Beide Füße fliegen hoch!

Als ich mir im Frühjahr 2019 ernsthaft vorgenommen hatte Ende des Jahres 2021 an einem  Marathon mit teilzunehmen, wenn auch nur mit 10 km, ging ich mein Projekt frohen Mutes und mit einer übereifrigen Rocky Mentalität an. 10 km schaffte ich bereits locker zu Fuß, was soll da groß auf mich zukommen? Ein überschaubarer Plan. Dachte ich. Also warum mir einen Kopf machen. Olle Jogging-Klamotten an und ab auf die Piste. Einfach nur los und laufen, laufen, laufen, so wie Rocky, mein großes Vorbild in dieser Sache! 😉 Tja, das ist gründlich in die Hose gegangen.  Daher suchte ich mir einen Trainer. Und da ich zu diesem Zeitpunkt immer noch den Rocky-Motivator in mir trug, ging ich beschwingt zur ersten Trainingsstunde und erhielt dementsprechend einen sportlichen Trainingsplan: Hey, ich war motiviert. Ich war cool. Ich war bereit, alles zu geben!

Die KW 24 hatte ich komplett durchgezogen. Um das komplette Trainingsprogramm bereits eine Woche später komplett in die Tonne zu kloppen. Ich war frustriert.

Sich mit 10 km an einem Marathon zu beteiligen, war nur noch Utopie! Blödsinn! Schwachsinn!
Mein größtes Problem war, dass ich mir ständig die Füße verknotete, stolperte und hinfiel. Ich musste immer hoch konzentriert laufen und gab innerlich den Ton an: Eins. Zwei. Drei. – Eins. Zwei. Drei. Eins. … Wurde ich kurz abgelenkt, fiel ich auf die Nase. In dieser Phase hatte ich so gar nichts mehr mit Rocky gemeinsam.

Der Sardinien-Urlaub gab mir neuen Mut. Ich stellte mir etwas Eigenes zusammen. Morgens laufen, mittags Yoga und am Nachmittag schwimmen. Und das alles in einem maßvollen Rahmen. Es klappte auch wunderbar bis zur Mitte der Urlaubszeit. Ich war echt stolz auf mich. Aber dann kamen die Viren meiner Sitznachbarin am Abendbrot-Tisch auf mich zu und legten mich bis Ende des Urlaubs mehr oder weniger lahm.

Ich brauchte schon wieder einen neuen Plan. Daher ging ich auf die Suche. In Düsseldorf bot eine Laufschule einen Technik-Einsteigerkurs an. Und den buchte ich einfach. Was Besseres hätte ich gar nicht machen können. An dem ersten Tag habe ich so viel über das Laufen gelernt und auch wieder gemerkt, dass völlige Selbstverständlichkeiten, wie z.B.

der Unterschied zwischen Gehen und Laufen dieser kleine Moment in der Luft ist.

Und das war genau mein Problem! Das bekam ich nicht hin. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich gar nicht darüber nachgedacht (mal ehrlich: Jeder weiß es, jeder kann es, niemand muss auch nur ansatzweise darüber nachdenken. Bei mir hat aber der Hirn-Tumor alles ausgelöscht. Manches war einfach noch nicht wieder da.), sondern immer nur geflucht, warum klappte es einfach nicht. Mein Kopf konnte es nicht umsetzen und leitete falsche Signale an Beine und Füße weiter.

Von dem Moment an, als ich die völlig Selbstverständlichkeit des Joggens kapiert hatte und es in meinem Stammhirn (ich bin bis heute immer noch über das Wunderwerk Gehirn erstaunt, wenn es bei mir erst einmal etwas verstanden hat, dann geht es auch plötzlich. Nicht alles, denn Fahrrad fahren werde ich nie mehr können, aber anderes kann ich dann eben doch) angekommen war, freue ich mich über jeden kleinen Moment, den ich mit meinen Füßen in der Luft bin, auch wenn der Abstand zum Boden noch so klein ist. Für mich ist es wie fliegen und noch so vieles mehr: Kopf, Füße und Beine sind wieder eine Einheit. Die Kommunikation ist wieder hergestellt. Mittlerweile kann ich bei meinem Intervalltraining 4 x 3 Minuten Joggen mühelos einbauen.

New York ist wieder ein Plan. Ein Vorhaben. Ein reales Ziel!