Kategorie: Archiv

8 km in 1 Std. 5 Min. und 49 Sek.

Seitdem ich auf Lanzarote bin, laufe ich morgens ohne Laufuhr oder Schritt- und Zeitmesser am Meer meine Runde. Aber gestern wollte ich es dann doch wissen: Laufuhr an, Training eingestellt und los. 10 km am Stück bekomme ich auch im Intervall-Lauf noch nicht hin. Den gesamten Tag über gelassen zu Fuß am Meer und durch die Gegend marschiert, ist das kein Problem für mich. Aber immerhin schaffe ich 8 km am Stück. Dafür brauche ich etwas mehr als eine Stunde.

Klar bin ich immer noch eine lahme Ente und werde es auch bleiben. Weiterhin bleiben Gangunsicherheit und Gleichgewichtsstörungen. Schaue ich nur kurz auf den Boden, schon liege ich auf der Nase. Aber es wird. Schritt für Schritt.

… das Leben neu denken.

Bereits 11 Wochen bin ich auf Lanzarote. Seitdem wir seit Anfang des Jahres wegen COVID-19 in der Alarmstufe 4 verharren, gleicht absolut jeder Tag dem anderen. Wir übriggebliebenen, die nach den hochschnellenden Zahlen nicht geflohen sind, wuchsen zu einer Art Inselgemeinschaft zusammen. Es ist nicht so, dass wir uns untereinander kennen. In den wenigen offenen Cafés und Anlaufstellen sehen wir uns halt jeden Tag. Es gibt nur uns hier. Das verbindet.

Mitte Januar konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, nach Hause zu fliegen. Sollte ich auf der Insel festgesetzt werden (was ja jetzt passiert ist), war mir das zu diesem Zeitpunkt ziemlich egal. Was sollte ich zu Hause? Ich wusste nicht einmal, ob ich es als das bezeichnen wollte und konnte. Ich war eher auf dem Trip, einfach hierzubleiben. Schauen, was das mit mir macht.

Ich war davon überzeugt, es würde mir reichen: laufen, Yoga, Meer, gutes Klima und viele Bücher. Letztens musste ich feststellen, dass ich das Meer nicht mehr aushalten kann. Überall, wohin ich blicke: Wasser! 🙂 Ich lief in die andere Richtung zur Inselmitte, überquerte halsbrecherisch eine Hauptstraße und erst auf einem großen hässlichen Schotterplatz, vor mir nur noch die Vulkanberge, konnte ich endlich wieder atmen. Nach oben in den Himmel schauend, sah ich sehnsuchtsvoll einem startenden Flugzeug zu.

Was für mich vor drei Wochen noch völlig ausgeschlossen war, kann ich seit zwei Tagen nicht mehr abwarten: Ich möchte nach Hause. Mir fehlen meine Wohnung, meine Freunde und Nachbarn. Meine Laufstrecke am Rhein. Ich will in meinem Café sitzen. Bekannte Gesichter sehen, auf der Straße quatschen und und und. Ich will vor Corona, wie so viele andere auch. Heute früh habe ich bereits meinen Koffer gepackt, da es mich gepackt hat, obwohl ich frühestens in drei Wochen zurück kommen kann. Vorher geht hier nichts oder extrem umständlich.

Die Zeit hier stand für mich still. All die Wochen hat sich nichts verändert und trotzdem ist seit ein paar Tagen alles anders. Wie auch immer das in den letzten Wochen passiert ist, habe ich mich aus meiner Metamorphose befreit und weiß, jetzt ist es an der Zeit wieder fliegen zu lernen. Wenigstens sollte ich meine Flügel mal bewegen. Vielleicht steckt in mir ja doch noch ein Schmetterling. Ich glaube zwar eher eine alte Motte oder ein Käfer. Fest steht jedoch, es gibt kein zurück mehr in mein Kokon, in mein eigentliches Leben davor und auch nicht in mein Leben danach. Jetzt kommt etwas Neues und bisher weiß ich nicht, was.

Gestern saß ich wie jeden Tag gegen Mittag auf meiner Bank mit meinem Kaffee to go. Mir kam eins meiner Lieblingsbücher ‚EAT PRAY LOVE‘ in den Sinn. Ich dachte, so was vielleicht! Aber anders. Ich möchte kein ganzes Jahr aussteigen. Die Welt hat viele unfassbar schöne Orte. Trotzdem liegen mir nur drei am Herzen: (1) NEW YORK  (2) TOSKANA  (3) AFRIKA. Eine längere Zeit an diesen drei Orten verbringen. In New York für alle Museen Zeit ohne Ende haben. Über die Brooklyn Bridge und durch den Central Park joggen. Noch einmal alle Orte aus dem Buch Mond über Manhattan von Paul Auster abgehen. Und am Washington Square für mindestens einen Monat eine Wohnung finden. Dazugehören. Dort für kurze Zeit eine New Yorkerin sein. Genauso möchte ich es in der Toskana machen. Alle Orte besuchen, die ich so in mein Herz geschlossen habe. In Siena leben und dort vielleicht an der Uni Italienisch lernen. Ja, da war in meinem ganzen Leben immer diese Sehnsucht nach Afrika. Vor meiner 1. Hirn-Op auf dem Krankenhausbalkon hatte ich eigentlich damit abgeschlossen. Und dann sah ich über Weihnachten wieder den Film: Jenseits von Afrika. Afrika!

Ich sollte sofort damit aufhören, darüber nachzudenken, was ich aus meinem Leben noch machen kann oder den Anschluss an mein altes Leben wieder finden wollen. In meinem Leben hat sich so viel ständig verändert. Ich bin eine andere. Bisher war es eh eine völlig absurde und anstrengende Sisyphus-Aufgabe. Und für die Zukunft planen, das hat mir das Leben gezeigt, ist mehr als ein blödsinniges Unterfangen. Ich möchte lernen, mit dem Leben zu schwimmen, nicht permanent dagegen an. Vertrauen, heißt wohl das Zauberwort. Darauf vertrauen, dass es doch irgendwie noch gut werden kann, wenn auch nur für den Moment. Aber dafür lohnt es sich, endlich die Flügel zu schlagen und loszufliegen in Richtung New York, Italien und Afrika.

 

 

 

 

 

 

 

OM GAM GANAPATAYE NAMAHA

Worüber ich mich persönlich sehr amüsiere, ist, dass ich mich für das professionelle Laufen entschieden habe  und auch wirklich den Ansporn und Willen hatte, mit professionellem Training die 10 km bei einem Marathon zu laufen, jedoch darüber zum Yoga gekommen bin. Yoga sollte nur ein sportlicher Ausgleich sein, aber es ist genau umgekehrt. Ich mache hauptsächlich Yin Yoga und zum Ausgleich walke und laufe ich.

