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8 km in 1 Std. 5 Min. und 49 Sek.

Seitdem ich auf Lanzarote bin, laufe ich morgens ohne Laufuhr oder Schritt- und Zeitmesser am Meer meine Runde. Aber gestern wollte ich es dann doch wissen: Laufuhr an, Training eingestellt und los. 10 km am Stück bekomme ich auch im Intervall-Lauf noch nicht hin. Den gesamten Tag über gelassen zu Fuß am Meer und durch die Gegend marschiert, ist das kein Problem für mich. Aber immerhin schaffe ich 8 km am Stück. Dafür brauche ich etwas mehr als eine Stunde.

Klar bin ich immer noch eine lahme Ente und werde es auch bleiben. Weiterhin bleiben Gangunsicherheit und Gleichgewichtsstörungen. Schaue ich nur kurz auf den Boden, schon liege ich auf der Nase. Aber es wird. Schritt für Schritt.

Lauf*frei

Als ich es Ende November 2020 trotz Corona Hindernissen nach Lanzarote schaffte, hatte ich das Vorhaben, mein Lauftraining zu optimieren im Gepäck. Der Plan geht bis heute auf. Mittlerweile habe ich mir mein eigenes keines Laufcamp geschaffen. Hinzu kommt hier auf der Insel, was es einem ungemein einfach macht: Tür zu und raus auf die Straße ans Meer. Was will ein(e) Läufer*in mehr? Nicht einmal der innere Schweinehund kommt dabei zu Wort. Mal davon abgesehen, dass meine Vorstellung von der Realität ziemlich abweicht, klappt mein Training bis heute gut. Ich habe viel mehr Kraft in den Beinen und Stabilität in meinem Körper bekommen.  Schaue ich objektiv auf mich – also berücksichtige ich meine Behinderung und ziehe mein Alter hinzu –  komme ich ziemlich gut voran. Und auch wenn New York in diesem Jahr nicht klappen wird, hatte ich die Teilnahme am NY Marathon zunächst verworfen, jedoch für mich hier auf der Insel wieder neu entdeckt. Letztendlich habe ich Marathon verstanden. Denn wie sagte Buddha: „Nicht das Beginnen wird belohnt, sondern einzig und allein das Durchhalten.“  

Marathon heißt für mich weiter laufen, immer wieder aufstehen, wieder auf die Füße kommen und laufen: Nie aufgeben!

 

Anfang bis Mitte Januar hatten wir auf der Insel geschlagene zwei Wochen Lauf*frei. Sturm, Starkregen und Kälte hat das Laufen unmöglich gemacht. Zudem sind bei nassem Wetter die Laufwege extrem rutschig und wir Läufer*innen landen schnell auf der Nase.

Die Straßen, Gehwege und Strände wurden über Tage von dem tobenden tiefschwarzen Meer überflutet. Große Palmenwedel flogen durch die Straßen. Meine Unterkunft stand 2 x unter Wasser. Am ersten Sturmtag war ich am Strand, um 3 bis 4 Meter hohe Wellen zu schauen. Ein Engländer, der einzige Mensch, der auch am Strand stand und ich mussten uns aneinander festhalten, damit wir überhaupt wieder nach oben auf die Promenade kamen. Kurz darauf war der Strand für Tage geschlossen: Klar wegen solcher doofen Touristen, wie wir, für die Sturm eben ein Abenteuer anstelle Gefahr bedeutet. Allerdings hatten wir beide es oben angekommen, wirklich verstanden. Ohne Corona wären wir uns erleichtert in die Arme gefallen. Zumindest hielt ich mich in den kommenden Tagen von Sturmgefahren fern.

Nachdem der Sturm verzogen war und ich wieder laufen konnte, habe ich nicht nur einen Gang runter geschaltet, sondern gleich mehrere. Während des Sturms fand ich es so wunderschön, das laute Meer und die Brandung zu hören. Anschließend bis heute die Stille. Und was machen viele Läufer, so auch ich: Wir hauen uns Musik auf die Ohren, damit wir durchhalten.

Ich laufe weiterhin jeden Morgen oder eben am Mittag: ohne Musik und auch ohne Stress. Ich sehe wieder das Meer, höre die Wellen, die Vögel und das Pöttern der Boote. Ich sehe die Muscheln am Strand, den Sonnenaufgang und spüre den Sand unter meinen Füßen, den Asphalt unter meinen Sohlen.

