Felder. Und da ich alles andere als eine Stubenhockerin war, fand mein Leben auf der Straße, in unseren Gärten sowie auf den Wiesen und Feldern statt. Uns Kindern gehörte diese Welt. Sie war unser alleiniges Reich, welches wir untereinander mit eigenen Regeln aufteilten. Dabei flogen auch schon Mal die Fäuste auf die Nasen der anderen.

Ich hatte eine großartige Kindheit. Gegenüber den anderen wohlerzogenen Kindern hatte ich alle Freiheiten der Welt: zu Hause interessierte sich niemand dafür, was ich da draußen tat. Meine Eltern hatten wenig bis gar keine Zeit für mich und meine Geschwister waren viel zu alt (damals zumindest). Meine Erziehung fand vor der Tür statt.

Für andere sah mein Leben immer sehr leicht und völlig unbeschwert aus. Ich tat einfach nur das, was ich für richtig hielt. Was nicht unbedingt falsch beobachtet war. Meine älteste Schwester meinte einmal sehr böse: Du hast ja eh immer gemacht, was Du wolltest, und ich musste den Regeln unserer Eltern folgen. (Selbst Schuld, dachte ich) Ja, meinte ich. Das habe ich. Aber ich habe dafür auch alle Preise gezahlt, die es zu zahlen gab. Nichts gibt es umsonst im Leben.

Auf der einen Seite bin ich wirklich ein echtes Königskind. Das hat meine Schwester schon richtig gesehen. Aber es lag nicht daran, dass meine Eltern anders zu mir waren, als zu meinen Geschwistern. Es lag daran, weil ich anders war. Völlig aus der Art geschlagen hat mein Opa immer gesagt. Oft hörte ich auch: Von wem ist dieses Kind? Wo habt ihr das her? Den meisten Unfug hat man mir auch einfach nicht übel genommen und sehr schnell verziehen. Einfach so, war wieder alles gut. Allerdings, das waren die einzigen beiden wirklichen unausgesprochenen Elternregeln, wenn ich Mist baute, musste ich dafür gerade stehen und die Konsequenzen  tragen. Und Aufstehen, das musste ich wieder alleine. Mit deren Hilfe konnte ich nicht rechnen.

Als ich älter wurde, hatte sich an meiner Lebensphilosophie so gar nichts geändert. Ich entschied mich dafür, Abitur zu machen, als ich in der 10. Klasse sitzen geblieben war und kein ehrliches Interesse für den Schulunterricht aufbringen konnte. Stillsitzen und Autoritäten aushalten, sind bis heute nicht meine Stärken. Aber ich machte mein Abitur. Nicht gerade mit einem glamourösen Abschluss. Es reichte jedoch für mein Vorhaben, eine komplett neue Welt für mich zu entdecken. Jeden Morgen fuhr ich mit der Straßenbahn an der Kunstakademie vorbei. Sie befindet sich hinter der Brücke auf der rechten Seite. Oder andersherum vor der Brücke auf der linken Seite. Heute noch eins der imposantesten Gebäude meiner Stadt für mich. Und obwohl ich damals von der bildenden Kunst absolut  keine Ahnung hatte, sagte ich mir jedes Mal, als ich auf meinem Schulweg an der Akademie vorbeifuhr: Dort werde ich einmal studieren! Woher ich diesen ureigenen Glauben an etwas hatte, was ich gar nicht kannte, weiß ich bis heute nicht. Jedoch landete ich mit zahlreichen Umwegen, zwar nicht sehr lange, da ich mich während des Orientierungsjahrs für Kulturmanagement entschieden hatte, als Studentin an der Kunstakademie Düsseldorf: ICH!

Bis heute lebt dieses fröhliche, abenteuerlustige, mutige und kämpferische Mädchen in mir. Es hat mich durch alle Katastrophen der letzten Jahre gebracht: Auf den Boden liegen bleiben, gilt nicht. Heulen sowieso nicht! Eine kindliche Weisheit, der ich in den letzten Jahren nicht immer nachkommen konnte. Oft blieb ich einfach nur am Boden liegen und gab auf. Heulte rum.

Trotz allem, was in den letzten Jahren passiert ist, habe ich meine kindliche Freiheit nicht ganz verloren. Irgendwo gibt es sie noch, die große, farbenfrohe und verheißungsvolle Welt, die voller tolle Abenteuer steckt und nur eins möchte: entdeckt und erobert werden.

In vier Jahren werde ich 60, sollte ich sie erreichen. Und in 14 Jahren bin ich 70. Es ist eine andere Herausforderung, der ich mich jetzt stellen muss: Wie geht man mit Alter um? Wie damit, dass man nicht mehr alle Schlachten schlagen kann und auch gar nicht mehr bereit dazu ist.

Ich kann jedes Projekt planen. Wenn ich beruflich eine Stärke habe, dann das Organisieren von den unmöglichsten Dingen. Nur in meinem Leben Struktur bringen, das habe ich bis heute nicht geschafft. Sobald es an eine Zukunftsplanung geht, bekomme ich Panik und fühle mich sofort eingesperrt. Eine Freundin meinte dazu: Mach Dir nicht so einen Kopf. Du bist eine Jägerin und ich eine Sammlerin und Bewahrerin.

Als ich Anfang der 90er Jahre zum ersten Mal einen meiner Lieblingsfilme, die grünen Tomaten schaute, nahm ich mir vor im Alter wie Ninny aus dem Film zu werden. Ja, heute noch! Ich möchte so werden, wie sie. Vielleicht sollte ich mir solche Ziele setzen, wie ich sein möchte und nicht was ich alles noch haben und erleben möchte. Das hat eh nie bei mir funktioniert.

Und wenn ich mir manchmal den Druck nehmen kann und das Grübeln aufgebe: Was wird sein? Wie lange hast Du noch? Wie viel Leid noch? Wenn ich an solchen Tagen morgens in den Spiegel schaue, sehe ich hinter meinem nicht so schönen und müden Spiegelbild manchmal immer noch das kleine mutige und lebensfrohe Mädchen, welches sich die Wiesen und Straßen erobert.

Eier im Gepäck.

Dieses Jahr bin ich zum dritten Mal über Weihnachten auf Lanzarote. Da endlich Mal keine Therapien oder Untersuchungen anstehen, bleibe ich auch über Silvester. Gegen Mittag gehe ich meistens in ein kleines Café und lege eine Pause ein. Dort gibt es die besten Törtchen und direkt hinter der Törtchen-, Kuchen-, Getränke- und Kaffee-Theke befindet sich ein kleiner Supermarkt. Es ist wie  in meiner Kindheit bei Tante Emma. Es fehlen nur der vertraute Geruch und das Glöckchen, welches klingelt, sobald die Tür aufgeht. Hier gibt es alles auf kleinsten Raum, sogar Lanzarote Salz abgepackt in winzigen Plastiktüten für 50 Cent. Und natürlich in allen Variationen  (Cremes, Seifen, Duschgels, Getränke, Tabletten und vieles mehr) und Ausführungen: Aloe Vera. Das Wundermittel schlechthin! Aloe Vera wird z. B. sowohl bei Durchfall als auch bei Verstopfung erfolgversprechend eingesetzt. Solche Hinweise verwirren mich immer. Denn bei mir geht entweder das eine oder das andere.
Was ich hier auf Lanzarote liebe und in jedem Supermarkt zu finden ist, sind Oliven und spanischen Käse: beides spottbillig im Vergleich zu Deutschland. In Italien haben sich die Preise durch den Euro mittlerweile angepasst. Hier immer noch nicht. Jedes Mal bilde ich mir ein, dass die Oliven und der Käse hier anders und viel besser schmecken.