Worte sind für mich schon immer Macht gewesen. Mit Worten gestalte ich meine Welt. Zudem gehören Legenden und Geschichten einfach zu meinem Leben. Ohne Bücher wäre ich verloren. Jetzt komme ich wieder als Kopfmensch daher. Aber man muss sich selbst ja auch in seinem eigenen Fitnessprogramm unterbringen. Aus diesem Grund liebe ich es beim Yoga, wenn bei Übungsstunden Affirmationen eingebaut werden, sie an einem Ritual anknüpfen oder ein Thema haben, wie bei einer meiner Yin Yoga  Übung zum Jahresanfang:

OM GAM GANAPATAYE NAMAHA
… gehe Neues beherzt an!

In dieser Übungsstunde bitten wir den Elefantengott Ganesha um seinen Beistand. Ein wunderschöner hinduistischer Brauch. Denn an Ganesha können wir uns bei jedem noch so kleinen oder großen Neuanfang wenden. Egal ob wir nur einen guten Tag brauchen oder seine Unterstützung für unseren neu eingeschlagenen Weg benötigen. Oder eben, wie ich, einfach nur einen gelungen Start ins Neue Jahr. So verschieden die Menschen sind, so unterschiedlich sind die Wünsche. Ganesha ist unermüdlich, der freundliche, verspielte, humorvolle, menschliche, vernaschte, kluge, gütige und schelmische Gott unterstützt uns bei all unseren guten Vorhaben. Klar, dass er zu den populärsten Göttern außerhalb Indiens gehört.

Ich verneige ich mich immer wieder sehr gerne vor Ganesha, dem Gott des Neuanfangs.

Lauf*frei

Als ich es Ende November 2020 trotz Corona Hindernissen nach Lanzarote schaffte, hatte ich das Vorhaben, mein Lauftraining zu optimieren im Gepäck. Der Plan geht bis heute auf. Mittlerweile habe ich mir mein eigenes keines Laufcamp geschaffen. Hinzu kommt hier auf der Insel, was es einem ungemein einfach macht: Tür zu und raus auf die Straße ans Meer. Was will ein(e) Läufer*in mehr? Nicht einmal der innere Schweinehund kommt dabei zu Wort. Mal davon abgesehen, dass meine Vorstellung von der Realität ziemlich abweicht, klappt mein Training bis heute gut. Ich habe viel mehr Kraft in den Beinen und Stabilität in meinem Körper bekommen.  Schaue ich objektiv auf mich – also berücksichtige ich meine Behinderung und ziehe mein Alter hinzu –  komme ich ziemlich gut voran. Und auch wenn New York in diesem Jahr nicht klappen wird, hatte ich die Teilnahme am NY Marathon zunächst verworfen, jedoch für mich hier auf der Insel wieder neu entdeckt. Letztendlich habe ich Marathon verstanden. Denn wie sagte Buddha: „Nicht das Beginnen wird belohnt, sondern einzig und allein das Durchhalten.“  

Marathon heißt für mich weiter laufen, immer wieder aufstehen, wieder auf die Füße kommen und laufen: Nie aufgeben!

 

Anfang bis Mitte Januar hatten wir auf der Insel geschlagene zwei Wochen Lauf*frei. Sturm, Starkregen und Kälte hat das Laufen unmöglich gemacht. Zudem sind bei nassem Wetter die Laufwege extrem rutschig und wir Läufer*innen landen schnell auf der Nase.

Die Straßen, Gehwege und Strände wurden über Tage von dem tobenden tiefschwarzen Meer überflutet. Große Palmenwedel flogen durch die Straßen. Meine Unterkunft stand 2 x unter Wasser. Am ersten Sturmtag war ich am Strand, um 3 bis 4 Meter hohe Wellen zu schauen. Ein Engländer, der einzige Mensch, der auch am Strand stand und ich mussten uns aneinander festhalten, damit wir überhaupt wieder nach oben auf die Promenade kamen. Kurz darauf war der Strand für Tage geschlossen: Klar wegen solcher doofen Touristen, wie wir, für die Sturm eben ein Abenteuer anstelle Gefahr bedeutet. Allerdings hatten wir beide es oben angekommen, wirklich verstanden. Ohne Corona wären wir uns erleichtert in die Arme gefallen. Zumindest hielt ich mich in den kommenden Tagen von Sturmgefahren fern.

Nachdem der Sturm verzogen war und ich wieder laufen konnte, habe ich nicht nur einen Gang runter geschaltet, sondern gleich mehrere. Während des Sturms fand ich es so wunderschön, das laute Meer und die Brandung zu hören. Anschließend bis heute die Stille. Und was machen viele Läufer, so auch ich: Wir hauen uns Musik auf die Ohren, damit wir durchhalten.

Ich laufe weiterhin jeden Morgen oder eben am Mittag: ohne Musik und auch ohne Stress. Ich sehe wieder das Meer, höre die Wellen, die Vögel und das Pöttern der Boote. Ich sehe die Muscheln am Strand, den Sonnenaufgang und spüre den Sand unter meinen Füßen, den Asphalt unter meinen Sohlen.

Mein Körper dankt es mir: Er fühlt sich wohl dabei. Daher habe ich mein ambitioniertes Ziel verändert. In diesem Jahr werde ich die 10 km im Intervall und bei einem eigenen ins Leben gerufenen virtuellen Lauf absolvieren. Zudem verliere ich New York nicht aus den Augen. Es bleibt mein Traum, mein Ziel. Ich möchte in der Menge über die Brooklyn Bridge laufen, stelle mir immer wieder den Startschuss vor, nachdem sich die Menge in Bewegung setzt. Gerade in der aktuell einsamen Zeit bekomme ich Gänsehaut bei diesem Gedanken. Seit Jahren glaube ich zum ersten Mal wieder an eine Zukunft, die ich vielleicht haben werden. Ich überlebe nicht mehr von Tag zu Tag, sondern freue mich auf den nächsten Morgen, an dem ich barfuß am Strand laufen kann. Freue mich, wenn die Sonne über die Dächer zu mir rüberkommt. Freue mich auf ein Morgen. Und wenn ich so weit bin, dann werde ich mit 5, 10 oder auch mehr Kilometern am New Yorker Marathon teilnehmen: in der Zukunft!

Zeitbrücke: Die Stille dazwischen.

Bis heute gehört die Skulptur Windstille des Künstlers Naotaka Naganuma aus unserer SkulpturenLandschaft in HH-Bergedorf zu meinen Favoriten. Weniger die Skulptur an sich, der ich einen anderen Titel gegeben hätte. Denn meine Vorstellung von Windstille ist sonnig und duftet nach Meer oder Blumen. Seine Skulptur ist hingegen massiv und schwer: unerschütterlich. Es ist das Zusammenspiel von dem Künstler selbst, seinen Gedanken und der monumentalen Skulptur, was die Arbeit für mich interessant macht.

