(2.) Gespräch mit Iris Edinger und Jazek Poralla über das Projekt FUCK IT – I’M ALIVE!

Editorial 

Das Projekt FUCK IT – I’M ALIVE! hat durch die Konstellation der drei Projektbeteiligten verschiedene Aspekte. Zum einen ist dort Marjorieth (mit der Diagnose Brustkrebs im Jahr 2018), deren Anliegen es ist, in die Welt zu schreien: Gebt nicht auf! Geht zur Vorsorge! Auch ihr Männer! Nutzt Euer Leben!“ Diesen Teil des Projekts kann man als „(Aufklärungs-)Kampagne“ sehen und das halten wir alle für richtig und wichtig. Auch die Aussage, sich nicht zu verstecken, sich nicht zu schämen, weniger Wert zu fühlen, mit seiner / ihrer Umgebung zu kommunizieren und dem Umfeld auch ein stückweit die Scheu zu nehmen. Marjorieth ist Creative Director und ihre Erfahrung, Wissen und Leidenschaft fließen natürlich in diesen Teil des Projekts. Ich bin Fotografin und mein Anliegen ist die Dokumentation und die Verschmelzung meiner Sicht mit der Wirklichkeit. Wenn ich für dieses Projekt fotografiere, dann weniger mit einer konkreten Vorgabe, sondern mit einer Wahrnehmung, einer Emotion, die in der Verbindung mit meinem Gegenüber ein Bild erschafft. Die Fotografien entstehen natürlich zunächst in meinem Kopf, sind aber keine geplante Pose oder konstruierte Aussage, sondern vielmehr die Kombination der Persönlichkeit und des visuellen Charakters meines Gegenübers mit dem, was ich „sehe“; das eben mehr ist, als ein einfacher visueller Eindruck. Insofern sind die Fotos kein Ergebnis einer geplanten Kampagne, in der man im Vorfeld Posen plant und bildlich umsetzt. Auch, wenn Stärke und Würde sicherlich emotionale Kernelemente sind. Jazek ist Designer und gibt dem Projekt sein „Gesicht“. Auch er ist tief berührt von den Geschichten und es ist ihm ein Anliegen, die Geschichten und Gesichter in die Welt zu tragen. Seine Herausforderung ist dies in eine Form zu gießen, die einen Wiedererkennungswert hat und in dem Projektcharakter und Ziele klar erkennbar werden. Er erstellt das Ausstellungskonzept, die Flächenaufteilungen und mit mir zusammen die Hängung. Wir hoffen, nach der erfolgreichen Ausstellung auch ein Buch gestalten und füllen zu können.  (Iris Edinger)

Eurer Projekt (beginnend mit der Fotoausstellung Anfang Juli), welches Brustkrebs-Patientinnen und Patienten in unserer Leistungsgesellschaft eine Stimme geben möchte, finde ich klasse. Was es für mich besonders macht, ist, dass Ihr mit dem Thema völlig unbefangen, offen, frei und ein wenig großspurig an die Öffentlichkeit geht. Dadurch sind die meist großformatigen Fotografien für den Betrachter leicht verdaulich. Man schaut wirklich gerne hin und verweilt etwas länger als erwartet.

Ich freue mich, dass Ihr beide mit mir mein 2. Gespräch für meinen Blog führt. 

 

Eine Betroffene, eine Fotografin und ein Grafiker stellen sich dem Thema Brustkrebs. Es gibt Schöneres, womit man sich beschäftigen kann. Was war der entscheidende Auslöser dieses Projekt zu starten? 

Iris:
„Meine Freundin Marjorieth ist 2018 an Brustkrebs erkrankt. Sie ist sehr offensiv mit dem Thema umgegangen und hat ihren Weg und ihr Veränderung nicht versteckt. Ich war beeindruckt von ihrem Lebensmut und ihrem Kampfgeist, der ungebrochen war. Nach der Chemo war die Veränderung des Äußeren naturgemäß am Größten. Da ich kein Mensch der großen Worte bin, aber das Bedürfnis hatte, ihr etwas zu schenken, bot ich ihr an, Fotos zu machen. Ich fand es wichtig, diesen Abschnitt in ihrem Leben für sie selbst und ihre Kinder zu dokumentieren. Vor allem für ihre Tochter, denn zum Zeitpunkt der Diagnose war sie mit ihr hochschwanger. Wir haben im Studio zusammen mit Jazek fotografiert. Jazek ist Designer, assistiert mir aber auch gerne zwischendurch. Von den Fotos, die gemeinsam entstanden sind, waren wir begeistert. Auch wenn Marjorieth nicht das erste Mal vor der Kamera stand, waren diese Motive für sie anders. Im Shooting konnte sie sich auf eine neue Art und und Weise mit ihrem Krebs auseinandersetzen. Wir beschlossen noch am selben Abend, dass wir dies gerne anderen Menschen ebenfalls ermöglichen möchten. Der Titel dieser Serie war schnell gefunden: FUCK IT – I’M ALIVE! Marjorieths Haltung gegenüber ihrem Krebs.“ 