In der Regel gehe ich erst einmal in den kleinen Supermarkt. Dabei schaue ich  immer wieder zur Terrasse, damit ich schnell dorthin sprinten kann, sobald dort einer der begehrten Plätze frei wird. Der Hauptgewinn ist ein Sonnenplatz ganz vorne. Gehört man zu den Glücklichen und hat einen Sitzplatz ergattert, verlässt man diesen nicht mehr so schnell. Denn er verspricht guten Kaffee, leckere Törtchen, kuriose Unterhaltung, viel zu sehen, da die Verkaufsstraße direkt daran vorbeigeht, sowie einen wunderbaren direkten Blick auf das Meer. Wegen der begrenzten Kapazitäten der Sitzplätze und Tische komme ich immer wieder sehr schnell und oftmals völlig unfreiwillig ins Gespräch. Irgendwann rückt man einfach zusammen: Die Neuankömmlinge wollen auch einen Platz und die Glücklichen nicht aufstehen. An diesem Ort habe ich schon Berufe kennengelernt, worüber ich mir zuvor keinerlei Gedanken gemacht habe. Auch lernte ich Menschen und Orte kennen, mit denen ich in meinem Alltag niemals in Berührung komme. Letztes Jahr habe ich mich mit einer Frau über eine halbe Stunden auf ziemlich schlechten Englisch unterhalten, bis wir beide herausgefunden haben, dass sie aus einem kleinen Ort aus Hessen kommt und ich aus Düsseldorf.

Einen Tag vor Weihnachten saß über eine Stunde lang Doro beim mir. Fragte nicht, ob der Stuhl noch frei sei, sondern setzte sich mit großem Gestöhne einfach hin. Sie musste einen Tag später genau an Heiligabend nach Hause. Zu spät gebucht. Und jetzt ist eben alles ausgebucht. Sie ist so eine Person mit einer Ausstrahlung, der man nicht widerspricht. Sie erzählte mir direkt, dass sie aus Hamburg sei. Als sie ihre Bestellung perfekt auf Spanisch aufgab, teilte sie mir unaufgefordert mit, dass sie in ihrem langjährigen Berufsleben Simultan-Dolmetscherin war. Ihre Kurzbiografie sprudelte vorbehaltlos aus ihr heraus. Ziemlich blöde meinte sie weiter, dass sie zu Hause nichts im Kühlschrank hat und nun von Lanzarote Essen mit nach Hause nehmen muss. Zudem hat man sie gerade in ihrem Hotel darauf hingewiesen, sie soll es unterlassen, Essen mit aufs Zimmer zu nehmen, was sie unglaublich wütend macht. Als, wenn sie Essen klauen würde.
Neben ihrem Stuhl stand eine prall gefüllte Plastiktüte. Sie zeigte mir ihre Ausbeute. Darin hortete sie ihre Schätze und jetzt hatte sie Angst, dass wenn man die Tüte (mit den geklauten Sachen darin :-)) auf ihrem Zimmer findet, wieder abnehmen würde. In der Tüte befanden sich viele  Päckchen Butter und Marmelade, sowie  mindestens 10 Brötchen, mehrere Scheiben Käse und Wurst in Servietten gewickelt. Die Krönung von alledem waren 12 frische Eier in einem Eierkarton, die ihr der Koch aus dem Restaurant besorgt hatte. Die Tüte hatte etwas von einem Feldzug nach St. Martin oder Halloween. Ich fragte, wie willst Du all das transportieren? Völlig selbstverständlich antwortete sie: Kommt alles ins Hauptgepäck. Das gebe ich ja auf. Wenn ich die Sachen mit ins Handgepäck nehme, nimmt man mir die Lebensmittel ab. Ja, so ist das mit der Logik und der Eigen- und der Fremdwahrnehmung, dachte ich grinsend. Zudem wäre ich so gerne dabei, wenn sie den Koffer zu Hause öffnet oder der Zoll am Flughafen ihren Koffer unter die Lupe nimmt.

Das Tollste an diesem Mittag im Café war: Es haben wieder kuriose und leichte Geschichten Platz in meinem Leben! Verlorengegangene Leichtigkeit hat wieder Einzug genommen. Die Geschichten sind nicht mehr bedrohlich, sondern einfach nur Geschichten, die so oder so ausgehen, aber niemand wirklich Schaden nimmt. Vielleicht die Klamotten neben den Eiern :-).

Ausgerechnet Zoé

In  dem Kinofilm „Ausgerechnet Zoé“, der in den 90ern in den Kinos lief, geht es um die 22 Jahre alte Zoé, die sich bei einem One-Night-Stand mit ihrem Exfreund mit HIV angesteckt hatte. Den gesamten Film bekomme ich nach all den Jahren nicht mehr zusammen. Jedoch ist mir bis heute die Freundin Pat der Hauptfigur Zoé in Erinnerung geblieben, da sie ungemein anstrengend war. Stellvertretend für Zoé jammert sie ständig rum: Warum ausgerechnet Zoé? Noch so jung und gesund und überhaupt. Pat ging mir furchtbar auf die Nerven, denn Zoé hatte nach dieser Diagnose ihr Schicksal extrem gut und vor allen Dingen sehr ehrlich gemeistert. Was jammerte Pat da überhaupt so blöd rum? Ihr Leben war völlig in Ordnung. Sie hatte doch noch ihre Zukunft vor sich.

Ich mag diese Pseudobetroffenheit nicht. Damit stellen sich diese Menschen über den anderen. Und was nutzt es dem Betroffenen? Das Verhalten ist überhaupt nicht zu gebrauchen. Es macht nur noch mehr Drama zudem, was man selbst schon zu bewältigen hat. In meiner Vergangenheit habe ich mich bei diesen Menschen immer gefragt: Um wen gehts hier eigentlich? Um mich bestimmt nicht! Denn: Hallo! Dir gehts super! Ich halte die Arschkarte in der Hand!

Also Pat jammert in dem Film bis fast zum Schluss weiter rum und geht dann ein letztes Mal unachtsam über die Straße. Völlig unaufgeregt wird sie von einem Auto überfahren. So banal kann das Leben sein: Pat ist tot und Zoé geht auf ihre Beerdigung anstelle umgekehrt.

Der Film fiel mir letzte Woche wieder ein und hängt mir bis heute nach. Was wollte der Film uns Zuschauern eigentlich sagen?  Was sagt uns das Leben?

Es gab noch eine übrig gebliebene Freundin aus der Hamburger Zeit. Wir telefonierten alle paar Wochen miteinander. Sie hatte alles, was ich in meinem Leben bis heute nicht erreichen konnte: Sie war rundum zufrieden bis fast glücklich damit. Einfach nur über Gott und die Welt quatschen ging allerdings seit meiner Gehirntumor-Diagnose mit ihr nicht mehr. Der Spaß war leider vorbei! Sie bekam so etwas Nerviges von dieser Pat und war seitdem nicht nur sehr betroffen, wenn wir telefonierten, sondern gab mir ständig unaufgefordert Tipps. Sie wusste alles: Wie ich mich ernähren musste. Was der richtige Schlafrhythmus ist. Welchen Sport ich machen sollte und warum Vitamin D so unglaublich schlecht für mich sei! Mit der Schulmedizin stand sie auch immer wieder auf Kriegsfuß, was ständig zur Diskussion stand. Ihre Eltern waren beide Heilpraktiker und hielten überhaupt nichts von der Schul-/Gerätemedizin, die nur symptomatisch behandelt und nicht ganzheitlich! Ich mochte sie wirklich von Herzen gerne, aber in dieser Situation war sie wenig hilfreich. Der Grund, warum ich während meiner Katastrophenjahre die Telefonate reduzierte. Als dann im Frühjahr 2018 die Diagnose Brustkrebs kam und im Sommer die Chemo folgte, unterbrach ich den Kontakt für die gesamte Zeit. Ich wollte mir eine Diskussion über die Chemo einfach ersparen. Deshalb dachte ich mir überhaupt nichts dabei, dass ich lange nichts mehr von ihr hörte.