Von Bewegung ist die Welt erfüllt. Es gibt eine Zwischenzeit, während der die eine fortdauernde Bewegung in eine andere Form der Bewegung verwandelt oder entwickelt. Eine Zeitbrücke. „Windstille“ ist ein meteorlogisches Naturphänomen und wirkt aber auch als Zeitbrücke, auf der man unter Umständen unterschiedliche Gefühle empfindet, nachdenklich wird oder einen geistigen Moment erlebt.“ 
(Naotaka Naganuma)

Seit Anfang des Jahres ist ohne Ausnahme die gesamte Welt in der COVID-19 Windstille  gefangen: Es ist eine hartnäckige und monumentale Stille. Unsere Erde holt Luft, macht eine Pause von uns Menschen. Schickt uns COVID-19.

Als es mit der Pandemie bei uns losging, wusste ich: Es rollt wieder ein Ausnahmezustand auf mich zu. Und dazu hatte ich überhaupt keinen Bock mehr. Weil ich dachte, es könnte helfen, verschenkte ich kurzerhand meinen Fernseher. So musste ich mir das Drama wenigstens nicht jeden Tag anschauen. Klar kann man ihn auch einfach ausschalten oder gar nicht erst ein. Aber das kann ich dann doch nicht.

2020 wollte ich endlich nach vorne schauen. Hatte einen Plan. Und dann COVID! Das Frühjahr fühlte sich wie eine Anreihung von Sonntagen an. Erst als ich permanent verschlafen hatte, wurde mir bewusst, dass es gar keinen Berufsverkehr mehr gab. Ungewohnte Stille direkt vor meinem Fenster.

Aber egal was wir tun, wir können das Virus als Schnupfen bezeichnen, es ignorieren, dagegen demonstrieren, in eine Depression verfallen oder wie ein trotziges Kind mit den Füßen stampfen. Das Virus bleibt. Und COVID-19 blieb bis heute. Und es hat absolut keine Lust uns zu verlassen, sucht freudig nach Wirten für sich, um von Mensch zu Mensch zu springen.

Ende November bin ich für 3 Monate nach Lanzarote geflohen: obwohl es sich erst durch die anrollende 2. Covid-19 Welle kurz vor der Abreise wie Flucht anfühlte, geplant und gebucht war das alle schon seit Anfang des Jahres. Wenn ich nun am Strand bin, den ich die meiste Zeit vollkommen für mich alleine habe und nur mit den Vögeln teile, denke ich nicht mehr an einen weiteren Ausnahmezustand in Form von Krise, die ich jetzt auch noch durchstehen muss, damit endlich so etwas wie normales Leben bei mir eintritt. Ich mache es wie die Erde und atme tief die Meeresluft ein, mache eine Pause. Der große Krisensturm liegt hinter mir und ich hole Luft für meinen nächsten Lebensabschnitt. Meine Seele und mein Körper haben jetzt alle restlichen Ängste, blöde immer wiederkehrende Verhaltensmuster, alte Lieben, unnötige Streits, gute Zeiten und beschissene Zeiten rausgehauen und mir noch einmal vorgeführt. Ich habe endlich die Ruhe und Kraft dafür, sie alle ein weiteres Mal und neu zu betrachten, um mich dann von dem verabschieden zu können, was in Zukunft nicht mehr zu mir gehört.

Gestern ging ich spontan über die Straße und zeigte Pedro, dem Friseur auf meinem Handy die Worte „Corte de pelo corto“. Er fragte: Estás seguro? SI! Er wiederholte seine Frage, als ich auf dem Friseurstuhl saß und er mir mit seiner Schere auf meine Haare zeigte, die er schon in der Hand nach oben hielt: Estás seguro? SI! Und dann fielen sie, meine letzten verbliebenen Chemo-Locken. Den Friseurladen verließ ich, als die alte, mir vertraute und gleichzeitig neue Petra, die jetzt für das, was kommt, gewappnet ist. Ja, ich habe mich endlich wieder! Ich bin wieder ich.

 

 

 

 

25 Jahre KOMRPA.

Die Liebe zu meiner Arbeit als Kulturmanagerin hat bis heute gehalten. In Hamburg wurde ich  einmal in einem Interview gefragt, wie ich Kulturmanagerin wurde. Meine Antwort kam völlig spontan: Das bin ich einfach – eine Kulturmanagerin!

Meiner eigenwilligen Herangehensweise, mit der ich so einige in den Wahn getrieben habe, bin ich treu geblieben: Zuerst steht eine Idee im Raum. Wenn sie für mich ausgereift genug ist (dazu muss ich sagen, zu diesem Zeitpunkt ist absolut noch gar nichts zu Papier gebracht) springe ich ins kalte Wasser und schwimme mich frei. Für andere wirkt das oft planlos. Für mich nicht. Ich weiß, was ich tue, auch wenn es für andere nicht nachvollziehbar ist.  Bin ich erst einmal im Wasser, handle ich nach dem Motto: Probleme kommen sowieso. Sie werden dann angegangen, wenn sie da sind. So bleibe ich wachsam und mich erschüttert es nicht, wenn mein Konzept und damit verbundenen Vorstellungen, wie es zu laufen hat, kleine oder große Wellen schlägt. Ist man vorher zu starr in der Vorstellung, kann sich eine Idee zudem nicht entwickeln. Und das muss sie. Eine Idee muss sich frei entfalten können.

Anfang der 90er war der Studiengang Kulturmanagement komplett neu auf dem Studienmarkt. Und den gab es nur an der FernUniversität Hagen. Erst 10 Jahre später hatten viele andere Universitäten den Studiengang für sich entdeckt. Kultur managen war damals ein Widerspruch in sich. Kunst- und Kulturförderung gehörte zu den Aufgaben der Gesellschaft. Es galten völlig andere Regeln als heute. Künstler wollten frei von Geld, Wirtschaft und Kommerz bleiben. Lieber Taxi fahren und auf Fördergelder, Stipendien, Ausstellungen sowie einer guten Galerie hinarbeiten, als selbst die Kunst und damit sich zu verkaufen. Vor 25 Jahren wäre ich gesteinigt worden, wenn ich meine spätere Seminarreihe Kulturmanagement für Künstler oder Beruf Künstler angeboten hätte. So war es auch mit meinem Studium. Obwohl es absolut meins war, verleugnete ich mein Studium zunächst einfach – auch das ich die erste Absolventin überhaupt in diesem Fachbereich war und einen ziemlich guten Abschluss hingelegt hatte.

Zu dieser Zeit schlugen noch zwei Herzen in meiner Brust. Der eine Herzschlag galt der Malerei und der andere dem Theater. Ich vertrat (so würde man es heute nennen) neben Kunstprojekten und Ausstellungen, als Mädchen für alles, was Geld, Sponsoring und für die Lösung von Problemen aller Art, die im Hintergrund auftraten, kleine Tanz- und Sprechtheater-Produktionen. Allem voran war ich eine Verehrerin vom Theater an der Ruhr. UND – mein ganzer Stolz! Ich habe in den Jahren 1992 / 1993 für Roberto Ciullis Theater arbeiten dürfen. Genau zu der Zeit, als er das einmalige Roma-Theater Pralipe nach Mülheim holte. Es war einfach nur eine wunderbare Zeit: als Studentin an einem für mich besten Theater der Welt. Manchmal geht einfach nicht mehr.

