Zeitbrücke: Die Stille dazwischen.

Bis heute gehört die Skulptur Windstille des Künstlers Naotaka Naganuma aus unserer SkulpturenLandschaft in HH-Bergedorf zu meinen Favoriten. Weniger die Skulptur an sich, der ich einen anderen Titel gegeben hätte. Denn meine Vorstellung von Windstille ist sonnig und duftet nach Meer oder Blumen. Seine Skulptur ist hingegen massiv und schwer: unerschütterlich. Es ist das Zusammenspiel von dem Künstler selbst, seinen Gedanken und der monumentalen Skulptur, was die Arbeit für mich interessant macht.

Von Bewegung ist die Welt erfüllt. Es gibt eine Zwischenzeit, während der die eine fortdauernde Bewegung in eine andere Form der Bewegung verwandelt oder entwickelt. Eine Zeitbrücke. „Windstille“ ist ein meteorlogisches Naturphänomen und wirkt aber auch als Zeitbrücke, auf der man unter Umständen unterschiedliche Gefühle empfindet, nachdenklich wird oder einen geistigen Moment erlebt.“ 
(Naotaka Naganuma)

Seit Anfang des Jahres ist ohne Ausnahme die gesamte Welt in der COVID-19 Windstille  gefangen: Es ist eine hartnäckige und monumentale Stille. Unsere Erde holt Luft, macht eine Pause von uns Menschen. Schickt uns COVID-19.

Als es mit der Pandemie bei uns losging, wusste ich: Es rollt wieder ein Ausnahmezustand auf mich zu. Und dazu hatte ich überhaupt keinen Bock mehr.   Weil ich dachte, es könnte helfen, verschenkte ich kurzerhand meinen Fernseher. So musste ich mir das Drama wenigstens nicht jeden Tag anschauen. Klar kann man ihn auch einfach ausschalten oder gar nicht erst ein. Aber das kann ich dann doch nicht.

2020 wollte ich endlich nach vorne schauen. Hatte einen Plan. Und dann COVID! Das Frühjahr fühlte sich wie eine Anreihung von Sonntagen an. Erst als ich permanent verschlafen hatte, wurde mir bewusst, dass es gar keinen Berufsverkehr mehr gab. Ungewohnte Stille direkt vor meinem Fenster.

Aber egal was wir tun, wir können das Virus als Schnupfen bezeichnen, es ignorieren, dagegen demonstrieren, in eine Depression verfallen oder wie ein trotziges Kind mit den Füßen stampfen. Das Virus bleibt. Und COVID-19 blieb bis heute. Und es hat absolut keine Lust uns zu verlassen, sucht freudig nach Wirten für sich, um von Mensch zu Mensch zu springen.

Ende November bin ich für 3 Monate nach Lanzarote geflohen. Obwohl es sich erst kurz vor der Abreise wie Flucht angefühlt hatte, geplant und gebucht war das alle schon seit Anfang des Jahres. Wenn ich nun am Strand bin, den ich die meiste Zeit vollkommen für mich alleine habe und nur mit den Vögeln teile, denke ich nicht mehr an einen weiteren Ausnahmezustand in Form von Krise, die ich jetzt auch noch durchstehen muss, damit endlich so etwas wie normales Leben bei mir eintritt. Ich mache es wie die Erde und atme tief die Meeresluft ein, mache eine Pause. Der große Krisensturm liegt hinter mir und ich hole Luft für meinen nächsten Lebensabschnitt. Meine Seele und mein Körper haben jetzt alle restlichen Ängste, blöde immer wiederkehrende Verhaltensmuster, alte Lieben, unnötige Streits, gute Zeiten und beschissene Zeiten rausgehauen und mir noch einmal vorgeführt. Ich habe endlich die Ruhe und Kraft dafür, sie alle ein weiteres Mal und neu zu betrachten, um mich dann von dem verabschieden zu können, was in Zukunft nicht mehr zu mir gehört.

Gestern ging ich spontan über die Straße und zeigte Pedro, dem Friseur auf meinem Handy die Worte „Corte de pelo corto“. Er fragte: Estás seguro? SI! Er wiederholte seine Frage, als ich auf dem Friseurstuhl saß und er mir mit seiner Schere auf meine Haare zeigte, die er schon in der Hand nach oben hielt: Estás seguro? SI! Und dann fielen sie, meine letzten verbliebenen Chemo-Locken. Den Friseurladen verließ ich, als die alte, mir vertraute und gleichzeitig neue Petra, die jetzt für das, was kommt, gewappnet ist. Ja, ich habe mich endlich wieder! Ich bin wieder ich.