Kategorie: und lebe!

Zeitbrücke: Die Stille dazwischen.

Bis heute gehört die Skulptur Windstille des Künstlers Naotaka Naganuma aus unserer SkulpturenLandschaft in HH-Bergedorf zu meinen Favoriten. Weniger die Skulptur an sich, der ich einen anderen Titel gegeben hätte. Denn meine Vorstellung von Windstille ist sonnig und duftet nach Meer oder Blumen. Seine Skulptur ist hingegen massiv und schwer: unerschütterlich. Es ist das Zusammenspiel von dem Künstler selbst, seinen Gedanken und der monumentalen Skulptur, was die Arbeit für mich interessant macht.

Von Bewegung ist die Welt erfüllt. Es gibt eine Zwischenzeit, während der die eine fortdauernde Bewegung in eine andere Form der Bewegung verwandelt oder entwickelt. Eine Zeitbrücke. „Windstille“ ist ein meteorlogisches Naturphänomen und wirkt aber auch als Zeitbrücke, auf der man unter Umständen unterschiedliche Gefühle empfindet, nachdenklich wird oder einen geistigen Moment erlebt.“ 
(Naotaka Naganuma)

Seit Anfang des Jahres ist ohne Ausnahme die gesamte Welt in der COVID-19 Windstille  gefangen: Es ist eine hartnäckige und monumentale Stille. Unsere Erde holt Luft, macht eine Pause von uns Menschen. Schickt uns COVID-19.

Als es mit der Pandemie bei uns losging, wusste ich: Es rollt wieder ein Ausnahmezustand auf mich zu. Und dazu hatte ich überhaupt keinen Bock mehr. Weil ich dachte, es könnte helfen, verschenkte ich kurzerhand meinen Fernseher. So musste ich mir das Drama wenigstens nicht jeden Tag anschauen. Klar kann man ihn auch einfach ausschalten oder gar nicht erst ein. Aber das kann ich dann doch nicht.

2020 wollte ich endlich nach vorne schauen. Hatte einen Plan. Und dann COVID! Das Frühjahr fühlte sich wie eine Anreihung von Sonntagen an. Erst als ich permanent verschlafen hatte, wurde mir bewusst, dass es gar keinen Berufsverkehr mehr gab. Ungewohnte Stille direkt vor meinem Fenster.

Aber egal was wir tun, wir können das Virus als Schnupfen bezeichnen, es ignorieren, dagegen demonstrieren, in eine Depression verfallen oder wie ein trotziges Kind mit den Füßen stampfen. Das Virus bleibt. Und COVID-19 blieb bis heute. Und es hat absolut keine Lust uns zu verlassen, sucht freudig nach Wirten für sich, um von Mensch zu Mensch zu springen.

Ende November bin ich für 3 Monate nach Lanzarote geflohen: obwohl es sich erst durch die anrollende 2. Covid-19 Welle kurz vor der Abreise wie Flucht anfühlte, geplant und gebucht war das alle schon seit Anfang des Jahres. Wenn ich nun am Strand bin, den ich die meiste Zeit vollkommen für mich alleine habe und nur mit den Vögeln teile, denke ich nicht mehr an einen weiteren Ausnahmezustand in Form von Krise, die ich jetzt auch noch durchstehen muss, damit endlich so etwas wie normales Leben bei mir eintritt. Ich mache es wie die Erde und atme tief die Meeresluft ein, mache eine Pause. Der große Krisensturm liegt hinter mir und ich hole Luft für meinen nächsten Lebensabschnitt. Meine Seele und mein Körper haben jetzt alle restlichen Ängste, blöde immer wiederkehrende Verhaltensmuster, alte Lieben, unnötige Streits, gute Zeiten und beschissene Zeiten rausgehauen und mir noch einmal vorgeführt. Ich habe endlich die Ruhe und Kraft dafür, sie alle ein weiteres Mal und neu zu betrachten, um mich dann von dem verabschieden zu können, was in Zukunft nicht mehr zu mir gehört.

Gestern ging ich spontan über die Straße und zeigte Pedro, dem Friseur auf meinem Handy die Worte „Corte de pelo corto“. Er fragte: Estás seguro? SI! Er wiederholte seine Frage, als ich auf dem Friseurstuhl saß und er mir mit seiner Schere auf meine Haare zeigte, die er schon in der Hand nach oben hielt: Estás seguro? SI! Und dann fielen sie, meine letzten verbliebenen Chemo-Locken. Den Friseurladen verließ ich, als die alte, mir vertraute und gleichzeitig neue Petra, die jetzt für das, was kommt, gewappnet ist. Ja, ich habe mich endlich wieder! Ich bin wieder ich.

 

 

 

 

25 Jahre KOMRPA.

Die Liebe zu meiner Arbeit als Kulturmanagerin hat bis heute gehalten. In Hamburg wurde ich  einmal in einem Interview gefragt, wie ich Kulturmanagerin wurde. Meine Antwort kam völlig spontan: Das bin ich einfach – eine Kulturmanagerin!

Meiner eigenwilligen Herangehensweise, mit der ich so einige in den Wahn getrieben habe, bin ich treu geblieben: Zuerst steht eine Idee im Raum. Wenn sie für mich ausgereift genug ist (dazu muss ich sagen, zu diesem Zeitpunkt ist absolut noch gar nichts zu Papier gebracht) springe ich ins kalte Wasser und schwimme mich frei. Für andere wirkt das oft planlos. Für mich nicht. Ich weiß, was ich tue, auch wenn es für andere nicht nachvollziehbar ist.  Bin ich erst einmal im Wasser, handle ich nach dem Motto: Probleme kommen sowieso. Sie werden dann angegangen, wenn sie da sind. So bleibe ich wachsam und mich erschüttert es nicht, wenn mein Konzept und damit verbundenen Vorstellungen, wie es zu laufen hat, kleine oder große Wellen schlägt. Ist man vorher zu starr in der Vorstellung, kann sich eine Idee zudem nicht entwickeln. Und das muss sie. Eine Idee muss sich frei entfalten können.

Anfang der 90er war der Studiengang Kulturmanagement komplett neu auf dem Studienmarkt. Und den gab es nur an der FernUniversität Hagen. Erst 10 Jahre später hatten viele andere Universitäten den Studiengang für sich entdeckt. Kultur managen war damals ein Widerspruch in sich. Kunst- und Kulturförderung gehörte zu den Aufgaben der Gesellschaft. Es galten völlig andere Regeln als heute. Künstler wollten frei von Geld, Wirtschaft und Kommerz bleiben. Lieber Taxi fahren und auf Fördergelder, Stipendien, Ausstellungen sowie einer guten Galerie hinarbeiten, als selbst die Kunst und damit sich zu verkaufen. Vor 25 Jahren wäre ich gesteinigt worden, wenn ich meine spätere Seminarreihe Kulturmanagement für Künstler oder Beruf Künstler angeboten hätte. So war es auch mit meinem Studium. Obwohl es absolut meins war, verleugnete ich mein Studium zunächst einfach – auch das ich die erste Absolventin überhaupt in diesem Fachbereich war und einen ziemlich guten Abschluss hingelegt hatte.

Zu dieser Zeit schlugen noch zwei Herzen in meiner Brust. Der eine Herzschlag galt der Malerei und der andere dem Theater. Ich vertrat (so würde man es heute nennen) neben Kunstprojekten und Ausstellungen, als Mädchen für alles, was Geld, Sponsoring und für die Lösung von Problemen aller Art, die im Hintergrund auftraten, kleine Tanz- und Sprechtheater-Produktionen. Allem voran war ich eine Verehrerin vom Theater an der Ruhr. UND – mein ganzer Stolz! Ich habe in den Jahren 1992 / 1993 für Roberto Ciullis Theater arbeiten dürfen. Genau zu der Zeit, als er das einmalige Roma-Theater Pralipe nach Mülheim holte. Es war einfach nur eine wunderbare Zeit: als Studentin an einem für mich besten Theater der Welt. Manchmal geht einfach nicht mehr.