Während einer Presseveranstaltung erzählte Roberto Ciulli eine Geschichte, die er mit den illegalen Straßenhändlern aus Afrika in Florenz erlebt hatte. Besonders die Italienerinnen pflegten ein entspanntes Verhältnis zu ihren Straßenhändlern und kauften dort Taschen, Tücher, Sonnenbrillen oder Schmuck. An diesem sonnigen Tag standen die Straßenhändler hinter ihren Pappkarton-Ständen und riefen durch die Straßen „Vou compra! Vou compra! *Vou compra!“ Plötzlich! Totenstille – ein kurzer stiller Moment vor einem großen Sturm, der heranzieht.  Roberto Ciulli wusste nicht was anders war und schaute sich um. Die Händler waren wie vom Erdboden verschluckt. Wo waren sie alle so plötzlich mit ihren Ständen hin? Mit einer Faszination gemischt mit Unglaube erzählte er: Wie von Zauberhand haben sich die Händler mit ihren Ständen vor unser aller Augen in Luft aufgelöst. Im gleichen Moment kam ihm die Polizia suchend entgegen. Als er später in eine andere Straße einbog, sah er wieder das rege Treiben der Straßenhändler und hörte sie rufen: Vou compra! Vou  compra! …..

Diese kurze Geschichte hatte mein Herz berührt. Ich wusste in diesem Moment, wenn ich meine erste Agentur gründe, dann wird sie vou compra! heißen. Ich wandelte den Namen ein wenig ab und nannte sie 1995 KOMPRA.

In den letzten Jahren habe ich mich oft neu erfunden und damit änderten sich auch die Namen für die Tätigkeit, die ich als Kulturmanagerin ausübte oder übernahm. Im Herzen jedoch bin ich all die Jahre eine „vou compra“ geblieben, eine, die fast nie aufgab und egal wie schwierig es auch manchmal wurde, ich wieder meinen Kulturmanagement-Pappstand woanders aufstellte und weitermachte. Dabei blieb ich eine flexible, freiheitsliebende und völlig unabhängige Kulturmanagerin. Und wenn es sein muss, werde ich mich in Luft auflösen, um woanders wieder neu zu starten, so wie die unerschütterlichen vou compras damals in Florenz.

Informationen

https://artandbutter.de

Umgangssprachlich von „vou comprare“ abgeleitet: „Vou compra“ = Du willst kaufen!“

… unterm Strich völlig okay.

2020 war ich eine absolute Laufniete. Mit 3 km Joggen am Stück im Gepäck kam ich Anfang Januar von Lanzarote wieder. Noch knapp zwei Jahre für die zusätzlichen 7 km, das war zu schaffen. Im Flugzeug war ich noch guter Stimmung: 2020 sollte ein Jahr sein, in dem es nach vorne geht. Ich wollte nur noch in eine Richtung schauen. Vorwärts. Und den deprimierenden Tanz der Vergangenheit > ein Schritt vor –  25 zurück < hinter mir lassen. Der erste mentale harte Aufprall kam direkt nach der Landung in Düsseldorf. Ich hatte unser Deutschlandwetter völlig vergessen. In den nächsten Wochen  folgten alle möglichen Varianten von Regen und Grautönen, die nur das Rheinland bieten kann. Richtige Läufer benutzen niemals das Wetter als Ausrede. Ich schon. Mein innerer Schweinehund nutzte jede banale und noch so durchschaubare Ausrede.

Im März kam endlich das ersehnte Hochdruckwetter mit viel Licht und Sonne. Morgens wurde es schon wieder heller, die Luft war kühl und angenehm. Ideales Laufwetter. Nicht, dass ich mich um das Lauftraining gerissen hätte, aber bei meiner Hauptuntersuchung Mitte März entdeckte man etwas in meinem Bauch, was da so nicht hingehörte. Mein Kopfkino drehte am Rad und darum beeilte ich mich, noch einen OP Termin vor dem Covid-19 – Shutdown zu bekommen. Der Chirurg verkaufte mir die OP sehr nett und benutzte daher häufig die Worte minimal invasiv. Bis auf die gruselige Vorstellung, dass er durch meinen Bauchnabel gehen würde und es auch tat, schien alles recht easy zu sein: Zwei Wochenspätestens drei Wochen nach dem Eingriff können Sie wieder laufen!“ Die OP lief völlig glatt. Spätfolgen gab es auch keine. Der Befund war super. Null Komma Null Krebs. Alles gut. Jedoch hatte ich verdrängt, dass bei mir ein Organ entfernt wurde. Minimal invasiv hin oder her, es war eine recht große OP, bei der mein Körper länger fürs Heilen benötigte, als ich dachte. Mein Lauftraining und auch die Yogastunden wurden von Woche zu Woche verschoben. Der Sommer kam und ging –  plätscherte wegen COVID-19 vor sich hin. Wenig motiviert und lustlos aktivierte ich das Lauftraining, ging wieder zum Yoga. Aber richtig in Schwung kam ich nicht.

Mitten in meinem Frust wollte ich irgendwann wissen, was ich überhaupt in diesem Jahr auf meinen beiden Beinen und Füssen an Strecke zurück gelegt hatte. Ich zählte vom 01.01. – 15.09. alle Kilometer vom Handy-Schrittzähler zusammen. Manchmal ist es richtig gut, wenn man die euphorische Vorstellung, die man zu Beginn eines Vorhabens hatte, mit den  Niederlagen und zahlreichen Rückschläge im Laufe der Zeit, der Realität gegenüberstellt. Denn bei mir hielt sie eine  positive Überraschung für mich bereit. Ich war bereits 1.903 km gegangen, gewalkt und gejoggt. Das macht pro Tag 7,3 Kilometer. Damit  lässt sich arbeiten. Mag sein, dass ich die 10 km nicht an einem Stück joggen werde. Aber es gibt ja auch noch etwas dazwischen. Zum Beispiel Intervall-Laufen. Und überhaupt, ich kenne mich. Es kommt der Zeitpunkt, da stehe ich wieder auf. Dann packt mich der Ehrgeiz und ich ziehe mein Vorhaben, wie vorgehabt, durch.

