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25 Jahre KOMRPA.

Die Liebe zu meiner Arbeit als Kulturmanagerin hat bis heute gehalten. In Hamburg wurde ich  einmal in einem Interview gefragt, wie ich Kulturmanagerin wurde. Meine Antwort kam völlig spontan: Das bin ich einfach – eine Kulturmanagerin!

Meiner eigenwilligen Herangehensweise, mit der ich so einige in den Wahn getrieben habe, bin ich treu geblieben: Zuerst steht eine Idee im Raum. Wenn sie für mich ausgereift genug ist (dazu muss ich sagen, zu diesem Zeitpunkt ist absolut noch gar nichts zu Papier gebracht) springe ich ins kalte Wasser und schwimme mich frei. Für andere wirkt das oft planlos. Für mich nicht. Ich weiß, was ich tue, auch wenn es für andere nicht nachvollziehbar ist.  Bin ich erst einmal im Wasser, handle ich nach dem Motto: Probleme kommen sowieso. Sie werden dann angegangen, wenn sie da sind. So bleibe ich wachsam und mich erschüttert es nicht, wenn mein Konzept und damit verbundenen Vorstellungen, wie es zu laufen hat, kleine oder große Wellen schlägt. Ist man vorher zu starr in der Vorstellung, kann sich eine Idee zudem nicht entwickeln. Und das muss sie. Eine Idee muss sich frei entfalten können.

Anfang der 90er war der Studiengang Kulturmanagement komplett neu auf dem Studienmarkt. Und den gab es nur an der FernUniversität Hagen. Erst 10 Jahre später hatten viele andere Universitäten den Studiengang für sich entdeckt. Kultur managen war damals ein Widerspruch in sich. Kunst- und Kulturförderung gehörte zu den Aufgaben der Gesellschaft. Es galten völlig andere Regeln als heute. Künstler wollten frei von Geld, Wirtschaft und Kommerz bleiben. Lieber Taxi fahren und auf Fördergelder, Stipendien, Ausstellungen sowie einer guten Galerie hinarbeiten, als selbst die Kunst und damit sich zu verkaufen. Vor 25 Jahren wäre ich gesteinigt worden, wenn ich meine spätere Seminarreihe Kulturmanagement für Künstler oder Beruf Künstler angeboten hätte. So war es auch mit meinem Studium. Obwohl es absolut meins war, verleugnete ich mein Studium zunächst einfach – auch das ich die erste Absolventin überhaupt in diesem Fachbereich war und einen ziemlich guten Abschluss hingelegt hatte.

Zu dieser Zeit schlugen noch zwei Herzen in meiner Brust. Der eine Herzschlag galt der Malerei und der andere dem Theater. Ich vertrat (so würde man es heute nennen) neben Kunstprojekten und Ausstellungen, als Mädchen für alles, was Geld, Sponsoring und für die Lösung von Problemen aller Art, die im Hintergrund auftraten, kleine Tanz- und Sprechtheater-Produktionen. Allem voran war ich eine Verehrerin vom Theater an der Ruhr. UND – mein ganzer Stolz! Ich habe in den Jahren 1992 / 1993 für Roberto Ciullis Theater arbeiten dürfen. Genau zu der Zeit, als er das einmalige Roma-Theater Pralipe nach Mülheim holte. Es war einfach nur eine wunderbare Zeit: als Studentin an einem für mich besten Theater der Welt. Manchmal geht einfach nicht mehr.

Während einer Presseveranstaltung erzählte Roberto Ciulli eine Geschichte, die er mit den illegalen Straßenhändlern aus Afrika in Florenz erlebt hatte. Besonders die Italienerinnen pflegten ein entspanntes Verhältnis zu ihren Straßenhändlern und kauften dort Taschen, Tücher, Sonnenbrillen oder Schmuck. An diesem sonnigen Tag standen die Straßenhändler hinter ihren Pappkarton-Ständen und riefen durch die Straßen „Vou compra! Vou compra! *Vou compra!“ Plötzlich! Totenstille – ein kurzer stiller Moment vor einem großen Sturm, der heranzieht.  Roberto Ciulli wusste nicht was anders war und schaute sich um. Die Händler waren wie vom Erdboden verschluckt. Wo waren sie alle so plötzlich mit ihren Ständen hin? Mit einer Faszination gemischt mit Unglaube erzählte er: Wie von Zauberhand haben sich die Händler mit ihren Ständen vor unser aller Augen in Luft aufgelöst. Im gleichen Moment kam ihm die Polizia suchend entgegen. Als er später in eine andere Straße einbog, sah er wieder das rege Treiben der Straßenhändler und hörte sie rufen: Vou compra! Vou  compra! …..

