Gemüse ist gesund.

Ich bin eine leidliche Esserin. Meine Eltern scheiterten schon während meiner Kindheit an meinem Essverhalten. Ich sortierte das Essen auf dem Teller hin und her, von der einen Seite auf die andere. Früher gab es auch noch sonderbare Strafmaßnahmen: Was man beim Mittagessen stehen ließ, bekam man am Abend noch einmal vorgesetzt. Mich kriegten meine Eltern damit nicht. Ich ging dann halt ohne Essen ins Bett. Ich mache mir bis heute nicht viel bis gar nichts aus Essen. Es muss praktisch sein und zu Hause wenig Arbeit machen. Fleisch war nie wirklich meins, nicht wegen des Geschmacks, sondern weil mich schon als Kind die Seelen der toten Tiere anschauten. Liegt vielleicht auch am Esszimmer meiner Großmutter. An den Wänden hingen riesengroße Ölschinken mit von Jägern erlegten toten Tieren darauf, die mich unentwegt strafend und tot anstarrten. Dazu gesellten sich ausgestopfte heimische Tiere, wie Hasen, Füchse oder Rebhühner, sowie viele verschiedene Hirschgeweihe. Ein Ort des kindlichen Grauens.

Ich mag Gemüse und Salat. Nicht alles gleichermaßen, aber immerhin. Obst vertrage ich nur bedingt. Ich denke, das habe ich von meiner Mutter geerbt. Aber Bananen und Beeren gehen. Käse liebe ich und ein ordentliches Rührei lockt mich eher hinter dem Ofen hervor als ein saftiges Steak oder ein durchwachsener Burger. Mein Vater meinte immer: Du mit Deinen Käsebrötchen. Iss mal was Anständiges?

Wenn ich mich mal krank fühlte oder schwächelte, gab es eben zum Käsebrötchen eine Vitaminkur aus der Apotheke.

Ich bin eine eigenwillige Esserin geblieben. Immer noch gehe ich nicht gerne ins Restaurant, da ich mir die Hygiene-Bedingungen vorstelle oder denke, der Koch hustet übers Essen. Kontraproduktiv, ich weiß.

Was ich allerdings immer kann, sind Törtchen: italienische Törtchen mit einem guten Cappuccino. Beides zusammen versetzt mich sofort in eine schöne und leichte italienische Sommerstimmung. Als ich einmal meinen Exmann nach Italien begleitet hatte und er ständig unterwegs war, fand ich mich fast täglich in der Bar La Perla wieder. Ich aß mit den Italienerinnen und Italienern Panini und Törtchen und dazu gab es zahlreiche Cappuccinos. Stundenlang diskutierten wir mit Händen und Füßen, Papier und Stift. Als mein Mann und ich  wieder nach Hause mussten und mit dem Auto vor der Bar standen, da er noch Proviant für die Rückfahrt besorgen wollte, klopfte einer seiner Bildhauerkollegen ans Autofenster und überreichte mir eine große Tüte mit vielen tollen Törtchen darin. Mein Mann fragte ihn, was das sollte und der Bildhauer lachte: Du weißt überhaupt nicht, wo Deine Frau all die Tage tagsüber war? Was sie gemacht hat – oder? Die Törtchen waren super. Die Stimmung während der Rückfahrt eher nicht.

Seitdem mich der Krebs erwischt hat (Ich möchte ja mein Bestes geben, damit er da bleibt, wo er hingehört: weit weg!), geht das alles nicht mehr, das mit meiner unüberlegten Ernährung. Ich machte bisher nicht alles falsch, aber als ich nach dem Ernährungsvortrag für Krebspatienten über meine Ernährung nachgedacht hatte, da bekam ich schon ein sehr schlechtes Gewissen. Es ist nicht einmal was ich esse, sondern wie und mit wie viel wenig Beachtung: im Stehen, nebenbei, so zwischendurch, genervt, weil ich schon wieder etwas kochen muss oder raus was holen. Wenn nichts passen wollte oder der Kühlschrank leer war, ging ich problemlos ohne Essen vor die Tür oder ins Bett.

Meine ersten Fragen nach dem Vortrag an mich waren: Kann mein Körper mir all das verzeihen, was ich ihm über all die vielen Jahre angetan habe? Wie viel Schaden habe ich angerichtet und kann ich ihn beheben?

Ich war schon immer ein Fan von Ayurveda, vertrete aber deren Philosophie nicht so militant, wie die wirklich Wissenden. Es passt einfach vieles für mich. Ich bin der Vata Typ. Ayurveda zeigt mir, was ich eher essen sollte (und dann auch vertrage) und was weniger gut für mich ist und lehrt, wie man sowohl körperlich als auch seelisch wieder ins Gleichgewicht kommen kann. Es ist zu meinem Leitfaden geworden. Dadurch hat der Optimierungsstress abgenommen, alles richtig machen zu müssen. Ich lerne auf mich zu hören und nicht auf die anderen, die wissen was gut für mich ist.

Körper, Geist und Seele bilden bei mir noch keine Einheit. Zu oft übernimmt die Angst das Kommando und rüttelt mich mit ihrer Panikmache immer wieder durch. Aber ich habe mich auf den Weg gemacht und durch meine bessere Ernährung, dadurch, dass ich achtsamer mit mir umgehe und durch das Laufen und den Yogaübungen bin schon viel sicherer und manchmal auch mutiger im Umgang mit meiner neuen Situation geworden.