In Hamburg sagt man Tschüs. Ich sage Tschö.

Die Zeit heilt alle Wunden, sagte Voltaire. So, als wenn vergehende Jahre ein riesengroßes Heilpflaster auf unsere eitrigen und blutenden Wunden legt oder besser noch unsere seelischen Selbstheilungskräfte aktivieren, einfach so, ohne dass wir etwas dafür tun müssen.  Zeit verstreichen lassen, mehr bedarf es nicht: Wird schon! Alles wird gut, sowieso!

Meine  Wunden heilen nicht mit der Zeit. Sie werden eher größer und bedrohlicher. Ist es die Seele, streikt irgendwann der Körper, ist es der Körper streiken irgendwann die Nerven. So oder so, ich werde gezwungen zu handeln.  Das ist nur eine Frage der Zeit.  Ich kann es lange herauszögern und meinen Leidensweg damit verlängern. Ich kann hoffen, dass es sich von alleine löst oder der andere mal darauf kommt, etwas zu ändern, aber letztendlich muss ich immer handeln. Mein Leben wieder in die Hand nehmen.

Während meiner Katastrophenjahre eiterte und blutete meine Wunde Selbstbetrug vor sich hin. Ich bin so großartig darin, mich selbst zu belügen und betrügen, mich in Hoffnungen und Fantasien zu flüchten. Seitdem ich mein inneres Zuhause aufgeräumt und meine Krebstherapie beendet habe, geht das mit dem belügen und selbst betrügen nicht mehr. Wenn ich leben und meinen Lebensweg finden möchte, muss ich meine Wunden noch einmal öffnen oder wenigstens noch einmal darauf schauen, damit sie heilen können.

Aus diesem Grunde bin ich spontan nach Hamburg in meine alte Heimat gefahren. Ich muss gestehen, nach diesem Entschluss poppte mein Selbstbetrug fröhlich und munter auf und vermittelte mir,  jetzt wird wieder alles gut. Vielleicht finde ich dort meinen Anknüpfungspunkt für die Zukunft, egal wie er aussehen mag. Seitdem ich 2011 wieder nach Düsseldorf gezogen (eher geflohen) bin, finde ich meinen Platz nicht. Mein Herz hing die ganze Zeit in Hamburg fest und der damit verbundene Wunsch, irgendwann wieder zurückzukehren. Ich wollte dieses Leben dort so sehr, dass für mich keine Alternative infrage kam. Ich kam also in Hamburg  an und alles war beruhigend, schön und vertraut. So hatte ich mir das gedacht. Ich fühlte mich wohl. Als wäre ich nie woanders gewesen.  Der Haken war die Realität, denn ich gehöre nicht mehr nach Hamburg. Ich war einfach nur noch eine Besucherin. Eine Touristin auf Spurensuche.

Mir kam wieder diese  blöde Kreuz 8 in den Sinn und die Wahrsagerin mit den Worten, ich müsste eine schwere Krankheit überleben und wenn ich das hinbekomme, dann fängt mein Leben an. Ich dachte, da Mitte in der Einkaufspassage von Bergedorf, wenn ich Krankheit durch Prüfung ersetze, ergeben ihre Worte einen Sinn. Wenn ich es schaffe, die Prüfung Hamburg, mit allem was daran hängt (all die Hoffnungen, die Energien, die Enttäuschungen und Niederlagen) bestanden habe und es schaffe, diesen Lebensabschnitt zu überleben und diese letzten 17 Jahre  jetzt abschließen und loslassen kann, dann könnte wirklich mein eigenes Leben stattfinden.

Ich weiß nicht, was ich in Hamburg kapiert habe, aber ich weiß, dass ich es kapiert habe. Alles was ich schon seit Jahren weiß, aber mein Herz und meine Seele nicht wahrhaben wollten, war plötzlich so banal absurd real. Ich sah mich in meiner drittklassigen Telenovela und dachte, wie konnte ich nur so unglaublich dämlich (ein passenderes Wort fällt mir dazu wirklich nicht ein, so unfassbar blöd war ich) sein und all das nicht sehen wollen. Ich wusste es ja, aber ich wollte nicht darüber nachdenken müssen. Das Problem der Erkenntnis ist, wenn man erst einmal an diesem Punkt angekommen ist, gibt es kein Zurück mehr. Dann ist es wirklich vorbei. Ich wollte kein vorbei und ließ meine Wunde über Jahre weiter wachsen.

Ich bereue Hamburg absolut nicht. Diese Zeit ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich bereue nur, dass ich nie etwas rechtzeitig abschließen kann, dass ich viel zu lange festhalte, obwohl es längst vorbei ist. Ich kann so gut bewusst wegsehen, wenn ich etwas nicht wahrhaben möchte.

Diesmal habe ich mutig hingeschaut und den Heilungsprozess eingeleitet. Das Pflaster mit einem schnellen und heftigen Ruck von der Wunde abgezogen. Was ich da sah, war wenig schön aber immerhin heilbar. Selbstbetrug ist einer der schlimmsten von allen.  Das Leben wird schön werden, (das hat mir diese Wahrsagerin 2001 versprochen – ob sie überhaupt noch lebt, sollte ich Regressansprüche erheben wollen) wenn auch nicht immer einfach sein. Jedenfalls werde ich so schnell nicht mehr in meine alte Selbstbetrugs-Falle treten. Das ist ja schon mal was.