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Das Leben leben, so wie es ist.

Nicht auf die Sonne warten, sondern tanze im Regen, das ist einer meiner Lieblings-Postkartensprüche. Denn Regentage können so wunderschön sein. Über 10 Jahre bestimmten andere, Schicksal, Krankheit und Tod mein Leben. Kaum war ich aus dem einen Minenfeld heraus, trat ich bereits ins Nächste. Dieses Jahr sollte alles anders werden. Ich wollte endlich nach vorne schauen, machte Pläne und dann kam 2020.

COVID 19 kommt mir allerdings auf manchen Ebenen sehr entgegen. Das Virus macht es mir möglich, dass ich nun kollektiv in den Tag hinein leben und schlechte Laune haben kann. Ich muss nicht unbedingt wissen, wie es weitergeht. Denn das wissen wir gerade alle nicht so genau. Aktuell stehen wir gemeinsam in einem Minenfeld herum. Niemand weiß so recht, wann, wo und ob eine hochgehen wird. Diesmal ist es nicht meine alleinige Krise, sondern unsere Krise. Wenn ich wegen COVID 19 voll gejammert werde, antworte ich gerne: herzlich willkommen in meiner Welt!

Trotz allem gebe ich mich dem nicht mehr so oft hin und bin irgendwie immer wieder aufs Neue auf der Suche „Was mache ich denn jetzt?“  und „Wer bin ich heute?“ Auf alte Verhaltensweisen ist kaum noch Verlaß und obendrauf will ich die meisten auch gar nicht mehr. Das neue Leben verunsichert mich. Daher betrete ich es, als wären um mich herum nur rohe Eier. Nichts ist verlässlich. Alles neu und trotzdem noch so vertraut. Vieles ist kostbar, aber auch so furchtbar leicht zerbrechlich. Bei meinem letzten Aufräumen ist mir die Autobiografie  „Ich habe alles gelebt“ von Peggy Guggenheim und das Kochbuch „Mexikanische Feste – die Fiestas der Frida Kahlo“ in die Hände gefallen und ich las beide Bücher einfach noch einmal.

Was für zwei Leben! Was für Frauen! Für mich Vorbilder, wie man das Anderssein in allen möglichen Facetten leben kann. Beide pfiffen völlig auf gesellschaftliche Konventionen. Es interessierte sie nicht, was andere über sie dachten. Sie machten nur das, was für sie richtig war und das mit voller Leidenschaft. So wurden sie, jede in ihrer Art einzigartig, die Ikonen der Kunstszene des 20. Jahrhunderts.

Peggy Guggenheim, eine egozentrische Kunst-Mäzenin, die in ihrem Leben nur aus dem Vollen schöpfen konnte und es ohne Hindernisse bis zu ihrem Tod mit 81 in vollen Zügen genoss. Bereits in den 20er Jahren ging sie als junge Frau mit ihrem geerbten Geld nach Paris, um sich dort der Bohème hinzugeben. Sie war auf der Suche nach Intensität, nach Grenzüberschreitung und nach Schönheit. Seit den 40ern sammelte sie eher Männer, deren Kunst sie ausstellte und kaufte. So wurde sie zur umstrittenen und nicht immer ernst genommenen Kunstmäzenin des 20. Jahrhunderts. Selbst bezeichnete sie sich in einem Interview als eine befreite Frau. Ich kann nicht einmal sagen, dass ich diese Frau beim Lesen ihrer Autobiografie sympathisch fand. Okay, ihr Lebensstil war schon extrem cool, sowie die Zeitspanne und die Orte, wie Paris, London oder New York, an denen ihr Leben stattfand, sind für mich nach wie vor fantastisch. Es gab schon sehr sehr viele Lese-Momente, da hätte ich sofort mein Leben gegen ihres eingetauscht. Sie besaß zudem eine gute Gesundheit, ausreichend Geld und vielleicht auch eine große Portion Oberflächlichkeit. Alles Zutaten, womit sie ihr Leben in vollen Zügen auskosten konnte.