Jazek:
„Das Shooting mit Marjorieth war für mich das erste Shooting, bei dem ich assistieren durfte (ein paar Probe-Shootings mit Iris ausgenommen). Zuzusehen, wie die Fotos in ihrer Intensität und Aussage wuchsen, beeindruckte mich – besonders die Fotos mit entblößter Brust, ohne Scham, dafür mit Stärke, Mut, Zuversicht. Auf diese Bilder schauend, kam uns schnell die Idee, ein Fotobuch zu machen. Oder eine Ausstellung, eine eigene Initiative. Ein Projekt mit so einer starken Aussage – und beeindruckenden Fotos! – als Designer mit zu prägen und zu begleiten, mit diesem Material zu arbeiten und dem Projekt generell ein Gesicht zu geben, motivierte mich schnell.“

 

Die Protagonist(en)*innen in Eurem Projekt sind starke Persönlichkeiten. Sie alle strahlen Mut, Würde und Willenskraft aus. Nach vorne schauen, sich vom Krebs nicht bestimmen lassen. Jede einzelne Fotografie eine Hommage an das Leben. 

Die Tatsache, dass die Diagnose Brustkrebs für einige den sicheren Tod und für jede/n Betroffene/n körperliches und seelisches Leid bedeuten, wird von Außenstehenden verdrängt.  Die Angst davor holt uns Betroffene jedoch  immer wieder gerne ein. Ich sage mir in solchen Momenten oft: „Scheiß drauf! Lebe! In Hundert Jahren sind wir sowieso alle tot.“ Wie geht Ihr mit dem Thema Tod um? Wollt ihr dem Tod auch Raum geben?

Jazek:
Der Tod gehört dazu, zum Krebs. Ja, wir haben Charaktere, die dem Tod von der Schippe gesprungen sind. Aber wir haben mit Ebru eine Protagonistin, die immer noch gegen ihre sehr aggressive Krebsart kämpft. Ich habe ihre Geschichte häufig während der Ausstellung erzählt. Gerade diese Geschichte von Ebru, die noch immer kämpft und nicht aufgeben will – und dem Tod vielleicht näher ist als unsere anderen Protagonisten – ist ein starkes Vorbild für andere.

Iris:
„Der Tod schwingt bei einem solchen Thema immer mit. Man kann ihn nicht verdrängen. Aber man muss ihn nicht in den Vordergrund stellen. Der Tod kann uns jeden Moment erreichen: Herzinfarkt, Autounfall, ein unbedachter Schritt. Wir können uns ihm nicht verstellen. Er muss aber keine permanente Präsenz in unserem Leben haben, die uns Angst macht. Der Endlichkeit hingegen sollten wir uns aus meiner Sicht allerdings schon bewusst sein. Sie hilft uns das zu wertschätzen, was wir haben. Ja, in 100 Jahren und früher sind wir alle tot. Das ist sehr sicher. Der Gedanke sollte uns jedoch nicht lähmen und unsere Lebenslust nehmen. Nicht das Ende, der Tod ist der Sinn im Leben, sondern der Weg den man beschreitet und wie man ihn beschreitet. Der Gedanke an den Tod und die Endlichkeit kann befreiend sein und erkennen lassen, was wirklich wichtig ist. Die Diagnose Krebs ist sicher einer der tiefsten Einschnitte im Leben, der einen erreichen kann. Wir wollen Mut machen, diesen Weg nicht mit gesenktem Haupt zu beschreiten. Mich erreichen viele Nachrichten von Menschen, die sagen: Danke, ihr habt mir gezeigt, dass es nicht nur um Tod geht, sondern dass es ein Leben damit und danach gibt. Wenn wir alleine einem Menschen Mut geben können, nicht aufzugeben, dann ist das schon ein großer Erfolg.“

 

Vom 03. bis 05.07.2020 war die erste Ausstellung. Eurer Projekt bekam schon im Vorfeld in den herkömmlichen Medien (Print und TV), sowie in den sozialen Netzwerken einen großen Zuspruch. Wohin soll Eure Reise nach diesem sehr gelungenen Start gehen? 