Letzte Woche rief ich sie an. Ihr Mann ging ans Telefon. Er teilte mir in wenigen Worten mit, sie sei nach kurzer heftiger Krankheit am 11.11.2019 verstorben.

Diese Information hat mich völlig fertig gemacht. Nicht sie: eine Person, die ein gutes und gesundes Leben hatte. Eine kostbare Seltenheit heute. Ihr Leben war in meinen Augen mehr als perfekt: Es war schön! Wie konnte so etwas passieren? Sie gehörte für mich zu den Hoffnungsträgerinnen, wohin ich schaute, wenn ich mal wieder so richtig an die eigenen Grenzen kam: So kann es auch sein, das Leben!

Unser Schicksal ist machmal völlig verdreht. Es gibt Menschen, die wirklich heftige Diagnosen zu bewältigen haben und jeden Tag, jede Stunde und Minute für ein wenig mehr Zeit auf dieser Erde kämpfen. Und dann gibt es die Menschen, bei denen man denkt, die haben die Zeit, das Leben, die Liebe, das Glück und die Gesundheit für sich gepachtet und die sind dann plötzlich nicht mehr da! Einfach gestorben!

Aus meinem Blickwinkel heraus hatte sie noch wesentlich mehr Zeit auf dieser Erde vor sich als ich. Das Leben hatte jedoch etwas anderes mit uns vor.

 

… und jetzt?

Mit einem Piaggio APE 50 durch die Toskana, das war der Plan, der mich durch meine Krebsdiagnose und die vielen Therapien brachte. Ich brauchte in meinem italienischen Café oder auf meinem kleinen Hinterhofbalkon nur die Augen zu schließen und hörte das knatternde Geräusch, die Fehlzündungen und dann das Pöttern, wenn das Gerät fuhr. Und schon war ich in Italien. Wenn mich die Sehnsucht schmerzhaft packte, schaute ich mir auf der Internetseite Piaggio Commercial die verschiedenen Modelle an.

Obwohl die Idee Toskana über Monate mein Anker war, habe ich diese Reise in die Toskana bisher nicht gemacht. Ob ich sie nur verschoben habe? Ich weiß es nicht! Als alles vorbei war, kam erst einmal das ganz große Nichts. Ich war so damit beschäftigt, die Therapien zu überstehen und damit, mein Leben auszumisten, dass – als es endlich vorbei war – nichts passierte. Die Erde drehte sich einfach weiter. Alle um mich herum lebten ihr Leben wie gewohnt. Und ich steckte über Jahre in einem Leerlauf fest und hatte den Anschluß verpasst.
Bis heute finde ich meinen Platz in dieser Welt nicht. Ich fühle mich, wie damals als ich 1995 zum ersten Mal in New York war und mich ein Magen Darm Infekt erwischt hatte. Ich schleppte mich wie Marco Stanley Fogg aus dem Paul Auster Roman Mond über Manhattan gegen den Strom auf der Fifth Avenue zum Central Park und wollte dort eine Bank finden und mich ausruhen. Einen ruhigen Moment im Grünen sitzen: Sonne sehen! Himmel und Wolken! Als ich da mit meinen Bauchkrämpfen saß und den Menschen zuschaute, frage ich mich: Wo wollen die alle so schnell hin? Gab es einen Bombenalarm? Sind Kriminelle hinter denen her? New Yorkerinnen und New Yorker gehen nicht, sie walken und joggen. Sie essen nicht einfach ein Sandwich oder trinken gemütlich einen Kaffee, sie optimierten mit der Ernährung ihren Körper. Sie fahren nicht einfach Roller Skate oder Rad, sie stellten Rekorde auf. Sie kaufen nicht ein, sie shoppen. Und mittendrin die Touristen in den Pferdekutschen. Mit aufgeladenen Akkus ist das super. Dann reißt New York einen mit, als gäbe es kein morgen. Schwäche hingegen gilt nicht!

An so einem Tiefpunkt, wie 1995 auf der Parkbank im New Yorker Central Park, wurde ich im Juli nach meinen Therapien wieder ins Leben gespuckt. Als mir meine Onkologin sagte, heute ist ihr letzter Tag, wie schön! Ich konnte nicht anders und heulte los, fragte sie: Was mache ich denn jetzt da draußen?
Wenn ich mit offenen Augen durch die Stadt gehe, frage ich mich wie damals: Hallo, wo wollt ihr denn alle hin? In 100 Jahren leben nicht einmal mehr unsere Enkel auf dieser Erde. Die Worte Stress, Spaß und Optimierung kann ich nicht mehr hören. In unserer europäischen Welt ist New York längst angekommen: Wer normal oder sogar noch krank ist, der ist raus. Der darf nicht mehr mitspielen.

Auf meiner Straße traf ich vor ein paar Tagen eine alte Freundin. Sie war, wie alle, im Stress. Was sonst? Wir haben mittlerweile 12 Monate im Jahr stressige vorweihnachtliche Ausverkauf-Stimmung. Die Eltern, der Freund, ihr Laden, die fiese Erkältung und damit ins Bett, geht ja gar nicht und überhaupt. Ich stand ihr nicht gerade aufmunternd gegenüber und meinte: Wie wäre es mit ein wenig Ruhe? In solch einem Moment werde ich immer mit großen Augen fassungslos und wortlos angestarrt: Wie bist Du denn drauf!!! Der Small Talk wird  an diesem Punkt in der Regel abrupt beendet, weil ein stressiger Termin ansteht. Mir wurde nach diesem Treffen schlagartig klar, wie privilegiert ich bin und habe mich in Gedanken gefragt: Will ich so was überhaupt noch: Ein Leben auf der ständigen Überholspur. Immer am Anschlag. Und meinen, dass wäre auch noch cool? Möchte ich wirklich wieder dazu gehören? Will ich ständig und überall abgelenkt von mir selbst sein? Ich bin frei. Völlig frei! Alle Altlasten sind entsorgt. Mein Leben ist  geregelt. Wer kann das schon von sich behaupten?

Aber auch Freiheit muss man können! Ich weiß nicht wie lange ich jetzt noch um die Frage kreise: Ziehe ich einfach nach Lanzarote oder lerne ich doch Italienisch, um endlich meinen Toskana-Trip mit einem Piaggio APE Kastenwagen zu machen?  Aber genauso wie ich 1995 mit meinen Bauchkrämpfen von der Bank aufgestanden bin und mich wieder über die Fifth Avenue zurück zum Hotel wagte, werde ich irgendwann auch wieder ein Leben wagen. Auch New Yorker werden in ihrem Leben mal einen Magen Darm Infekt haben! So perfekt wie die Welt mir scheint, ist sie vielleicht doch nicht! Und irgendwo wird es einen kleinen Platz Un-Perfekt schon für mich geben!

Beide Füße fliegen hoch!