Während einer Presseveranstaltung erzählte Roberto Ciulli eine Geschichte, die er mit den illegalen Straßenhändlern aus Afrika in Florenz erlebt hatte. Besonders die Italienerinnen pflegten ein entspanntes Verhältnis zu ihren Straßenhändlern und kauften dort Taschen, Tücher, Sonnenbrillen oder Schmuck. An diesem sonnigen Tag standen die Straßenhändler hinter ihren Pappkarton-Ständen und riefen durch die Straßen „Vou compra! Vou compra! *Vou compra!“ Plötzlich! Totenstille – ein kurzer stiller Moment vor einem großen Sturm, der heranzieht.  Roberto Ciulli wusste nicht was anders war und schaute sich um. Die Händler waren wie vom Erdboden verschluckt. Wo waren sie alle so plötzlich mit ihren Ständen hin? Mit einer Faszination gemischt mit Unglaube erzählte er: Wie von Zauberhand haben sich die Händler mit ihren Ständen vor unser aller Augen in Luft aufgelöst. Im gleichen Moment kam ihm die Polizia suchend entgegen. Als er später in eine andere Straße einbog, sah er wieder das rege Treiben der Straßenhändler und hörte sie rufen: Vou compra! Vou  compra! …..

Diese kurze Geschichte hatte mein Herz berührt. Ich wusste in diesem Moment, wenn ich meine erste Agentur gründe, dann wird sie vou compra! heißen. Ich wandelte den Namen ein wenig ab und nannte sie 1995 KOMPRA.

In den letzten Jahren habe ich mich oft neu erfunden und damit änderten sich auch die Namen für die Tätigkeit, die ich als Kulturmanagerin ausübte oder übernahm. Im Herzen jedoch bin ich all die Jahre eine „vou compra“ geblieben, eine, die fast nie aufgab und egal wie schwierig es auch manchmal wurde, ich wieder meinen Kulturmanagement-Pappstand woanders aufstellte und weitermachte. Dabei blieb ich eine flexible, freiheitsliebende und völlig unabhängige Kulturmanagerin. Und wenn es sein muss, werde ich mich in Luft auflösen, um woanders wieder neu zu starten, so wie die unerschütterlichen vou compras damals in Florenz.

Informationen

https://artandbutter.de

Umgangssprachlich von „vou comprare“ abgeleitet: „Vou compra“ = Du willst kaufen!“

Kintsugi – 金継ぎ

Ich liebe Mosaike. Mehr noch die einzelnen zerbrochenen Fliesenteile, anstelle der ganzen Bilder, die man daraus machen kann, so wie es Gaudi in Barcelona tat. Aus Italien habe ich Hunderte kleine bunte Mosaikfliesen, die ich am Strand gefunden habe (die Italiener werfen abgeschlagene und alte Fliesen einfach ins Meer und diese werden irgendwann wieder an Land gespült). Immer wieder habe ich mir vorgenommen, dass ich irgendwann etwas Schönes daraus mache. Sie zu was auch immer neu zusammensetzen werde.

Aber ich finde jedes einzelne Fliesenstück mit der jeweiligen Eigenart so schön, dass ich bis heute nichts daraus gemacht habe.

Denn jedes einzelne Fliesenstück erzählt eine eigene Geschichte. Vielleicht war es Teil eines Bades oder einer Küche? Oder Teil eines Fußbodens in einem Geschäft oder in einer Privatwohnung. Die einen Fliesenstücke wurden geliebt und gepflegt, die anderen nicht gemocht – gar gehasst, weil sie so hässlich waren. Was alle gemeinsam haben, sie waren einmal ein Teil von etwas Ganzem. Sie gehörten dazu! Machten das Gesamtbild komplett.

Ich gehörte auch einmal dazu. Wozu auch immer.  Rückblickend verändert sich die Wahrnehmung. Und so weiß ich heute nicht mehr, wovon ich Teil des Ganzen war. Zudem wurde über Jahre mein Leben immer wieder in verschiedene Einzelteile zerlegt. Der ständige Versuch daraus wieder ein einigermaßen ansehnliches neues, meinetwegen auch anderes Mosaik zu basteln, erweist sich bis heute als eher schwierig. Irgendwo bricht wieder eine Ecke ab oder es entsteht ein Riss. Es hakt hier und da. Nichts will so richtig zusammenpassen. Schief und krumm stehe ich da und kann mit mir nicht wirklich etwas anfangen. Stehe vor dem Spiegel und frage die Person darin: Wer bist Du? So alt, schief und krumm, wie Du dastehst.

Als ich mal wieder ins Tal der Jammerei und Schwarzmalerei abdriftete, meinte eine Künstlerfreundin, bei der ich mich ausheulte, zu mir:

Ach Petra, wenn eine Schüssel viele Risse hat und Du bist für mich eine angeschlagene und gebrauchte Schüssel mit viel Patina, dann kommt da auch sehr viel Licht hindurch. Du strahlst von innen durch diese Risse nach draußen. Aber auch das Licht von außen kommt in die Schüssel hinein, also zu Dir. So bist Du umgeben von Licht und Luft.

Wenn ich an ihre Worte denke und über das Beispiel mit der ollen Schüssel hinwegsehe, dann wird mir immer ganz warm ums Herz und ich strahle durch meine Risse hindurch. Zumal die gleiche Person vor über 20 Jahren zu mir wütend sagte: Dein innerer Diamant ist mit so viel Müll zugeschüttet, den musst Du erst einmal wieder freischaufeln. Wie soll er mit so viel Müll um sich herum leuchten?

In der letzten Woche hatte ich echtes Glück. Auseinandergefallen in alle möglichen Einzelteile, wie ich wieder einmal war und Mitten auf meinem selbst verursachten Schlachtfeld schlechter Gefühle, stieß ich auf das wunderbare japanische Handwerk Kintsugi (金継ぎ: mit Gold und Silber reparieren).

Kintsugi ist eine sehr alte handwerkliche Tradition aus dem 16. Jahrhundert,  welche zerbrochene Keramik mit Gold oder Silber repariert. Während der  Zeit der japanischen Wabi-Sabi-Ästhetik der Schönen und Reichen, die ihren Reichtum durch eine besondere Ästhetik darstellen wollte, entwickelte sich durch den Zen Buddhismus die Einfachheit und die Wertschätzung der Fehlerhaftigkeit:

Kintsugi – die Goldverbindung, die den Makel hervorhebt.

Das Besondere daran ist, dass die offensichtlichen Makel der Reparatur nicht verborgen bleiben, sondern die Bruchstellen oder Risse durch die Verwendung von Gold- oder Silberpigmenten in den Vordergrund gestellt werden. Somit entsteht eine neue Schönheit und Wertschätzung des ursprünglichen Objekts.

In den eher wenig guten Momenten meiner schlechten Phasen sage ich mir: Ja, ich bin eine olle geflickte Kintsugi Schüssel. Und es waren sehr viele Gold- und Silber-Reparaturen nötig. Ein paar Rissen sind auch wirklich nicht mehr reparabel. Aber durch diese scheine ich von innen nach außen. Wenn’s ganz schlecht läuft, hat wenigstens das Licht die Möglichkeit, mich zu finden.