Mein Körper dankt es mir: Er fühlt sich wohl dabei. Daher habe ich mein ambitioniertes Ziel verändert. In diesem Jahr werde ich die 10 km im Intervall und bei einem eigenen ins Leben gerufenen virtuellen Lauf absolvieren. Zudem verliere ich New York nicht aus den Augen. Es bleibt mein Traum, mein Ziel. Ich möchte in der Menge über die Brooklyn Bridge laufen, stelle mir immer wieder den Startschuss vor, nachdem sich die Menge in Bewegung setzt. Gerade in der aktuell einsamen Zeit bekomme ich Gänsehaut bei diesem Gedanken. Seit Jahren glaube ich zum ersten Mal wieder an eine Zukunft, die ich vielleicht haben werden. Ich überlebe nicht mehr von Tag zu Tag, sondern freue mich auf den nächsten Morgen, an dem ich barfuß am Strand laufen kann. Freue mich, wenn die Sonne über die Dächer zu mir rüberkommt. Freue mich auf ein Morgen. Und wenn ich so weit bin, dann werde ich mit 5, 10 oder auch mehr Kilometern am New Yorker Marathon teilnehmen: in der Zukunft!

Zeitbrücke: Die Stille dazwischen.

Bis heute gehört die Skulptur Windstille des Künstlers Naotaka Naganuma aus unserer SkulpturenLandschaft in HH-Bergedorf zu meinen Favoriten. Weniger die Skulptur an sich, der ich einen anderen Titel gegeben hätte. Denn meine Vorstellung von Windstille ist sonnig und duftet nach Meer oder Blumen. Seine Skulptur ist hingegen massiv und schwer: unerschütterlich. Es ist das Zusammenspiel von dem Künstler selbst, seinen Gedanken und der monumentalen Skulptur, was die Arbeit für mich interessant macht.

Von Bewegung ist die Welt erfüllt. Es gibt eine Zwischenzeit, während der die eine fortdauernde Bewegung in eine andere Form der Bewegung verwandelt oder entwickelt. Eine Zeitbrücke. „Windstille“ ist ein meteorlogisches Naturphänomen und wirkt aber auch als Zeitbrücke, auf der man unter Umständen unterschiedliche Gefühle empfindet, nachdenklich wird oder einen geistigen Moment erlebt.“ 
(Naotaka Naganuma)

Seit Anfang des Jahres ist ohne Ausnahme die gesamte Welt in der COVID-19 Windstille  gefangen: Es ist eine hartnäckige und monumentale Stille. Unsere Erde holt Luft, macht eine Pause von uns Menschen. Schickt uns COVID-19.

Als es mit der Pandemie bei uns losging, wusste ich: Es rollt wieder ein Ausnahmezustand auf mich zu. Und dazu hatte ich überhaupt keinen Bock mehr. Weil ich dachte, es könnte helfen, verschenkte ich kurzerhand meinen Fernseher. So musste ich mir das Drama wenigstens nicht jeden Tag anschauen. Klar kann man ihn auch einfach ausschalten oder gar nicht erst ein. Aber das kann ich dann doch nicht.

2020 wollte ich endlich nach vorne schauen. Hatte einen Plan. Und dann COVID! Das Frühjahr fühlte sich wie eine Anreihung von Sonntagen an. Erst als ich permanent verschlafen hatte, wurde mir bewusst, dass es gar keinen Berufsverkehr mehr gab. Ungewohnte Stille direkt vor meinem Fenster.

Aber egal was wir tun, wir können das Virus als Schnupfen bezeichnen, es ignorieren, dagegen demonstrieren, in eine Depression verfallen oder wie ein trotziges Kind mit den Füßen stampfen. Das Virus bleibt. Und COVID-19 blieb bis heute. Und es hat absolut keine Lust uns zu verlassen, sucht freudig nach Wirten für sich, um von Mensch zu Mensch zu springen.

