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… das Leben neu denken.

Bereits 11 Wochen bin ich auf Lanzarote. Seitdem wir seit Anfang des Jahres wegen COVID-19 in der Alarmstufe 4 verharren, gleicht absolut jeder Tag dem anderen. Wir übriggebliebenen, die nach den hochschnellenden Zahlen nicht geflohen sind, wuchsen zu einer Art Inselgemeinschaft zusammen. Es ist nicht so, dass wir uns untereinander kennen. In den wenigen offenen Cafés und Anlaufstellen sehen wir uns halt jeden Tag. Es gibt nur uns hier. Das verbindet.

Mitte Januar konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, nach Hause zu fliegen. Sollte ich auf der Insel festgesetzt werden (was ja jetzt passiert ist), war mir das zu diesem Zeitpunkt ziemlich egal. Was sollte ich zu Hause? Ich wusste nicht einmal, ob ich es als das bezeichnen wollte und konnte. Ich war eher auf dem Trip, einfach hierzubleiben. Schauen, was das mit mir macht.

Ich war davon überzeugt, es würde mir reichen: laufen, Yoga, Meer, gutes Klima und viele Bücher. Letztens musste ich feststellen, dass ich das Meer nicht mehr aushalten kann. Überall, wohin ich blicke: Wasser! 🙂 Ich lief in die andere Richtung zur Inselmitte, überquerte halsbrecherisch eine Hauptstraße und erst auf einem großen hässlichen Schotterplatz, vor mir nur noch die Vulkanberge, konnte ich endlich wieder atmen. Nach oben in den Himmel schauend, sah ich sehnsuchtsvoll einem startenden Flugzeug zu.

Was für mich vor drei Wochen noch völlig ausgeschlossen war, kann ich seit zwei Tagen nicht mehr abwarten: Ich möchte nach Hause. Mir fehlen meine Wohnung, meine Freunde und Nachbarn. Meine Laufstrecke am Rhein. Ich will in meinem Café sitzen. Bekannte Gesichter sehen, auf der Straße quatschen und und und. Ich will vor Corona, wie so viele andere auch. Heute früh habe ich bereits meinen Koffer gepackt, da es mich gepackt hat, obwohl ich frühestens in drei Wochen zurück kommen kann. Vorher geht hier nichts oder extrem umständlich.

Die Zeit hier stand für mich still. All die Wochen hat sich nichts verändert und trotzdem ist seit ein paar Tagen alles anders. Wie auch immer das in den letzten Wochen passiert ist, habe ich mich aus meiner Metamorphose befreit und weiß, jetzt ist es an der Zeit wieder fliegen zu lernen. Wenigstens sollte ich meine Flügel mal bewegen. Vielleicht steckt in mir ja doch noch ein Schmetterling. Ich glaube zwar eher eine alte Motte oder ein Käfer. Fest steht jedoch, es gibt kein zurück mehr in mein Kokon, in mein eigentliches Leben davor und auch nicht in mein Leben danach. Jetzt kommt etwas Neues und bisher weiß ich nicht, was.

Gestern saß ich wie jeden Tag gegen Mittag auf meiner Bank mit meinem Kaffee to go. Mir kam eins meiner Lieblingsbücher ‚EAT PRAY LOVE‘ in den Sinn. Ich dachte, so was vielleicht! Aber anders. Ich möchte kein ganzes Jahr aussteigen. Die Welt hat viele unfassbar schöne Orte. Trotzdem liegen mir nur drei am Herzen: (1) NEW YORK  (2) TOSKANA  (3) AFRIKA. Eine längere Zeit an diesen drei Orten verbringen. In New York für alle Museen Zeit ohne Ende haben. Über die Brooklyn Bridge und durch den Central Park joggen. Noch einmal alle Orte aus dem Buch Mond über Manhattan von Paul Auster abgehen. Und am Washington Square für mindestens einen Monat eine Wohnung finden. Dazugehören. Dort für kurze Zeit eine New Yorkerin sein. Genauso möchte ich es in der Toskana machen. Alle Orte besuchen, die ich so in mein Herz geschlossen habe. In Siena leben und dort vielleicht an der Uni Italienisch lernen. Ja, da war in meinem ganzen Leben immer diese Sehnsucht nach Afrika. Vor meiner 1. Hirn-Op auf dem Krankenhausbalkon hatte ich eigentlich damit abgeschlossen. Und dann sah ich über Weihnachten wieder den Film: Jenseits von Afrika. Afrika!