Als ich mir im Frühjahr 2019 ernsthaft vorgenommen hatte Ende des Jahres 2021 an einem  Marathon mit teilzunehmen, wenn auch nur mit 10 km, ging ich mein Projekt frohen Mutes und mit einer übereifrigen Rocky Mentalität an. 10 km schaffte ich bereits locker zu Fuß, was soll da groß auf mich zukommen? Ein überschaubarer Plan. Dachte ich. Also warum mir einen Kopf machen. Olle Jogging-Klamotten an und ab auf die Piste. Einfach nur los und laufen, laufen, laufen, so wie Rocky, mein großes Vorbild in dieser Sache! 😉 Tja, das ist gründlich in die Hose gegangen.  Daher suchte ich mir einen Trainer. Und da ich zu diesem Zeitpunkt immer noch den Rocky-Motivator in mir trug, ging ich beschwingt zur ersten Trainingsstunde und erhielt dementsprechend einen sportlichen Trainingsplan: Hey, ich war motiviert. Ich war cool. Ich war bereit, alles zu geben!

Die KW 24 hatte ich komplett durchgezogen. Um das komplette Trainingsprogramm bereits eine Woche später komplett in die Tonne zu kloppen. Ich war frustriert.

Sich mit 10 km an einem Marathon zu beteiligen, war nur noch Utopie! Blödsinn! Schwachsinn!
Mein größtes Problem war, dass ich mir ständig die Füße verknotete, stolperte und hinfiel. Ich musste immer hoch konzentriert laufen und gab innerlich den Ton an: Eins. Zwei. Drei. – Eins. Zwei. Drei. Eins. … Wurde ich kurz abgelenkt, fiel ich auf die Nase. In dieser Phase hatte ich so gar nichts mehr mit Rocky gemeinsam.

Der Sardinien-Urlaub gab mir neuen Mut. Ich stellte mir etwas Eigenes zusammen. Morgens laufen, mittags Yoga und am Nachmittag schwimmen. Und das alles in einem maßvollen Rahmen. Es klappte auch wunderbar bis zur Mitte der Urlaubszeit. Ich war echt stolz auf mich. Aber dann kamen die Viren meiner Sitznachbarin am Abendbrot-Tisch auf mich zu und legten mich bis Ende des Urlaubs mehr oder weniger lahm.

Ich brauchte schon wieder einen neuen Plan. Daher ging ich auf die Suche. In Düsseldorf bot eine Laufschule einen Technik-Einsteigerkurs an. Und den buchte ich einfach. Was Besseres hätte ich gar nicht machen können. An dem ersten Tag habe ich so viel über das Laufen gelernt und auch wieder gemerkt, dass völlige Selbstverständlichkeiten, wie z.B.

der Unterschied zwischen Gehen und Laufen dieser kleine Moment in der Luft ist.

Und das war genau mein Problem! Das bekam ich nicht hin. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich gar nicht darüber nachgedacht (mal ehrlich: Jeder weiß es, jeder kann es, niemand muss auch nur ansatzweise darüber nachdenken. Bei mir hat aber der Hirn-Tumor alles ausgelöscht. Manches war einfach noch nicht wieder da.), sondern immer nur geflucht, warum klappte es einfach nicht. Mein Kopf konnte es nicht umsetzen und leitete falsche Signale an Beine und Füße weiter.

Von dem Moment an, als ich die völlig Selbstverständlichkeit des Joggens kapiert hatte und es in meinem Stammhirn (ich bin bis heute immer noch über das Wunderwerk Gehirn erstaunt, wenn es bei mir erst einmal etwas verstanden hat, dann geht es auch plötzlich. Nicht alles, denn Fahrrad fahren werde ich nie mehr können, aber anderes kann ich dann eben doch) angekommen war, freue ich mich über jeden kleinen Moment, den ich mit meinen Füßen in der Luft bin, auch wenn der Abstand zum Boden noch so klein ist. Für mich ist es wie fliegen und noch so vieles mehr: Kopf, Füße und Beine sind wieder eine Einheit. Die Kommunikation ist wieder hergestellt. Mittlerweile kann ich bei meinem Intervalltraining 4 x 3 Minuten Joggen mühelos einbauen.

New York ist wieder ein Plan. Ein Vorhaben. Ein reales Ziel!

#Brustkrebs / Prinzessin uffm Bersch

Was tun, wenn die Diagnose Krebs ausgesprochen wurde – Krebs eine eigene Realität ist? Wir gehen zur Vorsorge, sind nervös, denken aber irgendwie: Der Kelch geht diesmal an uns vorüber. Gehen erleichtert nach Hause, wenn der Arzt sagt, bei Ihnen ist alles okay. Und dann BÄHHMMM, steht ein Verdacht im Raum, der sich nach einem Untersuchungsmarathon bestätigt. KREBS! ICH! EINE TATSACHE!

Nicole gibt auf ihrem Blog prinzessin-uffm-bersch.de, neben ihrer Geschichte anderen Frauen und Männern Raum für ihre Geschichten. So fühlt man sich auf der einen Seite nicht so alleine mit der Diagnose und auf der anderen Seite muss das auch einfach mal raus, man möchte zeigen: Ich bin noch da! Ich bin ganz hier bei mir.
Im November 2019 durfte ich meine Geschichte erzählen.

Wir brauchen Menschen wie Nicole, weil wir an manchen Kreuzungen unserer Erkrankung Vorbilder und Wegbegleiter brauchen, die uns Mut und Kraft mit auf dem Weg geben. Sie geht mit dem Thema Krebs an die Öffentlichkeit, da es ihr ein persönliches Anliegen ist, „den Tabuthemen Krebs und Behinderung mehr Akzeptanz in unserer Gesellschaft zukommen zu lassen.“

Ich möchte zeigen, dass das Leben mit einem behinderten Kind und nach Krebs, schön und wertvoll sein kann – auch für dich! Wenn du von Krebs betroffen sein solltest: ,,Hab Mut bei allem was du für dich angehen musst und wage es zu träumen und Wünsche zu äußern! Wenn dir deine alten Wege zu beschwerlich wurden – such dir neue. Meistens liegen sie bereits ungeahnt in dir. Da glaube ich ganz fest dran! Such dir gleichgesinnte Frauen mit denen du dich austauschen möchtest. Lerne den Krebs in dir zu verstehen. Bedenke bei allem – es geht alleine um dich und dein Leben!“

Nicole ist eine Privatperson, die keinerlei Nutzen aus ihrem Tun zieht. Auf ihrem Blog teilt sie offen, jedoch ohne Schockfotos oder in irgendeiner Art übergriffig zu sein, mit uns ihre Geschichte. Zudem teilt sie mit uns ihren großen Erfahrungsschatz über das Thema Brustkrebs, den sie sich über viele Jahre erarbeitet hat. Daraus resultieren viele nützliche Tipps unter der Rubrik Erste Hilfe. Genauso wie mein Arzt, vertritt Nicole die Meinung, dass nur eine aufgeklärte und mündige Patientin, eine für sich richtige Entscheidung treffen kann, so schwer sie auch sein mag. 

Ich bin nicht nur von Nicols Biografie und ihrem Leben beeindruckt, sondern auch von ihrer Lebenserfahrung, sowie von ihrer Unermüdlichkeit in der Auseinandersetzung mit dem Thema. Der Blog von Nicole ist sehr umfangreich. Jeder kann und darf für sich entscheiden, was nützlich für ihn ist. Ich jedenfalls danke Nicole für ihre Arbeit und freue mich, dass ich sie kennengelernt habe. 

Kontakt:
Website / Instagram /  Facebook

(1.) Gespräch mit Claudia.