Ende November bin ich für 3 Monate nach Lanzarote geflohen: obwohl es sich erst durch die anrollende 2. Covid-19 Welle kurz vor der Abreise wie Flucht anfühlte, geplant und gebucht war das alle schon seit Anfang des Jahres. Wenn ich nun am Strand bin, den ich die meiste Zeit vollkommen für mich alleine habe und nur mit den Vögeln teile, denke ich nicht mehr an einen weiteren Ausnahmezustand in Form von Krise, die ich jetzt auch noch durchstehen muss, damit endlich so etwas wie normales Leben bei mir eintritt. Ich mache es wie die Erde und atme tief die Meeresluft ein, mache eine Pause. Der große Krisensturm liegt hinter mir und ich hole Luft für meinen nächsten Lebensabschnitt. Meine Seele und mein Körper haben jetzt alle restlichen Ängste, blöde immer wiederkehrende Verhaltensmuster, alte Lieben, unnötige Streits, gute Zeiten und beschissene Zeiten rausgehauen und mir noch einmal vorgeführt. Ich habe endlich die Ruhe und Kraft dafür, sie alle ein weiteres Mal und neu zu betrachten, um mich dann von dem verabschieden zu können, was in Zukunft nicht mehr zu mir gehört.

Gestern ging ich spontan über die Straße und zeigte Pedro, dem Friseur auf meinem Handy die Worte „Corte de pelo corto“. Er fragte: Estás seguro? SI! Er wiederholte seine Frage, als ich auf dem Friseurstuhl saß und er mir mit seiner Schere auf meine Haare zeigte, die er schon in der Hand nach oben hielt: Estás seguro? SI! Und dann fielen sie, meine letzten verbliebenen Chemo-Locken. Den Friseurladen verließ ich, als die alte, mir vertraute und gleichzeitig neue Petra, die jetzt für das, was kommt, gewappnet ist. Ja, ich habe mich endlich wieder! Ich bin wieder ich.

 

 

 

 

… unterm Strich völlig okay.

2020 war ich eine absolute Laufniete. Mit 3 km Joggen am Stück im Gepäck kam ich Anfang Januar von Lanzarote wieder. Noch knapp zwei Jahre für die zusätzlichen 7 km, das war zu schaffen. Im Flugzeug war ich noch guter Stimmung: 2020 sollte ein Jahr sein, in dem es nach vorne geht. Ich wollte nur noch in eine Richtung schauen. Vorwärts. Und den deprimierenden Tanz der Vergangenheit > ein Schritt vor –  25 zurück < hinter mir lassen. Der erste mentale harte Aufprall kam direkt nach der Landung in Düsseldorf. Ich hatte unser Deutschlandwetter völlig vergessen. In den nächsten Wochen  folgten alle möglichen Varianten von Regen und Grautönen, die nur das Rheinland bieten kann. Richtige Läufer benutzen niemals das Wetter als Ausrede. Ich schon. Mein innerer Schweinehund nutzte jede banale und noch so durchschaubare Ausrede.

Im März kam endlich das ersehnte Hochdruckwetter mit viel Licht und Sonne. Morgens wurde es schon wieder heller, die Luft war kühl und angenehm. Ideales Laufwetter. Nicht, dass ich mich um das Lauftraining gerissen hätte, aber bei meiner Hauptuntersuchung Mitte März entdeckte man etwas in meinem Bauch, was da so nicht hingehörte. Mein Kopfkino drehte am Rad und darum beeilte ich mich, noch einen OP Termin vor dem Covid-19 – Shutdown zu bekommen. Der Chirurg verkaufte mir die OP sehr nett und benutzte daher häufig die Worte minimal invasiv. Bis auf die gruselige Vorstellung, dass er durch meinen Bauchnabel gehen würde und es auch tat, schien alles recht easy zu sein: Zwei Wochenspätestens drei Wochen nach dem Eingriff können Sie wieder laufen!“ Die OP lief völlig glatt. Spätfolgen gab es auch keine. Der Befund war super. Null Komma Null Krebs. Alles gut. Jedoch hatte ich verdrängt, dass bei mir ein Organ entfernt wurde. Minimal invasiv hin oder her, es war eine recht große OP, bei der mein Körper länger fürs Heilen benötigte, als ich dachte. Mein Lauftraining und auch die Yogastunden wurden von Woche zu Woche verschoben. Der Sommer kam und ging –  plätscherte wegen COVID-19 vor sich hin. Wenig motiviert und lustlos aktivierte ich das Lauftraining, ging wieder zum Yoga. Aber richtig in Schwung kam ich nicht.