8. Mai 2010: Der Sprung ins Ungewisse.

In meinem Leben bin ich nur ein einziges Mal real von einem Zehn-Meter-Brett ins kalte Wasser gesprungen. Vielleicht war es auch nur das Drei- oder Fünf-Meter-Brett. Es war jedenfalls sehr hoch aus der Perspektive einer 11-Jährigen. Ich stand dort oben am hintersten Ende des Brettes (hinter mir drängten bereits die anderen Kinder auf der Leiter) und wusste absolut nicht, was ich tun sollte. Sich zurück durch die drängenden Kinder quetschen und wieder die Leiter hinuntergehen, was nur Rückwärts möglich war und ziemlich albern aussah? Aufgeben? Panik machte sich breit, denn ich hielt alle auf. Ich weiß nicht mehr, was ich damals dachte, wusste aber, ich muss es tun. Das war so eine innerliche Gewissheit. Egal wie: Mach es einfach! Also tat ich es. Ich lief einfach los, vergaß mir die Nase mit dem Zeigefinder und Daumen zuzuhalten, den Mund zu schließen, die Arme eng an den Körper zu schmiegen, um so kerzengerade wie möglich ins Wasser zu springen. Ich hatte alle Anweisungen meines Lehrers komplett vergessen. So sprang ich im vollen Galopp ziemlich ungelenk mit weit aufgerissenen Augen und offenen Mund einfach hinunter ins kalte Wasser. Ich spüre heute noch den harten Aufprall darauf, was echt weh tat, sodass ich völlig geschockt erst einmal wie ein Stein unterging. Mein Kopf füllte sich durch Nase und Mund mit brennendem Chlorwasser. Ich schluckte alles herunter, bis ich damit vollkommen voll war. Krebsrot am gesamten Körper durch den Aufprall und mit dem viel zu viel verschluckten Chlorwasser in meinem Magen, tauchte ich nach gefühlten Stunden prustend und um mich schlagend wieder auf. Meine Klassenkameraden sowie die anderen Schwimmbadbesucher fanden meine Vorstellung extrem lustig. Mein Lehrer weniger. Er half mir mit einer Stange an den Beckenrand, zog mich aus dem Wasser und schimpfe lautstark mit mir rum. Nein! Für mich war das kein Spaß. Keine Heldentat. Es war einfach nur der reinste Horror.

Gerne hätte ich mich panisch heulend an die Brust des Lehrers geschmissen und Trost eingefordert, aber er ergoss nur sein Geschimpfe und sein Entsetzen über mich. Damals habe ich gelernt, verlass Dich auf niemanden.

Kurzfilm: 10 Meter Turm

Im übertragenen Sinne stand ich in den letzten 10 Jahren oft am Ende eines Zehn-Meter-Sprungbretts, allerdings mit dem Unterschied, dass sich hinter mir ein geschlossenes Gitter befand, welches den Weg für die Treppe nach unten versperrte. Im Becken befand sich kein Wasser. Ein ziemlich harter und vielleicht tödlicher Aufprall war mehr als gewiss. Es gab keinen Ausweg, sondern nur die Entscheidung: Spring! Niemand hätte anstelle von mir springen können. Niemand hätte es für mich tun wollen.

Bis zum 8. Mai 2010 verharrte ich schon einige Zeit da oben auf dem Brett, absolut nicht bereit für den Absprung. Hoffte insgeheim darauf, dass sich alle meine Probleme in Luft auflösen. Oder ich mich einfach in Luft auflöse. An diesem Samstag lehnte ich in Düsseldorf mit dem Rücken an einer Hauswand und wartete auf den Fahrer, der mich in Hamburg abgeholt und mich mit nach Düsseldorf genommen hatte. Die Sonne schien mir ins Gesicht und ich kann mich heute noch an das Plakat erinnern, auf dem die Nacht der Museen für den 8. Mai angekündigt wurde. Ich dachte: Heute ist Nacht der Museen. Nächstes Jahr gehst Du hin! Was ich in diesem kleinen unbeobachteten Moment tat: Ich sprang! Es gab kein Aha-Erlebnis, sondern nur eine leise wissende Stimme in mir, die sagte: Ich bleibe hier! Was auch kommen mag, Hamburg ist vorbei. In diesem Moment wusste ich es einfach, obwohl ich dazu überhaupt keinen Bock hatte. Oder gar eine Perspektive, geschweige einen Job oder eine Wohnung. Mein Leben war in Hamburg. Kurt, mein unentdeckter Hirntumor am Stammhirn noch an seinem Platz und teilte sich fröhlich und unaufhaltsam heiter weiter in meinem Kopf. Ich blieb! Ich ging kurz darauf nur noch zurück nach Hamburg, um dort mein Leben aufzulösen.

Genau ein Jahr später, am 8. Mai 2011 wurde ich auf der Intensivstation in der Düsseldorfer Uniklinik wiederbelebt. Ich hatte am 04. Mai die 18-stündige OP nicht wirklich überlebt. Die OP musste abgebrochen werden. Der halbe Tumor blieb dort, wo er war. Mein Hirn schwoll an. Es gab Blutungen und einen Hirnschlag. Mein Herz setze für einige Zeit aus. Wie und ob es mit mir weitergehen sollte, wusste niemand. Abwarten! Obwohl ich überhaupt keinen Bock auf eine Zukunft als Behinderte hatte oder als Mitbewohnerin in einer Beatmungsgerät-WG enden wollte, auf einen Tod auf dem OP-Tisch gesetzt hatte, entschied diesmal mein Körper für mich. Er sprang, weil mir der Mut und die Zuversicht dafür fehlten. Er entschied sich für das Leben. Mein Herz fing wieder an zu schlagen. Die Ärzte gewährten mir eine Verschnaufpause und versetzten mich ins künstliche Koma, bevor der Horror meines zukünftigen Lebens der nächsten 9 Jahre beginnen konnte.

2010 – 2020: TOP 10  

  1. Meningeom am Stammhirn
  2. Stempel Psycho
  3. Drehschwindel
  4. Heimat- und wohnungslos / vollkommen pleite
  5. Sie werden nie wieder laufen können
  6. Hartz 4
  7. Sie haben beidseitigen Brustkrebs
  8. Wir empfehlen Ihnen eine adjuvante Chemotherapie
  9. Panikattacken und Flashbacks
  10. Düsseldorf

  1. Sonnenaufgänge, die ich vom Bett aus sehen kann
  2. Schlampentage
  3. Lanzarote
  4. Fantastic Five
  5. Eiscafé am Dreieck
  6. Mein erster Lachanfall über meine bescheuerte Frisur
  7.  Piaggio Ape
  8.  Dr. Chhadeh
  9. Körbchengröße 75 b
  10. Düsseldorf

 

Gemüse ist gesund.

Ich bin eine leidliche Esserin. Meine Eltern scheiterten schon während meiner Kindheit an meinem Essverhalten. Ich sortierte das Essen auf dem Teller hin und her, von der einen Seite auf die andere. Früher gab es auch noch sonderbare Strafmaßnahmen: Was man beim Mittagessen stehen ließ, bekam man am Abend noch einmal vorgesetzt. Mich kriegten meine Eltern damit nicht. Ich ging dann halt ohne Essen ins Bett. Ich mache mir bis heute nicht viel bis gar nichts aus Essen. Es muss praktisch sein und zu Hause wenig Arbeit machen. Fleisch war nie wirklich meins, nicht wegen des Geschmacks, sondern weil mich schon als Kind die Seelen der toten Tiere anschauten. Liegt vielleicht auch am Esszimmer meiner Großmutter. An den Wänden hingen riesengroße Ölschinken mit von Jägern erlegten toten Tieren darauf, die mich unentwegt strafend und tot anstarrten. Dazu gesellten sich ausgestopfte heimische Tiere, wie Hasen, Füchse oder Rebhühner, sowie viele verschiedene Hirschgeweihe. Ein Ort des kindlichen Grauens.

