Lauf*frei

Als ich es Ende November 2020 trotz Corona Hindernissen nach Lanzarote schaffte, hatte ich das Vorhaben, mein Lauftraining zu optimieren im Gepäck. Der Plan geht bis heute auf. Mittlerweile habe ich mir mein eigenes keines Laufcamp geschaffen. Hinzu kommt hier auf der Insel, was es einem ungemein einfach macht: Tür zu und raus auf die Straße ans Meer. Was will ein(e) Läufer*in mehr? Nicht einmal der innere Schweinehund kommt dabei zu Wort. Mal davon abgesehen, dass meine Vorstellung von der Realität ziemlich abweicht, klappt mein Training bis heute gut. Ich habe viel mehr Kraft in den Beinen und Stabilität in meinem Körper bekommen.  Schaue ich objektiv auf mich – also berücksichtige ich meine Behinderung und ziehe mein Alter hinzu –  komme ich ziemlich gut voran. Und auch wenn New York in diesem Jahr nicht klappen wird, hatte ich die Teilnahme am NY Marathon zunächst verworfen, jedoch für mich hier auf der Insel wieder neu entdeckt. Letztendlich habe ich Marathon verstanden. Denn wie sagte Buddha: „Nicht das Beginnen wird belohnt, sondern einzig und allein das Durchhalten.“  

Marathon heißt für mich weiter laufen, immer wieder aufstehen, wieder auf die Füße kommen und laufen: Nie aufgeben!

 

Anfang bis Mitte Januar hatten wir auf der Insel geschlagene zwei Wochen Lauf*frei. Sturm, Starkregen und Kälte hat das Laufen unmöglich gemacht. Zudem sind bei nassem Wetter die Laufwege extrem rutschig und wir Läufer*innen landen schnell auf der Nase.

Die Straßen, Gehwege und Strände wurden über Tage von dem tobenden tiefschwarzen Meer überflutet. Große Palmenwedel flogen durch die Straßen. Meine Unterkunft stand 2 x unter Wasser. Am ersten Sturmtag war ich am Strand, um 3 bis 4 Meter hohe Wellen zu schauen. Ein Engländer, der einzige Mensch, der auch am Strand stand und ich mussten uns aneinander festhalten, damit wir überhaupt wieder nach oben auf die Promenade kamen. Kurz darauf war der Strand für Tage geschlossen: Klar wegen solcher doofen Touristen, wie wir, für die Sturm eben ein Abenteuer anstelle Gefahr bedeutet. Allerdings hatten wir beide es oben angekommen, wirklich verstanden. Ohne Corona wären wir uns erleichtert in die Arme gefallen. Zumindest hielt ich mich in den kommenden Tagen von Sturmgefahren fern.

Nachdem der Sturm verzogen war und ich wieder laufen konnte, habe ich nicht nur einen Gang runter geschaltet, sondern gleich mehrere. Während des Sturms fand ich es so wunderschön, das laute Meer und die Brandung zu hören. Anschließend bis heute die Stille. Und was machen viele Läufer, so auch ich: Wir hauen uns Musik auf die Ohren, damit wir durchhalten.

Ich laufe weiterhin jeden Morgen oder eben am Mittag: ohne Musik und auch ohne Stress. Ich sehe wieder das Meer, höre die Wellen, die Vögel und das Pöttern der Boote. Ich sehe die Muscheln am Strand, den Sonnenaufgang und spüre den Sand unter meinen Füßen, den Asphalt unter meinen Sohlen.

Mein Körper dankt es mir: Er fühlt sich wohl dabei. Daher habe ich mein ambitioniertes Ziel verändert. In diesem Jahr werde ich die 10 km im Intervall und bei einem eigenen ins Leben gerufenen virtuellen Lauf absolvieren. Zudem verliere ich New York nicht aus den Augen. Es bleibt mein Traum, mein Ziel. Ich möchte in der Menge über die Brooklyn Bridge laufen, stelle mir immer wieder den Startschuss vor, nachdem sich die Menge in Bewegung setzt. Gerade in der aktuell einsamen Zeit bekomme ich Gänsehaut bei diesem Gedanken. Seit Jahren glaube ich zum ersten Mal wieder an eine Zukunft, die ich vielleicht haben werden. Ich überlebe nicht mehr von Tag zu Tag, sondern freue mich auf den nächsten Morgen, an dem ich barfuß am Strand laufen kann. Freue mich, wenn die Sonne über die Dächer zu mir rüberkommt. Freue mich auf ein Morgen. Und wenn ich so weit bin, dann werde ich mit 5, 10 oder auch mehr Kilometern am New Yorker Marathon teilnehmen: in der Zukunft!