Mitten in meinem Frust wollte ich irgendwann wissen, was ich überhaupt in diesem Jahr auf meinen beiden Beinen und Füssen an Strecke zurück gelegt hatte. Ich zählte vom 01.01. – 15.09. alle Kilometer vom Handy-Schrittzähler zusammen. Manchmal ist es richtig gut, wenn man die euphorische Vorstellung, die man zu Beginn eines Vorhabens hatte, mit den  Niederlagen und zahlreichen Rückschläge im Laufe der Zeit, der Realität gegenüberstellt. Denn bei mir hielt sie eine  positive Überraschung für mich bereit. Ich war bereits 1.903 km gegangen, gewalkt und gejoggt. Das macht pro Tag 7,3 Kilometer. Damit  lässt sich arbeiten. Mag sein, dass ich die 10 km nicht an einem Stück joggen werde. Aber es gibt ja auch noch etwas dazwischen. Zum Beispiel Intervall-Laufen. Und überhaupt, ich kenne mich. Es kommt der Zeitpunkt, da stehe ich wieder auf. Dann packt mich der Ehrgeiz und ich ziehe mein Vorhaben, wie vorgehabt, durch.

 

 

 

Kintsugi – 金継ぎ

Ich liebe Mosaike. Mehr noch die einzelnen zerbrochenen Fliesenteile, anstelle der ganzen Bilder, die man daraus machen kann, so wie es Gaudi in Barcelona tat. Aus Italien habe ich Hunderte kleine bunte Mosaikfliesen, die ich am Strand gefunden habe (die Italiener werfen abgeschlagene und alte Fliesen einfach ins Meer und diese werden irgendwann wieder an Land gespült). Immer wieder habe ich mir vorgenommen, dass ich irgendwann etwas Schönes daraus mache. Sie zu was auch immer neu zusammensetzen werde.

Aber ich finde jedes einzelne Fliesenstück mit der jeweiligen Eigenart so schön, dass ich bis heute nichts daraus gemacht habe.

Denn jedes einzelne Fliesenstück erzählt eine eigene Geschichte. Vielleicht war es Teil eines Bades oder einer Küche? Oder Teil eines Fußbodens in einem Geschäft oder in einer Privatwohnung. Die einen Fliesenstücke wurden geliebt und gepflegt, die anderen nicht gemocht – gar gehasst, weil sie so hässlich waren. Was alle gemeinsam haben, sie waren einmal ein Teil von etwas Ganzem. Sie gehörten dazu! Machten das Gesamtbild komplett.

Ich gehörte auch einmal dazu. Wozu auch immer.  Rückblickend verändert sich die Wahrnehmung. Und so weiß ich heute nicht mehr, wovon ich Teil des Ganzen war. Zudem wurde über Jahre mein Leben immer wieder in verschiedene Einzelteile zerlegt. Der ständige Versuch daraus wieder ein einigermaßen ansehnliches neues, meinetwegen auch anderes Mosaik zu basteln, erweist sich bis heute als eher schwierig. Irgendwo bricht wieder eine Ecke ab oder es entsteht ein Riss. Es hakt hier und da. Nichts will so richtig zusammenpassen. Schief und krumm stehe ich da und kann mit mir nicht wirklich etwas anfangen. Stehe vor dem Spiegel und frage die Person darin: Wer bist Du? So alt, schief und krumm, wie Du dastehst.

Als ich mal wieder ins Tal der Jammerei und Schwarzmalerei abdriftete, meinte eine Künstlerfreundin, bei der ich mich ausheulte, zu mir:

Ach Petra, wenn eine Schüssel viele Risse hat und Du bist für mich eine angeschlagene und gebrauchte Schüssel mit viel Patina, dann kommt da auch sehr viel Licht hindurch. Du strahlst von innen durch diese Risse nach draußen. Aber auch das Licht von außen kommt in die Schüssel hinein, also zu Dir. So bist Du umgeben von Licht und Luft.

Wenn ich an ihre Worte denke und über das Beispiel mit der ollen Schüssel hinwegsehe, dann wird mir immer ganz warm ums Herz und ich strahle durch meine Risse hindurch. Zumal die gleiche Person vor über 20 Jahren zu mir wütend sagte: Dein innerer Diamant ist mit so viel Müll zugeschüttet, den musst Du erst einmal wieder freischaufeln. Wie soll er mit so viel Müll um sich herum leuchten?