Diese kurze Geschichte hatte mein Herz berührt. Ich wusste in diesem Moment, wenn ich meine erste Agentur gründe, dann wird sie vou compra! heißen. Ich wandelte den Namen ein wenig ab und nannte sie 1995 KOMPRA.

In den letzten Jahren habe ich mich oft neu erfunden und damit änderten sich auch die Namen für die Tätigkeit, die ich als Kulturmanagerin ausübte oder übernahm. Im Herzen jedoch bin ich all die Jahre eine „vou compra“ geblieben, eine, die fast nie aufgab und egal wie schwierig es auch manchmal wurde, ich wieder meinen Kulturmanagement-Pappstand woanders aufstellte und weitermachte. Dabei blieb ich eine flexible, freiheitsliebende und völlig unabhängige Kulturmanagerin. Und wenn es sein muss, werde ich mich in Luft auflösen, um woanders wieder neu zu starten, so wie die unerschütterlichen vou compras damals in Florenz.

Informationen

https://artandbutter.de

Umgangssprachlich von „vou comprare“ abgeleitet: „Vou compra“ = Du willst kaufen!“

Das Leben leben, so wie es ist.

Nicht auf die Sonne warten, sondern tanze im Regen, das ist einer meiner Lieblings-Postkartensprüche. Denn Regentage können so wunderschön sein. Über 10 Jahre bestimmten andere, Schicksal, Krankheit und Tod mein Leben. Kaum war ich aus dem einen Minenfeld heraus, trat ich bereits ins Nächste. Dieses Jahr sollte alles anders werden. Ich wollte endlich nach vorne schauen, machte Pläne und dann kam 2020.

COVID 19 kommt mir allerdings auf manchen Ebenen sehr entgegen. Das Virus macht es mir möglich, dass ich nun kollektiv in den Tag hinein leben und schlechte Laune haben kann. Ich muss nicht unbedingt wissen, wie es weitergeht. Denn das wissen wir gerade alle nicht so genau. Aktuell stehen wir gemeinsam in einem Minenfeld herum. Niemand weiß so recht, wann, wo und ob eine hochgehen wird. Diesmal ist es nicht meine alleinige Krise, sondern unsere Krise. Wenn ich wegen COVID 19 voll gejammert werde, antworte ich gerne: herzlich willkommen in meiner Welt!

Trotz allem gebe ich mich dem nicht mehr so oft hin und bin irgendwie immer wieder aufs Neue auf der Suche „Was mache ich denn jetzt?“  und „Wer bin ich heute?“ Auf alte Verhaltensweisen ist kaum noch Verlaß und obendrauf will ich die meisten auch gar nicht mehr. Das neue Leben verunsichert mich. Daher betrete ich es, als wären um mich herum nur rohe Eier. Nichts ist verlässlich. Alles neu und trotzdem noch so vertraut. Vieles ist kostbar, aber auch so furchtbar leicht zerbrechlich. Bei meinem letzten Aufräumen ist mir die Autobiografie  „Ich habe alles gelebt“ von Peggy Guggenheim und das Kochbuch „Mexikanische Feste – die Fiestas der Frida Kahlo“ in die Hände gefallen und ich las beide Bücher einfach noch einmal.

Was für zwei Leben! Was für Frauen! Für mich Vorbilder, wie man das Anderssein in allen möglichen Facetten leben kann. Beide pfiffen völlig auf gesellschaftliche Konventionen. Es interessierte sie nicht, was andere über sie dachten. Sie machten nur das, was für sie richtig war und das mit voller Leidenschaft. So wurden sie, jede in ihrer Art einzigartig, die Ikonen der Kunstszene des 20. Jahrhunderts.