Ich sollte sofort damit aufhören, darüber nachzudenken, was ich aus meinem Leben noch machen kann oder den Anschluss an mein altes Leben wieder finden wollen. In meinem Leben hat sich so viel ständig verändert. Ich bin eine andere. Bisher war es eh eine völlig absurde und anstrengende Sisyphus-Aufgabe. Und für die Zukunft planen, das hat mir das Leben gezeigt, ist mehr als ein blödsinniges Unterfangen. Ich möchte lernen, mit dem Leben zu schwimmen, nicht permanent dagegen an. Vertrauen, heißt wohl das Zauberwort. Darauf vertrauen, dass es doch irgendwie noch gut werden kann, wenn auch nur für den Moment. Aber dafür lohnt es sich, endlich die Flügel zu schlagen und loszufliegen in Richtung New York, Italien und Afrika.

 

 

 

 

 

 

 

FRIDA!

Nicht auf die Sonne warten, sondern tanze im Regen, das ist einer meiner Lieblings-Postkartensprüche. Denn Regentage können so wunderschön sein. Über 10 Jahre bestimmten andere, Schicksal, Krankheit und Tod mein Leben. Kaum war ich aus dem einen Minenfeld heraus, trat ich bereits ins Nächste. Dieses Jahr sollte alles anders werden. Ich wollte endlich nach vorne schauen, machte Pläne und dann kam 2020.

COVID 19 kommt mir allerdings auf manchen Ebenen sehr entgegen. Das Virus macht es mir möglich, dass ich nun kollektiv in den Tag hinein leben und schlechte Laune haben kann. Ich muss nicht unbedingt wissen, wie es weitergeht. Denn das wissen wir gerade alle nicht so genau. Aktuell stehen wir gemeinsam in einem Minenfeld herum. Niemand weiß so recht, wann, wo und ob eine hochgehen wird. Diesmal ist es nicht meine alleinige Krise, sondern unsere Krise. Wenn ich wegen COVID 19 voll gejammert werde, antworte ich gerne: herzlich willkommen in meiner Welt!

Trotz allem gebe ich mich dem nicht mehr so oft hin und bin irgendwie immer wieder aufs Neue auf der Suche „Was mache ich denn jetzt?“  und „Wer bin ich heute?“ Auf alte Verhaltensweisen ist kaum noch Verlaß und obendrauf will ich die meisten auch gar nicht mehr. Das neue Leben verunsichert mich. Daher betrete ich es, als wären um mich herum nur rohe Eier. Nichts ist verlässlich. Alles neu und trotzdem noch so vertraut. Vieles ist kostbar, aber auch so furchtbar leicht zerbrechlich. Bei meinem letzten Aufräumen ist mir die Autobiografie  „Ich habe alles gelebt“ von Peggy Guggenheim und das Kochbuch „Mexikanische Feste – die Fiestas der Frida Kahlo“ in die Hände gefallen und ich las beide Bücher einfach noch einmal.

Was für zwei Leben! Was für Frauen! Für mich Vorbilder, wie man das Anderssein in allen möglichen Facetten leben kann. Beide pfiffen völlig auf gesellschaftliche Konventionen. Es interessierte sie nicht, was andere über sie dachten. Sie machten nur das, was für sie richtig war und das mit voller Leidenschaft. So wurden sie, jede in ihrer Art einzigartig, die Ikonen der Kunstszene des 20. Jahrhunderts.

Peggy Guggenheim, eine egozentrische Kunst-Mäzenin, die in ihrem Leben nur aus dem Vollen schöpfen konnte und es ohne Hindernisse bis zu ihrem Tod mit 81 in vollen Zügen genoss. Bereits in den 20er Jahren ging sie als junge Frau mit ihrem geerbten Geld nach Paris, um sich dort der Bohème hinzugeben. Sie war auf der Suche nach Intensität, nach Grenzüberschreitung und nach Schönheit. Seit den 40ern sammelte sie eher Männer, deren Kunst sie ausstellte und kaufte. So wurde sie zur umstrittenen und nicht immer ernst genommenen Kunstmäzenin des 20. Jahrhunderts. Selbst bezeichnete sie sich in einem Interview als eine befreite Frau. Ich kann nicht einmal sagen, dass ich diese Frau beim Lesen ihrer Autobiografie sympathisch fand. Okay, ihr Lebensstil war schon extrem cool, sowie die Zeitspanne und die Orte, wie Paris, London oder New York, an denen ihr Leben stattfand, sind für mich nach wie vor fantastisch. Es gab schon sehr sehr viele Lese-Momente, da hätte ich sofort mein Leben gegen ihres eingetauscht. Sie besaß zudem eine gute Gesundheit, ausreichend Geld und vielleicht auch eine große Portion Oberflächlichkeit. Alles Zutaten, womit sie ihr Leben in vollen Zügen auskosten konnte.