In der letzten Woche hatte ich echtes Glück. Auseinandergefallen in alle möglichen Einzelteile, wie ich wieder einmal war und Mitten auf meinem selbst verursachten Schlachtfeld schlechter Gefühle, stieß ich auf das wunderbare japanische Handwerk Kintsugi (金継ぎ: mit Gold und Silber reparieren).

Kintsugi ist eine sehr alte handwerkliche Tradition aus dem 16. Jahrhundert,  welche zerbrochene Keramik mit Gold oder Silber repariert. Während der  Zeit der japanischen Wabi-Sabi-Ästhetik der Schönen und Reichen, die ihren Reichtum durch eine besondere Ästhetik darstellen wollte, entwickelte sich durch den Zen Buddhismus die Einfachheit und die Wertschätzung der Fehlerhaftigkeit:

Kintsugi – die Goldverbindung, die den Makel hervorhebt.

Das Besondere daran ist, dass die offensichtlichen Makel der Reparatur nicht verborgen bleiben, sondern die Bruchstellen oder Risse durch die Verwendung von Gold- oder Silberpigmenten in den Vordergrund gestellt werden. Somit entsteht eine neue Schönheit und Wertschätzung des ursprünglichen Objekts.

In den eher wenig guten Momenten meiner schlechten Phasen sage ich mir: Ja, ich bin eine olle geflickte Kintsugi Schüssel. Und es waren sehr viele Gold- und Silber-Reparaturen nötig. Ein paar Rissen sind auch wirklich nicht mehr reparabel. Aber durch diese scheine ich von innen nach außen. Wenn’s ganz schlecht läuft, hat wenigstens das Licht die Möglichkeit, mich zu finden.

8. Mai 2010: Der Sprung ins Ungewisse.

In meinem Leben bin ich nur ein einziges Mal real von einem Zehn-Meter-Brett ins kalte Wasser gesprungen. Vielleicht war es auch nur das Drei- oder Fünf-Meter-Brett. Es war jedenfalls sehr hoch aus der Perspektive einer 11-Jährigen. Ich stand dort oben am hintersten Ende des Brettes (hinter mir drängten bereits die anderen Kinder auf der Leiter) und wusste absolut nicht, was ich tun sollte. Sich zurück durch die drängenden Kinder quetschen und wieder die Leiter hinuntergehen, was nur Rückwärts möglich war und ziemlich albern aussah? Aufgeben? Panik machte sich breit, denn ich hielt alle auf. Ich weiß nicht mehr, was ich damals dachte, wusste aber, ich muss es tun. Das war so eine innerliche Gewissheit. Egal wie: Mach es einfach! Also tat ich es. Ich lief einfach los, vergaß mir die Nase mit dem Zeigefinder und Daumen zuzuhalten, den Mund zu schließen, die Arme eng an den Körper zu schmiegen, um so kerzengerade wie möglich ins Wasser zu springen. Ich hatte alle Anweisungen meines Lehrers komplett vergessen. So sprang ich im vollen Galopp ziemlich ungelenk mit weit aufgerissenen Augen und offenen Mund einfach hinunter ins kalte Wasser. Ich spüre heute noch den harten Aufprall darauf, was echt weh tat, sodass ich völlig geschockt erst einmal wie ein Stein unterging. Mein Kopf füllte sich durch Nase und Mund mit brennendem Chlorwasser. Ich schluckte alles herunter, bis ich damit vollkommen voll war. Krebsrot am gesamten Körper durch den Aufprall und mit dem viel zu viel verschluckten Chlorwasser in meinem Magen, tauchte ich nach gefühlten Stunden prustend und um mich schlagend wieder auf. Meine Klassenkameraden sowie die anderen Schwimmbadbesucher fanden meine Vorstellung extrem lustig. Mein Lehrer weniger. Er half mir mit einer Stange an den Beckenrand, zog mich aus dem Wasser und schimpfe lautstark mit mir rum. Nein! Für mich war das kein Spaß. Keine Heldentat. Es war einfach nur der reinste Horror.

Gerne hätte ich mich panisch heulend an die Brust des Lehrers geschmissen und Trost eingefordert, aber er ergoss nur sein Geschimpfe und sein Entsetzen über mich. Damals habe ich gelernt, verlass Dich auf niemanden.