Ich mag Gemüse und Salat. Nicht alles gleichermaßen, aber immerhin. Obst vertrage ich nur bedingt. Ich denke, das habe ich von meiner Mutter geerbt. Aber Bananen und Beeren gehen. Käse liebe ich und ein ordentliches Rührei lockt mich eher hinter dem Ofen hervor als ein saftiges Steak oder ein durchwachsener Burger. Mein Vater meinte immer: Du mit Deinen Käsebrötchen. Iss mal was Anständiges?

Wenn ich mich mal krank fühlte oder schwächelte, gab es eben zum Käsebrötchen eine Vitaminkur aus der Apotheke.

Ich bin eine eigenwillige Esserin geblieben. Immer noch gehe ich nicht gerne ins Restaurant, da ich mir die Hygiene-Bedingungen vorstelle oder denke, der Koch hustet übers Essen. Kontraproduktiv, ich weiß.

Was ich allerdings immer kann, sind Törtchen: italienische Törtchen mit einem guten Cappuccino. Beides zusammen versetzt mich sofort in eine schöne und leichte italienische Sommerstimmung. Als ich einmal meinen Exmann nach Italien begleitet hatte und er ständig unterwegs war, fand ich mich fast täglich in der Bar La Perla wieder. Ich aß mit den Italienerinnen und Italienern Panini und Törtchen und dazu gab es zahlreiche Cappuccinos. Stundenlang diskutierten wir mit Händen und Füßen, Papier und Stift. Als mein Mann und ich  wieder nach Hause mussten und mit dem Auto vor der Bar standen, da er noch Proviant für die Rückfahrt besorgen wollte, klopfte einer seiner Bildhauerkollegen ans Autofenster und überreichte mir eine große Tüte mit vielen tollen Törtchen darin. Mein Mann fragte ihn, was das sollte und der Bildhauer lachte: Du weißt überhaupt nicht, wo Deine Frau all die Tage tagsüber war? Was sie gemacht hat – oder? Die Törtchen waren super. Die Stimmung während der Rückfahrt eher nicht.

Seitdem mich der Krebs erwischt hat (Ich möchte ja mein Bestes geben, damit er da bleibt, wo er hingehört: weit weg!), geht das alles nicht mehr, das mit meiner unüberlegten Ernährung. Ich machte bisher nicht alles falsch, aber als ich nach dem Ernährungsvortrag für Krebspatienten über meine Ernährung nachgedacht hatte, da bekam ich schon ein sehr schlechtes Gewissen. Es ist nicht einmal was ich esse, sondern wie und mit wie viel wenig Beachtung: im Stehen, nebenbei, so zwischendurch, genervt, weil ich schon wieder etwas kochen muss oder raus was holen. Wenn nichts passen wollte oder der Kühlschrank leer war, ging ich problemlos ohne Essen vor die Tür oder ins Bett.

Meine ersten Fragen nach dem Vortrag an mich waren: Kann mein Körper mir all das verzeihen, was ich ihm über all die vielen Jahre angetan habe? Wie viel Schaden habe ich angerichtet und kann ich ihn beheben?

Ich war schon immer ein Fan von Ayurveda, vertrete aber deren Philosophie nicht so militant, wie die wirklich Wissenden. Es passt einfach vieles für mich. Ich bin der Vata Typ. Ayurveda zeigt mir, was ich eher essen sollte (und dann auch vertrage) und was weniger gut für mich ist und lehrt, wie man sowohl körperlich als auch seelisch wieder ins Gleichgewicht kommen kann. Es ist zu meinem Leitfaden geworden. Dadurch hat der Optimierungsstress abgenommen, alles richtig machen zu müssen. Ich lerne auf mich zu hören und nicht auf die anderen, die wissen was gut für mich ist.

Körper, Geist und Seele bilden bei mir noch keine Einheit. Zu oft übernimmt die Angst das Kommando und rüttelt mich mit ihrer Panikmache immer wieder durch. Aber ich habe mich auf den Weg gemacht und durch meine bessere Ernährung, dadurch, dass ich achtsamer mit mir umgehe und durch das Laufen und den Yogaübungen bin schon viel sicherer und manchmal auch mutiger im Umgang mit meiner neuen Situation geworden.

Was kostet die Welt?

Meine Kindheit verbrachte ich in den 60/70er Jahren in einer spießigen Reihenhaus-Siedlung, die auf katholischen Grund und Boden für Familien gebaut wurde. Um uns herum gab es damals viele Wiesen und Felder. Und da ich alles andere als eine Stubenhockerin war, fand mein Leben auf der Straße, in unseren Gärten sowie auf den Wiesen und Feldern statt. Uns Kindern gehörte diese Welt. Sie war unser alleiniges Reich, welches wir untereinander mit eigenen Regeln aufteilten. Dabei flogen auch schon Mal die Fäuste auf die Nasen der anderen.

Ich hatte eine großartige Kindheit. Gegenüber den anderen wohlerzogenen Kindern hatte ich alle Freiheiten der Welt: zu Hause interessierte sich niemand dafür, was ich da draußen tat. Meine Eltern hatten wenig bis gar keine Zeit für mich und meine Geschwister waren viel zu alt (damals zumindest). Meine Erziehung fand vor der Tür statt.

Für andere sah mein Leben immer sehr leicht und völlig unbeschwert aus. Ich tat einfach nur das, was ich für richtig hielt. Was nicht unbedingt falsch beobachtet war. Meine älteste Schwester meinte einmal sehr böse: Du hast ja eh immer gemacht, was Du wolltest, und ich musste den Regeln unserer Eltern folgen. (Selbst Schuld, dachte ich) Ja, meinte ich. Das habe ich. Aber ich habe dafür auch alle Preise gezahlt, die es zu zahlen gab. Nichts gibt es umsonst im Leben.

Auf der einen Seite bin ich wirklich ein echtes Königskind. Das hat meine Schwester schon richtig gesehen. Aber es lag nicht daran, dass meine Eltern anders zu mir waren, als zu meinen Geschwistern. Es lag daran, weil ich anders war. Völlig aus der Art geschlagen hat mein Opa immer gesagt. Oft hörte ich auch: Von wem ist dieses Kind? Wo habt ihr das her? Den meisten Unfug hat man mir auch einfach nicht übel genommen und sehr schnell verziehen. Einfach so, war wieder alles gut. Allerdings, das waren die einzigen beiden wirklichen unausgesprochenen Elternregeln, wenn ich Mist baute, musste ich dafür gerade stehen und die Konsequenzen  tragen. Und Aufstehen, das musste ich wieder alleine. Mit deren Hilfe konnte ich nicht rechnen.

Als ich älter wurde, hatte sich an meiner Lebensphilosophie so gar nichts geändert. Ich entschied mich dafür, Abitur zu machen, als ich in der 10. Klasse sitzen geblieben war und kein ehrliches Interesse für den Schulunterricht aufbringen konnte. Stillsitzen und Autoritäten aushalten, sind bis heute nicht meine Stärken. Aber ich machte mein Abitur. Nicht gerade mit einem glamourösen Abschluss. Es reichte jedoch für mein Vorhaben, eine komplett neue Welt für mich zu entdecken. Jeden Morgen fuhr ich mit der Straßenbahn an der Kunstakademie vorbei. Sie befindet sich hinter der Brücke auf der rechten Seite. Oder andersherum vor der Brücke auf der linken Seite. Heute noch eins der imposantesten Gebäude meiner Stadt für mich. Und obwohl ich damals von der bildenden Kunst absolut  keine Ahnung hatte, sagte ich mir jedes Mal, als ich auf meinem Schulweg an der Akademie vorbeifuhr: Dort werde ich einmal studieren! Woher ich diesen ureigenen Glauben an etwas hatte, was ich gar nicht kannte, weiß ich bis heute nicht. Jedoch landete ich mit zahlreichen Umwegen, zwar nicht sehr lange, da ich mich während des Orientierungsjahrs für Kulturmanagement entschieden hatte, als Studentin an der Kunstakademie Düsseldorf: ICH!