Und dann ist da noch Frida Kahlo. Eine Künstlerin, die ihr Leben aus ihrem Innen heraus geschaffen hat. Die ihrem Leben so viel abtrotzte, wie es für sie möglich war. Sie war schön, intellektuell, leidenschaftlich und kraftvoll. Daher liebe ich ihre Fotografien so sehr, worauf sie uns bis heute würdevoll, aufrecht und stolz mit den ungesagten Worten „ICH BIN DA! GENAU IM HIER UND JETZT!“ anschaut. Leider wird sie seit einigen Jahren von der Merchandising-Industrie extrem verheizt. Aber auch auf den verunstalteten Kissen, T’Shirts, Kleidern  oder Tassen verliert ihr Blick und ihre Haltung nicht an Kraft. Heute noch, wird sie von so vielen Menschen verehrt. Wir alle wollen ein wenig Frida Kahlo sein. Ich selbst habe ein Bild von ihr in meiner Küche hängen. Ich sitze gegenüber am Tisch und arbeite dort. So habe ich sie ständig im Blick.

 

Gerade während meiner pechschwarzen Zeiten ist Frida Kahlo eine Heilige für mich.

 

Im Gegensatz zu Peggy Guggenheim musste Frida Kahlo in ihrem Leben ständig übergroße Felsbrocken überwinden. Sie kam nicht aus reichem Hause und wurde in Mexiko geboren. Sowohl für die Kunst als auch als Frau, die sich ein unabhängiges und eigenständiges Leben wünscht, keine guten Voraussetzungen. Mit 6 Jahren erkrankte sie bereits an Kinderlähmung. Durch das Busunglück mit 18 Jahren wurde ihre Vita zu einer einzigen Krankengeschichte. Anschließend durchlebte sie in den darauffolgenden 29 Jahren mehr als 30 Operationen. Alkohol- und Drogensucht, Depressionen und das Leben mit den dauerhaften Schmerzen, schließlich Amputation des rechten Beins, ein eingeleitetes Lebensende mit 47 Jahren im Rollstuhl waren die weiteren Stationen ihres physischen und psychischen Martyriums. Mit dem Malen begann sie bereits früh, zunächst als Zeitvertreib während des Liegens alleine in ihrem Krankenzimmer. Sie bemalte ihren Gips, soweit ihre Arme und Hände reichten.

Frida Kahlo, die ursprünglich Ärztin werden wollte, verarbeitete ihre Leben auf ihre Weise über die Malerei. Viele ihrer bedeutenden Arbeiten sind erschütternde Gemälde voller Marter, Schönheit und Poesie. Mittlerweile ist ihre Malerei in der Kunstszene angekommen und daraus auch nicht mehr wegzudenken. Darüber hinaus ist sie in der ganzen Welt zur Ikone geworden.

Es wäre anmaßend, wenn ich mich mit Frida Kahlo vergleichen würde. Sie ist einfach nur eins: EINZIGARTIG!

Indem Peggy Guggenheim nur aus dem Vollen schöpfen konnte, hat Frida Kahlo dem Leben alles abgerungen, was es ihr zu bieten gab. Ich denke, wir wollen alle wie Frida Kahlo sein aber das Leben von Peggy Guggenheim haben. So gehts mir. Ich wäre gerne als Frida Kahlo durch das Leben von Peggy Guggenheim spaziert. Aber geht das? Wäre Frida Kahlo ohne das Busunglück nicht ein ganz anderer Mensch geworden? Vielleicht eine Ärztin, von der zumindest die Kunst-Welt nie etwas gehört und gesehen hätte.