Und dann ist da noch Frida Kahlo. Eine Künstlerin, die ihr Leben aus ihrem Innen heraus geschaffen hat. Die ihrem Leben so viel abtrotzte, wie es für sie möglich war. Sie war schön, intellektuell, leidenschaftlich und kraftvoll. Daher liebe ich ihre Fotografien so sehr, worauf sie uns bis heute würdevoll, aufrecht und stolz mit den ungesagten Worten „ICH BIN DA! GENAU IM HIER UND JETZT!“ anschaut. Leider wird sie seit einigen Jahren von der Merchandising-Industrie extrem verheizt. Aber auch auf den verunstalteten Kissen, T’Shirts, Kleidern  oder Tassen verliert ihr Blick und ihre Haltung nicht an Kraft. Heute noch, wird sie von so vielen Menschen verehrt. Wir alle wollen ein wenig Frida Kahlo sein. Ich selbst habe ein Bild von ihr in meiner Küche hängen. Ich sitze gegenüber am Tisch und arbeite dort. So habe ich sie ständig im Blick.

 

Gerade während meiner pechschwarzen Zeiten ist Frida Kahlo eine Heilige für mich.

 

Im Gegensatz zu Peggy Guggenheim musste Frida Kahlo in ihrem Leben ständig übergroße Felsbrocken überwinden. Sie kam nicht aus reichem Hause und wurde in Mexiko geboren. Sowohl für die Kunst als auch als Frau, die sich ein unabhängiges und eigenständiges Leben wünscht, keine guten Voraussetzungen. Mit 6 Jahren erkrankte sie bereits an Kinderlähmung. Durch das Busunglück mit 18 Jahren wurde ihre Vita zu einer einzigen Krankengeschichte. Anschließend durchlebte sie in den darauffolgenden 29 Jahren mehr als 30 Operationen. Alkohol- und Drogensucht, Depressionen und das Leben mit den dauerhaften Schmerzen, schließlich Amputation des rechten Beins, ein eingeleitetes Lebensende mit 47 Jahren im Rollstuhl waren die weiteren Stationen ihres physischen und psychischen Martyriums. Mit dem Malen begann sie bereits früh, zunächst als Zeitvertreib während des Liegens alleine in ihrem Krankenzimmer. Sie bemalte ihren Gips, soweit ihre Arme und Hände reichten.

Frida Kahlo, die ursprünglich Ärztin werden wollte, verarbeitete ihre Leben auf ihre Weise über die Malerei. Viele ihrer bedeutenden Arbeiten sind erschütternde Gemälde voller Marter, Schönheit und Poesie. Mittlerweile ist ihre Malerei in der Kunstszene angekommen und daraus auch nicht mehr wegzudenken. Darüber hinaus ist sie in der ganzen Welt zur Ikone geworden.

Es wäre anmaßend, wenn ich mich mit Frida Kahlo vergleichen würde. Sie ist einfach nur eins: EINZIGARTIG!

Indem Peggy Guggenheim nur aus dem Vollen schöpfen konnte, hat Frida Kahlo dem Leben alles abgerungen, was es ihr zu bieten gab. Ich denke, wir wollen alle wie Frida Kahlo sein aber das Leben von Peggy Guggenheim haben. So gehts mir. Ich wäre gerne als Frida Kahlo durch das Leben von Peggy Guggenheim spaziert. Aber geht das? Wäre Frida Kahlo ohne das Busunglück nicht ein ganz anderer Mensch geworden? Vielleicht eine Ärztin, von der zumindest die Kunst-Welt nie etwas gehört und gesehen hätte.

Ich spiele immer wieder gerne das Spiel, was wäre wenn? Auch Paul Auster tat es in seinem letzten Roman 4321. Eine DNA, vier verschiedene Ausgangssituationen und vier daraus resultierende unterschiedliche Leben. Ich musste oft beim Lesen aufpassen, damit sich diese vier Leben nicht miteinander vermischten. Zudem fragte ich mich ständig, war der eine Lebensverlauf wirklich besser als der andere? Trotzdem spiele ich dieses Spiel noch: Was wäre gewesen, wenn ich keinen Hirntumor gehabt hätte? Wenn mir die letzten 10 Jahre nicht vom Leben genommen worden wären? Im Prinzip dreht sich alles nur um eine einzige Frage: Hätte ich heute ohne all das Leid ein besseres Leben? Fakt ist, heute bin ich eine andere als damals. Aber ich kann nicht beurteilen, ob dies besser oder schlechter ist. Der Weg der letzten Jahre hat mich zu mir selbst geführt. Im Yoga sagt man, nichts geht ohne Leid.