Bis heute lebt dieses fröhliche, abenteuerlustige, mutige und kämpferische Mädchen in mir. Es hat mich durch alle Katastrophen der letzten Jahre gebracht: Auf den Boden liegen bleiben, gilt nicht. Heulen sowieso nicht! Eine kindliche Weisheit, der ich in den letzten Jahren nicht immer nachkommen konnte. Oft blieb ich einfach nur am Boden liegen und gab auf. Heulte rum.

Trotz allem, was in den letzten Jahren passiert ist, habe ich meine kindliche Freiheit nicht ganz verloren. Irgendwo gibt es sie noch, die große, farbenfrohe und verheißungsvolle Welt, die voller tolle Abenteuer steckt und nur eins möchte: entdeckt und erobert werden.

In vier Jahren werde ich 60, sollte ich sie erreichen. Und in 14 Jahren bin ich 70. Es ist eine andere Herausforderung, der ich mich jetzt stellen muss: Wie geht man mit Alter um? Wie damit, dass man nicht mehr alle Schlachten schlagen kann und auch gar nicht mehr bereit dazu ist.

Ich kann jedes Projekt planen. Wenn ich beruflich eine Stärke habe, dann das Organisieren von den unmöglichsten Dingen. Nur in meinem Leben Struktur bringen, das habe ich bis heute nicht geschafft. Sobald es an eine Zukunftsplanung geht, bekomme ich Panik und fühle mich sofort eingesperrt. Eine Freundin meinte dazu: Mach Dir nicht so einen Kopf. Du bist eine Jägerin und ich eine Sammlerin und Bewahrerin.

Als ich Anfang der 90er Jahre zum ersten Mal einen meiner Lieblingsfilme, die grünen Tomaten schaute, nahm ich mir vor im Alter wie Ninny aus dem Film zu werden. Ja, heute noch! Ich möchte so werden, wie sie. Vielleicht sollte ich mir solche Ziele setzen, wie ich sein möchte und nicht was ich alles noch haben und erleben möchte. Das hat eh nie bei mir funktioniert.

Und wenn ich mir manchmal den Druck nehmen kann und das Grübeln aufgebe: Was wird sein? Wie lange hast Du noch? Wie viel Leid noch? Wenn ich an solchen Tagen morgens in den Spiegel schaue, sehe ich hinter meinem nicht so schönen und müden Spiegelbild manchmal immer noch das kleine mutige und lebensfrohe Mädchen, welches sich die Wiesen und Straßen erobert.

Eier im Gepäck.

Dieses Jahr bin ich zum dritten Mal über Weihnachten auf Lanzarote. Da endlich Mal keine Therapien oder Untersuchungen anstehen, bleibe ich auch über Silvester. Gegen Mittag gehe ich meistens in ein kleines Café und lege eine Pause ein. Dort gibt es die besten Törtchen und direkt hinter der Törtchen-, Kuchen-, Getränke- und Kaffee-Theke befindet sich ein kleiner Supermarkt. Es ist wie  in meiner Kindheit bei Tante Emma. Es fehlen nur der vertraute Geruch und das Glöckchen, welches klingelt, sobald die Tür aufgeht. Hier gibt es alles auf kleinsten Raum, sogar Lanzarote Salz abgepackt in winzigen Plastiktüten für 50 Cent. Und natürlich in allen Variationen  (Cremes, Seifen, Duschgels, Getränke, Tabletten und vieles mehr) und Ausführungen: Aloe Vera. Das Wundermittel schlechthin! Aloe Vera wird z. B. sowohl bei Durchfall als auch bei Verstopfung erfolgversprechend eingesetzt. Solche Hinweise verwirren mich immer. Denn bei mir geht entweder das eine oder das andere.
Was ich hier auf Lanzarote liebe und in jedem Supermarkt zu finden ist, sind Oliven und spanischen Käse: beides spottbillig im Vergleich zu Deutschland. In Italien haben sich die Preise durch den Euro mittlerweile angepasst. Hier immer noch nicht. Jedes Mal bilde ich mir ein, dass die Oliven und der Käse hier anders und viel besser schmecken.

In der Regel gehe ich erst einmal in den kleinen Supermarkt. Dabei schaue ich  immer wieder zur Terrasse, damit ich schnell dorthin sprinten kann, sobald dort einer der begehrten Plätze frei wird. Der Hauptgewinn ist ein Sonnenplatz ganz vorne. Gehört man zu den Glücklichen und hat einen Sitzplatz ergattert, verlässt man diesen nicht mehr so schnell. Denn er verspricht guten Kaffee, leckere Törtchen, kuriose Unterhaltung, viel zu sehen, da die Verkaufsstraße direkt daran vorbeigeht, sowie einen wunderbaren direkten Blick auf das Meer. Wegen der begrenzten Kapazitäten der Sitzplätze und Tische komme ich immer wieder sehr schnell und oftmals völlig unfreiwillig ins Gespräch. Irgendwann rückt man einfach zusammen: Die Neuankömmlinge wollen auch einen Platz und die Glücklichen nicht aufstehen. An diesem Ort habe ich schon Berufe kennengelernt, worüber ich mir zuvor keinerlei Gedanken gemacht habe. Auch lernte ich Menschen und Orte kennen, mit denen ich in meinem Alltag niemals in Berührung komme. Letztes Jahr habe ich mich mit einer Frau über eine halbe Stunden auf ziemlich schlechten Englisch unterhalten, bis wir beide herausgefunden haben, dass sie aus einem kleinen Ort aus Hessen kommt und ich aus Düsseldorf.

Einen Tag vor Weihnachten saß über eine Stunde lang Doro beim mir. Fragte nicht, ob der Stuhl noch frei sei, sondern setzte sich mit großem Gestöhne einfach hin. Sie musste einen Tag später genau an Heiligabend nach Hause. Zu spät gebucht. Und jetzt ist eben alles ausgebucht. Sie ist so eine Person mit einer Ausstrahlung, der man nicht widerspricht. Sie erzählte mir direkt, dass sie aus Hamburg sei. Als sie ihre Bestellung perfekt auf Spanisch aufgab, teilte sie mir unaufgefordert mit, dass sie in ihrem langjährigen Berufsleben Simultan-Dolmetscherin war. Ihre Kurzbiografie sprudelte vorbehaltlos aus ihr heraus. Ziemlich blöde meinte sie weiter, dass sie zu Hause nichts im Kühlschrank hat und nun von Lanzarote Essen mit nach Hause nehmen muss. Zudem hat man sie gerade in ihrem Hotel darauf hingewiesen, sie soll es unterlassen, Essen mit aufs Zimmer zu nehmen, was sie unglaublich wütend macht. Als, wenn sie Essen klauen würde.
Neben ihrem Stuhl stand eine prall gefüllte Plastiktüte. Sie zeigte mir ihre Ausbeute. Darin hortete sie ihre Schätze und jetzt hatte sie Angst, dass wenn man die Tüte (mit den geklauten Sachen darin :-)) auf ihrem Zimmer findet, wieder abnehmen würde. In der Tüte befanden sich viele  Päckchen Butter und Marmelade, sowie  mindestens 10 Brötchen, mehrere Scheiben Käse und Wurst in Servietten gewickelt. Die Krönung von alledem waren 12 frische Eier in einem Eierkarton, die ihr der Koch aus dem Restaurant besorgt hatte. Die Tüte hatte etwas von einem Feldzug nach St. Martin oder Halloween. Ich fragte, wie willst Du all das transportieren? Völlig selbstverständlich antwortete sie: Kommt alles ins Hauptgepäck. Das gebe ich ja auf. Wenn ich die Sachen mit ins Handgepäck nehme, nimmt man mir die Lebensmittel ab. Ja, so ist das mit der Logik und der Eigen- und der Fremdwahrnehmung, dachte ich grinsend. Zudem wäre ich so gerne dabei, wenn sie den Koffer zu Hause öffnet oder der Zoll am Flughafen ihren Koffer unter die Lupe nimmt.