 

 

 

best off …

In meiner Kindheit begann ich bereits damit. Ich tat alles, was ich liebte und mit dem ich etwas Besonderes verband in einen kleinen roten Koffer. Damit jeder in meiner Familie wusste, dass es meiner war, klebte ich eine Minnie Mouse, ausgeschnitten aus einem Comic meiner Schwester, darauf. Darin befand sich (so meine Erinnerung bis heute), mein Hase Fritz mit losem Kopf, da ich unbedingt mal sehen wollte, wie Fritz innen aussah. Eine leere Plastikhülle von meinem geliebten Balla-Eis. Der Kaugummi klebte noch ganz unten, denn ihn wollte ich mir für schlechtere Zeiten aufheben. Weiter befand sich darin ein Freundschaftsring aus dem Kaugummiautomaten, den mir meine allerbeste Freundin schenkte. Und viele kleine Zettelchen, aber da weiß ich nicht mehr, was darauf war. Und natürlich ganz viel vom schönen bunt glänzenden Bonbon-Papier, meiner geizigen nicht geliebten Oma. Wenn ich mit meiner Mutter in Streit geriet und das geschah sehr oft, schnappte ich mir diesen Koffer und schrie ihr wütend entgegen: Ich wandere aus! Du siehst mich nie nie wieder!  Mehr als diesen Koffer brauchte ich damals schon nicht. Real lief ich damit um die Ecke zu meiner wirklichen Oma.

Aus diesem kleinen Koffer ist mittlerweile eine gut gefüllte Lebenskiste geworden, die alle meine Umzüge überlebte. Vor der zweiten Hirn-OP sagte ich zu meiner Freundin, wenn ich jetzt dabei draufgehe, muss die Asche dieser Kiste unbedingt mit in die Urne, damit mein ganzes Leben bei mir bleibt und ich, wo auch immer, mich an diese Momente erinnern kann.

Als ich am 03. Mai 2011, am Abend vor meiner ersten Hirn-OP auf dem Balkon saß, wusste ich, dass dieser Abschnitt des Lebens unwiderruflich vorbei war. Dieses Leben – diese Petra war jetzt Geschichte und die endete am 03. Mai 2011 nach 47 Jahren auf dem Krankenhausbalkon. Nach der OP gab es nur noch ein VOR dem Gehirntumor und ein NACH dem Gehirntumor. Was ich dabei damals allerdings nicht in Betracht zog, war das Höllenszenario DAZWISCHEN! Ich saß da auf diesem Balkon, völlig im Reinen mit mir und dachte, was habe ich verpasst, wenn es morgen auf dem OP Tisch endet? Afrika! Ich wollte immer nach Afrika. Gleichzeitig dachte ich: Ach scheiß drauf. Ich habe über Jahre afrikanischen Tanz bei Adja getanzt. Und gefühlte 100 Mal Jenseits von Afrika geschaut. Mehr Afrika geht sowieso nicht. Bis heute war ich nicht in Afrika 🙂

Meine Schätze sind keine materiellen. Es sind Schätze des Herzens und Lebens. Uns kann im Leben alles genommen werden – mir ist in den letzten Jahren alles genommen worden. Über Jahre hatte ich nichts, außer einen starren Blick auf einen fixen Punkt an der Wand, damit der Drehschwindel mich nicht um den Verstand brachte. Aber diese kostbaren Momente konnte mir niemand nehmen. Jede einzelne Zelle im Körpers hatte sie in sich gespeichert. Und sie halfen mir in diesen Zeiten beim Überleben! Manchmal liegt viel Schutt darauf und sie verlieren an Leuchtkraft. Fürs Freischaufeln ist dann meine Kiste da, denn wenn ich diese meine autobiografische Petra-Lebens-best-off-Kiste öffne, wird es mir sofort warm ums Herz und ich weiß, ich wurde und werde vom Leben geliebt.

Jeder sollte so eine „best off“ Lebenskiste haben!

Es ist auch nicht so, dass man für solche Momente, was ich Leben nenne, keinen Preis zahlt, verantwortungslos und auf Kosten der anderen durchs Leben rennt. Sich nimmt was einem guttut oder wie man heute so gerne sagt, einem zusteht und dann weitermarschiert oder wegschaut, wenn es unangenehm wird. Diese Momente sind durch und durch freiwilliger Natur,  verbunden mit einer großen Portion Verantwortung, Wertschätzung, Respekt und Achtsamkeit dem andern oder der Welt gegenüber, damit die Kostbarkeit des Moments nicht beschädigt wird. Ohne den Preis der Unsicherheit und der Angst vorm scheitern, bedingungsloses Vertrauen ins Leben und Mut gehts nicht. Ich habe viel gezahlt, gerne gezahlt und draufgezahlt, aber egal wie hoch der Preis auch war, ich würde es immer und immer wieder tun: Mich auf diese Momente einlassen.

Letzte Woche war Zahltag. Oft verschoben, aber diesmal konnte ich mich nicht weiter selbst belügen und davor drücken. So begann ich damit, meinen längst überfälligen Preis endlich zu zahlen. Ein Teil der Begleichung davon befand sich in meiner Lebenskiste. Während der Suchaktion in dem chaotisch angehäuften Sammelsurium bin ich auf so viele schöne Briefe, Fotos und Erinnerungen gestoßen, sodass ich völlig die Zeit und den Grund für das Hervorholen der Kiste vergaß. Ich schüttete die Kiste komplett auf meinem Bett aus. Setzte mich mit zwei Tafeln Schokolade dazu und betrachtete mein Leben. Ich begriff, dass ich viel viel mehr als nur die letzten 9 Jahre war. In mir wohnt ein wunderbar wildes, freies und aufregendes Leben. Das Horror-Dazwischen steuert dem Ende entgegen und es wird ein danach geben.

Auf dem Weg aus meinem emotionalen Loch nach oben Richtung Licht erinnerte ich mich an eine Mitstreiterin aus meiner Chemozeit. Als ich am 01. Juli letzten Jahres meine letzte Antikörperspritze bekam und auf dem Nachhauseweg auf sie traf, saß sie fröhlich mit den Händen gestikulierend und ausgelassen lachend mit ihrer Freundin auf einer Bank neben dem Ausgang in der Sonne. Sie rief mir zu, umarmte und drückte mich fest an sich, freute sich mit offenen strahlenden Augen für mich, dass ich es geschafft hatte, und meinte zum Abschied: Petra, lauf für mich, für uns alle hier! Für die, die es nicht schaffen. Ich werde dann nicht mehr da sein. Aber so bin ich dann doch mit dabei!

Ja, ich werde laufen. Oder besser ausgedrückt: Ja, ich werde wieder laufen. Denn in den letzten Monaten ging gar nichts und ich habe mit dem Gedanken gespielt, dieses ganze Vorhaben einfach stumm und leise einzustampfen, weil völlig albern, blöd und schaffe ich sowieso nicht!

Ich tue es für uns! Und dafür, dass wir immer wieder daran erinnert werden, wie schnell das Leben radikal und ohne Vorwarnung die Richtung ändern kann.

Mein DANACH wird ein völlig anderes sein, als das DAVOR und das DAZWISCHEN. Aber ich bleibe ja immer noch ich! Und das macht mich aus. Das Leben will gelebt werden. Und ich werde es endlich angehen: Dieses neue und bestimmt völlig andere Leben. Schritt für Schritt.

Ich bin gespannt und es gibt Momente, da freue ich mich sogar darauf!