Was ich mit Frida Kahlo gemeinsam habe, ist das Leben selbst. Ich bin mir  sicher, egal was Peggy Guggenheim in ihrem Leben auch anstellte, um ein Mal diesen einen einzigartigen Moment zu erleben, bei dem man das Leben hautnah spürt, diesen Moment nie erleben durfte. Wir konsumieren das Leben nicht! Wir leben es! Hautnah und mit jeder noch so kleinen Faser. Das gilt sowohl für die dunklen Seiten, aber auch genauso für die hellen und schönen Momente. Es entsteht keine Intensität ohne Spannung. Kein Licht ohne Schatten. Keine Liebe ohne Schmerz. Wie soll ich die Sonne wertschätzen, wenn ich Dunkelheit, Sturm, Regen und Kälte nicht kenne? Fehlt der Schatten und somit die Spannung, fühlt sich irgendwann alles wie Pippi an. Schönes oder Menschen, die wir mal geliebt haben, werden für uns selbstverständlich. Wie Frida Kahlo habe ich gelernt den Regen zu lieben und darin zu tanzen. Und wenn tatsächlich die Sonne aufgeht, dann ist es unbeschreiblich! Kommt man in unserer Situation nicht irgendwann dahinter im JETZT zu sein, kann sogar ein leichter schöner Sommerregen einen erschlagen. Menschen die viel Leid, wie Frida Kahlo durchlebten oder noch durchleben, haben das den anderen voraus: Sie durchleben zwar mehr dunklen Zeiten als andere, bekommen aber dafür die Chance, im Regen zu tanzen und die Sonne hautnah zu spüren. Es ist völlig egal, was der andere alles hat. Der grüne Rasen von nebenan ist nicht schöner, als unsere bunte Kornblumenwiese.

 Wir leben für die einzigartigen Momente, weil wir wissen, dass wir nichts festhalten oder kontrollieren können.

Vielleicht haben wir kein langes, gesundes, geradliniges, gewohntes und etwas gelangweiltes Leben, welches mit Aktionen und Attraktionen gefüllt werden muss. Wir haben nur diese kraftvollen und intensiven Momente, wofür es sich jeden einzelnen Tag lohnt aufzustehen, auch wenn wir oftmals nicht wissen, wie das gehen soll. Aber genau das ist es, warum wir alle Frida Kahlo so lieben. Sie stand immer und immer wieder auf. Zeigte uns, wie schön das Leben ist. Sie versteckte ihre schlechten Zeiten nicht, lebte auch sie auf ihre einzigartige, würde- und kraftvolle Weise.

Ja, Frida Kahlo ist eine Heilige für mich!

Sie zeigt mir, dass wir nur dieses eine Leben haben. Mir wurden nicht die besten Voraussetzungen und Zutaten dafür bereitgestellt. Lebensvoraussetzungen hat niemand in der Hand. Wir werden mit einer DNA einfach in ein Leben hineingeboren und man verlangt von uns, damit zurechtzukommen. Und sicher! Das Leben kann so ungerecht sein. Aber trotzdem habe ich es in der Hand, was ich daraus mache.

(2.) Gespräch mit Iris Edinger und Jazek Poralla über das Projekt FUCK IT – I’M ALIVE!