Das Tollste an diesem Mittag im Café war: Es haben wieder kuriose und leichte Geschichten Platz in meinem Leben! Verlorengegangene Leichtigkeit hat wieder Einzug genommen. Die Geschichten sind nicht mehr bedrohlich, sondern einfach nur Geschichten, die so oder so ausgehen, aber niemand wirklich Schaden nimmt. Vielleicht die Klamotten neben den Eiern :-).

Ausgerechnet Zoé

In  dem Kinofilm „Ausgerechnet Zoé“, der in den 90ern in den Kinos lief, geht es um die 22 Jahre alte Zoé, die sich bei einem One-Night-Stand mit ihrem Exfreund mit HIV angesteckt hatte. Den gesamten Film bekomme ich nach all den Jahren nicht mehr zusammen. Jedoch ist mir bis heute die Freundin Pat der Hauptfigur Zoé in Erinnerung geblieben, da sie ungemein anstrengend war. Stellvertretend für Zoé jammert sie ständig rum: Warum ausgerechnet Zoé? Noch so jung und gesund und überhaupt. Pat ging mir furchtbar auf die Nerven, denn Zoé hatte nach dieser Diagnose ihr Schicksal extrem gut und vor allen Dingen sehr ehrlich gemeistert. Was jammerte Pat da überhaupt so blöd rum? Ihr Leben war völlig in Ordnung. Sie hatte doch noch ihre Zukunft vor sich.

Ich mag diese Pseudobetroffenheit nicht. Damit stellen sich diese Menschen über den anderen. Und was nutzt es dem Betroffenen? Das Verhalten ist überhaupt nicht zu gebrauchen. Es macht nur noch mehr Drama zudem, was man selbst schon zu bewältigen hat. In meiner Vergangenheit habe ich mich bei diesen Menschen immer gefragt: Um wen gehts hier eigentlich? Um mich bestimmt nicht! Denn: Hallo! Dir gehts super! Ich halte die Arschkarte in der Hand!

Also Pat jammert in dem Film bis fast zum Schluss weiter rum und geht dann ein letztes Mal unachtsam über die Straße. Völlig unaufgeregt wird sie von einem Auto überfahren. So banal kann das Leben sein: Pat ist tot und Zoé geht auf ihre Beerdigung anstelle umgekehrt.

Der Film fiel mir letzte Woche wieder ein und hängt mir bis heute nach. Was wollte der Film uns Zuschauern eigentlich sagen?  Was sagt uns das Leben?

Es gab noch eine übrig gebliebene Freundin aus der Hamburger Zeit. Wir telefonierten alle paar Wochen miteinander. Sie hatte alles, was ich in meinem Leben bis heute nicht erreichen konnte: Sie war rundum zufrieden bis fast glücklich damit. Einfach nur über Gott und die Welt quatschen ging allerdings seit meiner Gehirntumor-Diagnose mit ihr nicht mehr. Der Spaß war leider vorbei! Sie bekam so etwas Nerviges von dieser Pat und war seitdem nicht nur sehr betroffen, wenn wir telefonierten, sondern gab mir ständig unaufgefordert Tipps. Sie wusste alles: Wie ich mich ernähren musste. Was der richtige Schlafrhythmus ist. Welchen Sport ich machen sollte und warum Vitamin D so unglaublich schlecht für mich sei! Mit der Schulmedizin stand sie auch immer wieder auf Kriegsfuß, was ständig zur Diskussion stand. Ihre Eltern waren beide Heilpraktiker und hielten überhaupt nichts von der Schul-/Gerätemedizin, die nur symptomatisch behandelt und nicht ganzheitlich! Ich mochte sie wirklich von Herzen gerne, aber in dieser Situation war sie wenig hilfreich. Der Grund, warum ich während meiner Katastrophenjahre die Telefonate reduzierte. Als dann im Frühjahr 2018 die Diagnose Brustkrebs kam und im Sommer die Chemo folgte, unterbrach ich den Kontakt für die gesamte Zeit. Ich wollte mir eine Diskussion über die Chemo einfach ersparen. Deshalb dachte ich mir überhaupt nichts dabei, dass ich lange nichts mehr von ihr hörte.

Letzte Woche rief ich sie an. Ihr Mann ging ans Telefon. Er teilte mir in wenigen Worten mit, sie sei nach kurzer heftiger Krankheit am 11.11.2019 verstorben.

Diese Information hat mich völlig fertig gemacht. Nicht sie: eine Person, die ein gutes und gesundes Leben hatte. Eine kostbare Seltenheit heute. Ihr Leben war in meinen Augen mehr als perfekt: Es war schön! Wie konnte so etwas passieren? Sie gehörte für mich zu den Hoffnungsträgerinnen, wohin ich schaute, wenn ich mal wieder so richtig an die eigenen Grenzen kam: So kann es auch sein, das Leben!

Unser Schicksal ist machmal völlig verdreht. Es gibt Menschen, die wirklich heftige Diagnosen zu bewältigen haben und jeden Tag, jede Stunde und Minute für ein wenig mehr Zeit auf dieser Erde kämpfen. Und dann gibt es die Menschen, bei denen man denkt, die haben die Zeit, das Leben, die Liebe, das Glück und die Gesundheit für sich gepachtet und die sind dann plötzlich nicht mehr da! Einfach gestorben!

Aus meinem Blickwinkel heraus hatte sie noch wesentlich mehr Zeit auf dieser Erde vor sich als ich. Das Leben hatte jedoch etwas anderes mit uns vor.

 

8 1/2 Wochen

Vor 10 Jahren, in der Nacht vom 20.09.2009 auf den 21.09.2009 landete ich mit extremen körperlichen Beschwerden in der Notaufnahme eines Hamburger Krankenhauses. Von dort aus wurde ich ohne physische Untersuchung auf direktem Weg in die Psychiatrie des Krankenhauses geschickt. Zwei oder drei Tage später auf der Akutstation der Psychiatrie wurde ich dem Oberarzt vorgestellt, der den weiteren Weg für mich festlegen sollte. Bis dahin gab man mir starke Psychopharmaka (Diese Abteilung ist dafür bekannt, dass sie zu viele Psychopharmaka verteilt. Eine Patientin meinte mal böse im Raucherzimmer: Tavor verteilen die hier wie Smarties, Patienten fangen hier an zu rauchen, aber Alkohol zur Beruhigung ist für die Ärzte Sucht! Wie verlogen ist das denn?), sodass ich kaum aufrecht haltend auf dem Sitzplatz vor seinem Schreibtisch saß und seine Fragen mechanisch beantwortete. In kürzester Zeit und ohne physische Untersuchung diagnostizierte der Oberarzt eine Persönlichkeitsstörung und verlegte mich auf seine Station. Dort verbrachte ich 8 1/2 Wochen. 