Ich spiele immer wieder gerne das Spiel, was wäre wenn? Auch Paul Auster tat es in seinem letzten Roman 4321. Eine DNA, vier verschiedene Ausgangssituationen und vier daraus resultierende unterschiedliche Leben. Ich musste oft beim Lesen aufpassen, damit sich diese vier Leben nicht miteinander vermischten. Zudem fragte ich mich ständig, war der eine Lebensverlauf wirklich besser als der andere? Trotzdem spiele ich dieses Spiel noch: Was wäre gewesen, wenn ich keinen Hirntumor gehabt hätte? Wenn mir die letzten 10 Jahre nicht vom Leben genommen worden wären? Im Prinzip dreht sich alles nur um eine einzige Frage: Hätte ich heute ohne all das Leid ein besseres Leben? Fakt ist, heute bin ich eine andere als damals. Aber ich kann nicht beurteilen, ob dies besser oder schlechter ist. Der Weg der letzten Jahre hat mich zu mir selbst geführt. Im Yoga sagt man, nichts geht ohne Leid.

Was ich mit Frida Kahlo gemeinsam habe, ist das Leben selbst. Ich bin mir  sicher, egal was Peggy Guggenheim in ihrem Leben auch anstellte, um ein Mal diesen einen einzigartigen Moment zu erleben, bei dem man das Leben hautnah spürt, diesen Moment nie erleben durfte. Wir konsumieren das Leben nicht! Wir leben es! Hautnah und mit jeder noch so kleinen Faser. Das gilt sowohl für die dunklen Seiten, aber auch genauso für die hellen und schönen Momente. Es entsteht keine Intensität ohne Spannung. Kein Licht ohne Schatten. Keine Liebe ohne Schmerz. Wie soll ich die Sonne wertschätzen, wenn ich Dunkelheit, Sturm, Regen und Kälte nicht kenne? Fehlt der Schatten und somit die Spannung, fühlt sich irgendwann alles wie Pippi an. Schönes oder Menschen, die wir mal geliebt haben, werden für uns selbstverständlich. Wie Frida Kahlo habe ich gelernt den Regen zu lieben und darin zu tanzen. Und wenn tatsächlich die Sonne aufgeht, dann ist es unbeschreiblich! Kommt man in unserer Situation nicht irgendwann dahinter im JETZT zu sein, kann sogar ein leichter schöner Sommerregen einen erschlagen. Menschen die viel Leid, wie Frida Kahlo durchlebten oder noch durchleben, haben das den anderen voraus: Sie durchleben zwar mehr dunklen Zeiten als andere, bekommen aber dafür die Chance, im Regen zu tanzen und die Sonne hautnah zu spüren. Es ist völlig egal, was der andere alles hat. Der grüne Rasen von nebenan ist nicht schöner, als unsere bunte Kornblumenwiese.

 Wir leben für die einzigartigen Momente, weil wir wissen, dass wir nichts festhalten oder kontrollieren können.

Vielleicht haben wir kein langes, gesundes, geradliniges, gewohntes und etwas gelangweiltes Leben, welches mit Aktionen und Attraktionen gefüllt werden muss. Wir haben nur diese kraftvollen und intensiven Momente, wofür es sich jeden einzelnen Tag lohnt aufzustehen, auch wenn wir oftmals nicht wissen, wie das gehen soll. Aber genau das ist es, warum wir alle Frida Kahlo so lieben. Sie stand immer und immer wieder auf. Zeigte uns, wie schön das Leben ist. Sie versteckte ihre schlechten Zeiten nicht, lebte auch sie auf ihre einzigartige, würde- und kraftvolle Weise.

Ja, Frida Kahlo ist eine Heilige für mich!

Sie zeigt mir, dass wir nur dieses eine Leben haben. Mir wurden nicht die besten Voraussetzungen und Zutaten dafür bereitgestellt. Lebensvoraussetzungen hat niemand in der Hand. Wir werden mit einer DNA einfach in ein Leben hineingeboren und man verlangt von uns, damit zurechtzukommen. Und sicher! Das Leben kann so ungerecht sein. Aber trotzdem habe ich es in der Hand, was ich daraus mache.

… und jetzt?

Mit einem Piaggio APE 50 durch die Toskana, das war der Plan, der mich durch meine Krebsdiagnose und die vielen Therapien brachte. Ich brauchte in meinem italienischen Café oder auf meinem kleinen Hinterhofbalkon nur die Augen zu schließen und hörte das knatternde Geräusch, die Fehlzündungen und dann das Pöttern, wenn das Gerät fuhr. Und schon war ich in Italien. Wenn mich die Sehnsucht schmerzhaft packte, schaute ich mir auf der Internetseite Piaggio Commercial die verschiedenen Modelle an.