 

 

 

By By Happy Pills :-)

Nach meiner zweiten und erfolgreichen Hirn-OP im Oktober 2011 wurde mir beim Entlassungsgespräch in einem Ton aus Strenge und Milde mitgeteilt: Sie müssen mit dem Drehschwindel, mit der ständigen Übelkeit, mit den neuropathischen Schmerzen in der gesamten linken Körperhälfte, mit den Gleichgewichtsstörungen und der Gefühlslosigkeit in den meisten Extremitäten leben lernen. Der letzte Satz beinhaltete: … bis ans Lebensende. Ab sofort sollte ich mit einer prall gefüllten  7-Tage-Tablettenbox, mit einem Pflegedienst und Rollator mein Leben bestreiten und das als Frau, die Spontanität, Unabhängigkeit und Bewegung über alles liebt.

Das war jetzt Realität, diese – meine körperliche Ausgangssituation für das Leben danach. Die Schulmedizin hatte für mich alles getan, was sie konnte. Sie rettete mir mehrfach das Leben. Deren Medikamentenauswahl und angebotenen Hilfsmittel sollten mir mein weiteres Leben etwas erträglicher machen. Ich hatte keinen Plan B!

Zu Hause angekommen, saß ich völlig losgelöst von Raum und Zeit auf meinem Sofa und starrte die gesammelten 100 Benzodiazepine der letzten 6 Monate auf meiner Kommode an. Jede noch so kleine Bewegung löste Drehschwindel aus. Ich weigerte mich eine Behinderte zu sein. Daher blieb ich einfach ganz still sitzen. Wie die drei Affen: bloß nichts hören, nichts sehen, nichts fühlen!

Ich war einfach nicht in der Lage, die Vorschläge meiner Ärzte anzunehmen. Das geschah nicht aus dummer Arroganz der Schulmedizin gegenüber, oder weil ich es besser wusste. Tat ich nicht! Meine panische Angst war der Motor dieser Entscheidung. Ich fühlte, wenn ich mich darauf einlasse, werde ich bis ans Ende meines Lebens in diesem Behinderten-Gefängnis festsitzen. War ich bereit diesen Preis zu zahlen? Mein Verstand und meine Seele wussten sich und mir nicht zu helfen. An einem Tag brach dann alles in sich zusammen. Also stellte ich mich vor die Wahl: 100 oder eine.

„So begann meine 9-jährige Happy Pill Karriere!“

Als Filmheldin eines Hollywoodstreifens konnte ich in den kommenden Jahren nun wirklich nicht punkten. Was folgte waren demütigende, wütende und ohnmächtige Zeiten. Denn ich war in allem, was ich tat, extrem langsam. Der Schwindel wurde zum täglichen Begleiter. Meine Kopf- und Nervenschmerzen brachten mich an die Grenzen. Mehr als die Hälfte meines Körpers war völlig gefühllos. Meine Füße traten ins Leere. Da ich ständig stolperte, hin- und umfiel, zog ich mir täglich unzählige blaue Flecken und Wunden am ganzen Körper zu. In diesem Zustand behinderte ich die Umwelt da draußen auf deren Gehweg, beim Überqueren der Straße oder beim Einkaufen. Für die anderen gab ich das Bild einer Volltrunkenen ab, grün und blau am ganzen Körper, die ausladend hin und her schwankte. Sie waren gnadenlos in ihrem Urteil und beschimpften den Störenfried oft lautstark und beleidigend: Mich! Wenn ich von Ärzten oder Freunden auf meinen selbst gewählten Lebensstil angesprochen wurde und sie meinten, ich sollte doch endlich die nötige Hilfe für mein Leben annehmen, die Behinderung akzeptieren und damit leben lernen, schrie ich sie an:

„Eher springe ich von der Brücke!“

Bis ins Frühjahr 2018 war mein Leben eine Endlosschleife andauernder Katastrophen. War ein Brandherd gelöscht, tat sich mit Sicherheit ein Neuer auf.  Zu der Welt da draußen gehörte ich schon lange nicht mehr. Auch sie verhielten sich mir gegenüber wie die drei Affen: bloß nicht hinhören, nicht hinsehen, nicht fragen, kann ich helfen.

Trotz allem erhöhte ich nie meine Dosis der Benzodiazepine, nahm nur herkömmliche Schmerzmittel, wenn es gar nicht mehr ging. Diesmal war meine Angst nicht der Motor der Entscheidung, sondern das Bremspedal Vernunft. Ich wollte kein unkontrollierter Tabletten-Junkie werden.

Die Diagnose Brustkrebs rettete mir meinen Arsch. Besser kann ich es echt nicht ausdrücken. Vom ersten Verdachtsmoment  am 02. März 2018 bis zur letzten Antikörperspritze am 1. Juli 2019 spürte ich seit über 7 Jahren wieder Lebendigkeit. Aus heiterem Himmel war da wirkliches und echtes Leben! Im Brustzentrum und in der Onkologie begegnete man mir mit Empathie und Menschlichkeit, was mich ständig in Tränen ausbrechen lies. Jetzt, da ich es endlich beenden könnte: Mein Leben! Einfach den Krebs lassen und tschüss! Und dann das! Bis heute mobilisieren sich schöne, helle und lebensfreudige, mir wohlgesonnen Zellen, die wollen das ich lebe. Woher meine Zellen die Kraft und Zuversicht hernehmen: Keine Ahnung aber schön!

Im Naturheilzentrum der Kliniken Esse Mitte lernte ich durch Vorträge, Ernährung, Sport und Yoga, wie ich meinen Körper neben der Schulmedizin wieder auf die Beine helfen kann. Grob umfasst ging es darum, die eigene Gesundheit mit natürlichen Mitteln bestmöglich zu mobilisieren.

So fand ich zum Yoga. Jeder, der mich kennt, weiß, Yoga entspricht absolut nicht meinem Naturell. Und trotzdem! Ich liebe es. Einfach aus der Tatsache heraus, dass mein Körper Yoga annimmt und ihm guttut. Er kann mittlerweile so viele Sachen, die ich überhaupt nicht mehr für möglich gehalten hätte. Z.B. meinen Kopf vorne rüberbeugen. Ich kann mich auch wieder flach auf den Rücken legen und in den Himmel schauen. Vor zwei Jahren: UNMÖGLICH!

Ich möchte aber auch endlich von meiner Tablettenabhängigkeit wegkommen. Traute mich bisher jedoch noch nicht daran. Schon mehrfach  hatte ich von CBD gehört. Meine Yogalehrerin hatte mir davon erzählt, aber auch die Schmerz- und Krebspatient*innen helfen sich damit über die Runden und das nicht mal schlecht.

Laut meiner Informationen sollte CBD nicht nur meine Symptome, wie die Nerven- aber auch normalen Schmerzen lindern, die Ängste flach halten, mir die Spannungen nehmen, sondern zudem die Leistung mein Abwehrsystem steigern. Die Nebenwirkungen bewegen sich in einem überschaubaren Rahmen.