Peggy Guggenheim, eine egozentrische Kunst-Mäzenin, die in ihrem Leben nur aus dem Vollen schöpfen konnte und es ohne Hindernisse bis zu ihrem Tod mit 81 in vollen Zügen genoss. Bereits in den 20er Jahren ging sie als junge Frau mit ihrem geerbten Geld nach Paris, um sich dort der Bohème hinzugeben. Sie war auf der Suche nach Intensität, nach Grenzüberschreitung und nach Schönheit. Seit den 40ern sammelte sie eher Männer, deren Kunst sie ausstellte und kaufte. So wurde sie zur umstrittenen und nicht immer ernst genommenen Kunstmäzenin des 20. Jahrhunderts. Selbst bezeichnete sie sich in einem Interview als eine befreite Frau. Ich kann nicht einmal sagen, dass ich diese Frau beim Lesen ihrer Autobiografie sympathisch fand. Okay, ihr Lebensstil war schon extrem cool, sowie die Zeitspanne und die Orte, wie Paris, London oder New York, an denen ihr Leben stattfand, sind für mich nach wie vor fantastisch. Es gab schon sehr sehr viele Lese-Momente, da hätte ich sofort mein Leben gegen ihres eingetauscht. Sie besaß zudem eine gute Gesundheit, ausreichend Geld und vielleicht auch eine große Portion Oberflächlichkeit. Alles Zutaten, womit sie ihr Leben in vollen Zügen auskosten konnte.

Und dann ist da noch Frida Kahlo. Eine Künstlerin, die ihr Leben aus ihrem Innen heraus geschaffen hat. Die ihrem Leben so viel abtrotzte, wie es für sie möglich war. Sie war schön, intellektuell, leidenschaftlich und kraftvoll. Daher liebe ich ihre Fotografien so sehr, worauf sie uns bis heute würdevoll, aufrecht und stolz mit den ungesagten Worten „ICH BIN DA! GENAU IM HIER UND JETZT!“ anschaut. Leider wird sie seit einigen Jahren von der Merchandising-Industrie extrem verheizt. Aber auch auf den verunstalteten Kissen, T’Shirts, Kleidern  oder Tassen verliert ihr Blick und ihre Haltung nicht an Kraft. Heute noch, wird sie von so vielen Menschen verehrt. Wir alle wollen ein wenig Frida Kahlo sein. Ich selbst habe ein Bild von ihr in meiner Küche hängen. Ich sitze gegenüber am Tisch und arbeite dort. So habe ich sie ständig im Blick.

 

Gerade während meiner pechschwarzen Zeiten ist Frida Kahlo eine Heilige für mich.

 

Im Gegensatz zu Peggy Guggenheim musste Frida Kahlo in ihrem Leben ständig übergroße Felsbrocken überwinden. Sie kam nicht aus reichem Hause und wurde in Mexiko geboren. Sowohl für die Kunst als auch als Frau, die sich ein unabhängiges und eigenständiges Leben wünscht, keine guten Voraussetzungen. Mit 6 Jahren erkrankte sie bereits an Kinderlähmung. Durch das Busunglück mit 18 Jahren wurde ihre Vita zu einer einzigen Krankengeschichte. Anschließend durchlebte sie in den darauffolgenden 29 Jahren mehr als 30 Operationen. Alkohol- und Drogensucht, Depressionen und das Leben mit den dauerhaften Schmerzen, schließlich Amputation des rechten Beins, ein eingeleitetes Lebensende mit 47 Jahren im Rollstuhl waren die weiteren Stationen ihres physischen und psychischen Martyriums. Mit dem Malen begann sie bereits früh, zunächst als Zeitvertreib während des Liegens alleine in ihrem Krankenzimmer. Sie bemalte ihren Gips, soweit ihre Arme und Hände reichten.

Frida Kahlo, die ursprünglich Ärztin werden wollte, verarbeitete ihre Leben auf ihre Weise über die Malerei. Viele ihrer bedeutenden Arbeiten sind erschütternde Gemälde voller Marter, Schönheit und Poesie. Mittlerweile ist ihre Malerei in der Kunstszene angekommen und daraus auch nicht mehr wegzudenken. Darüber hinaus ist sie in der ganzen Welt zur Ikone geworden.

Es wäre anmaßend, wenn ich mich mit Frida Kahlo vergleichen würde. Sie ist einfach nur eins: EINZIGARTIG!

Indem Peggy Guggenheim nur aus dem Vollen schöpfen konnte, hat Frida Kahlo dem Leben alles abgerungen, was es ihr zu bieten gab. Ich denke, wir wollen alle wie Frida Kahlo sein aber das Leben von Peggy Guggenheim haben. So gehts mir. Ich wäre gerne als Frida Kahlo durch das Leben von Peggy Guggenheim spaziert. Aber geht das? Wäre Frida Kahlo ohne das Busunglück nicht ein ganz anderer Mensch geworden? Vielleicht eine Ärztin, von der zumindest die Kunst-Welt nie etwas gehört und gesehen hätte.

