Italien oder Lanzarote?

Mit einem Piaggio APE 50 durch die Toskana, das war der Plan, der mich durch meine Krebsdiagnose und die vielen Therapien brachte. Ich brauchte in meinem italienischen Café oder auf meinem kleinen Hinterhofbalkon nur die Augen zu schließen und hörte das knatternde Geräusch, die Fehlzündungen und dann das Pöttern, wenn das Gerät fuhr. Und schon war ich in Italien. Wenn mich die Sehnsucht schmerzhaft packte, schaute ich mir auf der Internetseite Piaggio Commercial die verschiedenen Modelle an.

Obwohl die Idee Toskana über Monate mein Anker war, habe ich diese Reise in die Toskana bisher nicht gemacht. Ob ich sie nur verschoben habe? Ich weiß es nicht! Als alles vorbei war, kam erst einmal das ganz große Nichts. Ich war so damit beschäftigt, die Therapien zu überstehen und damit, mein Leben auszumisten, dass – als es endlich vorbei war – nichts passierte. Die Erde drehte sich einfach weiter. Alle um mich herum lebten ihr Leben wie gewohnt. Und ich steckte über Jahre in einem Leerlauf fest und hatte den Anschluß verpasst.
Bis heute finde ich meinen Platz in dieser Welt nicht. Ich fühle mich, wie damals als ich 1995 zum ersten Mal in New York war und mich ein Magen Darm Infekt erwischt hatte. Ich schleppte mich wie Marco Stanley Fogg aus dem Paul Auster Roman Mond über Manhattan gegen den Strom auf der Fifth Avenue zum Central Park und wollte dort eine Bank finden und mich ausruhen. Einen ruhigen Moment im Grünen sitzen: Sonne sehen! Himmel und Wolken! Als ich da mit meinen Bauchkrämpfen saß und den Menschen zuschaute, frage ich mich: Wo wollen die alle so schnell hin? Gab es einen Bombenalarm? Sind Kriminelle hinter denen her? New Yorkerinnen und New Yorker gehen nicht, sie walken und joggen. Sie essen nicht einfach ein Sandwich oder trinken gemütlich einen Kaffee, sie optimierten mit der Ernährung ihren Körper. Sie fahren nicht einfach Roller Skate oder Rad, sie stellten Rekorde auf. Sie kaufen nicht ein, sie shoppen. Und mittendrin die Touristen in den Pferdekutschen. Mit aufgeladenen Akkus ist das super. Dann reißt New York einen mit, als gäbe es kein morgen. Schwäche hingegen gilt nicht!

An so einem Tiefpunkt, wie 1995 auf der Parkbank im New Yorker Central Park, wurde ich im Juli nach meinen Therapien wieder ins Leben gespuckt. Als mir meine Onkologin sagte, heute ist ihr letzter Tag, wie schön! Ich konnte nicht anders und heulte los, fragte sie: Was mache ich denn jetzt da draußen?
Wenn ich mit offenen Augen durch die Stadt gehe, frage ich mich wie damals: Hallo, wo wollt ihr denn alle hin? In 100 Jahren leben nicht einmal mehr unsere Enkel auf dieser Erde. Die Worte Stress, Spaß und Optimierung kann ich nicht mehr hören. In unserer europäischen Welt ist New York längst angekommen: Wer normal oder sogar noch krank ist, der ist raus. Der darf nicht mehr mitspielen.

Auf meiner Straße traf ich vor ein paar Tagen eine alte Freundin. Sie war, wie alle, im Stress. Was sonst? Wir haben mittlerweile 12 Monate im Jahr stressige vorweihnachtliche Ausverkauf-Stimmung. Die Eltern, der Freund, ihr Laden, die fiese Erkältung und damit ins Bett, geht ja gar nicht und überhaupt. Ich stand ihr nicht gerade aufmunternd gegenüber und meinte: Wie wäre es mit ein wenig Ruhe? In solch einem Moment werde ich immer mit großen Augen fassungslos und wortlos angestarrt: Wie bist Du denn drauf!!! Der Small Talk wird  an diesem Punkt in der Regel abrupt beendet, weil ein stressiger Termin ansteht. Mir wurde nach diesem Treffen schlagartig klar, wie privilegiert ich bin und habe mich in Gedanken gefragt: Will ich so was überhaupt noch: Ein Leben auf der ständigen Überholspur. Immer am Anschlag. Und meinen, dass wäre auch noch cool? Möchte ich wirklich wieder dazu gehören? Will ich ständig und überall abgelenkt von mir selbst sein? Ich bin frei. Völlig frei! Alle Altlasten sind entsorgt. Mein Leben ist  geregelt. Wer kann das schon von sich behaupten?

Aber auch Freiheit muss man können! Ich weiß nicht wie lange ich jetzt noch um die Frage kreise: Ziehe ich einfach nach Lanzarote oder lerne ich doch Italienisch, um endlich meinen Toskana-Trip mit einem Piaggio APE Kastenwagen zu machen?  Aber genauso wie ich 1995 mit meinen Bauchkrämpfen von der Bank aufgestanden bin und mich wieder über die Fifth Avenue zurück zum Hotel wagte, werde ich irgendwann auch wieder ein Leben wagen. Auch New Yorker werden in ihrem Leben mal einen Magen Darm Infekt haben! So perfekt wie die Welt mir scheint, ist sie vielleicht doch nicht! Und irgendwo wird es einen kleinen Platz Un-Perfekt schon für mich geben!