Editorial 

Das Projekt FUCK IT – I’M ALIVE! hat durch die Konstellation der drei Projektbeteiligten verschiedene Aspekte. Zum einen ist dort Marjorieth (mit der Diagnose Brustkrebs im Jahr 2018), deren Anliegen es ist, in die Welt zu schreien: Gebt nicht auf! Geht zur Vorsorge! Auch ihr Männer! Nutzt Euer Leben!“ Diesen Teil des Projekts kann man als „(Aufklärungs-)Kampagne“ sehen und das halten wir alle für richtig und wichtig. Auch die Aussage, sich nicht zu verstecken, sich nicht zu schämen, weniger Wert zu fühlen, mit seiner / ihrer Umgebung zu kommunizieren und dem Umfeld auch ein stückweit die Scheu zu nehmen. Marjorieth ist Creative Director und ihre Erfahrung, Wissen und Leidenschaft fließen natürlich in diesen Teil des Projekts. Ich bin Fotografin und mein Anliegen ist die Dokumentation und die Verschmelzung meiner Sicht mit der Wirklichkeit. Wenn ich für dieses Projekt fotografiere, dann weniger mit einer konkreten Vorgabe, sondern mit einer Wahrnehmung, einer Emotion, die in der Verbindung mit meinem Gegenüber ein Bild erschafft. Die Fotografien entstehen natürlich zunächst in meinem Kopf, sind aber keine geplante Pose oder konstruierte Aussage, sondern vielmehr die Kombination der Persönlichkeit und des visuellen Charakters meines Gegenübers mit dem, was ich „sehe“; das eben mehr ist, als ein einfacher visueller Eindruck. Insofern sind die Fotos kein Ergebnis einer geplanten Kampagne, in der man im Vorfeld Posen plant und bildlich umsetzt. Auch, wenn Stärke und Würde sicherlich emotionale Kernelemente sind. Jazek ist Designer und gibt dem Projekt sein „Gesicht“. Auch er ist tief berührt von den Geschichten und es ist ihm ein Anliegen, die Geschichten und Gesichter in die Welt zu tragen. Seine Herausforderung ist dies in eine Form zu gießen, die einen Wiedererkennungswert hat und in dem Projektcharakter und Ziele klar erkennbar werden. Er erstellt das Ausstellungskonzept, die Flächenaufteilungen und mit mir zusammen die Hängung. Wir hoffen, nach der erfolgreichen Ausstellung auch ein Buch gestalten und füllen zu können.  (Iris Edinger)

Eurer Projekt (beginnend mit der Fotoausstellung Anfang Juli), welches Brustkrebs-Patientinnen und Patienten in unserer Leistungsgesellschaft eine Stimme geben möchte, finde ich klasse. Was es für mich besonders macht, ist, dass Ihr mit dem Thema völlig unbefangen, offen, frei und ein wenig großspurig an die Öffentlichkeit geht. Dadurch sind die meist großformatigen Fotografien für den Betrachter leicht verdaulich. Man schaut wirklich gerne hin und verweilt etwas länger als erwartet.

Ich freue mich, dass Ihr beide mit mir mein 2. Gespräch für meinen Blog führt. 

 

Eine Betroffene, eine Fotografin und ein Grafiker stellen sich dem Thema Brustkrebs. Es gibt Schöneres, womit man sich beschäftigen kann. Was war der entscheidende Auslöser dieses Projekt zu starten? 

Iris:
„Meine Freundin Marjorieth ist 2018 an Brustkrebs erkrankt. Sie ist sehr offensiv mit dem Thema umgegangen und hat ihren Weg und ihr Veränderung nicht versteckt. Ich war beeindruckt von ihrem Lebensmut und ihrem Kampfgeist, der ungebrochen war. Nach der Chemo war die Veränderung des Äußeren naturgemäß am Größten. Da ich kein Mensch der großen Worte bin, aber das Bedürfnis hatte, ihr etwas zu schenken, bot ich ihr an, Fotos zu machen. Ich fand es wichtig, diesen Abschnitt in ihrem Leben für sie selbst und ihre Kinder zu dokumentieren. Vor allem für ihre Tochter, denn zum Zeitpunkt der Diagnose war sie mit ihr hochschwanger. Wir haben im Studio zusammen mit Jazek fotografiert. Jazek ist Designer, assistiert mir aber auch gerne zwischendurch. Von den Fotos, die gemeinsam entstanden sind, waren wir begeistert. Auch wenn Marjorieth nicht das erste Mal vor der Kamera stand, waren diese Motive für sie anders. Im Shooting konnte sie sich auf eine neue Art und und Weise mit ihrem Krebs auseinandersetzen. Wir beschlossen noch am selben Abend, dass wir dies gerne anderen Menschen ebenfalls ermöglichen möchten. Der Titel dieser Serie war schnell gefunden: FUCK IT – I’M ALIVE! Marjorieths Haltung gegenüber ihrem Krebs.“ 