Es dauerte fast die Hälfte meines Aufenthalts auf dieser Station, bis ich für meine überaus aktive Bein-Motorik (die Beine krampften und zuckten unentwegt) einen akzeptablen Umgang damit und die Kraft gefunden hatte, mir zu überlegen: WAS MACH ICH JETZT? Zumal ich ja auch überhaupt nicht wusste, wohin und was jetzt. Mein Lebensplan lag in Scherben, meine Ehe war zu Ende (darauf ritten die Therapeuten immer sehr gerne rum). Zudem musste ich versuchen, dass der Aufenthalt nicht bekannt wurde, damit ich meiner Selbständigkeit weiter nachgehen und meine laufenden Projekte abschließen konnte (ich arbeitete in der Psychiatrie einfach heimlich weiter, teilte niemanden mit, wo ich war). Mein Entschluss, aus den Fängen der Psychiatrie zu kommen, also meine persönlich geplante Entlassung aus der Psychiatrie entpuppte sich als gar nicht leicht. Ist man erst einmal auf Station übernehmen andere die Kontrolle über einen. Denn ich war ja psychisch äußerst instabil und das wurde mir täglich in den Therapierunden erklärt. Für den Geschmack der Therapeuten hatte ich zu viel eigene Meinung, war Tablettenverweigerin und stellte mich quer bei den Therapien, stellte zu viele Fragen und kritisierte deren Vorgehensweise recht offen. 

Irgendwann kam ich auf die Idee, vielleicht könnte man in einem allgemeinen Krankenhaus, in dem ich ja war, meinen körperlichen Beschwerden auf den Grund gehen und sprach bei einer der Ärztesprechstunden (die ein Mal in der Woche stattfanden) vor. Ich vergesse bis heute diesen arroganten Blick des Arztes nicht: „Ja Blut können wir Ihnen abnehmen, dazu haben wir aktuell jedoch keine Veranlassung. Wie kommen Sie auf ein Kopf-MRT? Weil meine Symptome auf MS oder gar Parkinson hinweisen! Und dann kamen im Von-Obenherab-Blick gekoppelt mit einem Ton (der ansonsten von der Generation Großeltern für Kinder unter 5 angewendet wird, wenn sie etwas angestellt haben oder ein Wort verwenden, welches man nicht in den Mund nehmen darf) seine Worte: Meinen Sie wirklich, Sie können eine Diagnose stellen? Von diesem Moment an wusste ich, ich bin denen hier ausgeliefert. Von dieser Seite kann ich keine Hilfe erwarten. Denn die Ärzte und Therapeuten hatten ihr Urteilt über mich gefällt und wenn ich nicht mitmache, dann geht das hier für mich verdammt böse aus. 

Von dem Tag an wurde ich zunehmend einsichtiger, beteiligte mich an den Therapien, erfand meine eigene Persönlichkeitsstörung und inszenierte meine Besserung davon. So nahm ich die Psychopharmaka jeden Abend entgegen und meinte, ich kann es ja Mal versuchen (ich hatte das Glück, dass bei mir noch nicht kontrolliert wurde, ob ich sie auch schluckte, in diesem Stadium der Entmündigung war ich noch nicht angekommen) und warf sie anschließend ins Klo. Ich rollte während der konstruktiven Bewegungstherapie auf dem Bauch liegend über ein Kissen, anderen Patienten Murmel zu und sprach später in der Runde über meine Empfindungen und neuen Erfahren, die ich mir während des Murmelvorgangs ausgedacht hatte. Während der Musiktherapie schnappte ich mir jedes Mal die Rassel, rasselte ab und an, klinkte mich während der gemeinsamen musikalischen Darbietung innerlich aus (denn wir alle hatten gar keine Instrumentenerfahrung oder eine Ausbildung darin) und sprach später darüber, wie viel Halt mir die Rassel gab. In der Morgenrunde sprach ich über meinen vergangenen Schlaf und abends über den bevorstehenden Schlaf. In der Gruppentherapie verhielt ich mich ruhig und in der Einzeltherapie kramte ich Geschichten aus meiner Kindheit hervor. Nachts riss ich mich zusammen und lief nicht mehr über die Flure. Ich ertrug meine Beine. In den wöchentlichen Abschlussgesprächen teilte ich der gesamten Therapeuten- und Ärztemannschaft mit, wie gut mir die Tabletten jetzt täten und wie viel ruhiger ich dadurch geworden bin und welche Fortschritte ich durch die Therapien machte. Zudem zitierte ich meinen Mann zu einem gemeinsamen Gespräch mit dem Arzt, damit er aussagte, dass wir beide es noch einmal miteinander versuchen werden, also ich eine Zukunft in der Außenwelt haben werde. Mein schwarzer Humor ließ mich die vielen Krisen und Verzweiflungsanfälle überstehen.

Ich war damals (bin es heute noch) fassungslos, dass es wirklich funktionierte. Ich wurde Mitte November mit den Worten entlassen, dass ich gute Fortschritte gemacht hätte und auf einen guten Weg wäre.  

Und weil ich es nicht oft genug sagen kann, da ich es bis heute nicht verstehe, dass so etwas überhaupt passiert: Ich wurde, bevor ich auf Station aufgenommen wurde und später auf Station in einem allgemeinen Krankenhaus, welches eine Abteilung Psychiatrie hat, physisch nicht untersucht. Meine Bitte, das nachzuholen, wurde arrogant abgewiesen. Mir wurde eine völlig unnötige Therapie aufgezwungen und damit ich überhaupt wieder entlassen werden konnte, machte ich nach 4 Wochen scheinbar mit. Was diese aus- und völlig eingebildeten Ärzte (Psychiater) und Therapeuten nicht einmal merkten, sondern mich noch ermunterten, so weiterzumachen: Ich sei auf einen guten Weg! Hätte ich diesen Ärzten und denen davor vertraut, dann wäre ich heute tot. Ich wäre als PSYCHO gestorben. Vielleicht wäre man irgendwann noch auf die Idee eines MRT’s gekommen. Vielleicht? Aber ich denke eher nicht, so wie man auf dieser Station mit Psychopharmaka vollgestopft wurde, hätte man alle meine physischen Symptome auf meine Psyche oder auf die Medikamente schieben können. Auch wenn ich gesagt hätte, ich nehme diese Pillen gar nicht, wer hätte mir denn geglaubt? Wer hätte auf meiner Bitte hin und für den Beweis dafür, einen Bluttest gemacht? Wer schießt sich denn selbst ins Knie?

Im Herbst 2013 musste ich Hartz 4 anmelden, weil durch die vielen Fehleinschätzungen der vielen Ärzte und der dadurch sehr späten Kopf OP’s im Jahr 2011 mein Leben, meine mentalen und körperlichen Kräfte einfach nicht mehr vorhanden waren, um mir ein neues Leben aufzubauen. Mein persönliches und berufliches Leben hatte ich 2010 in Hamburg gelassen. Meine Rücklagen waren verbraucht. Meine kleinen Projekte deckten meine Kosten nicht. Im Jahr der Diagnose wurde der Oberarzt (Facharzt für Neurologie und Psychiatrie), der mich auf seine Station für 8 1/2 aufgenommen hatte, mir eine physische Untersuchung verweigerte und eine Persönlichkeitsstörung diagnostizierte, Chefarzt der Psychiatrie und das ist er bis heute. Als ich 2013 bis 2014 versuchte gegen die Behandlung in der Psychiatrie rechtlich vorzugehen, bekam ich kein Recht (Die Gegenseite zerpflückte alles in Einzelteile und setzte darauf, wie irre ich doch war. Die fehlende physische Untersuchung wurde schlichtweg und permanent ignoriert. Diese Anwälte sitzen das einfach aus, so lange bis einem die Kraft für einen Kampf und das Geld dafür fehlen. Zudem fehlte mir der emotionale Abstand, um besser mit den Argumenten der Gegenseite umgehen zu können.) und streckte irgendwann die Flügel. 