Ich spiele immer wieder gerne das Spiel, was wäre wenn? Auch Paul Auster tat es in seinem letzten Roman 4321. Eine DNA, vier verschiedene Ausgangssituationen und vier daraus resultierende unterschiedliche Leben. Ich musste oft beim Lesen aufpassen, damit sich diese vier Leben nicht miteinander vermischten. Zudem fragte ich mich ständig, war der eine Lebensverlauf wirklich besser als der andere? Trotzdem spiele ich dieses Spiel noch: Was wäre gewesen, wenn ich keinen Hirntumor gehabt hätte? Wenn mir die letzten 10 Jahre nicht vom Leben genommen worden wären? Im Prinzip dreht sich alles nur um eine einzige Frage: Hätte ich heute ohne all das Leid ein besseres Leben? Fakt ist, heute bin ich eine andere als damals. Aber ich kann nicht beurteilen, ob dies besser oder schlechter ist. Der Weg der letzten Jahre hat mich zu mir selbst geführt. Im Yoga sagt man, nichts geht ohne Leid.

Was ich mit Frida Kahlo gemeinsam habe, ist das Leben selbst. Ich bin mir  sicher, egal was Peggy Guggenheim in ihrem Leben auch anstellte, um ein Mal diesen einen einzigartigen Moment zu erleben, bei dem man das Leben hautnah spürt, diesen Moment nie erleben durfte. Wir konsumieren das Leben nicht! Wir leben es! Hautnah und mit jeder noch so kleinen Faser. Das gilt sowohl für die dunklen Seiten, aber auch genauso für die hellen und schönen Momente. Es entsteht keine Intensität ohne Spannung. Kein Licht ohne Schatten. Keine Liebe ohne Schmerz. Wie soll ich die Sonne wertschätzen, wenn ich Dunkelheit, Sturm, Regen und Kälte nicht kenne? Fehlt der Schatten und somit die Spannung, fühlt sich irgendwann alles wie Pippi an. Schönes oder Menschen, die wir mal geliebt haben, werden für uns selbstverständlich. Wie Frida Kahlo habe ich gelernt den Regen zu lieben und darin zu tanzen. Und wenn tatsächlich die Sonne aufgeht, dann ist es unbeschreiblich! Kommt man in unserer Situation nicht irgendwann dahinter im JETZT zu sein, kann sogar ein leichter schöner Sommerregen einen erschlagen. Menschen die viel Leid, wie Frida Kahlo durchlebten oder noch durchleben, haben das den anderen voraus: Sie durchleben zwar mehr dunklen Zeiten als andere, bekommen aber dafür die Chance, im Regen zu tanzen und die Sonne hautnah zu spüren. Es ist völlig egal, was der andere alles hat. Der grüne Rasen von nebenan ist nicht schöner, als unsere bunte Kornblumenwiese.

 Wir leben für die einzigartigen Momente, weil wir wissen, dass wir nichts festhalten oder kontrollieren können.

Vielleicht haben wir kein langes, gesundes, geradliniges, gewohntes und etwas gelangweiltes Leben, welches mit Aktionen und Attraktionen gefüllt werden muss. Wir haben nur diese kraftvollen und intensiven Momente, wofür es sich jeden einzelnen Tag lohnt aufzustehen, auch wenn wir oftmals nicht wissen, wie das gehen soll. Aber genau das ist es, warum wir alle Frida Kahlo so lieben. Sie stand immer und immer wieder auf. Zeigte uns, wie schön das Leben ist. Sie versteckte ihre schlechten Zeiten nicht, lebte auch sie auf ihre einzigartige, würde- und kraftvolle Weise.

Ja, Frida Kahlo ist eine Heilige für mich!

Sie zeigt mir, dass wir nur dieses eine Leben haben. Mir wurden nicht die besten Voraussetzungen und Zutaten dafür bereitgestellt. Lebensvoraussetzungen hat niemand in der Hand. Wir werden mit einer DNA einfach in ein Leben hineingeboren und man verlangt von uns, damit zurechtzukommen. Und sicher! Das Leben kann so ungerecht sein. Aber trotzdem habe ich es in der Hand, was ich daraus mache.

Kintsugi – 金継ぎ

Ich liebe Mosaike. Mehr noch die einzelnen zerbrochenen Fliesenteile, anstelle der ganzen Bilder, die man daraus machen kann, so wie es Gaudi in Barcelona tat. Aus Italien habe ich Hunderte kleine bunte Mosaikfliesen, die ich am Strand gefunden habe (die Italiener werfen abgeschlagene und alte Fliesen einfach ins Meer und diese werden irgendwann wieder an Land gespült). Immer wieder habe ich mir vorgenommen, dass ich irgendwann etwas Schönes daraus mache. Sie zu was auch immer neu zusammensetzen werde.

