… das Leben neu denken.

Bereits 11 Wochen bin ich auf Lanzarote. Seitdem wir seit Anfang des Jahres wegen COVID-19 in der Alarmstufe 4 verharren, gleicht absolut jeder Tag dem anderen. Wir übriggebliebenen, die nach den hochschnellenden Zahlen nicht geflohen sind, wuchsen zu einer Art Inselgemeinschaft zusammen. Es ist nicht so, dass wir uns untereinander kennen. In den wenigen offenen Cafés und Anlaufstellen sehen wir uns halt jeden Tag. Es gibt nur uns hier. Das verbindet.

Mitte Januar konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, nach Hause zu fliegen. Sollte ich auf der Insel festgesetzt werden (was ja jetzt passiert ist), war mir das zu diesem Zeitpunkt ziemlich egal. Was sollte ich zu Hause? Ich wusste nicht einmal, ob ich es als das bezeichnen wollte und konnte. Ich war eher auf dem Trip, einfach hierzubleiben. Schauen, was das mit mir macht.

Ich war davon überzeugt, es würde mir reichen: laufen, Yoga, Meer, gutes Klima und viele Bücher. Letztens musste ich feststellen, dass ich das Meer nicht mehr aushalten kann. Überall, wohin ich blicke: Wasser! 🙂 Ich lief in die andere Richtung zur Inselmitte, überquerte halsbrecherisch eine Hauptstraße und erst auf einem großen hässlichen Schotterplatz, vor mir nur noch die Vulkanberge, konnte ich endlich wieder atmen. Nach oben in den Himmel schauend, sah ich sehnsuchtsvoll einem startenden Flugzeug zu.

Was für mich vor drei Wochen noch völlig ausgeschlossen war, kann ich seit zwei Tagen nicht mehr abwarten: Ich möchte nach Hause. Mir fehlen meine Wohnung, meine Freunde und Nachbarn. Meine Laufstrecke am Rhein. Ich will in meinem Café sitzen. Bekannte Gesichter sehen, auf der Straße quatschen und und und. Ich will vor Corona, wie so viele andere auch. Heute früh habe ich bereits meinen Koffer gepackt, da es mich gepackt hat, obwohl ich frühestens in drei Wochen zurück kommen kann. Vorher geht hier nichts oder extrem umständlich.

Die Zeit hier stand für mich still. All die Wochen hat sich nichts verändert und trotzdem ist seit ein paar Tagen alles anders. Wie auch immer das in den letzten Wochen passiert ist, habe ich mich aus meiner Metamorphose befreit und weiß, jetzt ist es an der Zeit wieder fliegen zu lernen. Wenigstens sollte ich meine Flügel mal bewegen. Vielleicht steckt in mir ja doch noch ein Schmetterling. Ich glaube zwar eher eine alte Motte oder ein Käfer. Fest steht jedoch, es gibt kein zurück mehr in mein Kokon, in mein eigentliches Leben davor und auch nicht in mein Leben danach. Jetzt kommt etwas Neues und bisher weiß ich nicht, was.

Gestern saß ich wie jeden Tag gegen Mittag auf meiner Bank mit meinem Kaffee to go. Mir kam eins meiner Lieblingsbücher ‚EAT PRAY LOVE‘ in den Sinn. Ich dachte, so was vielleicht! Aber anders. Ich möchte kein ganzes Jahr aussteigen. Die Welt hat viele unfassbar schöne Orte. Trotzdem liegen mir nur drei am Herzen: (1) NEW YORK  (2) TOSKANA  (3) AFRIKA. Eine längere Zeit an diesen drei Orten verbringen. In New York für alle Museen Zeit ohne Ende haben. Über die Brooklyn Bridge und durch den Central Park joggen. Noch einmal alle Orte aus dem Buch Mond über Manhattan von Paul Auster abgehen. Und am Washington Square für mindestens einen Monat eine Wohnung finden. Dazugehören. Dort für kurze Zeit eine New Yorkerin sein. Genauso möchte ich es in der Toskana machen. Alle Orte besuchen, die ich so in mein Herz geschlossen habe. In Siena leben und dort vielleicht an der Uni Italienisch lernen. Ja, da war in meinem ganzen Leben immer diese Sehnsucht nach Afrika. Vor meiner 1. Hirn-Op auf dem Krankenhausbalkon hatte ich eigentlich damit abgeschlossen. Und dann sah ich über Weihnachten wieder den Film: Jenseits von Afrika. Afrika!

Ich sollte sofort damit aufhören, darüber nachzudenken, was ich aus meinem Leben noch machen kann oder den Anschluss an mein altes Leben wieder finden wollen. In meinem Leben hat sich so viel ständig verändert. Ich bin eine andere. Bisher war es eh eine völlig absurde und anstrengende Sisyphus-Aufgabe. Und für die Zukunft planen, das hat mir das Leben gezeigt, ist mehr als ein blödsinniges Unterfangen. Ich möchte lernen, mit dem Leben zu schwimmen, nicht permanent dagegen an. Vertrauen, heißt wohl das Zauberwort. Darauf vertrauen, dass es doch irgendwie noch gut werden kann, wenn auch nur für den Moment. Aber dafür lohnt es sich, endlich die Flügel zu schlagen und loszufliegen in Richtung New York, Italien und Afrika.