Wenn mein innerer Schutzengel, mit seinen vielen tollen und unermüdlichen Gefährten: Trotz, Sturheit, Willenskraft, Intelligenz, Widerspruch, Skepsis, Misstrauen und Mut mir nicht zur Seite gestanden hätten, wäre ich als Irre gestorben. Niemand hätte sich die Mühe gemacht, die Wahrheit herauszufinden. Niemand hatte mir bis 2011, bis zur Diagnose geglaubt. Die Liste dieser Ärzte, Heilpraktiker, Heiler, Osteopathen und Alternativ-Medizinern aller Art ist sehr lang. Mein Exmann, meine Freunde und Familie glaubten mir sowieso nicht. Ich hatte PSYCHO fett auf der Stirn stehen. Es war ja für alle auch so unglaublich einfach: Reiß Dich mal zusammen. Du immer! Du hast ja immer was! Man muss auch wollen! Nimm endlich die Tabletten! Sicherlich waren Familie und Freunde nach der Diagnose etwas verhalten, aber dann schoss man sich darauf ein: Woher hätten wir das denn wissen sollen? Die Ärzte haben Mist gebaut! Aber auch wenn jemand Psycho ist, ist er doch immer noch ein Mensch, dem man respektvoll und menschlich begegen kann. Hinter jedem Psycho steckt ein Mensch, wenn er könnte würde er ganz bestimmt anders sein. Wenn er könnte! 

Artikel: 04.11.2011

Ich bekam im Jahr 2011 drei Entschuldigungen von drei Menschen, die alles richtig gemacht haben. Und das bedeutet mir bis heute unglaublich viel. Denn kein Geld der Welt kann die eigene innere Welt und die eigene Würde nach so einem Drama wieder heil machen, aber ein > Tut mir ehrlich leid < oder eine aufrichtige Entschuldigung können das. Denn dann weiß man, dass man richtig ist und spürt, der andere kann das große Leid sehen, was einem widerfahren ist. Er nimmt Anteil an diesem Leid. In der Uniklinik Düsseldorf wurde ich wegen meiner körperlichen Beschwerden (in der Notaufnahme) auf Endstadium MS untersucht. Als der junge Arzt mir die Diagnose Gehirntumor (der Tumor am Stammhirn war gutartig und saß dort schon fast 10 Jahre, so deren Einschätzung) mitteilte, fragte er mich: Niemand hat bei Ihnen ein MRT in Erwägung gezogen, bei Ihren Symptomen? Ich verneinte. Er holte tief Luft, ließ sie langsam raus und sagte: Ich möchte mich in aller Form für meine Kollegen bei Ihnen entschuldigen. Das Gleiche haben meine beiden Operateure auf der Neurochirurgie gemacht. Sie entschuldigten sich für ihre Kollegen bei mir. Dr. Chaddeh hatte es mit seinen Worten, bei unserer ersten Begegnung auf den Punkt gebracht. Er meinte damals, als er mich nach nicht einmal 10 Minuten auf direktem Weg mit einem Taxi in die Notaufnahme der Uniklinik schicken wollte, auf meinen Ausruf  > Wieso das denn jetzt? Ich bin eine Irre! <

„Frau Bach, man kann Läuse und Flöhe gleichzeitig haben, aber ich bin mir sicher. Sie haben nur Flöhe!“

Einfach so!

Einfach mal sich nicht über Krebs, Medikamente und Therapien, die man nicht verträgt, (diese Themen hatten mein ganzes letztes Jahr geprägt) austauschen oder reden und spontan etwas machen: etwas völlig Normales und dazu noch unbeschwert. Risikolos! Entweder es wird gut oder eben auch nicht. Was soll’s? Ausprobieren, machen! So entstand letzten Sonntag spontan und völlig improvisiert der Kleidertausch in meiner Wohnung. Mitte August saß ich mit meinen beiden Freundinnen in der Küche und sie meinten, es fehlt eine Wohnung für einen Kleidertrödel und ich sagte, klar nehmen wir meine! Ich startete einen Aufruf bei nebenan.de.  Zudem streuten wir die Info in unserem Bekanntenkreis.

Der Plan war, dass wir unsere Kleiderschränke ausmisten und dann bei mir zum Tausch oder bestenfalls nur zum Verkauf anbieten. Es kamen viele Frauen. Mehr als ich auf den Zettel hatte.  Nach nicht einmal einer Stunde wurden alle Hüllen fallengelassen und ein bunter und aktiver Tauschhandel war eröffnet. Alle Frauen hatten irgendwelche Kleidungsstücke der anderen Frauen an und quasselten wild durcheinander. Lustigerweise klappt das mit dem Verkaufen nur sehr selten. Letztendlich verkauft man etwas, um dann wieder etwas zu kaufen. Ging das Geld völlig aus, dann wurde eben nur noch getauscht oder man verabredete sich noch einmal an einem anderen Tag. Oder ging runter zum Bankautomaten. Im Vordergrund solcher Klamotten-Tausch-Verabredungen steht der Spaß, auch wenn in der heutigen Zeit alle die Nachhaltigkeit in den Vordergrund stellen. Ich bin keine Gutbürgerin, liebe aber schon immer Second Hand. Während meiner Theaterzeit hatte ich die Doris Day Phase. Später hatte ich einen tollen 40er Jahre Fundus, den ich irgendwann einem freien Theater schenkte. Second Hand ist für mich viel spannender und macht auch viel mehr Spaß, als in ein Kaufhaus oder in eine Boutique zu gehen. Und den hatten wir, den Spaß! Irgendwann, als fast alles angeschaut und anprobiert wurde, standen die meisten Frauen in meiner Küche, redeten über alles Mögliche und hatten einfach nur Spaß. Es war wie früher, als ich während des Studiums in der Altstand wohnte und spontane Bottle-Küchen-Partys veranstaltete. Einfach nur so treffen, egal wer kommt und Spaß haben. Völlig ungezwungen.

Eine Woche später hallt immer noch die Leichtigkeit von dem Nachmittag nach. Wie einfach es sein kann: nicht ständig über Krankheit, Rückfälle, gesunde Ernährung, Sport und all die Nebenwirkungen der Krebstherapie nachdenken und reden zu müssen. Wie einfach Leben sein kann, wenn man einfach nur macht. Klappt natürlich noch nicht so oft, wieder ins Leben eintauchen und spontan sein. Aber Schritt für Schritt geht das schon, sich wieder unter normalen (gesunden) Menschen zu mischen und über Alltägliches zu reden und daran teilzunehmen, nicht mehr als Außenstehende dabeizustehen, sondern dazugehören. Mittendrin sein, im völlig normalen Leben! Ich habe meine spontane Aktion absolut nicht bereut. Von Anfang bis Ende hat es nur Spaß gemacht! Allerdings ist mein Kleiderschrank eher voller als leerer geworden. Zum Schluss hin habe ich meine Sachen wie Sauerbier angeboten. Aber alle hatten bereits genug gekauft und zu wenig verkauft.

Es war ein Tag unter Gesunden. Es ging um Mode, um uns Frauen, um den Job oder einfach nur um das Kennenlernen: Wer bist Du denn? Was machst Du so? Hey, wo kann ich mich umziehen? Steht mir das? Um ganz einfache und normale Dinge eben! Und es war schön. Einfach nur unkompliziert!

Es ist spät geworden. Am Abend sind  nur noch wir übrig geblieben. Aber ich finde, auf dem Foto sieht man uns den Spaß, den wir hatten, noch an!