Kurzfilm: 10 Meter Turm

Im übertragenen Sinne stand ich in den letzten 10 Jahren oft am Ende eines Zehn-Meter-Sprungbretts, allerdings mit dem Unterschied, dass sich hinter mir ein geschlossenes Gitter befand, welches den Weg für die Treppe nach unten versperrte. Im Becken befand sich kein Wasser. Ein ziemlich harter und vielleicht tödlicher Aufprall war mehr als gewiss. Es gab keinen Ausweg, sondern nur die Entscheidung: Spring! Niemand hätte anstelle von mir springen können. Niemand hätte es für mich tun wollen.

Bis zum 8. Mai 2010 verharrte ich schon einige Zeit da oben auf dem Brett, absolut nicht bereit für den Absprung. Hoffte insgeheim darauf, dass sich alle meine Probleme in Luft auflösen. Oder ich mich einfach in Luft auflöse. An diesem Samstag lehnte ich in Düsseldorf mit dem Rücken an einer Hauswand und wartete auf den Fahrer, der mich in Hamburg abgeholt und mich mit nach Düsseldorf genommen hatte. Die Sonne schien mir ins Gesicht und ich kann mich heute noch an das Plakat erinnern, auf dem die Nacht der Museen für den 8. Mai angekündigt wurde. Ich dachte: Heute ist Nacht der Museen. Nächstes Jahr gehst Du hin! Was ich in diesem kleinen unbeobachteten Moment tat: Ich sprang! Es gab kein Aha-Erlebnis, sondern nur eine leise wissende Stimme in mir, die sagte: Ich bleibe hier! Was auch kommen mag, Hamburg ist vorbei. In diesem Moment wusste ich es einfach, obwohl ich dazu überhaupt keinen Bock hatte. Oder gar eine Perspektive, geschweige einen Job oder eine Wohnung. Mein Leben war in Hamburg. Kurt, mein unentdeckter Hirntumor am Stammhirn noch an seinem Platz und teilte sich fröhlich und unaufhaltsam heiter weiter in meinem Kopf. Ich blieb! Ich ging kurz darauf nur noch zurück nach Hamburg, um dort mein Leben aufzulösen.

Genau ein Jahr später, am 8. Mai 2011 wurde ich auf der Intensivstation in der Düsseldorfer Uniklinik wiederbelebt. Ich hatte am 04. Mai die 18-stündige OP nicht wirklich überlebt. Die OP musste abgebrochen werden. Der halbe Tumor blieb dort, wo er war. Mein Hirn schwoll an. Es gab Blutungen und einen Hirnschlag. Mein Herz setze für einige Zeit aus. Wie und ob es mit mir weitergehen sollte, wusste niemand. Abwarten! Obwohl ich überhaupt keinen Bock auf eine Zukunft als Behinderte hatte oder als Mitbewohnerin in einer Beatmungsgerät-WG enden wollte, auf einen Tod auf dem OP-Tisch gesetzt hatte, entschied diesmal mein Körper für mich. Er sprang, weil mir der Mut und die Zuversicht dafür fehlten. Er entschied sich für das Leben. Mein Herz fing wieder an zu schlagen. Die Ärzte gewährten mir eine Verschnaufpause und versetzten mich ins künstliche Koma, bevor der Horror meines zukünftigen Lebens der nächsten 9 Jahre beginnen konnte.

2010 – 2020: TOP 10  

  1. Meningeom am Stammhirn
  2. Stempel Psycho
  3. Drehschwindel
  4. Heimat- und wohnungslos / vollkommen pleite
  5. Sie werden nie wieder laufen können
  6. Hartz 4
  7. Sie haben beidseitigen Brustkrebs
  8. Wir empfehlen Ihnen eine adjuvante Chemotherapie
  9. Panikattacken und Flashbacks
  10. Düsseldorf

  1. Sonnenaufgänge, die ich vom Bett aus sehen kann
  2. Schlampentage
  3. Lanzarote
  4. Fantastic Five
  5. Eiscafé am Dreieck
  6. Mein erster Lachanfall über meine bescheuerte Frisur
  7.  Piaggio Ape
  8.  Dr. Chhadeh
  9. Körbchengröße 75 b
  10. Düsseldorf

 

Benefizlauf Leipzig 2020

In diesem Jahr ist der Leipziger Marathon ausgefallen. Daher hat die Deutsche Hirntumorhilfe am 26.04.2020 ab 10:00 Uhr zu einem virtuellen Spendenlauf aufgerufen.