Die New Yorker feiern ihre Feuerwehrmänner als DIE WAHREN HELDEN! Die sind auch wirklich cool. Für mich sind jedoch die wahren Heldinnen und Helden, die, die den Kampf gegen Krebs aufgenommen und ihren Kopf nicht in den Sand gesteckt haben. Sie haben sich den kleinen aggressiven und todbringenden Zellen gestellt oder tun es immer noch. Egal an welcher Kreuzung sie mit ihrer Erkrankung stehen, bieten sie Tag für Tag, ihrem Schicksal die Stirn.

Nachdem ich 2011 meine beiden Gehirn OP’s überlebt hatte, saß ich zu Hause und dachte, jetzt hast Du mit erhabenen Hauptes den Kampf der Kämpfe durch- und überlebt und was ist nu? NIX! Ein Freund meinte damals dazu, was hast Du denn erwartet? Ein Feuerwerk etwa? Ja, antwortete ich, dass größte überhaupt und eine Party und viele Geschenke dazu. Er schüttelte nur den Kopf, verdrehte die Augen und meinte, sei einfach froh, dass Du all das überlebt hast. Du hast ein Leben! Hab ich das?, fragte ich mich! Diese Aussage steht stellvertretend für viele Gesunde (Außenstehende: Eltern, Freunde, Lebenspartner, Gesellschaft), die so einen harten Kampf nie kämpfen mussten: Sei doch froh! Du lebst doch – oder?  Leider funktioniert der lineare Weg nur in den vielen TV-Krankenhausserien: Tumor raus, Wunde zu, Therapie und vielleicht noch eine Reha dazu und ab zurück ins Leben! Zack! Zack, wie am Fließband. Und bitte immer dabei lächeln, dankbar in die Kamera schauen und fröhlich sein. Schließlich wollen die anderen sehen: Es ist leicht zu schaffen! Leid hat da keinen Platz, das macht ihnen Angst.

Als ich letztes Jahr sehr viele Stunden in der Onkologie verbracht habe, dachte ich es wieder (und ignorierte in meinen Gedanken das Augenrollen des Freundes), ja dachte ich, wir alle hier haben eine Tapferkeitsmedaille, viele Feuerwerke und Geschenke verdient. Was wir hier leisten, das macht uns so schnell niemand nach! Wir sind Superhelden! Wir brauchen auch keine Siegertreppchen, schließlich wetteifern wir ja nicht. Wir haben alle Gold mit Auszeichnung verdient!

Ich traf mich mit der Heldin Claudia, die vor 10 Jahren ihre Diagnose Brustkrebs erhalten hatte und wollte von ihr wissen, wie sie es geschafft hat mit der Diagnose Brustkrebs umzugehen. Wie sie wieder ins Leben zurückgefunden hat. Mich interessierte weniger eine Beschreibung von dem, was sie alles zu bewältigen hatte (denn wir Betroffenen wissen alle, was die Therapien mit uns machen), sondern eher, was diese Krankheit mit ihr gemacht hat. Beim Gespräch saß ich einer lebensbejahenden, tiefgründigen und humorvollen Frau gegenüber.

Krebs kommt ja leider oft leise und völlig beschwerde- und schmerzfrei daher. Man entdeckt einen kleinen Knubbel, das Blutbild stimmt nicht so ganz oder in der Vorsorge gab es Auffälligkeiten. Und dann BÄHM!, man wird im Hier und Jetzt mit Leid und Tod konfrontiert! Muss zukunftsweisende Entscheidungen treffen. Wie war es für Dich, als Du die Diagnose erhalten hast? 

Für mich kam die Diagnose nicht wirklich überraschend, da ich durch meine Oma, Mutter und ältere Schwester erblich vorbelastet war und eigentlich immer mit der Angst gelebt habe. Meine Mutter verstarb an Brustkrebs, als ich nur 9 Jahre alt war.  Daher wusste ich, es kann mich treffen! Und ich wusste ungefähr, was auf mich zukommt, obwohl in meiner Kindheit alles andere als offen mit der Erkrankung umgegangen wurde.

Macht es das Wissen darüber besser? Denkt man nicht doch irgendwie, der Kelch geht an mir vorüber? 

Obwohl ich die Diagnose nach zahlreichen und jahrelangen anderen schweren Schicksalsschlägen bekam, ich quasi in Übung im Umgang mit schlechten Nachrichten und Zeiten hatte, war es natürlich ein Schock. Damals dachte ich und das war irgendwie auch ein Trost für mich, jetzt stößt mein Körper den letzten Rest an Scheiß ab und danach ist dann endlich gut. Ich will überleben, den Kampf aufnehmen.
Zusätzlich motiviert und gewissermaßen gezwungen zu kämpfen war ich, weil meine Tochter zu diesem Zeitpunkt erst 12 Jahre alt war. Ich wollte ihr das Schicksal ersparen, ihre Mama so früh zu verlieren, wie ich es damals erleiden musste. Deshalb betrafen alle meine Entscheidungen auch meine Tochter. Sie musste schließlich genauso mit den Konsequenzen leben, wie ich. Ich entschied mich für den schulmedizinischen Weg und ging diesen von den OP’s (insgesamt waren es 6), bis zur Beendigung aller Therapien ganz konsequent, stellte nichts infrage. Machte einfach, was mir gesagt wurde, egal wie schwer es war. Wie ein Schaf ging ich von OP zu OP, von Chemo zu Chemo, von Bestrahlung zu Bestrahlung.

Wie ist Dein Umfeld damit umgegangen? Bei mir war das nahe Umfeld, Freunde und Familie von meinen vielen Schicksalsschlägen davor, völlig entnervt und so gut wie nicht mehr vorhanden. Also entschied ich, die Chemo haut die vielleicht noch verbliebenen Krebszellen raus aus meinem Körper und ich meine toxischen Beziehungen aus meinem Leben. Das hat mir geholfen, mental besser mit der Situation umzugehen.

Mein Mann stürzte sich komplett in die Arbeit. Zu Hause organisierte er unseren Alltag und konzentrierte sich ansonsten auf seinen Beruf. Eine emotionale Unterstützung konnte er mir nicht geben und über meine Krebserkrankung reden war auch nicht möglich. Jeder litt für sich alleine: zu groß war die Gefahr, zu nah die Realität. So machte jeder seins. Meine zweite Schwester unterstützte mich. Sie übernachtete einige Tage bei uns, wenn ich Chemo hatte, sie war eine große Hilfe. Meine Tochter hatte mich in dieser Zeit sehr überrascht. Obwohl sie erst 12 Jahre alt war und bestimmt auch Angst vor meiner Erkrankung hatte, ging sie offen damit um. Ich habe auch nichts vor ihr verheimlicht oder meine Erkrankung vor ihr nicht versteckt. Sie hatte keine Scheu, mich im Krankenhaus zu besuchen und sich in mein Bett zu legen. Sie schaute sich meine Narben an und bei dem Abrasieren der Haare war sie selbstverständlich dabei. Aber es gab auch viele Tage, an denen sich meine Tochter von mir distanzierte, was mir sehr weh tat: die Hilflosigkeit auf beiden Seiten zu sehen, ihre und meine.

Was mich in der ganzen Zeit irre gemacht hat, waren die vielen Ratschläge, die ich erhalten habe. Unglaublich viele Menschen fühlten sich immer und immer wieder dazu ermuntert, mir zu sagen, wie es läuft. Den aggressivsten Zusammenstoß hatte ich mit einer früheren Nachbarin. Sie schrie mich zwei Tage vor meiner ersten Chemo-Infusion auf der Straße an und meinte: Du unterstützt die Pharmalobby, Du wirst schon sehen, was Du davon hast. Alle meine Freundinnen, die den Weg gegangen sind, sind tot.
Wie hast Du Deinen eigenen Weg durch den ganzen Wirrwarr von Vorsorge, Nachsorge, Maßnahmen, Therapien, Alternativtherapien, Heilversprechen und und und … gefunden? Letztendlich geht es ja auch immer um die Angst vor den Konsequenzen, die der eingeschlagene Weg mit sich bringt.