Jazek:
„Das Shooting mit Marjorieth war für mich das erste Shooting, bei dem ich assistieren durfte (ein paar Probe-Shootings mit Iris ausgenommen). Zuzusehen, wie die Fotos in ihrer Intensität und Aussage wuchsen, beeindruckte mich – besonders die Fotos mit entblößter Brust, ohne Scham, dafür mit Stärke, Mut, Zuversicht. Auf diese Bilder schauend, kam uns schnell die Idee, ein Fotobuch zu machen. Oder eine Ausstellung, eine eigene Initiative. Ein Projekt mit so einer starken Aussage – und beeindruckenden Fotos! – als Designer mit zu prägen und zu begleiten, mit diesem Material zu arbeiten und dem Projekt generell ein Gesicht zu geben, motivierte mich schnell.“

 

Die Protagonist(en)*innen in Eurem Projekt sind starke Persönlichkeiten. Sie alle strahlen Mut, Würde und Willenskraft aus. Nach vorne schauen, sich vom Krebs nicht bestimmen lassen. Jede einzelne Fotografie eine Hommage an das Leben. 

Die Tatsache, dass die Diagnose Brustkrebs für einige den sicheren Tod und für jede/n Betroffene/n körperliches und seelisches Leid bedeuten, wird von Außenstehenden verdrängt.  Die Angst davor holt uns Betroffene jedoch  immer wieder gerne ein. Ich sage mir in solchen Momenten oft: „Scheiß drauf! Lebe! In Hundert Jahren sind wir sowieso alle tot.“ Wie geht Ihr mit dem Thema Tod um? Wollt ihr dem Tod auch Raum geben?

Jazek:
Der Tod gehört dazu, zum Krebs. Ja, wir haben Charaktere, die dem Tod von der Schippe gesprungen sind. Aber wir haben mit Ebru eine Protagonistin, die immer noch gegen ihre sehr aggressive Krebsart kämpft. Ich habe ihre Geschichte häufig während der Ausstellung erzählt. Gerade diese Geschichte von Ebru, die noch immer kämpft und nicht aufgeben will – und dem Tod vielleicht näher ist als unsere anderen Protagonisten – ist ein starkes Vorbild für andere.

Iris:
„Der Tod schwingt bei einem solchen Thema immer mit. Man kann ihn nicht verdrängen. Aber man muss ihn nicht in den Vordergrund stellen. Der Tod kann uns jeden Moment erreichen: Herzinfarkt, Autounfall, ein unbedachter Schritt. Wir können uns ihm nicht verstellen. Er muss aber keine permanente Präsenz in unserem Leben haben, die uns Angst macht. Der Endlichkeit hingegen sollten wir uns aus meiner Sicht allerdings schon bewusst sein. Sie hilft uns das zu wertschätzen, was wir haben. Ja, in 100 Jahren und früher sind wir alle tot. Das ist sehr sicher. Der Gedanke sollte uns jedoch nicht lähmen und unsere Lebenslust nehmen. Nicht das Ende, der Tod ist der Sinn im Leben, sondern der Weg den man beschreitet und wie man ihn beschreitet. Der Gedanke an den Tod und die Endlichkeit kann befreiend sein und erkennen lassen, was wirklich wichtig ist. Die Diagnose Krebs ist sicher einer der tiefsten Einschnitte im Leben, der einen erreichen kann. Wir wollen Mut machen, diesen Weg nicht mit gesenktem Haupt zu beschreiten. Mich erreichen viele Nachrichten von Menschen, die sagen: Danke, ihr habt mir gezeigt, dass es nicht nur um Tod geht, sondern dass es ein Leben damit und danach gibt. Wenn wir alleine einem Menschen Mut geben können, nicht aufzugeben, dann ist das schon ein großer Erfolg.“

 

Vom 03. bis 05.07.2020 war die erste Ausstellung. Eurer Projekt bekam schon im Vorfeld in den herkömmlichen Medien (Print und TV), sowie in den sozialen Netzwerken einen großen Zuspruch. Wohin soll Eure Reise nach diesem sehr gelungenen Start gehen? 

