TADAAAA! Das Glück ist da!

Bereits nach meinen beiden Gehirntumor OP’s hatte ich mit dem Phänomen ‚Glücklichsein müssen‘ zu kämpfen. Vorher hatte mich nie jemand dazu gedrängt. Unaufgefordert wurde mir mitgeteilt, wie glücklich ich doch sein muss. Schließlich hatte ich zwei bedrohliche OP’s überlebt. Mir ist ein Dr. Chhadeh begegnet, der den Tumor nach über 10 Jahren entdeckte!  Meinen Mann war ich endlich los, was für ein Glück! Hamburg und die damit verbundene Lebensplanung Ade, Hauptgewinn! Die Chemo hatte ich gut hinbekommen, sowas passierte ausschließlich nur mir! Und überhaupt hatte ich das Glück nur so gepachtet. Leute, das sind Schläge Mitten ins Gesicht und das mit der flachen Hand. Was hat ein ca. 10 bis 11 Jahre lang gewachsener Gehirntumor mit Glück zu tun? Was hat das Versagen von fast 20 Ärzten in 10 Jahren mit Glück zu tun? Auch das Scheitern einer schlechten Ehe tut weh. Und überhaupt, seit wann macht Chemo, die gegen Krebszellen eingesetzt wird, glücklich? Was richtig ist, ich bin zäh und habe einen unschlagbaren großen Willen, und ja, ich bin dickköpfig, stur und verbohrt. Alles wunderbare Eigenschaften, die mich durch diese Zeit gebracht haben und das war ein wirkliches Glück für mich. Auch in der dicksten Scheiße konnte ich geradeaus denken und mich immer wieder auf mich selbst verlassen. Laut der anderen war ich undankbar, immer hatte ich was, nörgelte rum, war die meiste Zeit schlecht drauf und überhaupt war ich viel zu oft ungenießbar. Es war nicht meine beste Zeit (das stimmt wohl, ich war auch ein Stimmungskiller, Spaßfaktor ging bei mir gegen null) und es war bestimmt für meine Mitmenschen nicht wirklich einfach, mit mir klarzukommen. Aber was wussten sie schon? All ihre Weisheiten, Ratschläge und Kommentare kamen nur aus einer Beobachter-Haltung heraus! Wurde mein Leben zu unangenehm, wurde mir erzählt, was  sie Wichtiges  zu tun hatten. Die Masche (ich kenne sie in allen erdenklichen Anwendungen) mit der Uhrzeit (WICHTIG-ALARM) hatten alle drauf. Plötzlich kam dieses hektische Ach, hast Du die Uhrzeit? Schon so!! spät? Ich muss los, hatte die Zeit völlig vergessen. Ist echt wichtig. Sorry, melde mich! (Na, dann! Geh mal Deinen Bären töten, dachte ich oft dabei :-))! Meine Freunde waren so unfassbar wichtig.  Manchmal fragte ich sie, ob gerade eine Not-OP am Herzen anstehe, eine Sturzgeburt oder der Einsatz für Ärzte ohne Grenzen (keiner dieser alten Freunde sind Ärzte). In der Regel ging es um einen Kinobesuch (wenn überhaupt), einer anderen Freizeitgeschichte oder was auch immer Belangloses. Wenn sie ehrlich gewesen wären, hätten sie gesagt: Ich habe gerade überhaupt keinen Bock auf diesen Mist von Dir, melde Dich, wenn Du wieder okay bist. Irgendwann rechtfertigte ich mich nicht mehr, wurde sprachlos gegenüber dem ganzen Glücklichsein und trennte mich von diesen Freundschaften.

Real war ich letzte Woche wirklich glücklich! Selbst gemerkt hatte ich es allerdings nicht. Ich wurde darauf auf meinem Nachhauseweg angesprochen, als ich an meinem italienischen Café vorbeiging. Der Kellner kam auf mich zu und meinte fröhlich, Du siehst heute echt glücklich aus. Was ist passiert? Hat er einen Namen? Ich sagte, nö!  Weißt doch, Kerle machen nur Ärger!:-)! Wirklich schön, Dich so zu sehen! Er nahm mich noch kurz in den Arm (an diesem Tag musste mich alle, die ich traf, in den Arm nehmen, vielleicht war wirklich etwas dran) und wir verabschiedeten uns. Glück, von dem alle in der Vergangenheit sprachen, hatte sich bei mir tatsächlich eingeschlichen und ich bekam es nicht einmal mit. Ich hatte dermaßen lange im Dreck festgesessen, dass ich nicht mehr wusste, wie sich Glücklichsein überhaupt anfühlt: dieses Gefühl, einfach so mit sich und der Welt eins sein. Im absoluten Reinen mit sich. Ich musste daran erinnert werden. Mein Körper wusste es bereits. Er strahlte es aus und andere konnten es sehen. Als ich weiter nach Hause ging, war mein Gang um einiges ausgelassener, jetzt da ich darauf achtete und ja, in diesen Momenten war ich glücklich. Ein kleines leises und feines Glück umgab mich.

Und rückblickend betrachtet, ganz so glücklos war meine Vergangenheit nun auch nicht, obwohl ich die Menschen um mich herum kaum noch ertragen konnte, die ständig davon sprachen, wie glücklich ich doch sein müsste. Zum Beispiel brachte mir mein abgrundtiefer schwarzer Humor einige passable glückliche Momente. Mein oftmals schräger und  kurioser Blick auf meine vielen ausweglosen Situationen war ein wirklich großes charakterliches Glücksgeschenk für mich, mit dem ich all die Jahre überleben konnte.

Bis heute kann ich einen einfachen Trick anwenden und Glücksmomente damit heraufbeschwören. Der Trick funktioniert zwar nicht immer, aber doch sehr oft. Laufe ich im Rheinpark völlig lustlos herum, jammere innerlich über das Wetter und meine schweren Elefantenbeine, denke dabei, was soll dieses blöde Vorhaben mit New York, den Sinn so gar nicht sehe, freue ich mich jedes Mal, wenn sich bei meiner Lauf-Musikbeschallung ein ABBA-Lied einschleicht (habe doch nicht alle gelöscht). Ich singe dabei immer mit (ist so!). Das ist oft sehr lustig für die anderen Läufer (da ich mit Sicherheit nicht jeden Ton treffe), von denen ich dann meistens angegrinst werde. Und so komme ich dann auch wieder besser in Schwung und finde meine Welt nicht mehr ganz so trostlos und leer.
Als ich diese Woche ein immer wiederkehrendes bleiernes Tief nicht beiseiteschieben konnte, kaum war es weg – rauschte es auch schon wieder an, wurde Dancing Queen im Radio gespielt. Ich unterbrach spontan das Kochen, sang und tanzte mit, hatte dabei völlig vergessen, dass mein Küchenfenster weit offen (wir hatten an diesem Tag 30 Grad) stand und es in unserem Hinterhof ziemlich schallt. Als ich während meiner Küchenaufführung aus dem Fenster schaute, stand mein dickbäuchiger Nachtbar von Gegenüber im Fenster, tanzte eine Runde mit und zeigte unkoordiniert dabei „Daumen hoch!“ Sein breites fröhliches Lachen füllte sein ganzes Gesicht.

Das sind meine Glücksmomente! Momente, in denen man vollkommen bei sich selbst ist:

And when you get the chance – You are the  dancing queen