Der Krankenhausalltag war oft sehr gruselig, kühl und machte Angst, das steht außer Frage. Er besteht aus Ärzten, Blutergebnissen, Apparaten, Medikamenten, kranken Menschen, Tod und Hoffnung. Jedoch gab es für mich keine Alternative dazu. Ich fühlte mich während der Zeit der OP’s und Therapien fremdbestimmt. Ich funktionierte einfach nur. Zu Hause versuchte ich, soweit es ging, meine Würde zu erhalten. In kleinen Schritten meisterte ich Teile meines Alltages. Zudem hatte ich mir vorgenommen,  jeden Tag eine Sache zu machen, die mir guttat. So habe ich mich jeden Morgen schön gemacht, habe mir gesagt: lächle. Ich suchte mir ein schönes Tuch oder die Perücke für den Tag aus. Das tat mir gut. Gutgemeinte Ratschläge waren nicht immer hilfreich. Auch wollte ich später keine Prognosen über eine eventuelle Wiedererkrankung wissen.

Als ich die letzte Antikörpertherapie hatte, bekam ich große Panik, da ich dachte, jetzt habe ich gar keine Waffe mehr gegen mögliche Krebszellen am Start, keinen Arzt mehr, der mir die Verantwortung abnimmt. Keinen geschützten Raum mehr für mich, wo ich einfach nur sein kann. Zudem hatte ich das Gefühl, mein Körper war ein auseinander-gefallenes, kräftig geschütteltes Puzzle mit über 1000 Teilen. Was hast Du gemacht, als erst einmal alles vorbei war? 

Ja, mein Körper hatte sich verändert. Es fühlte sich an, als wenn man mir etwas aus einem Ganzen herausgeschnitten hat, und dann alles irgendwie schief zusammengewachsen war. Was auch physiologisch richtig gefühlt war. Eine Brustamputation führt zu Spannungen und Asymmetrie. Alles sitzt nicht mehr wirklich richtig, der Körper musste neue Wege finden, damit umzugehen. Und dabei habe ich ihn unterstützt. Ich gehe seitdem wöchentlich zur Lymphdrainage und regelmäßig zur Osteopathie. Ich fing mit regelmäßiger Bewegung an und achtete auf meine Ernährung. In der Zeit lernte ich, wieder langsam meinem Körper wieder zu vertrauen. Ich entdeckte dabei, dass meine Weiblichkeit wesentlich mehr ist, als nur Busen und Po. Mit jeder neu gewonnen Kraft habe ich Dinge gemacht, die ich immer schon machen wollte, aber vor der Diagnose nie getan habe oder mich nicht getraut habe. So bin ich z.B. nach Amerika gereist und habe andere neue Wege bestritten.

Was ich sehr schön finde, dass Du dem Krebs etwas Positives abgewinnen konntest!

Ich wollte die Erfahrungen positiv für mich und andere nutzen, ohne ständig über mein Schicksal und den Krebs reden zu müssen. Nach vorne schauen und mich wieder dem Leben zuwenden. Früher hatte ich schon von Klinikclowns gehört und gelesen. Das wollte ich endlich tun. Ohne Aufschub meldete ich mich bei der Clownschule Lorsbach in Hessen an. Das Leben hat mich gelehrt im Jetzt zu sein, nicht mehr alles auf morgen zu verschieben. In den zwei Jahren der Ausbildung machte ich für mich sehr wertvolle Erfahrungen und habe dort sehr viel über meinen Körper, meine Emotionen und über meinen Mut gelernt. In meine Figur Clownia kann ich alle meine Erfahrungen hineingeben. Eine große Freude entsteht jedes Mal bei mir, wenn ich Menschen ein Lächeln auf ihren Lippen zaubern kann bzw. in eine Herz-verbindende Beziehung mit ihnen komme.

Und bist Du heute in Deinem Leben angekommen?

Ja, ich bin mittlerweile in meinem (neuen) Leben angekommen. Ich arbeite wieder und übe etliche Freizeitbeschäftigungen aus, die mir Spaß machen. Ich lebe und spüre meinen Körper, meine Emotionen und mich selbst bewusster und habe keine Scheu mehr davor, aus der Normalität auszusteigen. Früher hat mich mein Leben immer wieder aus der Normalität heraus geworfen. Als Clownia kehre ich dieses ins Positive um.

Ich danke Dir für den schönen Nachmittag!

Kontakt:
Clownia:
 E-Mail // facebook

Aufgeben gilt nicht :-)

Bevor ich nach Sardinien flog, hatte ich mir für die Zeit dort ein kleines ambitioniertes Sportprogramm zurechtgelegt. Wegen meiner vielen blöden Rückschläge wollte ich das Lauftraining und meine Yoga-Übungen nicht schon wieder unterbrechen. Es sind zwar noch zwei Jahre bis zum Marathon, aber wenn ich in diesem Schneckentempo weitermache, brauche ich für die 10 KM mindestens zwei Stunden. Der Kenianer Eliud Kipchoge hat für 42,195 Kilometer in Wien 1:59:40 Stunden gebraucht. Nur so als Beispiel! Richtlinie! Zielsetzung! Ansporn! Okay, der Vergleich hinkt ein wenig. Er ist absoluter Profi, läuft seit Jahrzehnten und hatte für diesen Rekord ein sehr großes Team dabei, welches sich um ihn kümmerte und anspornte.

Mann, ich wäre schon echt froh, wenn ich die 10 KM in einer Stunde hinbekomme. Im Hintergrund höre ich bereits Stimmen der alten genervten und ungeduldigen Petra: Dann mach doch endlich! Hintern hoch! Höre auf zu jammern! Stell Dich nicht so an!

Mein Vorhaben Laufen spiegelt eins zu eins mein Vorhaben Leben wider. Es gibt Tage, da klappt alles großartig. Meine vorgenommene Strecke schaffe ich fast mühelos. Mir gehts gut. Ich mache wieder Pläne für mein Training und für das Leben. Gefühlt gehts aufwärts. Frohen Mutes glaube ich ernsthaft daran, dass ich meinen Platz in diesem Leben wieder finden werde. Meine 10 KM in zwei Jahren schaffen werde. Und dann! Aus heiterem Himmel: BÄHHMM! Der Rückschlag! Irgendwas ist immer. Körper, Geist und Seele sind sich leider immer noch viel zu selten einig. Ständig gerate ich an irgendeiner Stelle aus dem Takt. Das Konstrukt Petra ist eine sehr instabile Angelegenheit. Das komplette Gegenteil von früher! Da trugen mich die plumpen Sprüche: Nur die Harten kommen in den Garten. Was mich nicht umbringt, macht mich nur noch härter. Ich konnte mit Weicheiern, so wie ich heute eins bin, überhaupt nicht umgehen. Und ehrlich, ich kann überhaupt nicht mit mir umgehen: dieses ständige ins Loch fallen und wieder da herauskrabbeln müssen. Manchmal bekomme ich es kompensiert, manchmal verdränge ich es einfach und dann kommen auch wieder die Tage, da geht absolut gar nichts. Gleichzeitig setzt die Verzweiflung ein und die Hoffnungslosigkeit, irgendwann einmal wirklich wieder einen Platz in diesem Leben zu haben. Ich weiß, man heilt nicht linear, sondern in Wellen. Mal gehts aufwärts, dann wieder rückwärts. Und wieder ein Stück aufwärts, dann wieder rückwärts. …

Sardinien hat mir mein kleines sportliches Vorhaben umzusetzen sehr leicht gemacht. Ich fand einen wunderschönen Ort vor. Gleich am nächsten Tag bin ich zum hauseigenen Strand gelaufen und hatte die gesamte Bucht am Meer entlang geschafft. Am nächsten Tag schloss ich mich heimlich einer Gruppe an und bin ihr nach, was auch gut gelaufen ist. Das Jippiieee am Ende derer Runde und der dazugehörige Luftsprung, beides ließ ich einfach ausfallen. War mir dann doch zu doof.