Jazek:
„Zu allererst werden wir weiter fotografieren. Durch die Berichterstattung in den (sozialen) Medien und besonders nach nach der Ausstellung haben sich einige Frauen bei uns gemeldet, die großes Interesse haben, mitzumachen. Das freut uns riesig! Und wir sind gespannt auf die Ergebnisse. Darüber hinaus gibt es erste Pläne, die Ausstellung – vielleicht dann auch schon mit neuen Motiven – an anderen Orten, nicht nur in Düsseldorf zu zeigen. Speziell zum Weltbrustkrebstag dieses und nächstes Jahr gibt es Pläne.“

Iris:
„Die Ausstellung im FOU ZOO in Düsseldorf war hoffentlich die Erste von einer Reihe weiteren. Wir würden die Bilder und Geschichten gerne in die Welt tragen – aber im ersten Schritt natürlich erst einmal in Deutschland. Wir haben eine Anfrage für nächstes Jahr Oktober und suchen aktuell noch weitere Ausstellungsmöglichkeiten in geeigneten Räumlichkeiten für Herbst dieses Jahres. Viele Menschen schreiben uns, dass wir doch in ihre Nähe kommen mögen, damit sie die Möglichkeit haben, die Bilder zu sehen. Schön wäre, wenn wir 3 bis 4 Ausstellungen im Jahr in unterschiedlichen Gegenden realisieren könnten. Darüber hinaus planen wir in den nächsten 2 bis 3 Monaten weitere ProtagonistInnen zu fotografieren. Aufgrund der Berichterstattung in den Medien sind einige Menschen auf uns zu gekommen, die gerne teilnehmen möchten. Ganz unterschiedliche Persönlichkeiten – introvertiert, extrovertiert, jung oder „Best Ager“ – auf die wir uns schon sehr freuen. So hoffen wir, dass das Projekt natürlich weiter wächst und wir viele neue Gesichter und Geschichten zeigen und erzählen können in 2021. Aber dazu müssen wir noch die Hürde der Wirtschaftlichkeit meistern. Das Projekt finanziert sich über Spenden, Verkauf von sogenanntem Merchandise (Hoodies & Co), Kooperationen und Sponsoren. Wir würden gerne jeden/r unserer ProtagonistInnen auch gedruckt und gerahmt in der Ausstellung sehen, aber noch haben wir nicht genügend Partner an Bord. Wir freuen uns sehr über die Unterstützung von Grieger Internation Fineart, Dr. Krewani Bilderrahmen, Conzen, Foto Leistenschneider und zuletzt auch Schwarzkopf, benötigen aber darüber hinaus noch Sponsoren und Erlöse über Bildverkäufe um weiter voranschreiten zu können. Eine weitere große Frage ist: Wo stellen wir aus? Wer stellt uns aus? Aufgrund der heterogenen Eigenschaft des Projekts ist dies in der Tat ein Diskussionspunkt – auch wenn es vielleicht überraschen mag. Eine begeisterte Brustkrebskämpferin schrieb uns: Kommt doch ins Kunstmuseum nach Stuttgart! Ja, würden wir gerne! Aber: sind wir Kunst? Sind wir Kampagne? Manche, die die Bilder gesehen haben, beantworten die erste Fragen mit einem eindeutigen „Ja“. Du hast bei unserem ersten Gespräch selbst von einer „Kampagne“ gesprochen. Willkommen im Dilemma der Klassifizierung. Für mich gibt es diese nicht. Ich halte nichts von Schubladen, Etiketten und Tabus. Wir arbeiten mit Zitaten in der Ausstellung. Damit geben wir ein stückweit eine Bilderklärung und sind nicht mehr im interpretationsfreien Raum. Wir haben ein Logo. Wir sind, was wir sind, ein Hybrid inmitten von Standards, die wir versuchen auszuhebeln. Warum sollte man eine amputierte Brust nicht zeigen? Warum sollte kein Zitat unter einem Bild im Museum hängen? Wohin die Reise in diesem Hinblick also geht, wird die Zeit uns zeigen.“

Das Interview wurde nach der ersten Ausstellung im FOU ZOO vom 03. bis 05.07.2020 in Düsseldorf geführt. Damit das Projekt FUCK IT – I’M ALIVE! in die Welt hinaus getragen werden kann, braucht es viele Unterstützer. 

Informationen

Um diese Vision realisieren zu können hat das Team eine Crowdfunding Kampagne gestartet:  https://www.gofundme.com/f/fiiaa

Website:
https://www.fi-ia.com

Social Media:
https://www.facebook.com/fiiamalive
https://www.instagram.com/fuckitiamalive

Kontakt

Fotografin
Iris Edinger | Photography 0160 5347268 kontakt@iris-edinger.de
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Foto und Text: Marjorieth Sanmartin, Iris Edinger, Jazek Poralla