„Der virtuelle Startschuss erfolgt um 10:00 Uhr (wer kurz vorher oder nachher oder an einem anderen Tag teilnehmen will, kann dies selbstverständlich tun).

Idealerweise schickt Ihr uns dann Eure Daten bis spätestens 30.04.2020 an e.s.dunkel[at]online[dot]de: Vorname, Name, Datum, Ort, Art der Teilnahme, erreichte cm/m/km, Bilder, Statements, … . Veröffentlicht werden die einzelnen Aktionen in den digitalen Medien der Deutschen Hirntumorhilfe. Eine namentlich anonymisierte Veröffentlichung ist selbstverständlich möglich.*Bitte unterstützen Sie die Mitmachaktion mit Ihrer Beitrag auf das Spendenkonto der Deutschen Hirntumorhilfe. Kennwort nicht vergessen. Es lautet: „LM 2020″

Online-Spende (Spendenkonto Deutschen Hirntumorhilfe: Sparkasse Muldental / IBAN: DE38 8605 02001010 0369 00 / Kennwort: LM 2020“)

 

Jeder Schritt zählt. Meine Freundinnen und ich haben bei traumhaften Wetter daran teilgenommen:

Adina: 7,0 km
Carla:  8,3 km
Gabi:   7,1 km
Petra:  7,1 km 

#40 MAKE IT YOUR PATH – PODCAST by Gina Friedrich

Als Gina Friedrich mit einer Interview-Anfrage auf mich zukam, war sie mir auf Anhieb sympathisch und ich sagte spontan zu, ihr meine Geschichte zu erzählen.

#40 >>  Interview 

 

Gina Friedrich ist Career & Life Coach für Menschen, die ihre Zukunft bewusst gestalten wollen. Jeden Donnerstag bringt sie Dir Interviews mit inspirierenden, erfolgreichen und auch bekannten Persönlichkeiten aus der nationalen und internationalen Business-, NGO- und Sportwelt.

Was kostet die Welt?

Meine Kindheit verbrachte ich in den 60/70er Jahren in einer spießigen Reihenhaus-Siedlung, die auf katholischen Grund und Boden für Familien gebaut wurde. Um uns herum gab es damals viele Wiesen und Felder. Und da ich alles andere als eine Stubenhockerin war, fand mein Leben auf der Straße, in unseren Gärten sowie auf den Wiesen und Feldern statt. Uns Kindern gehörte diese Welt. Sie war unser alleiniges Reich, welches wir untereinander mit eigenen Regeln aufteilten. Dabei flogen auch schon Mal die Fäuste auf die Nasen der anderen.

Ich hatte eine großartige Kindheit. Gegenüber den anderen wohlerzogenen Kindern hatte ich alle Freiheiten der Welt: zu Hause interessierte sich niemand dafür, was ich da draußen tat. Meine Eltern hatten wenig bis gar keine Zeit für mich und meine Geschwister waren viel zu alt (damals zumindest). Meine Erziehung fand vor der Tür statt.

Für andere sah mein Leben immer sehr leicht und völlig unbeschwert aus. Ich tat einfach nur das, was ich für richtig hielt. Was nicht unbedingt falsch beobachtet war. Meine älteste Schwester meinte einmal sehr böse: Du hast ja eh immer gemacht, was Du wolltest, und ich musste den Regeln unserer Eltern folgen. (Selbst Schuld, dachte ich) Ja, meinte ich. Das habe ich. Aber ich habe dafür auch alle Preise gezahlt, die es zu zahlen gab. Nichts gibt es umsonst im Leben.

Auf der einen Seite bin ich wirklich ein echtes Königskind. Das hat meine Schwester schon richtig gesehen. Aber es lag nicht daran, dass meine Eltern anders zu mir waren, als zu meinen Geschwistern. Es lag daran, weil ich anders war. Völlig aus der Art geschlagen hat mein Opa immer gesagt. Oft hörte ich auch: Von wem ist dieses Kind? Wo habt ihr das her? Den meisten Unfug hat man mir auch einfach nicht übel genommen und sehr schnell verziehen. Einfach so, war wieder alles gut. Allerdings, das waren die einzigen beiden wirklichen unausgesprochenen Elternregeln, wenn ich Mist baute, musste ich dafür gerade stehen und die Konsequenzen  tragen. Und Aufstehen, das musste ich wieder alleine. Mit deren Hilfe konnte ich nicht rechnen.

