… unterm Strich völlig okay.

© IRIS EDINGER I Photography I Düsseldorf

Was war ich bisher für eine absolute Laufniete. Mit 3 km Joggen am Stück im Gepäck kam ich Anfang Januar von Lanzarote wieder. Noch knapp zwei Jahre für die zusätzlichen 7 km, das war zu schaffen. Im Flugzeug war ich noch guter Stimmung: 2020 sollte ein Jahr sein, in dem es nach vorne geht. Ich wollte nur noch in eine Richtung schauen. Vorwärts. Und den deprimierenden Tanz der Vergangenheit > ein Schritt vor –  25 zurück < hinter mir lassen. Der erste mentale harte Aufprall kam direkt nach der Landung in Düsseldorf. Ich hatte unser Deutschlandwetter völlig vergessen. In den nächsten Wochen  folgten alle möglichen Varianten von Regen und Grautönen, die nur das Rheinland bieten kann. Richtige Läufer benutzen niemals das Wetter als Ausrede. Ich schon. Mein innerer Schweinehund nutzte jede banale und noch so durchschaubare Ausrede.

Im März kam endlich das ersehnte Hochdruckwetter mit viel Licht und Sonne. Morgens wurde es schon wieder heller, die Luft war kühl und angenehm. Ideales Laufwetter. Nicht, dass ich mich um das Lauftraining gerissen hätte, aber bei meiner Hauptuntersuchung Mitte März entdeckte man etwas in meinem Bauch, was da so nicht hingehörte. Mein Kopfkino drehte am Rad und darum beeilte ich mich, noch einen OP Termin vor dem Covid-19 – Shutdown zu bekommen. Der Chirurg verkaufte mir die OP sehr nett und benutzte daher häufig die Worte minimal invasiv. Bis auf die gruselige Vorstellung, dass er durch meinen Bauchnabel gehen würde und es auch tat, schien alles recht easy zu sein: Zwei Wochenspätestens drei Wochen nach dem Eingriff können Sie wieder laufen!“ Die OP lief völlig glatt. Spätfolgen gab es auch keine. Der Befund war super. Null Komma Null Krebs. Alles gut. Jedoch hatte ich verdrängt, dass bei mir ein Organ entfernt wurde. Minimal invasiv hin oder her, es war eine recht große OP, bei der mein Körper länger fürs Heilen benötigte, als ich dachte. Mein Lauftraining und auch die Yogastunden wurden von Woche zu Woche verschoben. Der Sommer kam und ging –  plätscherte wegen COVID-19 vor sich hin. Wenig motiviert und lustlos aktivierte ich das Lauftraining, ging wieder zum Yoga. Aber richtig in Schwung kam ich nicht.

Mitten in meinem Frust wollte ich irgendwann wissen, was ich überhaupt in diesem Jahr auf meinen beiden Beinen und Füssen an Strecke zurück gelegt hatte. Ich zählte vom 01.01. – 15.09. alle Kilometer vom Handy-Schrittzähler zusammen. Manchmal ist es richtig gut, wenn man die euphorische Vorstellung, die man zu Beginn eines Vorhabens hatte, mit den  Niederlagen und zahlreichen Rückschläge im Laufe der Zeit, der Realität gegenüberstellt. Denn bei mir hielt sie eine  positive Überraschung für mich bereit. Ich war bereits 1.903 km gegangen, gewalkt und gejoggt. Das macht pro Tag 7,3 Kilometer. Damit  lässt sich arbeiten. Mag sein, dass ich die 10 km nicht an einem Stück joggen werde. Aber es gibt ja auch noch etwas dazwischen. Zum Beispiel Intervall-Laufen. Und überhaupt, ich kenne mich. Es kommt der Zeitpunkt, da stehe ich wieder auf. Dann packt mich der Ehrgeiz und ich ziehe mein Vorhaben, wie vorgehabt, durch.