best off …

In meiner Kindheit begann ich bereits damit. Ich tat alles, was ich liebte und mit dem ich etwas Besonderes verband in einen kleinen roten Koffer. Damit jeder in meiner Familie wusste, dass es meiner war, klebte ich eine Minnie Mouse, ausgeschnitten aus einem Comic meiner Schwester, darauf. Darin befand sich (so meine Erinnerung bis heute), mein Hase Fritz mit losem Kopf, da ich unbedingt mal sehen wollte, wie Fritz innen aussah. Eine leere Plastikhülle von meinem geliebten Balla-Eis. Der Kaugummi klebte noch ganz unten, denn ihn wollte ich mir für schlechtere Zeiten aufheben. Weiter befand sich darin ein Freundschaftsring aus dem Kaugummiautomaten, den mir meine allerbeste Freundin schenkte. Und viele kleine Zettelchen, aber da weiß ich nicht mehr, was darauf war. Und natürlich ganz viel vom schönen bunt glänzenden Bonbon-Papier, meiner geizigen nicht geliebten Oma. Wenn ich mit meiner Mutter in Streit geriet und das geschah sehr oft, schnappte ich mir diesen Koffer und schrie ihr wütend entgegen: Ich wandere aus! Du siehst mich nie nie wieder!  Mehr als diesen Koffer brauchte ich damals schon nicht. Real lief ich damit um die Ecke zu meiner wirklichen Oma.

Aus diesem kleinen Koffer ist mittlerweile eine gut gefüllte Lebenskiste geworden, die alle meine Umzüge überlebte. Vor der zweiten Hirn-OP sagte ich zu meiner Freundin, wenn ich jetzt dabei draufgehe, muss die Asche dieser Kiste unbedingt mit in die Urne, damit mein ganzes Leben bei mir bleibt und ich, wo auch immer, mich an diese Momente erinnern kann.

Als ich am 03. Mai 2011, am Abend vor meiner ersten Hirn-OP auf dem Balkon saß, wusste ich, dass dieser Abschnitt des Lebens unwiderruflich vorbei war. Dieses Leben – diese Petra war jetzt Geschichte und die endete am 03. Mai 2011 nach 47 Jahren auf dem Krankenhausbalkon. Nach der OP gab es nur noch ein VOR dem Gehirntumor und ein NACH dem Gehirntumor. Was ich dabei damals allerdings nicht in Betracht zog, war das Höllenszenario DAZWISCHEN! Ich saß da auf diesem Balkon, völlig im Reinen mit mir und dachte, was habe ich verpasst, wenn es morgen auf dem OP Tisch endet? Afrika! Ich wollte immer nach Afrika. Gleichzeitig dachte ich: Ach scheiß drauf. Ich habe über Jahre afrikanischen Tanz bei Adja getanzt. Und gefühlte 100 Mal Jenseits von Afrika geschaut. Mehr Afrika geht sowieso nicht. Bis heute war ich nicht in Afrika 🙂

Meine Schätze sind keine materiellen. Es sind Schätze des Herzens und Lebens. Uns kann im Leben alles genommen werden – mir ist in den letzten Jahren alles genommen worden. Über Jahre hatte ich nichts, außer einen starren Blick auf einen fixen Punkt an der Wand, damit der Drehschwindel mich nicht um den Verstand brachte. Aber diese kostbaren Momente konnte mir niemand nehmen. Jede einzelne Zelle im Körpers hatte sie in sich gespeichert. Und sie halfen mir in diesen Zeiten beim Überleben! Manchmal liegt viel Schutt darauf und sie verlieren an Leuchtkraft. Fürs Freischaufeln ist dann meine Kiste da, denn wenn ich diese meine autobiografische Petra-Lebens-best-off-Kiste öffne, wird es mir sofort warm ums Herz und ich weiß, ich wurde und werde vom Leben geliebt.

Jeder sollte so eine „best off“ Lebenskiste haben!

Es ist auch nicht so, dass man für solche Momente, was ich Leben nenne, keinen Preis zahlt, verantwortungslos und auf Kosten der anderen durchs Leben rennt. Sich nimmt was einem guttut oder wie man heute so gerne sagt, einem zusteht und dann weitermarschiert oder wegschaut, wenn es unangenehm wird. Diese Momente sind durch und durch freiwilliger Natur,  verbunden mit einer großen Portion Verantwortung, Wertschätzung, Respekt und Achtsamkeit dem andern oder der Welt gegenüber, damit die Kostbarkeit des Moments nicht beschädigt wird. Ohne den Preis der Unsicherheit und der Angst vorm scheitern, bedingungsloses Vertrauen ins Leben und Mut gehts nicht. Ich habe viel gezahlt, gerne gezahlt und draufgezahlt, aber egal wie hoch der Preis auch war, ich würde es immer und immer wieder tun: Mich auf diese Momente einlassen.

Letzte Woche war Zahltag. Oft verschoben, aber diesmal konnte ich mich nicht weiter selbst belügen und davor drücken. So begann ich damit, meinen längst überfälligen Preis endlich zu zahlen. Ein Teil der Begleichung davon befand sich in meiner Lebenskiste. Während der Suchaktion in dem chaotisch angehäuften Sammelsurium bin ich auf so viele schöne Briefe, Fotos und Erinnerungen gestoßen, sodass ich völlig die Zeit und den Grund für das Hervorholen der Kiste vergaß. Ich schüttete die Kiste komplett auf meinem Bett aus. Setzte mich mit zwei Tafeln Schokolade dazu und betrachtete mein Leben. Ich begriff, dass ich viel viel mehr als nur die letzten 9 Jahre war. In mir wohnt ein wunderbar wildes, freies und aufregendes Leben. Das Horror-Dazwischen steuert dem Ende entgegen und es wird ein danach geben.

Auf dem Weg aus meinem emotionalen Loch nach oben Richtung Licht erinnerte ich mich an eine Mitstreiterin aus meiner Chemozeit. Als ich am 01. Juli letzten Jahres meine letzte Antikörperspritze bekam und auf dem Nachhauseweg auf sie traf, saß sie fröhlich mit den Händen gestikulierend und ausgelassen lachend mit ihrer Freundin auf einer Bank neben dem Ausgang in der Sonne. Sie rief mir zu, umarmte und drückte mich fest an sich, freute sich mit offenen strahlenden Augen für mich, dass ich es geschafft hatte, und meinte zum Abschied: Petra, lauf für mich, für uns alle hier! Für die, die es nicht schaffen. Ich werde dann nicht mehr da sein. Aber so bin ich dann doch mit dabei!

Ja, ich werde laufen. Oder besser ausgedrückt: Ja, ich werde wieder laufen. Denn in den letzten Monaten ging gar nichts und ich habe mit dem Gedanken gespielt, dieses ganze Vorhaben einfach stumm und leise einzustampfen, weil völlig albern, blöd und schaffe ich sowieso nicht!

Ich tue es für uns! Und dafür, dass wir immer wieder daran erinnert werden, wie schnell das Leben radikal und ohne Vorwarnung die Richtung ändern kann.

Mein DANACH wird ein völlig anderes sein, als das DAVOR und das DAZWISCHEN. Aber ich bleibe ja immer noch ich! Und das macht mich aus. Das Leben will gelebt werden. Und ich werde es endlich angehen: Dieses neue und bestimmt völlig andere Leben. Schritt für Schritt.

Ich bin gespannt und es gibt Momente, da freue ich mich sogar darauf!