Obwohl die Idee Toskana über Monate mein Anker war, habe ich diese Reise in die Toskana bisher nicht gemacht. Ob ich sie nur verschoben habe? Ich weiß es nicht! Als alles vorbei war, kam erst einmal das ganz große Nichts. Ich war so damit beschäftigt, die Therapien zu überstehen und damit, mein Leben auszumisten, dass – als es endlich vorbei war – nichts passierte. Die Erde drehte sich einfach weiter. Alle um mich herum lebten ihr Leben wie gewohnt. Und ich steckte über Jahre in einem Leerlauf fest und hatte den Anschluß verpasst.
Bis heute finde ich meinen Platz in dieser Welt nicht. Ich fühle mich, wie damals als ich 1995 zum ersten Mal in New York war und mich ein Magen Darm Infekt erwischt hatte. Ich schleppte mich wie Marco Stanley Fogg aus dem Paul Auster Roman Mond über Manhattan gegen den Strom auf der Fifth Avenue zum Central Park und wollte dort eine Bank finden und mich ausruhen. Einen ruhigen Moment im Grünen sitzen: Sonne sehen! Himmel und Wolken! Als ich da mit meinen Bauchkrämpfen saß und den Menschen zuschaute, frage ich mich: Wo wollen die alle so schnell hin? Gab es einen Bombenalarm? Sind Kriminelle hinter denen her? New Yorkerinnen und New Yorker gehen nicht, sie walken und joggen. Sie essen nicht einfach ein Sandwich oder trinken gemütlich einen Kaffee, sie optimierten mit der Ernährung ihren Körper. Sie fahren nicht einfach Roller Skate oder Rad, sie stellten Rekorde auf. Sie kaufen nicht ein, sie shoppen. Und mittendrin die Touristen in den Pferdekutschen. Mit aufgeladenen Akkus ist das super. Dann reißt New York einen mit, als gäbe es kein morgen. Schwäche hingegen gilt nicht!

An so einem Tiefpunkt, wie 1995 auf der Parkbank im New Yorker Central Park, wurde ich im Juli nach meinen Therapien wieder ins Leben gespuckt. Als mir meine Onkologin sagte, heute ist ihr letzter Tag, wie schön! Ich konnte nicht anders und heulte los, fragte sie: Was mache ich denn jetzt da draußen?
Wenn ich mit offenen Augen durch die Stadt gehe, frage ich mich wie damals: Hallo, wo wollt ihr denn alle hin? In 100 Jahren leben nicht einmal mehr unsere Enkel auf dieser Erde. Die Worte Stress, Spaß und Optimierung kann ich nicht mehr hören. In unserer europäischen Welt ist New York längst angekommen: Wer normal oder sogar noch krank ist, der ist raus. Der darf nicht mehr mitspielen.

Auf meiner Straße traf ich vor ein paar Tagen eine alte Freundin. Sie war, wie alle, im Stress. Was sonst? Wir haben mittlerweile 12 Monate im Jahr stressige vorweihnachtliche Ausverkauf-Stimmung. Die Eltern, der Freund, ihr Laden, die fiese Erkältung und damit ins Bett, geht ja gar nicht und überhaupt. Ich stand ihr nicht gerade aufmunternd gegenüber und meinte: Wie wäre es mit ein wenig Ruhe? In solch einem Moment werde ich immer mit großen Augen fassungslos und wortlos angestarrt: Wie bist Du denn drauf!!! Der Small Talk wird  an diesem Punkt in der Regel abrupt beendet, weil ein stressiger Termin ansteht. Mir wurde nach diesem Treffen schlagartig klar, wie privilegiert ich bin und habe mich in Gedanken gefragt: Will ich so was überhaupt noch: Ein Leben auf der ständigen Überholspur. Immer am Anschlag. Und meinen, dass wäre auch noch cool? Möchte ich wirklich wieder dazu gehören? Will ich ständig und überall abgelenkt von mir selbst sein? Ich bin frei. Völlig frei! Alle Altlasten sind entsorgt. Mein Leben ist  geregelt. Wer kann das schon von sich behaupten?

