… hinfallen … aufstehen … aufrichten … innehalten!

Laufen alleine reicht nicht, darauf kam ich ja bereits zu Beginn meines Vorhabens am New Yorker Marathon teilzunehmen. Der Körper braucht Muskelaufbau, passende Ernährung, einen Ausgleich (Yoga, Physio, Massage, Entspannung), ein ausgewogenes und angepasstes Training und gute Kleidung. Mein Ziel ist ja auch, es nicht IRGENDWIE zu schaffen. Ankommen werde ich schon. Ich schaffte es ja immer irgendwie. Aber das ist Vergangenheit: einfach loslaufen, machen und es dann irgendwie schaffen. Irgendwie bekam ich die Miete zusammen. Irgendwie die Gelder für das Projekt. Irgendwie den Rechtsstreit vom Tisch.
Rückblickend habe ich alles hinbekommen, sogar meine Niederlagen: Hamburg, Scheidung, Gehirntumor. Und irgendwie würde ich auch meine 10 km in New York schaffen. Mein Wille peitscht das schon durch!

Laut meinem nahen Umfeld war bei mir alles leicht, unbeschwert und fast schon verantwortungslos, als wenn mich nichts Mühe kosten würde. Ich lebte deren Meinung nach meinen Traum, hielt mich an keine für sie völlig normale Regeln und machte einfach, wie ich es für richtig hielt ohne Wenn und Aber. Das brachte Neid hervor und es kamen Vorwürfe wie, Du gehst völlig egoistisch (ich bin ziemlich kompromisslos, das stimmt wohl) durchs Leben. Mag sein, dass es so war – so ist, aber auch Träume leben wollen (was ich nicht auf Kosten von anderen tat) hat seinen Preis, der bezahlt werden will! Und den zahlte ich mit Zins und Zinseszins. Viele fanden, das war nur gerecht. Ich hatte mich nie beschwert. Während meiner absolut miesesten Jahre zwischen Gehirntumor und Brustkrebs bekam ich somit ständig zu hören: Du schon wieder! Jammere nicht rum! Selbstmitleid ist scheiße (ist es!). … Was sollte ich dagegen protestieren, sie hatten ja aus Ihrer Sicht recht. Zudem war ich eine Meisterin darin, mir selbst kräftig ins Gesicht zu schlagen. Ja, es nervte mich selbst ungemein, wenn ich völlig kraft- und perspektivlos in der Gegend rumstand und so gar nicht mehr hochkam. Wie unglaublich wenig hatte ich von mir selbst gehalten und mich wertgeschätzt.

Trotz allem blieb ich eine, wie es auf den Postkarten steht: hinfallen, aufstehen, aufrichten, Krönchen richten, lächeln, weitergehen. Auch wenn es Zeiten gab, an denen es doch sehr lange dauerte, bis ich das Krönchen wieder einigermaßen gerade auf meinem Kopf platziert hatte. Dabei rutschte es täglich hin und her und wieder herunter.

Bevor mich der Hirntumor zur Strecke brachte und die miesen Jahre damit einläutete, wurde ich ausschließlich Mitten im dicksten Stress ruhig, konnte erst dann klare und konstruktive Entscheidungen treffen, wobei mich stressfreie Zeiten total stressten. Und genau das möchte ich für meine Zukunft ändern. Ich möchte keine beruflichen und privaten Kriegsgebiete mehr, in denen ich mich so gut auskenne, sondern mir eine harmonische und entspannte Zukunft schaffen. Ich möchte nicht erst dann gute Entscheidungen treffen können, wenn ich wie ein Kaninchen vor der Flinte stehe, starr vor Anspannung und Angst.

Auf der emotionalen Ebene habe ich schon sehr viel geschafft oder besser ausgedrückt, abgeschafft. Ich trennte mich von den Heul-doch-nicht-rum-Menschen. In der Serie Sex And The City sagte die Figur Samantha einen sehr klugen und wichtigen Satz, als sie sich nach der Chemo von ihrem Freund trennte. Sie sagte zu ihm: Ich liebe Dich und Du bist mir unglaublich wichtig, aber es gibt einen Menschen, der mir wichtiger ist, dass bin ich selbst! Ich stresse mich nicht mehr, wenn mein Krönchen schief sitzt. Ist halt so! Ich stelle mich nicht mehr ständig infrage oder finde mich vollkommen nervig – anstrengend.

Seit dem Frühjahr arbeite ich daran, dass mein Körper stärker wird. Und das wir zusammenfinden. Ein Team werden. Ich möchte ihm danke sagen, für all das was er über Jahrzehnte mitgetragen hat und aushalten musste. Dabei lasse ich mir helfen und habe eine tolle Lehrerin dafür gefunden.

Yoga stellt mir eine Verbindung zum Körper her und beruhigt meinen Geist. Ich finde es unfassbar traurig, dass ich all die Jahre nicht auf meinem Körper und meine Gefühle geachtet habe. Ich finde es so traurig, dass ich meinen Körper jetzt erst Beachtung schenke und nicht ständig fordere: Mach schon! Dabei hilft mir Yoga. Ich lerne dort, mit mir und meinem Körper achtsam umzugehen und staune so oft, was er alles kann. Und das hilft mir beim Laufen. Ich lerne mit den Kräften zu haushalten und ich lerne anders durchhalten, in meinem Tempo und nicht irgendwie.