Als ich mich endlich durch die vielen CBD Angebote vom Drogeriemarkt über Venlo und im Netz durchgearbeitet hatte, entschied ich mich für ein Bio zertifiziertes CBD Öl.

Und dann ging ich es an. Radikal, wie so oft in den letzten Jahren. Und absolut nicht nachahmungswert. Es gibt sicherere Wege zum Ziel. Ich hatte kein  Ausschleichen der Tabletten vorgesehen, sondern nahm einen beherzten Kopfsprung ins eiskalte Wasser. Das CBD Öl sollte mir dabei helfen, die Tabletten abzusetzen und die Entzugserscheinungen abzufangen, ohne, dass ich in die nächste Abhängigkeit reinschlitter.

Den körperlichen Entzug habe ich überstanden.  Zu Beginn war das mit dem CBD Öl eine ziemliche Herumprobiererei, bis ich meine Dosis gefunden hatte. Weil ich die fehlende Wirkung der Benzodiazepine ausgleichen wollte, war ich zunächst mit 3 x 3 Tropfen am Tag /Abend zu hoch dosiert. Mittlerweile habe ich meine Dosis gefunden. Aktuell nehme ich ein Mal pro Abend 2-3 Tropfen 12,0 % Öl. Manchmal vergesse ich es auch einfach.

Ich mache mir nichts vor. Jetzt erst fängt der eigentliche Weg aus der Sucht an. Nun gilt es, Strategien und Möglichkeiten finden, wenn Körper, Geist und Seele hochkochen. CBD kann die eigentlichen Problem nicht  lösen, mir nicht meine Flashbacks oder Panikattacken nehmen. Die innerliche Unruhe, meine Ängste und Tiefs werden ein Teil von mir bleiben. Die Seite der Medaille gehört genauso zu mir, wie meine Kraft, mein Humor und Zuversicht. CBD hilft mir jedoch dabei, dass sich meine Psyche und mein Körper besser entspannen können, was wiederum meine Schmerzen lindert und die Panik sich nicht ganz so breitmachen kann.

Der Anfang ist gemacht. Auf zu neuen Ufern.

Informationen

https://cbd-manufaktur.eu

 

 

 

FRIDA!

Nicht auf die Sonne warten, sondern tanze im Regen, das ist einer meiner Lieblings-Postkartensprüche. Denn Regentage können so wunderschön sein. Über 10 Jahre bestimmten andere, Schicksal, Krankheit und Tod mein Leben. Kaum war ich aus dem einen Minenfeld heraus, trat ich bereits ins Nächste. Dieses Jahr sollte alles anders werden. Ich wollte endlich nach vorne schauen, machte Pläne und dann kam 2020.

COVID 19 kommt mir allerdings auf manchen Ebenen sehr entgegen. Das Virus macht es mir möglich, dass ich nun kollektiv in den Tag hinein leben und schlechte Laune haben kann. Ich muss nicht unbedingt wissen, wie es weitergeht. Denn das wissen wir gerade alle nicht so genau. Aktuell stehen wir gemeinsam in einem Minenfeld herum. Niemand weiß so recht, wann, wo und ob eine hochgehen wird. Diesmal ist es nicht meine alleinige Krise, sondern unsere Krise. Wenn ich wegen COVID 19 voll gejammert werde, antworte ich gerne: herzlich willkommen in meiner Welt!

Trotz allem gebe ich mich dem nicht mehr so oft hin und bin irgendwie immer wieder aufs Neue auf der Suche „Was mache ich denn jetzt?“  und „Wer bin ich heute?“ Auf alte Verhaltensweisen ist kaum noch Verlaß und obendrauf will ich die meisten auch gar nicht mehr. Das neue Leben verunsichert mich. Daher betrete ich es, als wären um mich herum nur rohe Eier. Nichts ist verlässlich. Alles neu und trotzdem noch so vertraut. Vieles ist kostbar, aber auch so furchtbar leicht zerbrechlich. Bei meinem letzten Aufräumen ist mir die Autobiografie  „Ich habe alles gelebt“ von Peggy Guggenheim und das Kochbuch „Mexikanische Feste – die Fiestas der Frida Kahlo“ in die Hände gefallen und ich las beide Bücher einfach noch einmal.

Was für zwei Leben! Was für Frauen! Für mich Vorbilder, wie man das Anderssein in allen möglichen Facetten leben kann. Beide pfiffen völlig auf gesellschaftliche Konventionen. Es interessierte sie nicht, was andere über sie dachten. Sie machten nur das, was für sie richtig war und das mit voller Leidenschaft. So wurden sie, jede in ihrer Art einzigartig, die Ikonen der Kunstszene des 20. Jahrhunderts.

Peggy Guggenheim, eine egozentrische Kunst-Mäzenin, die in ihrem Leben nur aus dem Vollen schöpfen konnte und es ohne Hindernisse bis zu ihrem Tod mit 81 in vollen Zügen genoss. Bereits in den 20er Jahren ging sie als junge Frau mit ihrem geerbten Geld nach Paris, um sich dort der Bohème hinzugeben. Sie war auf der Suche nach Intensität, nach Grenzüberschreitung und nach Schönheit. Seit den 40ern sammelte sie eher Männer, deren Kunst sie ausstellte und kaufte. So wurde sie zur umstrittenen und nicht immer ernst genommenen Kunstmäzenin des 20. Jahrhunderts. Selbst bezeichnete sie sich in einem Interview als eine befreite Frau. Ich kann nicht einmal sagen, dass ich diese Frau beim Lesen ihrer Autobiografie sympathisch fand. Okay, ihr Lebensstil war schon extrem cool, sowie die Zeitspanne und die Orte, wie Paris, London oder New York, an denen ihr Leben stattfand, sind für mich nach wie vor fantastisch. Es gab schon sehr sehr viele Lese-Momente, da hätte ich sofort mein Leben gegen ihres eingetauscht. Sie besaß zudem eine gute Gesundheit, ausreichend Geld und vielleicht auch eine große Portion Oberflächlichkeit. Alles Zutaten, womit sie ihr Leben in vollen Zügen auskosten konnte.

Und dann ist da noch Frida Kahlo. Eine Künstlerin, die ihr Leben aus ihrem Innen heraus geschaffen hat. Die ihrem Leben so viel abtrotzte, wie es für sie möglich war. Sie war schön, intellektuell, leidenschaftlich und kraftvoll. Daher liebe ich ihre Fotografien so sehr, worauf sie uns bis heute würdevoll, aufrecht und stolz mit den ungesagten Worten „ICH BIN DA! GENAU IM HIER UND JETZT!“ anschaut. Leider wird sie seit einigen Jahren von der Merchandising-Industrie extrem verheizt. Aber auch auf den verunstalteten Kissen, T’Shirts, Kleidern  oder Tassen verliert ihr Blick und ihre Haltung nicht an Kraft. Heute noch, wird sie von so vielen Menschen verehrt. Wir alle wollen ein wenig Frida Kahlo sein. Ich selbst habe ein Bild von ihr in meiner Küche hängen. Ich sitze gegenüber am Tisch und arbeite dort. So habe ich sie ständig im Blick.