Aber ich finde jedes einzelne Fliesenstück mit der jeweiligen Eigenart so schön, dass ich bis heute nichts daraus gemacht habe.

Denn jedes einzelne Fliesenstück erzählt eine eigene Geschichte. Vielleicht war es Teil eines Bades oder einer Küche? Oder Teil eines Fußbodens in einem Geschäft oder in einer Privatwohnung. Die einen Fliesenstücke wurden geliebt und gepflegt, die anderen nicht gemocht – gar gehasst, weil sie so hässlich waren. Was alle gemeinsam haben, sie waren einmal ein Teil von etwas Ganzem. Sie gehörten dazu! Machten das Gesamtbild komplett.

Ich gehörte auch einmal dazu. Wozu auch immer.  Rückblickend verändert sich die Wahrnehmung. Und so weiß ich heute nicht mehr, wovon ich Teil des Ganzen war. Zudem wurde über Jahre mein Leben immer wieder in verschiedene Einzelteile zerlegt. Der ständige Versuch daraus wieder ein einigermaßen ansehnliches neues, meinetwegen auch anderes Mosaik zu basteln, erweist sich bis heute als eher schwierig. Irgendwo bricht wieder eine Ecke ab oder es entsteht ein Riss. Es hakt hier und da. Nichts will so richtig zusammenpassen. Schief und krumm stehe ich da und kann mit mir nicht wirklich etwas anfangen. Stehe vor dem Spiegel und frage die Person darin: Wer bist Du? So alt, schief und krumm, wie Du dastehst.

Als ich mal wieder ins Tal der Jammerei und Schwarzmalerei abdriftete, meinte eine Künstlerfreundin, bei der ich mich ausheulte, zu mir:

Ach Petra, wenn eine Schüssel viele Risse hat und Du bist für mich eine angeschlagene und gebrauchte Schüssel mit viel Patina, dann kommt da auch sehr viel Licht hindurch. Du strahlst von innen durch diese Risse nach draußen. Aber auch das Licht von außen kommt in die Schüssel hinein, also zu Dir. So bist Du umgeben von Licht und Luft.

Wenn ich an ihre Worte denke und über das Beispiel mit der ollen Schüssel hinwegsehe, dann wird mir immer ganz warm ums Herz und ich strahle durch meine Risse hindurch. Zumal die gleiche Person vor über 20 Jahren zu mir wütend sagte: Dein innerer Diamant ist mit so viel Müll zugeschüttet, den musst Du erst einmal wieder freischaufeln. Wie soll er mit so viel Müll um sich herum leuchten?

In der letzten Woche hatte ich echtes Glück. Auseinandergefallen in alle möglichen Einzelteile, wie ich wieder einmal war und Mitten auf meinem selbst verursachten Schlachtfeld schlechter Gefühle, stieß ich auf das wunderbare japanische Handwerk Kintsugi (金継ぎ: mit Gold und Silber reparieren).

Kintsugi ist eine sehr alte handwerkliche Tradition aus dem 16. Jahrhundert,  welche zerbrochene Keramik mit Gold oder Silber repariert. Während der  Zeit der japanischen Wabi-Sabi-Ästhetik der Schönen und Reichen, die ihren Reichtum durch eine besondere Ästhetik darstellen wollte, entwickelte sich durch den Zen Buddhismus die Einfachheit und die Wertschätzung der Fehlerhaftigkeit:

Kintsugi – die Goldverbindung, die den Makel hervorhebt.

Das Besondere daran ist, dass die offensichtlichen Makel der Reparatur nicht verborgen bleiben, sondern die Bruchstellen oder Risse durch die Verwendung von Gold- oder Silberpigmenten in den Vordergrund gestellt werden. Somit entsteht eine neue Schönheit und Wertschätzung des ursprünglichen Objekts.

In den eher wenig guten Momenten meiner schlechten Phasen sage ich mir: Ja, ich bin eine olle geflickte Kintsugi Schüssel. Und es waren sehr viele Gold- und Silber-Reparaturen nötig. Ein paar Rissen sind auch wirklich nicht mehr reparabel. Aber durch diese scheine ich von innen nach außen. Wenn’s ganz schlecht läuft, hat wenigstens das Licht die Möglichkeit, mich zu finden.