Auf 6 qm zu dritt durch Europa – Ein Interview mit Julia.

Wir haben uns im Sommer 2018 in der Onkologie kennengelernt. Obwohl unter keinen schönen Bedingungen waren die gemeinsame Montage mit unserer kleinen Truppe eine wirklich schöne Zeit für mich. Wir hatten Spaß und viel gelacht.
Du sagtest damals, Du möchtest dem Krebs etwas Positives abgewinnen. Und genau das hast Du 2019 mit Deinem Mann Thomas getan. Nach dem Motto: Träume müssen gelebt und nicht verschoben werden, ging es nach der Beendigung Deiner Therapien sofort los. Ihr habt Eure Wohnung gekündigt, Euren Hausstand aufgelöst, Eure Jobs auf Eis gelegt, Karlsson zu Euch genommen, um von Juli 2019 an für ein Jahr mit einem Wohnmobil Europa zu erkunden. Auf dem Blog https://obertours.eu erzählt Ihr Eure Reisegeschichten. Wir konnten so an Euren Erlebnissen teilnehmen.

 

Mittlerweile ist ja schon fast wieder ein Jahr vorbei. Wie war die Aufbruchsstimmung für Dich? Gab es auch Zweifel?

An die Aufbruchszeit erinnere ich mich sehr gerne zurück. Da begann auch schon ein wichtiger Teil dieser Reise.

Wir haben für die Reise unseren Haushalt und viel von unserem Besitz aufgelöst, verkauft oder verschenkt. Alleine dieser Prozess hatte etwas sehr Befreiendes. Man sagt immer so schön „sich von den Altlasten trennen“. Tatsächlich löste das äußere Trennen von Dingen bei mir genau dieses Gefühl im Inneren aus. Ohne dass es meine Motivation war, mich von meiner Vergangenheit lösen zu wollen! Im Gegenteil ich schaue gerne auf mein bisheriges Leben zurück. Trotzdem, vieles ist mit der Zeit eingespielt und es hat sich eingeschlichen, dass der Lebensweg in seinen Facetten irgendwie immer enger wurde. Durch das Loslösen von unserem Besitz kam auf einmal wieder viel Freiheit zurück. Das Gefühl nochmal neue Wege zu gehen, das Wohnumfeld neu gestalten zu können und darüber hinaus dann aber auch den Lebensalltag und am Ende auch Lebenseinstellungen zu resetten.

Dieses Gefühl, kurz vor der Abreise, war ein sehr erfüllendes für mich und ich erinnere mich wie ich damals dachte: „Es kommt jetzt gar nicht mehr so sehr darauf an, dass wir wirklich losfahren und diese Reise machen. Allein die Vorbereitungszeit war es wert, die Reise zu planen.“ Schon die Vorbereitung und Vorfreude haben geholfen, mich durch die Zeit der Erkrankung zu tragen, mich jeden Tag zu motivieren.

 

Was hat die Reise mit Dir und auch mit Thomas gemacht?

Es hat uns geholfen im Hier und Jetzt anzukommen. Während der Reise war es leichter, im Kopf weniger beim nächsten Schritt oder in der Vergangenheit zu sein.

Denn wir wussten nie, was hinter der nächsten Kurve ist, wo wir am nächsten Tag sind – und selbst wenn, dann zumindest nicht wie es vor Ort wirklich sein wird. Selbst wenn wir dachten einen Plan zu haben, wurde schnell klar, dass Pläne und die Realität selten, ehrlicherweise eher nie, übereinstimmen. Also haben wir uns fast schon ganz automatisch auf den Lauf der Dinge, den Fluss des Reisens einlassen können. Haben die neuen Eindrücke aufgenommen und wussten, dass wir bald wieder weg sind. Also haben wir diese auch ganz bewusst aufgenommen.

Diese Einstellung, ist wohl eine der wichtigsten Erfahrungen aus dieser Zeit, die wir uns so lange wie möglich im Alltag erhalten möchten. Aber ich muss schon sagen, es ist eine Herausforderung diesen Blick im Alltag zu bewahren.

Auch das dauerhafte Aufhalten in der Natur hat viel bewirkt. Es war oftmals keine Menschenseele weit und breit, einfach nur pure Stille, gelegentlich unterbrochen durch leichtes Blätterrascheln und fröhliche Gezwitscher. Diese Ruhe im Außen hat anfangs dazu geführt, dass es in meinem Inneren lauter wurde oder vielleicht einfach besser gehört wurde. Es gab wenig Ablenkung von außen, manchmal haben wir uns auch tagelang gelangweilt, weil keine Reize, keine Aufgaben und keine Termine da waren, mit denen wir uns beschäftigen mussten. Ich merkte wie mein Inneres sich sträubte. Gedanken schossen durch den Kopf, in dem auf einmal ganz viel Platz für all das war. Anstatt das es ruhiger wurde, wurde es erstmal lauter. Aber auch diese Gedanken verabschiedeten sich mit der Zeit. Nachdem alles einmal im Kopf seinen Platz hatte, leerte er sich wieder mit der Zeit und dann trat da wirklich eine Ruhe ein.

Die Mischung daraus, quasi komplett im Moment zu sein und auch innerlich ausgeglichen und frei zu sein, war ein erfüllendes Gefühl. Es brauchte viel Zeit, viele Gedanken-Durchläufe, viele durchlebte Emotionen. Danach fühlten wir uns insgesamt angekommener.

