Volle Kraft voraus!

Nach meinem  ersten Training mit einem Profi-Lauftrainer war ich hoch motiviert. Ich hatte das Gefühl, ich könnte es schaffen: New York, 10 km und mein Leben. Mir geht es nicht um den Wettbewerb beim New Yorker Marathon. Ich muss das einfach tun! Zum einem bedeutet mir die Stadt sehr viel (in den 90ern fast alles!) und zum anderen brauche ich das Gefühl an etwas ganz Großem teilzunehmen. Ich laufe für mein neues Leben, um mein Leben und gegen die Angst, die viel zu oft noch schneller ist als ich. Ich möchte es mir einfach selbst beweisen, dass ich es schaffen kann: leben! So wie ich es nach dem Gehirntumor geschafft habe, aufrecht zu gehen. Mein Problem dabei ist, meine Vorstellung über den Weg dahin (ich bin völlig werbeverseucht und stelle mir immer wieder vor, wie leichtfüßig ich die Runden drehen werde), dieser jedoch absolut und sehr weit entfernt davon sein wird.  Als Kulturmanagerin weiß ich, man muss sich auf jedes Projekt neu einlassen, um  auf alle Unwägbarkeiten (die 100 pro eintreten werden) reagieren zu können. Allen Widrigkeiten trotzten. Der Weg ist ein ständiger Abgleich mit der Realität.

Die erste Trainingswoche lag in der Woche meiner Antikörpertherapie und dieses Mal  schwoll auch noch mein rechter Oberschenkel an, in dem die Spritze gesetzt wurde. Sich Antikörper spritzen zu lassen, ist echt eklig. Ist das Mittel zu kalt oder wird zu schnell gespritzt, dann brennt das wie Bolle. Dieses Mal brannte das halbe Bein fast über zwei Tage hinaus. Also lief ich erst am Mittwoch los. Ich schaffte anstelle von 8 km, 6,5 km und hinkte mit dem geschwollenen Bein nach Hause. Am Freitag schaffte ich die vorgegebenen 10 km und am Sonntag sogar ganz knapp mit 11,96 km die 12 km Strecke.  Wenn ich hier vom Laufen schreibe, ist es in erster Linie Power Walking mit 3 x 5 Minuten Jogging dazwischen. Donnerstag und Samstag machte ich Yoga.  Damit hatte ich das geplante Programm, bis auf Radfahren durchgezogen. Ich war ein wenig stolz auf mich, obwohl ich wusste, ich hatte es ziemlich übertrieben für den Anfang. Wollte einfach zu viel auf einmal.

Sonntag bekam ich prompt die Quittung für meine Selbstüberschätzung. Nach den 12 km war ich dermaßen platt, sodass gar nichts mehr ging.  Zu allem Überfluss hatte ich mir auch noch meinen unteren Rücken völlig verhakt und kam kaum noch die Treppe hinunter. Becken und Hüfte waren dicht und verdreht. Daran war ganz bestimmt das geschwollene und brennende Bein Schuld (späte Erkenntnis meines gesunden Menschenverstands). Nach 100 Metern ging es  nur noch omamäßig langsam vorwärts. Zwischen all dem, wie schleppe und hinke ich mich vorwärts,  knickte dann auch noch mein linkes Bein ohne Vorankündigung weg, was bei mir sofort HIRNTUMOR-ALARM  auslöste. Wenn das Bein einfach so wie Pudding wegknickt, gerate ich aus dem mentalen Stand heraus in Panik. Sofort sind alte Erinnerungen geweckt und Hirn wie Körper in Alarmbereitschaft. Ich hatte es bereits nach der ersten Woche absolut versemmelt.

Meine zweite Trainingswoche bestand somit völlig ausgebremst aus Physiotherapie, Yoga und schwimmen. In der dritten Woche konnte ich schon fast wieder laufen, doch da kam die Hitze. Also wieder nur schwimmen und Yoga. Am Freitag der erste kleine Lauf. Samstag Yoga und am Sonntag wieder schwimmen. Mehr war nicht drin.

Am Montag erhielt ich meine letzte Antikörperspritze. Mit der großen Erleichterung: geschafft, endlich die Therapie beendet zu haben, überkam mich  die große Lethargie. Diese Woche hätte ich so schön laufen können. Kein dickes brennendes Bein, keine Hitze aber dafür Freunde treffen, Bücher lesen und endlich Italien planen. Kekse und Törtchen essen,  dazu Kaffee trinken. Nebenan mit der Katze spielen. Sie liebt meine neuen Locken (mit denen ich mich nicht so recht anfreunden kann) und streicht vorsichtig mit ihrer Pfote dadurch.
Ich schäme mich ein wenig, da ich doch so Großes vorhabe und schon nach einer Woche Training den Totalausfall hinlege. Dazu aktuell völlig unmotiviert nix tu, was mir aber echt Spaß macht.

Nächste Woche bin ich in meiner alten Heimat Hamburg. Dort kenne ich mich gut aus, also habe ich keine Ausrede, die gegen die Fortsetzung meines Lauftrainings spricht.  Am Sonntag mache ich mir einen neuen Plan. Ich schaffe das!