Schmuddelecke

turquoise vintage old closet in a old room . decoration

Ja, ich habe bis zum 30.06.2019 mein Leben aufgeräumt. Ich stellte mir ein inneres Haus vor, restaurierte und renovierte es liebevoll und ordentlich, putzte und wischte jede Ecke.

Ich war so stolz auf mein Ergebnis, denn ich hatte am letzten Tag (wie geplant – das war wirklich harte Arbeit) meiner Therapie einen schönen, hellen und luftigen inneren Raum geschaffen. Ein Zuhause, indem ich gerne wohnen wollte.

Trotz meiner resoluten Art und Weise mein Leben neu zu sortieren, um mir damit eine Basis für die Zukunft zu schaffen, blieb ein Schrank voller schlechter Gefühle übrig. Ich hatte ihn ignoriert, verdrängt, vergessen. Drei Tage lang konnte ich mich in meinem schönen, frischen und luftigen inneren Zuhause wohlfühlen. Alles war rundum in Ordnung. Dann sah ich ihn. Er stand  plötzlich direkt vor meiner Nase, groß und breit, unübersehbar, präsent: der Schrank. Ich versuchte, dieses störende Ding aus meinem Blickfeld (Toilette, Keller, Speicher, Besenkammer, …) zu schieben. Schmuddelecken hat schließlich jedes Zuhause, warum auch nicht meins. Zudem hatte ich genug aufgeräumt. Irgendwann ist auch einfach mal gut.  Ich nahm Anlauf, trat gegen dieses Scheißding, warf mich wütend davor, dagegen, darauf. Nichts tat sich! Er stand einfach da, der Schrank. So ein blöder Mist, ich muss den Schrank öffnen, dachte ich und habe doch so unglaublich wenig Lust dazu.  In diesem Schrank hatte ich alle meine Wunden und tiefen Verletzungen weggepackt, die ich mir in den letzten Jahren zugezogen hatte.  Wunden durch Verrat, Verleumdung, Feigheit, Lügen, Manipulation, Heimlichtuereien, falschen Versprechen, Verleugnung, Arroganz, Oberflächlichkeit, Narzissmus, Ablehnung, Neid, Zurückweisung, Verzweiflung, Angst, Missgunst, …). All die blutenden und offenen Wunden, die bisher nicht heilen konnten, weil die Zeit dafür fehlte. Manche Dinge im Leben könnten sich einfach so in Luft auflösen. Niemand würde etwas vermissen.

Die erste kleine Ecke im Schrank habe ich mir mittlerweile angeschaut, jedoch mit Unterstützung. Wenig cool habe ich beschlossen, dass ich den Schrank nicht einfach nur auskippe und sage, Augen zu und durch (weg mit dem Dreck), das bekommst du auch noch hin, sondern gehe es diesmal geduldig und behutsam an, gebe meinen Wunden ihre Zeit, um zu heilen, die sie brauchen. Sie sind in meinem neuen Zuhause willkommen, denn sie gehören zu mir. Der Schrank, samt Verursacher landen irgendwann auf dem Sperrmüll.