 

Egal, wie weit wir gehen oder wie schnell wir laufen: Wir nehmen uns überall hin mit. Und viele, so auch ich, können ihre Ängste vor Rückschlägen, Rezidiven oder Metastasen nicht einfach abschütteln. Sie holen uns immer wieder ein. Wie bist Du auf der Fahrt mit Deinen Ängsten umgegangen?

Ehrlich gesagt, hatte ich durchaus die Hoffnung, mit der Reise auch diesen Gedanken ein wenig entfliehen zu können. Ich habe jedoch recht schnell gemerkt, egal wie weit ich fahre, die Gedanken reisen mit.

Sie begleiten mich bis heute. Aber was ich lernen konnte war eine andere Sichtweise in Bezug auf die Gedanken, in Bezug auf diese unsichere und zerbrechliche Zukunft, die mir diese Erkrankung mit einem Mal drastisch vor Augen geführt hat.

Wenn man ehrlich ist, hat niemand absolute Sicherheit und ist niemand vor solchen Schicksalsschlägen bewahrt. Aber es versteckt sich nicht mehr im Hintergrund, sondern es ist mir nun immer präsent vor Augen. Es ist nicht nur irgendein diffuser Gedanke, sondern es ist, als sehe ich eine Waffe auf mich gerichtet – ich weiß bloß nicht ob sie geladen ist, ob sie abfeuert und wenn ja, wann.

Ich habe für mich gelernt damit zu leben. Der Umgang mit diesen Gedanken und Ängsten ergänzt sich mit meinen Reiseerfahrungen. Nämlich, dass ich ja nicht weiß was die Zukunft bringt, also lebe ich im Hier und Jetzt. Und: Hier und jetzt fühle ich mich gesund, das ist jetzt meine Realität. Sollte sich das morgen ändern, dann möchte ich lieber den Moment bis dahin gut genutzt haben, dann bringt mir auch vorherige Gedankenwälzerei nichts. Das versuche ich mir immer zu sagen, selbst wenn es morgen anders ist, dann muss ich erst recht den heutigen Tag in vollen Zügen genießen.

 

Was waren die schönsten Momente? Was die schwierigsten?

Da lassen sich kaum einzelne Momente finden. Die Eindrücke und Erlebnisse nach einem Jahr  sind unzählige.

Schöne und schwierige Momente gab es häufig und jeder Moment hatte seine eigene Tragkraft. Solche Momente bestanden für uns weniger aus besonderen Vorkommnissen, sondern vor allem aus diesen kleinen Tagesgeschehen. Der erste Kaffee am Morgen war immer ein schöner Moment auf der Reise. Auch da muss ich sagen, es kam dabei nicht auf einen besonders schönen Ausblick beim morgendlichen Kaffee trinken an, oder auf einen besonders tollen Platz. Wenn ich an die Morgen auf Reisen denke, dann ist es vielmehr das Gefühl, was ich beim Aufwachen hatte, egal wo ich mich gerade befand. Selbst auf einer Raststätte am Straßenrand, mitten in Norwegen, weil alles so zugeschneit war, dass wir am Abend zuvor nirgendswo anders hinkonnten, hatte ich morgens immer wieder aufs Neue dieses wohlige, freie Gefühl voller Vorfreude auf den Tag.

Genauso ist es mit den schwierigen Momenten. Die haben uns auf der Reise natürlich auch immer wieder eingeholt und begleitet. Am Anfang vielleicht mehr als im weiteren Verlauf der Reise, aber die Momente kamen immer wieder. Wie Wellen wechselten Sie sich mit schönen Momenten ab. Auch da waren es keine bestimmten Vorkommnisse, sondern vielmehr innere Vorgänge die den Tag zu einer schwierigen Herausforderung machen konnten. Ob man sich mit dem Auto festfährt, eine Panne hat, einen Stellplatz für die Nacht finden will oder einfach seit Wochen auf 6 qm zusammenwohnt. In dem einen Moment kann es eine witzige, aufregende und locker genommene Erfahrung sein. Im nächsten Moment kann es eine schwierige Herausforderung für uns werden. Wir formen die Erlebnisse und wie wir uns an sie erinnern und ich muss sagen ich schaue sowohl auf die schönen, als auch auf die schwierigen Momente, gerne zurück, weil all diese Momente unsere persönliche Reise prägen.

 

Wie war Euer Wiederkommen?

Wir hatten ja von Anfang an die klare Perspektive, erstmal Wiederzukommen. Unsere Jobs waren nur pausiert und so wussten wir genau wann und wo wir wieder einsteigen würden. Wir kamen also in unsere gewohnte Umgebung, unseren gewohnten Arbeits- und Freundeskreis zurück. Es war ein gutes Gefühl diese Base zu haben. Wir haben uns auch viele Gedanken gemacht, was sich wohl alles ändert, wenn wir ein Jahr aus „diesem“ Leben raus sind. Am Ende waren wir erstaunt wie schnell wieder alles beim alten ist. Die Treffen mit Freunden, das Bewältigen des Alltags, das Leben in einer festen Wohnung: nach nur wenigen Tagen fühlte es sich fast an, als wären wir nie weg gewesen.

Manchmal haben wir uns gefragt, ob es eine andere Reise geworden wäre, wenn wir diese klare Perspektive nicht von Anfang an gehabt hätten. Wenn das Reiseende nicht so klar festgestanden hätte. Wenn es offener gewesen wäre, wie wir weiter leben werden und wir dadurch auch das Wiederkommen anders hätten gestalten können.

 

Würdest Du es wieder tun?

JA! JEDERZEIT!

Und eins steht aktuell schon fest – sag niemals nie…

 

Informationen

https://obertours.eu