Kategorie: Hallo

2021: Für jedes Lebensjahr einen Kilometer.

Hallo, ich bin Petra.

In meinem normalen Leben arbeite ich als freischaffende Kulturmanagerin.
Aktuell habe ich andere Pläne. Ende des Jahres 2021 möchte ich mit 10 km an einem Marathon teilnehmen.

Was tun, wenn Dir über 7 Jahre niemand glaubt? Wenn 8 Neurologen, 5 Hausärzte, 2 Orthopäden, 2 Krankenhäuser, 3 Physiotherapeuten, 3 Osteopathen, 2 Homöopathen, 4 Heilpraktiker und aus purer Verzweiflung ein Heiler Dir den Stempel Psycho oder Burn-out auf die Stirn kleben, aber dabei eindeutige Symptome, wie Drehschwindel, Gleichgewichtsstörungen, neurologische Ausfälle, Restless Legs, Atem- /Schluckbeschwerden und damit verbundenen Gewichtsverlust sowie extreme Schlafstörungen für ein notwendiges MRT übersehen? Wenn sie Dich ohne physische Untersuchung lieber für 8 1/2 Wochen in die Psychiatrie stecken?

Ich streckte irgendwann die Flügel und ließ es zu.

Was tun, wenn Dir im Frühjahr 2011 aus reinem Zufall jemand über den Weg läuft und er Dir einfach so aufgrund Deines eindeutigen Gangbildes sagt: Sie haben etwas am Stammhirn! Lassen Sie das bitte sofort untersuchen und kurz darauf am 21.04.2011 die Diagnose mega großer Tumor am Stammhirn gestellt wird?

Ich habe vor Erleichterung geheult, denn ich war keine Irre!!!, sondern wirklich und nachweislich krank.

Wie sollst Du in kürzester Zeit über Dein weiteres Leben entscheiden: Ob Du die restlichen Monate Deines Lebens in einem Hospiz beendest oder Dich lieber auf eine eher waghalsige OP mit keine Ahnung-Überlebenschance als Schwerbehinderte einlassen sollst? Ich brauchte keine 5 Minuten für meine Entscheidung.

Ich entschied mich für die Abkürzung – für die OP.

Was tun, wenn Du bewegungslos, in Deinem eigenen Körper gefangen, – wie ein Alien an all diesen Geräten, Schläuchen und Infusionen hängst – völlig klar denkend auf der ITS am Beatmungsgerät wider Erwartens aufwachst und niemand mit Dir spricht. Sie sprechen dafür über Dich mit anderen Ärzten, dem Pflegepersonal und Angehörigen. Und Du bekommst alles mit. Jedoch kannst Du Dich den anderen nicht mitteilen und sagen: „Hallo! Mein Körper kann zwar gar nichts mehr, aber ich bin noch da und kann alles deutlich hören und klar denken.“ 
> Sie mussten nach 12 Stunden die OP abbrechen. Es gab eine Hirnblutung, eine Hirnschwellung. Sie wussten nicht, ob ich wieder selbständig atmen, essen oder laufen kann. Und überhaupt war noch mehr als der halbe Tumor in meinem Kopf, saß immer noch fest an meinem Stammhirn. <

Wir müssen abwarten, wie es sich entwickelt. Ich war wütend. So unglaublich wütend! Die Abkürzung war ein Trugschluss.

Was tun, wenn Du es raus aus der ITS geschafft hast bis hin zur Reha, aber Du schon über alle Deine nicht vorhandenen Kräfte hinaus gegangen bist und die Ärzte, Neurologen und Physiotherapeuten Dir sagen: „Finden Sie sich damit endlich ab. Sie werden nie wieder laufen können. Lernen Sie mit Ihrer Behinderung zu leben.

Ich schrie sie alle an: „NIEMALS! Ich nehme 2013 am NEW YORKER Marathon auf meinen beiden Beinen teil.“

Vorher musste ich mich allerdings der 2. OP stellen. Und das hatte ich mit absoluter Sicherheit nicht vor. Körperlich und seelisch war ich am Ende. Zwischen den beiden OPˋs stieß ich dann aber auf die Deutsche Hirntumorhilft. Durch deren mentalen und fachlichen Unterstützung konnte ich meine Situation besser einschätzen. Zudem versprach mir ein Freund, dass ich an keinem Beatmungsgerät enden würde und so ging ich aufgeklärt, sowie mit einer auf mich abgestimmten Patientenverfügung im Herbst 2011 in die 2. OP. Sie konnten den kompletten Tumor entfernen und ich wachte nicht auf der ITS, sondern in einem Patientenzimmer wieder auf. So wie ich es verfügt und mit allen abgesprochen hatte.

Was tun, wenn Du tatsächlich all das irgendwie überlebt hast, wieder auf beiden Beinen stehst und ohne Rollstuhl von A nach B kommst, so was ähnliches wie ein Leben hast und dann BÄÄHHHM am 09.04.2018 die Diagnose beidseitiger (unterschiedlicher) Brustkrebs erhältst?

Mein erster Gang war zur Brücke. Mein zweiter, dritter, vierter und ….. Gang war zur Brücke.

Ich ging dann aber doch neben den Brückengängen ein Jahr lang zur Krebstherapie. Am 26.04.2019 stand ich Mitten in einem Platzregen mit den Gedanken: „Wenn ich es bis hierhin geschafft habe. Die Krebstherapie fast vorbei ist. Ich bis zur Brücke ohne Hilfsmittel auf meinen beiden Beinen gehen kann, dann liebe Petra hast Du ein absolutes Wunder vollbracht.“ wieder Mal auf meiner Brücke. Ich schaute auf den Rhein, zu den Schiffen und wusste absolut nicht, wie mein Leben weitergehen sollte. In diesem Moment beschloss ich, mit 54 Jahren das Laufen professionell anzugehen:

Setzte mir ein ehrgeiziges Ziel, den New York Marathon. Mit 10 km wollte ich 2021 dabei sein.

New York wird es nicht werden. Der Ort für die 10 km ist mir nicht mehr wichtig, denn seit diesem Tag gehe, walke und jogge ich bewusst. Ich laufe für mein Leben und um mein Leben, gegen die Angst, gegen all die Flashbacks, Panikattacken, sowie vielen Rückschläge, Depressionen und Tiefs.

Aber am meisten laufe ich dafür, weil ich möchte, dass die anderen hin- und nicht wegschauen: die Ärzte, die Heilpraktiker, die Familie, die Freunde, Nachbarn und und und.

Schaut und hört hin. Man weiß nie, was dahinter steckt.