Gegen Mittag hatte ich mein kleines Yoga-Training umgesetzt und am späten Nachmittag schwamm ich im herrlichen Meer. Es klappte alles unglaublich gut. Am 5. Tag saß ich zum Trocknen am Strand und dachte, Wow, endlich klappt mal was! Du ziehst es durch! Ich sollte wirklich damit aufhören, sowas zu denken oder überhaupt daran zu denken, alles wird vielleicht doch noch gut! Ich schaffe das! Es wird! Am Abend hustete meine Tischnachbarin beim Abendessen quer über den Tisch und meinte, die scheiß Bronchitis hat sie sich aus Deutschland mitgebracht. Während des gesamten Abendessens hustete und prustet sie vor sich hin. Der nächste Tag klappte noch echt gut. Aber ab dem 07. Tag war es dann doch vorbei. Ich trat auf die Bremse. Mein Kopf schmerzte und im Hals fing es an.

Trotzdem bin ich bis zum letzten Tag morgens vor dem Frühstück an den Strand und bin meine Strecke zwar nicht gejoggt aber immerhin gewalkt. Mit den Füßen im Wasser, freute ich mich über die drei älteren Italiener, denen ich seit dem ersten Tag dort begegnet bin und dachte mir, ja eigentlich machen die es richtig. Sie genießen diesen Weg und das Wasser. Oft standen sie auf meinem Rückweg mitten im Meer und diskutierten lautstark, was ich so gerne beobachtet. Ich machte es ihnen nach, saß nach meinem Gang noch am Strand und schaute auf das unfassbare schöne Meer in der unfassbar schönen Bucht.

Yoga ließ ich ausfallen (machte nur noch kleine Gleichgewichtsübungen) und das Schwimmen auch. Leider konnte ich die Erkältung nicht abwenden und nahm sie mit nach Hause.

Einen Trost hatte ich dann aber doch, denn mein Immunsystem ist genauso gut oder schlecht, wie von den anderen am Tisch. Es hatte uns alle erwischt!

8 1/2 Wochen

Vor 10 Jahren, in der Nacht vom 20.09.2009 auf den 21.09.2009 landete ich mit extremen körperlichen Beschwerden in der Notaufnahme eines Hamburger Krankenhauses. Von dort aus wurde ich ohne physische Untersuchung auf direktem Weg in die Psychiatrie des Krankenhauses geschickt. Zwei oder drei Tage später auf der Akutstation der Psychiatrie wurde ich dem Oberarzt vorgestellt, der den weiteren Weg für mich festlegen sollte. Bis dahin gab man mir starke Psychopharmaka (Diese Abteilung ist dafür bekannt, dass sie zu viele Psychopharmaka verteilt. Eine Patientin meinte mal böse im Raucherzimmer: Tavor verteilen die hier wie Smarties, Patienten fangen hier an zu rauchen, aber Alkohol zur Beruhigung ist für die Ärzte Sucht! Wie verlogen ist das denn?), sodass ich kaum aufrecht haltend auf dem Sitzplatz vor seinem Schreibtisch saß und seine Fragen mechanisch beantwortete. In kürzester Zeit und ohne physische Untersuchung diagnostizierte der Oberarzt eine Persönlichkeitsstörung und verlegte mich auf seine Station. Dort verbrachte ich 8 1/2 Wochen. 

Es dauerte fast die Hälfte meines Aufenthalts auf dieser Station, bis ich für meine überaus aktive Bein-Motorik (die Beine krampften und zuckten unentwegt) einen akzeptablen Umgang damit und die Kraft gefunden hatte, mir zu überlegen: WAS MACH ICH JETZT? Zumal ich ja auch überhaupt nicht wusste, wohin und was jetzt. Mein Lebensplan lag in Scherben, meine Ehe war zu Ende (darauf ritten die Therapeuten immer sehr gerne rum). Zudem musste ich versuchen, dass der Aufenthalt nicht bekannt wurde, damit ich meiner Selbständigkeit weiter nachgehen und meine laufenden Projekte abschließen konnte (ich arbeitete in der Psychiatrie einfach heimlich weiter, teilte niemanden mit, wo ich war). Mein Entschluss, aus den Fängen der Psychiatrie zu kommen, also meine persönlich geplante Entlassung aus der Psychiatrie entpuppte sich als gar nicht leicht. Ist man erst einmal auf Station übernehmen andere die Kontrolle über einen. Denn ich war ja psychisch äußerst instabil und das wurde mir täglich in den Therapierunden erklärt. Für den Geschmack der Therapeuten hatte ich zu viel eigene Meinung, war Tablettenverweigerin und stellte mich quer bei den Therapien, stellte zu viele Fragen und kritisierte deren Vorgehensweise recht offen. 

Irgendwann kam ich auf die Idee, vielleicht könnte man in einem allgemeinen Krankenhaus, in dem ich ja war, meinen körperlichen Beschwerden auf den Grund gehen und sprach bei einer der Ärztesprechstunden (die ein Mal in der Woche stattfanden) vor. Ich vergesse bis heute diesen arroganten Blick des Arztes nicht: „Ja Blut können wir Ihnen abnehmen, dazu haben wir aktuell jedoch keine Veranlassung. Wie kommen Sie auf ein Kopf-MRT? Weil meine Symptome auf MS oder gar Parkinson hinweisen! Und dann kamen im Von-Obenherab-Blick gekoppelt mit einem Ton (der ansonsten von der Generation Großeltern für Kinder unter 5 angewendet wird, wenn sie etwas angestellt haben oder ein Wort verwenden, welches man nicht in den Mund nehmen darf) seine Worte: Meinen Sie wirklich, Sie können eine Diagnose stellen? Von diesem Moment an wusste ich, ich bin denen hier ausgeliefert. Von dieser Seite kann ich keine Hilfe erwarten. Denn die Ärzte und Therapeuten hatten ihr Urteilt über mich gefällt und wenn ich nicht mitmache, dann geht das hier für mich verdammt böse aus. 