Jazek:
„Zu allererst werden wir weiter fotografieren. Durch die Berichterstattung in den (sozialen) Medien und besonders nach nach der Ausstellung haben sich einige Frauen bei uns gemeldet, die großes Interesse haben, mitzumachen. Das freut uns riesig! Und wir sind gespannt auf die Ergebnisse. Darüber hinaus gibt es erste Pläne, die Ausstellung – vielleicht dann auch schon mit neuen Motiven – an anderen Orten, nicht nur in Düsseldorf zu zeigen. Speziell zum Weltbrustkrebstag dieses und nächstes Jahr gibt es Pläne.“

Iris:
„Die Ausstellung im FOU ZOO in Düsseldorf war hoffentlich die Erste von einer Reihe weiteren. Wir würden die Bilder und Geschichten gerne in die Welt tragen – aber im ersten Schritt natürlich erst einmal in Deutschland. Wir haben eine Anfrage für nächstes Jahr Oktober und suchen aktuell noch weitere Ausstellungsmöglichkeiten in geeigneten Räumlichkeiten für Herbst dieses Jahres. Viele Menschen schreiben uns, dass wir doch in ihre Nähe kommen mögen, damit sie die Möglichkeit haben, die Bilder zu sehen. Schön wäre, wenn wir 3 bis 4 Ausstellungen im Jahr in unterschiedlichen Gegenden realisieren könnten. Darüber hinaus planen wir in den nächsten 2 bis 3 Monaten weitere ProtagonistInnen zu fotografieren. Aufgrund der Berichterstattung in den Medien sind einige Menschen auf uns zu gekommen, die gerne teilnehmen möchten. Ganz unterschiedliche Persönlichkeiten – introvertiert, extrovertiert, jung oder „Best Ager“ – auf die wir uns schon sehr freuen. So hoffen wir, dass das Projekt natürlich weiter wächst und wir viele neue Gesichter und Geschichten zeigen und erzählen können in 2021. Aber dazu müssen wir noch die Hürde der Wirtschaftlichkeit meistern. Das Projekt finanziert sich über Spenden, Verkauf von sogenanntem Merchandise (Hoodies & Co), Kooperationen und Sponsoren. Wir würden gerne jeden/r unserer ProtagonistInnen auch gedruckt und gerahmt in der Ausstellung sehen, aber noch haben wir nicht genügend Partner an Bord. Wir freuen uns sehr über die Unterstützung von Grieger Internation Fineart, Dr. Krewani Bilderrahmen, Conzen, Foto Leistenschneider und zuletzt auch Schwarzkopf, benötigen aber darüber hinaus noch Sponsoren und Erlöse über Bildverkäufe um weiter voranschreiten zu können. Eine weitere große Frage ist: Wo stellen wir aus? Wer stellt uns aus? Aufgrund der heterogenen Eigenschaft des Projekts ist dies in der Tat ein Diskussionspunkt – auch wenn es vielleicht überraschen mag. Eine begeisterte Brustkrebskämpferin schrieb uns: Kommt doch ins Kunstmuseum nach Stuttgart! Ja, würden wir gerne! Aber: sind wir Kunst? Sind wir Kampagne? Manche, die die Bilder gesehen haben, beantworten die erste Fragen mit einem eindeutigen „Ja“. Du hast bei unserem ersten Gespräch selbst von einer „Kampagne“ gesprochen. Willkommen im Dilemma der Klassifizierung. Für mich gibt es diese nicht. Ich halte nichts von Schubladen, Etiketten und Tabus. Wir arbeiten mit Zitaten in der Ausstellung. Damit geben wir ein stückweit eine Bilderklärung und sind nicht mehr im interpretationsfreien Raum. Wir haben ein Logo. Wir sind, was wir sind, ein Hybrid inmitten von Standards, die wir versuchen auszuhebeln. Warum sollte man eine amputierte Brust nicht zeigen? Warum sollte kein Zitat unter einem Bild im Museum hängen? Wohin die Reise in diesem Hinblick also geht, wird die Zeit uns zeigen.“

Das Interview wurde nach der ersten Ausstellung im FOU ZOO vom 03. bis 05.07.2020 in Düsseldorf geführt. Damit das Projekt FUCK IT – I’M ALIVE! in die Welt hinaus getragen werden kann, braucht es viele Unterstützer. 

Informationen

Um diese Vision realisieren zu können hat das Team eine Crowdfunding Kampagne gestartet:  https://www.gofundme.com/f/fiiaa

Website:
https://www.fi-ia.com

Social Media:
https://www.facebook.com/fiiamalive
https://www.instagram.com/fuckitiamalive

Kontakt

Fotografin
Iris Edinger | Photography 0160 5347268 kontakt@iris-edinger.de
PR
Marjorieth Sanmartin 0151 24119537 marjorieth@me.com
Grafik
Jazek Poralla 0152 56614628 info@jazekporalla.de

Copyright:
Foto und Text: Marjorieth Sanmartin, Iris Edinger, Jazek Poralla