Aber auch Freiheit muss man können! Ich weiß nicht wie lange ich jetzt noch um die Frage kreise: Ziehe ich einfach nach Lanzarote oder lerne ich doch Italienisch, um endlich meinen Toskana-Trip mit einem Piaggio APE Kastenwagen zu machen?  Aber genauso wie ich 1995 mit meinen Bauchkrämpfen von der Bank aufgestanden bin und mich wieder über die Fifth Avenue zurück zum Hotel wagte, werde ich irgendwann auch wieder ein Leben wagen. Auch New Yorker werden in ihrem Leben mal einen Magen Darm Infekt haben! So perfekt wie die Welt mir scheint, ist sie vielleicht doch nicht! Und irgendwo wird es einen kleinen Platz Un-Perfekt schon für mich geben!

oben ohne :-( oben ohne :-)

Haare sind für die Buddhisten ein Ausdruck der Schönheit und der Eitelkeit der Menschen im weltlichen Leben. Mit ihren kahl rasierten Köpfen zeigen die Nonnen und Mönche, dass sie keinen Wert mehr auf weltliche Dinge legen. Sie kehren dieser Welt den Rücken und widmen sich ganz ihren Glauben. Eine durch und durch freiwillige Entscheidung!

Erhält man die Diagnose Krebs und entscheidet sich für den Therapievorschlag Chemo, so sieht das mit der Entscheidungsfreiheit nicht mehr dolle aus. Klar gibt es auch Chemos ohne Haarausfall oder diese Kühlhauben. Die meisten verlieren ihre Haare jedoch völlig unfreiwillig.

Als ich die Diagnose Krebs erhalten habe, schwor ich mir, egal was mir diese mutierten Zellen nehmen werden, meine Würde bekommen sie nicht. Und diese Zellen sind gierig, heimtückisch, rücksichtslos und dumm. Die nehmen, was sie kriegen können. Der Kampf konnte beginnen. Ich war bereit dafür!

Ich gehörte zu den Chemo Patientinnen ohne Kühlhaube oder Perücke und mit Glatze nach der dritten Chemo.

Mit bunten und auffälligen Tüchern aus dem Second Hand Laden bin ich dadurch gegangen: wenn schon keine Haare, dann bunte Tücher in einer extravaganten Verknotung,  so mein persönliches Motto.

Bei einer meiner Untersuchungen verrutschte mein Tuch. Ich war genervt und wollte es nicht wieder neu binden und überhaupt ging mir an diesem Tag alles auf die Nerven. Da meinte meine Ärztin: gehen Sie doch einfach so, oben ohne! Steht Ihnen übrigens ausgezeichnet. Ich tat es tatsächlich. Erhobenen Hauptes trat ich aus der Praxis und nicht auf dem Boden blickend ging ich heim. Ich fühlte mich dabei nackter, als wenn ich mit freiem Oberkörper durch die Straßen gegangen wäre. Bildete ich mir das ein (also ist es mein Ding) oder gibt es wirklich diese Blicke: der scheue Schrecken, das schnelle zur Seite schauen, die versuchte Ignoranz, die gerne als Toleranz bezeichnet wird. Trotz eingebildeter oder auch nicht eingebildeter Blicke ging ich unerschütterlich weiter nach Hause und mein Kopf saß fest und erhaben auf meinem langgestreckten Hals. Ich fühlte die Würde in mir. Das gab mir unglaublich viel Kraft: keine dummen, respektlosen und gefräßigen Zellen finden in meinem Körper oder in meiner Seele eine Heimat. Die  sollen sich alle andere Opfer suchen. Dafür stehe ich nicht mehr zur Verfügung! Basta!

An meiner Hausecke sprach mich der Italiener an und sagte völlig entsetzt: „Hey Petra, so heiß ist es nun auch nicht. Warum hast Du Dir alle Haare abrasiert? Du bist doch kein Mann!!“ Ich hätte ihn für diese Aussage küssen und in den Arm nehmen können. Denn der Krebs hatte genau in diesem Moment verloren: Ich war sichtbar! Nicht der Krebs. Mit oder ohne Haare: ich war ich und wurde nicht auf eine Krebspatientin reduziert.

Jetzt, ein Jahr später, es ist wieder Sommer und ich kann behaupten: oben ohne kann irre schön sein, denn ich habe mich total in einem Smart Cabrio verliebt. Es ist einfach nur wunderbar, wenn ich in diesem Auto sitze, die Sonne scheint und ich offen damit zum Freibad fahre. Letztens fand ich das Gefühl so toll, dass ich, als ich wieder zu Hause vor der Tür stand, erneut das Gaspedal betätigte und die Runde mit meinem offenen Auto einfach noch einmal gedreht habe. Ein Knopfdruck kann so glücklich machen: Verdeck auf und wieder zu und wieder auf. Ich liebe diesen Knopf in meinem Auto. Ich liebe wieder einen Teil meines Lebens.