Von dem Tag an wurde ich zunehmend einsichtiger, beteiligte mich an den Therapien, erfand meine eigene Persönlichkeitsstörung und inszenierte meine Besserung davon. So nahm ich die Psychopharmaka jeden Abend entgegen und meinte, ich kann es ja Mal versuchen (ich hatte das Glück, dass bei mir noch nicht kontrolliert wurde, ob ich sie auch schluckte, in diesem Stadium der Entmündigung war ich noch nicht angekommen) und warf sie anschließend ins Klo. Ich rollte während der konstruktiven Bewegungstherapie auf dem Bauch liegend über ein Kissen, anderen Patienten Murmel zu und sprach später in der Runde über meine Empfindungen und neuen Erfahren, die ich mir während des Murmelvorgangs ausgedacht hatte. Während der Musiktherapie schnappte ich mir jedes Mal die Rassel, rasselte ab und an, klinkte mich während der gemeinsamen musikalischen Darbietung innerlich aus (denn wir alle hatten gar keine Instrumentenerfahrung oder eine Ausbildung darin) und sprach später darüber, wie viel Halt mir die Rassel gab. In der Morgenrunde sprach ich über meinen vergangenen Schlaf und abends über den bevorstehenden Schlaf. In der Gruppentherapie verhielt ich mich ruhig und in der Einzeltherapie kramte ich Geschichten aus meiner Kindheit hervor. Nachts riss ich mich zusammen und lief nicht mehr über die Flure. Ich ertrug meine Beine. In den wöchentlichen Abschlussgesprächen teilte ich der gesamten Therapeuten- und Ärztemannschaft mit, wie gut mir die Tabletten jetzt täten und wie viel ruhiger ich dadurch geworden bin und welche Fortschritte ich durch die Therapien machte. Zudem zitierte ich meinen Mann zu einem gemeinsamen Gespräch mit dem Arzt, damit er aussagte, dass wir beide es noch einmal miteinander versuchen werden, also ich eine Zukunft in der Außenwelt haben werde. Mein schwarzer Humor ließ mich die vielen Krisen und Verzweiflungsanfälle überstehen.

Ich war damals (bin es heute noch) fassungslos, dass es wirklich funktionierte. Ich wurde Mitte November mit den Worten entlassen, dass ich gute Fortschritte gemacht hätte und auf einen guten Weg wäre.  

Und weil ich es nicht oft genug sagen kann, da ich es bis heute nicht verstehe, dass so etwas überhaupt passiert: Ich wurde, bevor ich auf Station aufgenommen wurde und später auf Station in einem allgemeinen Krankenhaus, welches eine Abteilung Psychiatrie hat, physisch nicht untersucht. Meine Bitte, das nachzuholen, wurde arrogant abgewiesen. Mir wurde eine völlig unnötige Therapie aufgezwungen und damit ich überhaupt wieder entlassen werden konnte, machte ich nach 4 Wochen scheinbar mit. Was diese aus- und völlig eingebildeten Ärzte (Psychiater) und Therapeuten nicht einmal merkten, sondern mich noch ermunterten, so weiterzumachen: Ich sei auf einen guten Weg! Hätte ich diesen Ärzten und denen davor vertraut, dann wäre ich heute tot. Ich wäre als PSYCHO gestorben. Vielleicht wäre man irgendwann noch auf die Idee eines MRT’s gekommen. Vielleicht? Aber ich denke eher nicht, so wie man auf dieser Station mit Psychopharmaka vollgestopft wurde, hätte man alle meine physischen Symptome auf meine Psyche oder auf die Medikamente schieben können. Auch wenn ich gesagt hätte, ich nehme diese Pillen gar nicht, wer hätte mir denn geglaubt? Wer hätte auf meiner Bitte hin und für den Beweis dafür, einen Bluttest gemacht? Wer schießt sich denn selbst ins Knie?

Im Herbst 2013 musste ich Hartz 4 anmelden, weil durch die vielen Fehleinschätzungen der vielen Ärzte und der dadurch sehr späten Kopf OP’s im Jahr 2011 mein Leben, meine mentalen und körperlichen Kräfte einfach nicht mehr vorhanden waren, um mir ein neues Leben aufzubauen. Mein persönliches und berufliches Leben hatte ich 2010 in Hamburg gelassen. Meine Rücklagen waren verbraucht. Meine kleinen Projekte deckten meine Kosten nicht. Im Jahr der Diagnose wurde der Oberarzt (Facharzt für Neurologie und Psychiatrie), der mich auf seine Station für 8 1/2 aufgenommen hatte, mir eine physische Untersuchung verweigerte und eine Persönlichkeitsstörung diagnostizierte, Chefarzt der Psychiatrie und das ist er bis heute. Als ich 2013 bis 2014 versuchte gegen die Behandlung in der Psychiatrie rechtlich vorzugehen, bekam ich kein Recht (Die Gegenseite zerpflückte alles in Einzelteile und setzte darauf, wie irre ich doch war. Die fehlende physische Untersuchung wurde schlichtweg und permanent ignoriert. Diese Anwälte sitzen das einfach aus, so lange bis einem die Kraft für einen Kampf und das Geld dafür fehlen. Zudem fehlte mir der emotionale Abstand, um besser mit den Argumenten der Gegenseite umgehen zu können.) und streckte irgendwann die Flügel. 

Wenn mein innerer Schutzengel, mit seinen vielen tollen und unermüdlichen Gefährten: Trotz, Sturheit, Willenskraft, Intelligenz, Widerspruch, Skepsis, Misstrauen und Mut mir nicht zur Seite gestanden hätten, wäre ich als Irre gestorben. Niemand hätte sich die Mühe gemacht, die Wahrheit herauszufinden. Niemand hatte mir bis 2011, bis zur Diagnose geglaubt. Die Liste dieser Ärzte, Heilpraktiker, Heiler, Osteopathen und Alternativ-Medizinern aller Art ist sehr lang. Mein Exmann, meine Freunde und Familie glaubten mir sowieso nicht. Ich hatte PSYCHO fett auf der Stirn stehen. Es war ja für alle auch so unglaublich einfach: Reiß Dich mal zusammen. Du immer! Du hast ja immer was! Man muss auch wollen! Nimm endlich die Tabletten! Sicherlich waren Familie und Freunde nach der Diagnose etwas verhalten, aber dann schoss man sich darauf ein: Woher hätten wir das denn wissen sollen? Die Ärzte haben Mist gebaut! Aber auch wenn jemand Psycho ist, ist er doch immer noch ein Mensch, dem man respektvoll und menschlich begegen kann. Hinter jedem Psycho steckt ein Mensch, wenn er könnte würde er ganz bestimmt anders sein. Wenn er könnte! 

Artikel: 04.11.2011

Ich bekam im Jahr 2011 drei Entschuldigungen von drei Menschen, die alles richtig gemacht haben. Und das bedeutet mir bis heute unglaublich viel. Denn kein Geld der Welt kann die eigene innere Welt und die eigene Würde nach so einem Drama wieder heil machen, aber ein > Tut mir ehrlich leid < oder eine aufrichtige Entschuldigung können das. Denn dann weiß man, dass man richtig ist und spürt, der andere kann das große Leid sehen, was einem widerfahren ist. Er nimmt Anteil an diesem Leid. In der Uniklinik Düsseldorf wurde ich wegen meiner körperlichen Beschwerden (in der Notaufnahme) auf Endstadium MS untersucht. Als der junge Arzt mir die Diagnose Gehirntumor (der Tumor am Stammhirn war gutartig und saß dort schon fast 10 Jahre, so deren Einschätzung) mitteilte, fragte er mich: Niemand hat bei Ihnen ein MRT in Erwägung gezogen, bei Ihren Symptomen? Ich verneinte. Er holte tief Luft, ließ sie langsam raus und sagte: Ich möchte mich in aller Form für meine Kollegen bei Ihnen entschuldigen. Das Gleiche haben meine beiden Operateure auf der Neurochirurgie gemacht. Sie entschuldigten sich für ihre Kollegen bei mir. Dr. Chaddeh hatte es mit seinen Worten, bei unserer ersten Begegnung auf den Punkt gebracht. Er meinte damals, als er mich nach nicht einmal 10 Minuten auf direktem Weg mit einem Taxi in die Notaufnahme der Uniklinik schicken wollte, auf meinen Ausruf  > Wieso das denn jetzt? Ich bin eine Irre! <

„Frau Bach, man kann Läuse und Flöhe gleichzeitig haben, aber ich bin mir sicher. Sie haben nur Flöhe!“