 

Gerade während meiner pechschwarzen Zeiten ist Frida Kahlo eine Heilige für mich.

 

Im Gegensatz zu Peggy Guggenheim musste Frida Kahlo in ihrem Leben ständig übergroße Felsbrocken überwinden. Sie kam nicht aus reichem Hause und wurde in Mexiko geboren. Sowohl für die Kunst als auch als Frau, die sich ein unabhängiges und eigenständiges Leben wünscht, keine guten Voraussetzungen. Mit 6 Jahren erkrankte sie bereits an Kinderlähmung. Durch das Busunglück mit 18 Jahren wurde ihre Vita zu einer einzigen Krankengeschichte. Anschließend durchlebte sie in den darauffolgenden 29 Jahren mehr als 30 Operationen. Alkohol- und Drogensucht, Depressionen und das Leben mit den dauerhaften Schmerzen, schließlich Amputation des rechten Beins, ein eingeleitetes Lebensende mit 47 Jahren im Rollstuhl waren die weiteren Stationen ihres physischen und psychischen Martyriums. Mit dem Malen begann sie bereits früh, zunächst als Zeitvertreib während des Liegens alleine in ihrem Krankenzimmer. Sie bemalte ihren Gips, soweit ihre Arme und Hände reichten.

Frida Kahlo, die ursprünglich Ärztin werden wollte, verarbeitete ihre Leben auf ihre Weise über die Malerei. Viele ihrer bedeutenden Arbeiten sind erschütternde Gemälde voller Marter, Schönheit und Poesie. Mittlerweile ist ihre Malerei in der Kunstszene angekommen und daraus auch nicht mehr wegzudenken. Darüber hinaus ist sie in der ganzen Welt zur Ikone geworden.

Es wäre anmaßend, wenn ich mich mit Frida Kahlo vergleichen würde. Sie ist einfach nur eins: EINZIGARTIG!

Indem Peggy Guggenheim nur aus dem Vollen schöpfen konnte, hat Frida Kahlo dem Leben alles abgerungen, was es ihr zu bieten gab. Ich denke, wir wollen alle wie Frida Kahlo sein aber das Leben von Peggy Guggenheim haben. So gehts mir. Ich wäre gerne als Frida Kahlo durch das Leben von Peggy Guggenheim spaziert. Aber geht das? Wäre Frida Kahlo ohne das Busunglück nicht ein ganz anderer Mensch geworden? Vielleicht eine Ärztin, von der zumindest die Kunst-Welt nie etwas gehört und gesehen hätte.

Ich spiele immer wieder gerne das Spiel, was wäre wenn? Auch Paul Auster tat es in seinem letzten Roman 4321. Eine DNA, vier verschiedene Ausgangssituationen und vier daraus resultierende unterschiedliche Leben. Ich musste oft beim Lesen aufpassen, damit sich diese vier Leben nicht miteinander vermischten. Zudem fragte ich mich ständig, war der eine Lebensverlauf wirklich besser als der andere? Trotzdem spiele ich dieses Spiel noch: Was wäre gewesen, wenn ich keinen Hirntumor gehabt hätte? Wenn mir die letzten 10 Jahre nicht vom Leben genommen worden wären? Im Prinzip dreht sich alles nur um eine einzige Frage: Hätte ich heute ohne all das Leid ein besseres Leben? Fakt ist, heute bin ich eine andere als damals. Aber ich kann nicht beurteilen, ob dies besser oder schlechter ist. Der Weg der letzten Jahre hat mich zu mir selbst geführt. Im Yoga sagt man, nichts geht ohne Leid.

Was ich mit Frida Kahlo gemeinsam habe, ist das Leben selbst. Ich bin mir  sicher, egal was Peggy Guggenheim in ihrem Leben auch anstellte, um ein Mal diesen einen einzigartigen Moment zu erleben, bei dem man das Leben hautnah spürt, diesen Moment nie erleben durfte. Wir konsumieren das Leben nicht! Wir leben es! Hautnah und mit jeder noch so kleinen Faser. Das gilt sowohl für die dunklen Seiten, aber auch genauso für die hellen und schönen Momente. Es entsteht keine Intensität ohne Spannung. Kein Licht ohne Schatten. Keine Liebe ohne Schmerz. Wie soll ich die Sonne wertschätzen, wenn ich Dunkelheit, Sturm, Regen und Kälte nicht kenne? Fehlt der Schatten und somit die Spannung, fühlt sich irgendwann alles wie Pippi an. Schönes oder Menschen, die wir mal geliebt haben, werden für uns selbstverständlich. Wie Frida Kahlo habe ich gelernt den Regen zu lieben und darin zu tanzen. Und wenn tatsächlich die Sonne aufgeht, dann ist es unbeschreiblich! Kommt man in unserer Situation nicht irgendwann dahinter im JETZT zu sein, kann sogar ein leichter schöner Sommerregen einen erschlagen. Menschen die viel Leid, wie Frida Kahlo durchlebten oder noch durchleben, haben das den anderen voraus: Sie durchleben zwar mehr dunklen Zeiten als andere, bekommen aber dafür die Chance, im Regen zu tanzen und die Sonne hautnah zu spüren. Es ist völlig egal, was der andere alles hat. Der grüne Rasen von nebenan ist nicht schöner, als unsere bunte Kornblumenwiese.

 Wir leben für die einzigartigen Momente, weil wir wissen, dass wir nichts festhalten oder kontrollieren können.

Vielleicht haben wir kein langes, gesundes, geradliniges, gewohntes und etwas gelangweiltes Leben, welches mit Aktionen und Attraktionen gefüllt werden muss. Wir haben nur diese kraftvollen und intensiven Momente, wofür es sich jeden einzelnen Tag lohnt aufzustehen, auch wenn wir oftmals nicht wissen, wie das gehen soll. Aber genau das ist es, warum wir alle Frida Kahlo so lieben. Sie stand immer und immer wieder auf. Zeigte uns, wie schön das Leben ist. Sie versteckte ihre schlechten Zeiten nicht, lebte auch sie auf ihre einzigartige, würde- und kraftvolle Weise.

Ja, Frida Kahlo ist eine Heilige für mich!

Sie zeigt mir, dass wir nur dieses eine Leben haben. Mir wurden nicht die besten Voraussetzungen und Zutaten dafür bereitgestellt. Lebensvoraussetzungen hat niemand in der Hand. Wir werden mit einer DNA einfach in ein Leben hineingeboren und man verlangt von uns, damit zurechtzukommen. Und sicher! Das Leben kann so ungerecht sein. Aber trotzdem habe ich es in der Hand, was ich daraus mache.