Als ich älter wurde, hatte sich an meiner Lebensphilosophie so gar nichts geändert. Ich entschied mich dafür, Abitur zu machen, als ich in der 10. Klasse sitzen geblieben war und kein ehrliches Interesse für den Schulunterricht aufbringen konnte. Stillsitzen und Autoritäten aushalten, sind bis heute nicht meine Stärken. Aber ich machte mein Abitur. Nicht gerade mit einem glamourösen Abschluss. Es reichte jedoch für mein Vorhaben, eine komplett neue Welt für mich zu entdecken. Jeden Morgen fuhr ich mit der Straßenbahn an der Kunstakademie vorbei. Sie befindet sich hinter der Brücke auf der rechten Seite. Oder andersherum vor der Brücke auf der linken Seite. Heute noch eins der imposantesten Gebäude meiner Stadt für mich. Und obwohl ich damals von der bildenden Kunst absolut  keine Ahnung hatte, sagte ich mir jedes Mal, als ich auf meinem Schulweg an der Akademie vorbeifuhr: Dort werde ich einmal studieren! Woher ich diesen ureigenen Glauben an etwas hatte, was ich gar nicht kannte, weiß ich bis heute nicht. Jedoch landete ich mit zahlreichen Umwegen, zwar nicht sehr lange, da ich mich während des Orientierungsjahrs für Kulturmanagement entschieden hatte, als Studentin an der Kunstakademie Düsseldorf: ICH!

Bis heute lebt dieses fröhliche, abenteuerlustige, mutige und kämpferische Mädchen in mir. Es hat mich durch alle Katastrophen der letzten Jahre gebracht: Auf den Boden liegen bleiben, gilt nicht. Heulen sowieso nicht! Eine kindliche Weisheit, der ich in den letzten Jahren nicht immer nachkommen konnte. Oft blieb ich einfach nur am Boden liegen und gab auf. Heulte rum.

Trotz allem, was in den letzten Jahren passiert ist, habe ich meine kindliche Freiheit nicht ganz verloren. Irgendwo gibt es sie noch, die große, farbenfrohe und verheißungsvolle Welt, die voller tolle Abenteuer steckt und nur eins möchte: entdeckt und erobert werden.

In vier Jahren werde ich 60, sollte ich sie erreichen. Und in 14 Jahren bin ich 70. Es ist eine andere Herausforderung, der ich mich jetzt stellen muss: Wie geht man mit Alter um? Wie damit, dass man nicht mehr alle Schlachten schlagen kann und auch gar nicht mehr bereit dazu ist.

Ich kann jedes Projekt planen. Wenn ich beruflich eine Stärke habe, dann das Organisieren von den unmöglichsten Dingen. Nur in meinem Leben Struktur bringen, das habe ich bis heute nicht geschafft. Sobald es an eine Zukunftsplanung geht, bekomme ich Panik und fühle mich sofort eingesperrt. Eine Freundin meinte dazu: Mach Dir nicht so einen Kopf. Du bist eine Jägerin und ich eine Sammlerin und Bewahrerin.

Als ich Anfang der 90er Jahre zum ersten Mal einen meiner Lieblingsfilme, die grünen Tomaten schaute, nahm ich mir vor im Alter wie Ninny aus dem Film zu werden. Ja, heute noch! Ich möchte so werden, wie sie. Vielleicht sollte ich mir solche Ziele setzen, wie ich sein möchte und nicht was ich alles noch haben und erleben möchte. Das hat eh nie bei mir funktioniert.

Und wenn ich mir manchmal den Druck nehmen kann und das Grübeln aufgebe: Was wird sein? Wie lange hast Du noch? Wie viel Leid noch? Wenn ich an solchen Tagen morgens in den Spiegel schaue, sehe ich hinter meinem nicht so schönen und müden Spiegelbild manchmal immer noch das kleine mutige und lebensfrohe Mädchen, welches sich die Wiesen und Straßen erobert.